Dienstag, 17. September 2019

Das vegane Steak

Das vegane Steak
Es ist das Jahr 2013. Ich sitze mit Freunden in einem Landgasthof nahe Fulda. Ich hatte mich entschlossen, ein 600 Gramm schweres Schnitzel zu bestellen und bekomme Angst, als der riesige Teller auf den Tisch gestellt wird. Dass ich es nicht packe, freut einen meiner Begleiter. Er hatte nur ein 400 Gramm schweres Rumpsteak und beäugt bereits seit Minuten meine immer mühsamer werdenden Kaubewegungen. Hätte mir an diesem Abend jemand gesagt, dass ich ein halbes Jahr später vegan leben werde, ich hätte vor Lachen Fleischstückchen geprustet.

Rund sechzig Kilogramm Fleisch isst der Bundesbürger jährlich. Von daher bin ich mir sicher, dass meine Ernährung von damals mindestens einen Menschen in den Veganismus getrieben hat! Und dieser arme Zwangs-Pflanzenköstler wäre dann genötigt gewesen, Fleischersatzprodukte zu essen. „Warum lebst du vegan und legst dann nachgemachte Wurst auf dein Brötchen?“, würde er von seinen Freunden ertragen müssen. „Weil sie schmeckt!“, hätte ich ihm seiner Zeit gerne als Antwort soufflieren wollen, doch das wäre eine Lüge gewesen. Damals gab es für meinen Gaumen nur einzige Geschmacksrichtung: Bluthochdruck. Der Markt kannte nur traurige, überwürzte Surrogate von etwas, das nicht einmal ein verliebter Metzger in die Auslage gelegt hätte. „Vegan wäre mir zu extrem!“, habe ich tatsächlich vor vielen Jahren mal gesagt. Ich frühstücke morgens Brot mit Aufstrichen, Paprikastreifen und Tomaten darauf, mittags Haferflocken mit Nüssen, Samen und Obst und mache mir abends eine Gemüsepfanne mit Bohnen. Ob ich mir 2013 mein Leben als Extremist so vorgestellt hatte? Wahrscheinlich nicht! Ich dachte vielmehr, ein Veganer könne ja fast gar nichts mehr essen. Aber so denkt man halt, wenn man wie ich mit Fleisch zu allen Hauptmahlzeiten und gerne mal zwischendurch einer Salami auf die Hand großgeworden ist – und es hatte mir gemundet. Wenn mir Menschen erzählen, sie würden ja gerne weniger Fleisch essen – denn letztlich ist jedem klar, dass 60 Kilogramm Fleisch pro Jahr weder für das Klima, noch für die Tiere und am allerwenigsten für die Gesundheit gut sind –, aber es schmecke viel zu gut, dann kann ich das verstehen. Doch es ist nur Gewöhnung. Der Spruch „Du isst nicht, was dir schmeckt, sondern dir schmeckt, was du oft genug gegessen hast!“ greift.  

Heute sieht es anders aus. Beyond Meat, Wiesenhof und seit letzten Monat sogar Aldi und Lidl führen pflanzliche Alternativen, die zumindest meiner vagen Erinnerung daran, wie Fleisch schmeckt, sehr nahe kommen. Doch die Zukunft wird eine andere sein. Das niederländische Startup Mosa Meat hat bereits 2013 den ersten Hamburger aus Stammzellen hergestellt. Drei Jahre später präsentierte das US-Unternehmen Memphis Meats ein Fleischbällchen aus Rinderstammzellen. Das israelische Unternehmen Aleph Farms arbeitet seit Anfang 2017 an einem in vitro produzierten Rindersteak samt Fettzellen, Blutgefäßen, Muskeln und Stützzellen. Potentaten wie Google-Mitbegründer Sergey Brin unterstützen die Projekte. In wenigen Jahren sind die Erzeugnisse marktreif, in Konsistenz, Geschmack und Bratgeruch von gewachsenem Fleisch kaum mehr zu unterschieden, und in zehn bis fünfzehn Jahren wird es nur diesen einen Unterschied mehr geben: Den niedrigeren Preis. Selbst Massentierhalter werden auf lange Sicht nicht konkurrieren können. Wenn Geschmack und Kosten dann keine Argumente mehr sind, wird es schwer, sich noch für „echtes“ Fleisch zu entscheiden. Ich bleibe allerdings bei Gemüse – Gewöhnung, ihr wisst ja!

