Sonntag, 6. Dezember 2020

Kampf um den Danni

Kampf um den Danni

In den letzten Wochen habe ich aus unterschiedlichen Perspektiven das Thema „Dannenröder Forst“ betrachten dürfen. Vorneweg: Für den Erhalt unserer Waldflächen und die Mobilitätswende zu demonstrieren, erachte ich als absolut wichtig und richtig. Und ja, auch sich dazu in die Bäume zu begeben und selbst sich dort zu fixieren, um die Rodung zu erschweren, empfinde ich – solange es bei passivem Widerstand bleibt – nicht als inakzeptabel. Eine Demokratie muss das nicht nur aushalten, in meinen Augen ist es eine Bereicherung für die öffentliche Wahrnehmung der Meinungspluralität. Zudem: Wenn eine Mehrheit – bemessen an den steigenden Kfz.-Zulassungszahlen und insbesondere denen der SUVs – nicht erkennt, dass eine Abkehr vom Individualverkehr für den Erhalt einer lebenswerten Zukunft nötig ist, dann muss dem Thema mit demokratischen Mitteln Verhör verschafft werden. Dazu gehört nicht nur, das Petitionsrecht zu nutzen und die Versammlungsfreiheit wahrzunehmen, auch Normüberschreitungen können ein Mittel sein, solange sie weder zu Personen- noch zu Sachschäden führen und sich somit zumindest grundsätzlich weiterhin innerhalb des normativen Systems bewegen. Denn auch hier muss der Grundsatz gelten, dass die Freiheit des einen dort endet, wo sie die Freiheit des anderen beschränkt.

Wirklich überrascht bin ich jedoch davon, dass sowohl Ausbaugegner als auch -befürworter für sich beanspruchen, die Mehrheit der Bevölkerung auf ihrer Seite zu haben. Ich habe lange recherchiert, aber die einzigen Quellen, die ich fand, waren eine symbolische Unterschriftenübergabe einer Onlinepetition mit knapp 225.000 Teilnehmer:innen gegen den Ausbau, die jedoch mindestens bundesweit zeichenbar gewesen sein dürfte und damit keinen Rückschluss auf die Ansichten der örtlichen Wohnbevölkerung zulässt, sowie eine Unterschriftensammlung aus Anreiner-Dörfern der B62, die zwar eindeutig und mehrheitlich für den sie entlastenden Ausbau ausgefallen war, aber wiederum keinen Rückschluss auf die Majoritätsmeinung der Menschen erlaubt, deren Wald vor ihrer Hautür teilgerodet und durch eine Autobahn ersetzt werden soll. Grundsätzlich stellt sich mir die Frage, wer hier überhaupt entscheiden dürfen sollte – abgesehen davon, dass politisch und gerichtlich bereits entschieden wurde. Also rein theoretisch: Dürfte die gesamtdeutsche Bevölkerung über die Rodung eines Waldes entscheiden, zu dem sie keine räumliche Nähe hat? Vielleicht ja, denn selbst wenn die Nähe nicht gegeben ist und sich die Rodungsfläche an sich nicht wahrnehmbar auf das globale Klima entfaltet, ist die grundsätzliche Entscheidung für den Walderhalt im Hinblick auf die Einhaltung der Ziele des Pariser Abkommens nachvollziehbar und im bundesweiten Interesse. Dem steht entgegen, dass Dörfern wie Angenrod und Leusel, die derzeit von Kohlenmomoxid, Feinstaub und Stickoxiden des starken Durchgangsverkehrs belastet sind und durch den Weiterbau der A49 entlastet würden, ein geradezu körperliches Bedürfnis zugestanden werden muss, sich die Stimmgewalt zu sichern. Und zuletzt, ja, auch die Dannenröder, Niederkleiner und Lehrbacher hätten ein Recht, gehört zu werden, denn sie sind es, deren Zugriff auf die Natur eingeschränkt wird und die unter den Nachteilen einer nahen Autobahn zu leiden hätten. Es ist offenbar keine Option ohne Verlierer gegeben, und es wird stehts die Freiheit eines anderen enden, ganz gleich, ob die A49 gebaut wird oder nicht. Die Schneise ist schon da - die Gräben werden bleiben.


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