Dienstag, 8. Dezember 2020

Problem anderer Leute

Problem anderer Leute

Douglas Adams nannte es das Problem-Anderer-Leute-Feld. Durch dieses Phänomen konnte ein Raumschiff während eines Spiels mitten auf dem Lord’s Cricket Ground landen, ohne wahrgenommen zu werden. Es war so hochgradig unwahrscheinlich, dass ein UFO – wo doch noch nie außerirdisches Leben entdeckt wurde – ausgerechnet in aller Öffentlichkeit landen würde, dass es die Gehirne der Anwesenden einfach kollektiv zu ignorieren beschlossen. Dieses Phänomen ist täglich zu beobachten. Gerade in der inzwischen viel zu emotionalisierten Auseinandersetzung im Dannenröder Forst. Inzwischen scheint sich alles darauf zu konzentrieren, eine Täter-Opfer-Situation zu kolportieren, während das eigentliche Thema immer stärker aus dem Fokus der öffentlichen Wahrnehmung rückt.
Ein Beispiel: Auf dem Twitter-Account von „Ende Gelände“ wird um 08:56 Uhr am Samstagmorgen ein Video von einem „Wasserwerfer gegen friedliche Demonstrant*innen“ gepostet. In dem 15-sekundigen Ausschnitts ist – abgesehen von den Sprühstrahlen, die das Polizeifahrzeug wirft – nicht nur zu sehen, wie in den Sekunden sieben bis neun eine Person einen Schneeball wirft, auch fliegt ein zweiter aus der selben Richtung den Beamt:innen im Polizeicamp entgegen. Das sind immerhin 13 Prozent des Videos. Wie kann das passieren? Das ist ein wenig wie die zwei Teelöffel Salz, die zu viel in der Suppe sind, nicht zu schmecken. Was der Fantasy-Autor PAL abkürzte, kennt man in der Psychologie als kognitive Dissonanz, also die Spannung zwischen dem Erlebten und der abweichenden inneren Einstellung. Diese Spannung wird unterbewusst beispielsweise durch Nichtwahrnehmung eliminiert. Das Opfer der kognitiven Dissonanz ist nicht in der Lage, bewusst wahrzunehmen, dass das Gesehene einen Widerspruch zum Erwarteten enthält. Auch enthält das Video wesentliche Elemente nicht, die die Dissonanz noch verstärkt hätten. Dass den Schneeballbewurf zu unterlassen vorher mehrfach von der Polizei gefordert und der Wasserwerfergebrauch ebenso oft angedroht wurde, kann der Videoausschnitt ebenso wenig dokumentieren, wie die zweimalige Aufforderung den Barrikadenbau vor der Zufahrt zum Polizeicamp zu unterlassen. Wer das Video schaut, bekommt den Eindruck, die Polizei würde den Wasserwerfer anlasslos und ohne Vorwarnung zum Einsatz bringen. Das war vermutlich auch der Eindruck des Twitterers, schafft aber ein Bild, das der Realität nicht gerecht wird.

Warum aber sehen so viele unter dem Video Kommentierende die Schneebälle ebenfalls nicht? Auch das mag einerseits an der kognitiven Dissonanz liegen – anders ist kaum zu erklären, dass einer vorschlägt, zu „lernen, Aluhüte zu tragen, Masken zu verweigern und „Merkeldiktatur“ zu rufen“, denn „dann tun sie euch nichts“ und nicht in Erinnerung ruft, dass es nicht lange her ist, als Wasserwerfer gegen Teilnehmer:innen von Querdenken-Demos in Frankfurt am Main und Berlin zum Einsatz gekommen waren -, aber insbesondere an der automatisierten Vorselektion der Informationen innerhalb der Filterblase. Wer sich permanent zwischen den Hashtags Polizeigewalt und Polizeiproblem bewegt, erreicht schnell einen Punkt, an dem es unter all den bestätigenden Bildern nicht mehr wahrgenommen werden kann, dass es auch zulässige Gewaltanwendung durch die Polizei gibt, die sich innerhalb des rechtlichen Rahmens bewegt und nichts mit willkürlicher Polizeigewalt im außerrechtlichen Sinne gemein hat. Dieser blinde Fleck wurde in zahlreichen Studien bestätigt. Die eindrücklichste Studie, die mir erinnerlich ist, stellte zwei Gruppen von Menschen die Aufgabe, Bilder in einem Magazin zu zählen. Die eine Gruppe setzte sich aus selbstbezeichneten Glückspilzen, die andere aus Pechvögeln zusammen. In der Mitte des Magazins befand sich eine Seite, die denjenigen 250 Dollar versprach, die sie dem Studienleiter zeigen würden. Im Ergebnis hatten die Teilnehmer:innen der Pechvogelgruppe das Blatt mehrheitlich nicht einmal wahrgenommen, während die Glückpilze nahezu gänzlich wohlhabender geworden waren. 
Damit will ich die Twitterer auf Aktivist:innenseite keinesfalls als Pechvögel bezeichnen, aber augenscheinlich sind sie im Ergebnis in derselben Gruppe: Sie sehen das große Ganze nicht, weil sie das Schlechte erwarten. 

Die letzten Chancen zum Blick am blinden Fleck vorbei minimiert der Twitter-Algorithmus. Er erkennt, dass ein großes Interesse an polizeikritischen Inhalten besteht und wählt vermehrt solche Beiträge für den Konsumenten aus. Twitter hat natürlich ein wirtschaftliches Interesse daran, dem Werbeempfänger möglichst auf ihn zugeschnittene Informationen zu zeigen, die dessen Verweildauer maximieren. So wächst die gesichtete Polizeigewalt immer mehr, bis der Hashtag Polizeiproblem als reales Problem erscheint und der faktische Rechtsstaat zum virtuellen Polizeistaat mutiert. Natürlich gab es Fälle von Gewalt im Wald – auf beiden Seiten, denn auf beiden Seiten handelt es sich um Menschen, und die sind selten frei von Fehlern. Wichtig ist nur, dass von beiden Seiten erkannt wird: Ebenso wenig wie alle Aktivist:innen friedvoll sind, sind alle Polizist:innen gewalttätig. Das Menschsein auf beiden Seiten nicht abzusprechen und Informationen nicht ungefiltert und ohne sie objektiv zu analysieren zu verbreiten, ist ein wesentlicher Punkt im Kampf gegen gesellschaftliche Gräben. Wäre es nicht viel sinnvoller für alle, die Jobs der jeweiligen Seiten zu akzeptieren? Die eine besetzt friedlich Bäume, die andere räumt gewaltfrei Bäume. So macht es die Mehrheit. Das ist Ziviler Ungehorsam. Alles andere sind Straftäter, die auf staatliche Gewalt stoßen. Das führt überall hin - nur in der Sache nicht weiter.

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