Bildrechte: The image was originally posted to Flickr by avlxyz It was reviewed on 24 March 2010 by FlickreviewR and was confirmed to be licensed under the terms of the cc-by-sa-2.0.

Dienstag, 3. September 2019

Gut Holz!



Kürzlich sorgte eine Studie der ETH Zürich für Aufsehen: Das Wirksamste gegen den Klimawandel sei es, die Wälder aufzuforsten. Verrückt!, dachte ich. Wer hätte gedacht, dass Bäume, deren Holz eine Kohlenstoffverbindung ist, Kohlendioxyd (CO2) binden? Dass Bäume CO2 aus der Luft aufnehmen, mittels Photosynthese in Traubenzucker umwandeln, dessen Sauerstoff abgeben und Kohlenstoff zum Wachsen nutzen, war, seit wir im Biologieunterricht „Mein Freund, der Baum!“ gemeinsam geträllert hatten, kein wirkliches Geheimnis mehr. Spannend ist aber, dass Bäume zu pflanzen das Potenzial hat, zwei Drittel der bislang von Menschen verursachten klimaschädlichen CO2-Emissionen aufzunehmen. Von einer Milliarde Hektar – etwas mehr als die Größe der USA – sprechen wir hier. Der Raum wäre da! Bedenkt man, dass wir bereits nahezu die Hälfte der Waldfläche, die es gab, bevor der Mensch die Axt erfand, zerstört haben, käme das nahezu einer globalen Wiederaufforstung auf den Stand gleich, bevor die Römer ihre Classis-Germanica-Flotte aus unserem Baumbestand gezimmert hatten. Drei Billionen Bäume zählt die Erde, bis zu vier Billionen bräuchten wir. Schleswig-Holstein hat die Zeichen erkannt und will zum Tag der Deutschen Einheit eine neue Tradition ins Leben rufen: Jeder Deutsche soll am 3. Oktober einen Baum pflanzen.

Im Durchschnitt können wir mit zehn Kilogramm CO2-Bindung pro Baum und Jahr rechnen. In den Tropen liegt dieser Wert um ein Vielfaches höher, und gerade dort, speziell in Brasilien, wird gerodet, was die Säge hergibt. Da der Bestand des Regenwaldes die ganze Welt betrifft, wurde der Amazonas-Fonds eingerichtet. Dennoch ist die Abholzungsrate, seit Bolsonaro an der Macht ist, dramatisch gestiegen. Pro Minute geht die Fläche von drei Fußballfeldern verloren. Für dieses Jahr wird ein Anstieg der Rate um 45 Prozent im Vergleich zum Vorjahr erwartet. Während Bolsonaro „Fake-News“ ruft und sich zum Opfer von Umweltverbänden stilisiert, haben Deutschland und Norwegen ihre Mittel im Fonds eingefroren. Brasiliens kontert, Norwegen jage dafür Wale, und ich sage: Willkommen im Kindergarten! Wir verlieren weltweit fünfzehn Milliarden Bäume pro Jahr durch Abholzung. Doch es geht nicht nur um CO2: Pro Tag kann ein großer Baum bis zu 370 Liter Wasser aus dem Boden aufnehmen, in die Atmosphäre freisetzen und so für Niederschläge sorgen. Durch das Verdampfen von Regenwasser auf den Blättern wird weitere Wolkenbildung und neuer Niederschlag verursacht – bereits das verursacht rund 40 Prozent unseres Regens. Bäume kühlen zudem die Erde, indem sie durch die Bildung von Aerosolen die Entstehung von Wolken fördern, die einfallende Sonnenstrahlen reflektieren. Ein Teufelskreis für die Erderwärmung, wenn der Waldbestand weiter schrumpft.

Was hat der Wald mit unserer Lebensweise zu tun? Zwei Beispiele: Bei der Rinderhaltung entstehen für ein Kilogramm Fleisch Gase mit einer Treibhauswirkung von etwa 36 Kilogramm CO2. Gut neun Kilogramm essen wir im Schnitt jährlich – das sind 324 Kilogramm. Eine 250 Kilometerstrecke mit einem durchschnittlichen Auto führt zu einer Emission von gut vierzig Kilogramm CO2. Etwa 12.000 Kilometer legen wir jährlich im Schnitt mit dem Auto zurück – das sind 1.920 Kilogramm. 224 Bäume bräuchte es folglich allein zum Ausgleich von Rindersteaks und Individualverkehr. Das ergibt viel Arbeit am 3. Oktober – oder wir essen zwischendurch mal vegetarisch und fahren öfter mal mit der Bahn. Dann muss man zumindest etwas weniger Erde unter den Nägeln entfernen!

Dienstag, 20. August 2019

Helene Fischer auf Wacken?


Seit letzter Woche ist für die meisten hier die Urlaubszeit zu Ende. Für die Kinder hat das neue Schuljahr begonnen, die Eltern sind wieder in den Büros. Auch ich arbeite wieder und sitze erholt von meinen drei Wochen Camping-Urlaub, beginnend mit dem Heavy-Metal-Festival in Wacken, wieder vor dem Rechner. Ich schreibe diesen Text. Wie verbringt man seinen Urlaub möglichst umweltverträglich?

Meine letzte Flugreise liegt neun Jahre zurück, danach begann die Zeit, in der ich mir über meinen ökologischen Fußabdruck Gedanken zu machen begann. Ich verreiste ab da fast nur noch mit der Bahn, denn Flugreisen, da sind sich meine Kreise einig, sind der Klimakiller schlechthin im Verkehrssektor. Doch wie schlimm sind sie? Wie viel CO2 emittieren sie überhaupt? Die Gäste bei meinem monatlichen Stammtisch sind sich einig: Mit dem Flugzeug in den Urlaub zu fliegen, ist ähnlich schädlich für die Reputation, wie mit einem Helene-Fischer-Shirt beim Wacken-Festival zu sein. Meine ganzen Gäste? Nein! Ein von unwiderlegbaren Argumenten erfüllter Einzelner hört nicht auf, dem Postulat Widerstand zu leisten. Er ist Pilot und rechnet vor, wie viel Kerosin pro Flug getankt wird, wie viele Passagiere an Bord sind und welche Co2-Mengen verursacht werden. Verwirrung macht sich breit. Atemlos durch die Nacht geht es nach Hause. Ich recherchiere.

Tatsächlich rechnet Michael Müller-Görnert, Sprecher des Verkehrsclubs Deutschland e. V. (VCD), im Artikel „Verkehrsmittel im Vergleich - Intelligent mobil“ vor, dass ein Flugzeug für die Strecke Berlin-Frankfurt am Main nur 81,2 kg CO2 pro Fluggast emittiert, bei einem PKW sind es 94,2 kg. Als ich die Tabelle sehe, bin ich irritiert. Ich erinnere mich an Wacken zurück, wo an einer der Festival-Theken zu lesen war: „Wer kein Trinkgeld gibt, ist Helene-Fischer-Fan!“ Sind wir all die Jahre einem Phantom aufgesessen? Hätten wir lieber mit unserem Piloten zum Festival fliegen sollen, statt mit dem Camper zu fahren? Waren wir durch unseren Flugverzicht die Umweltsünder, die wir nie sein wollten? „Wer nicht mit dem Flugzeug fliegt, ist Donald-Trump-Fan!“, sehe ich schon an meiner Stammtisch-Kneipe in Holz geschnitzt an der Wand hängen. Zu der Emissionszahl existiert jedoch auch ein Klammervermerk: Ohne RFI-Faktor! Was ist das nun wieder? Nicht nur der VCD, auch das Umweltbundesamt, erläutern dazu, dass der RFI, also der Radiative Forcing Index, zu deutsch die Strahlungsantriebszahl, ein Faktor ist, der eine Vergleichbarkeit der Auswirkung von in großer Höhe erfolgenden Emissionen mit denen am Boden herstellt, denn der Flugverkehr wirkt nicht allein durch die Produktion von Klimagasen. Auch die Bildung von Ozon, der Ausstoß von Rußpartikeln, die Kondensstreifenbildung wirken beispielsweise erderwärmend. Im Ergebnis stellt das Amt fest, dass der gesamte Strahlungsantrieb der Emissionen und Effekte des Luftverkehrs etwa zweimal so groß ist wie der der CO2-Emissionen allein. Bezieht man in diese Berechnung mit ein, dass sich aus den Kondensstreifen auch ebenfalls erderwärmende Zirruswolken bilden können, erhöht sich der Faktor auf drei bis fünf. Das vergleichbare Ergebnis wäre also 94,2 kg für den PKW und 243,6 bis 406,0 kg CO2 für das Flugzeug. Uff!

Seit diesem Jahr ist Helene Fischers Best-of-Kompilation übrigens das am längsten in den deutschen Albumcharts platzierte Album. Vielleicht kommt sie ja auch mal nach Wacken. Immerhin war Heino 2013 auch dort, und trinkgeldförderlich wäre es obendrein. Natürlich nicht mit dem Flugzeug!

Bildquelle: Von Roger Green from BEDFORD, UK, derivative work Lämpel - Airbus A380, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=65623145

Dienstag, 6. August 2019

Ich bin e(h) schneller

Ich bin e(h) schneller

Das sagt der Hesse, wenn er sich auf einen Wettlauf einlässt und selbstsicher seinen Sieg vorankündigt. Schaue ich derzeit auf die Straßen und Bürgersteige, bin ich geneigt, das h wegzulassen. Was bleibt, ist ein e wie elektrisch. Vor wenigen Jahren musste ich bereits aufgeben, nach Gehör die Straße zu überqueren, weil ich eine Ahnung hatte, wie meine Zukunft sonst enden würde: Mit einer Schlagzeile in der Art von „Ironie des Schicksals: Streiter für die CO2-Reduktion von E-Auto überfahren!“ Als Friedberger Kaiserstraßen-Anrainer wäre ich zwar froh, wenn die nächtlichen PS-Boliden-Rennen auf der Viertelmeile zwischen der Burg und meinem Schlafzimmerfenster lautlos würden, aber das ist gar nicht das Thema, über das ich schreiben will.

Ich bin ein Freund des Elektro-Antriebs. Er kann helfen, CO2 einzusparen und damit ein Schwert im Kampf gegen den Klimawandel sein. Natürlich nur unter folgenden Bedingungen: Der Strom darf nicht aus Kohleenergie stammen. Knapp vierzig Prozent des Strommixes in Deutschland kommen aus den Bereichen Stein- und Braunkohle, zwar ebenfalls 40 Prozent aus regenerativen Quellen, doch bei einem Primärenergieverbrauch im Verkehrssektor von gut 3.400 Petajoule würde das bedeuten, dass wir mehr als zweieinhalb mal so viel Strom aus Solar, Wind- und Wasserenergie sowie Biomasse gewinnen müssen wie heute. Zusammen mit dem Bedarf für den Ausstieg aus der Kohle- und Atomenergie wären wir vermutlich bei dem fünffachen. Die zweite Bedingung wird dadurch offenbar. Das geht nicht, ohne eine Mobilitätswende. Der Individualverkehr muss drastisch reduziert werden. Gerade das Gegenteil ist der Fall.

Der Fahrzeugbestand hat sich von 2017 auf 2018 um 1,1 Millionen Fahrzeuge erhöht. Die Bestandmehrung brachte zwar auch 29.000 Elektrofahrzeuge mit sich, aber ohne Reduktion bedeutet die Mehrung einen Zusatzverbrauch. 80 Prozent der Besitzer von Fahrzeugen mit Elektroantrieb besitzen zwei und mehr Fahrzeuge. Es scheint, als würde es mehrheitlich nicht der Ersatzbeschaffung dienen, sondern zum Freizeitauto avancieren. Schön, wenn der Benziner oder der Diesel dafür stehen gelassen werden, doch der Benefit wird von den Produktionskosten des E-Autos gefressen. In der Wirtschaftstheorie nennt man das Rebound-Effekt. Er lässt uns mehr Lampen im Haus anschalten und sie länger anlassen, weil LEDs so viel weniger verbrauchen, lässt uns mehr essen, weil der Kauf von Bio-Fleisch unser Gewissen beruhigt, und eben auch ein E-Auto als Zweitwagen zulegen oder mehr damit fahren, weil ja kein CO2 emittiert wird. Und dabei macht er den potentiellen Spareffekt zu Gunsten der Umwelt nicht nur zunichte, sondern erhöht den Verbrauch sogar.

Augenblicklich wähne ich nicht nur die Umwelt, auch mich selbst in großer Gefahr! Insbesondere eine dieser Schlagzeilen zu produzieren wie: „Rebound zum Opfer gefallen: E-Roller prallt auf Umweltaktivisten!“ Tausende von schlanken Menschen bewegen sich lautlos auf den Rücken überall in den Großstädten stehender Leih-Elektroroller durch die Innenstädte Deutschlands. Smart lächelnd bewegen sie schlanke Körper, die sich vormals durch Körperkraft von selbst fortbewegten, durch die Alleen und Avenuen zwischen Berlin und München. Die lauernde Gefahr: Nahrungsenergie bleibt unverbraucht, die Rollerfahrer werden mit der Zeit immer schwerer, die Energieverbräuche der Gefährte immer höher, und das Schlimmste ist, dass das auch für die Aufprallenergie auf den Fußgänger Arnold gilt. Das ist kein Teufelskreis – es ist ein Teufelsball! 

Dienstag, 23. Juli 2019

Im Schatten der Sparsamkeit

Im Schatten der Sparsamkeit
Im September hatte ich in meiner Kolumne Frugalismus zum Thema, also die Philosophie jener Gruppe an sparsamen Menschen, deren Konsumreduktion nicht primär Umweltaspekten oder der inneren Ruhe zuzuschreiben ist wie bei den Minimalisten, sondern dem Wunsch, möglichst viel des Ersparten anzulegen, um schon viel früher, als vom Gesetzgeber vorgesehen, in Rente gehen können. Damals hatte ich mich entschlossen, einem Frugalisten gleich, eine Tabelle mit meinen Einnahmen und Ausgaben zu führen – mit grafischen Auswertungen und allem Schnick-Schnack und Bling-Bling, die mir ein modernes Tabellenkalkulationsprogramm bietet. Dadurch konnte ich viele Ausgabenherde identifizieren und reduzieren. „Was? Der Kostengraf meiner Restaurantbesuche ist höher als der meiner Nahrungsmittelausgaben?“ Kaum festgestellt, schon optimiert!

Dann hatte ich gelesen, dass Oliver Noelting, wohl der deutsche Pionier dieser wie so oft aus den USA stammenden Bewegung, teils über 70 Prozent seiner Einkünfte spart. Ich bin Sportler! Challenge accepted, dachte ich mir. Tatsächlich hatte ich es geschafft, in den knapp zwölf Monaten, in denen ich meine Ausgaben bislang monitore, im Schnitt fast 20 Prozent zurückzulegen. Allerdings musste ich auch feststellen, dass wir zwar das gleiche Spiel spielen, doch in anderen Ligen. Während er auf Bundesliganiveau unterwegs ist, mühe ich mich in der Kreisliga ab. Mit zwei Kindern kämpft es sich ein weniger anders um Platz eins als kinderlos. Trotz der ungleichen Voraussetzungen fand ich eine Lösung. Ich musste, um nicht einmal annähernd denselben Wert zu erreichen, in zwei der Monate lediglich doppelt so viel arbeiten. Okay, das war gemogelt, denn der Sinn ist ja, sein Konsumverhalten umzustellen und dadurch zum Zurücklegen für die Frührente zu kommen. Nur möchte ich ja eigentlich gar kein Privatier werden, und außerdem, mal ehrlich, wo im Sport auf diesem Niveau wird denn nicht gedopt? Genau hier liegt aber der Hund begraben! Um eine Idee zu kopieren, muss man das Konzept verinnerlichen. Um jemandem nachzueifern, muss man die unterschiedlichen Voraussetzungen würdigen und seine Ziele entsprechend anpassen.

Meine Ausgaben auf diese Weise im Blick zu haben, war und ist gut. Es schult meinen nachhaltigen Umgang mit dem eigenen Konsumverhalten, und mir hat es immens geholfen, ein paar Rücklagen zu bilden, obwohl ich fest im Glauben war, das gar nicht zu können. Und das gegen Ende sogar kontinuierlich, denn wer will schon einen Monat für Monat nach oben gehenden Grafen unterbrechen? Selbst wenn es nur ein paar zurückgelegte Euro am Monatsende sind. Da spart man sich allein wegen der Ästhetik eines Charts mal ein Stückchen vom Bäcker unterwegs ab und isst den mitgenommenen Apfel von zuhause. Frustrierend wird es nur, wenn man versucht, auf Euro komm raus, Vorgaben zu erreichen, die mit den persönlichen Voraussetzungen nicht zu erreichen sind. 
Juli ist Urlaubsmonat. Ich bin schon seit zwei Wochen über das hinaus, das ich mir mal im Monatsschnitt als maximale tägliche Ausgabe festgelegt hatte. Ist das schlimm? Ja, dachte ich noch vor einigen Tagen. Dann schaute ich mir meine Grafik an und widersprach mir. Wenn ich diesen Monat nichts zurücklegen kann, dann stimmt vielleicht der Quartalsschnitt wieder, und wenn selbst der nicht, dann bestimmt der Jahresschnitt. Meine Rücklage dient dem kleinen Eigenheim, und dem komme ich auch trotz Urlaub näher. Selbst wenn ich dafür die Skalierung meiner Grafik ändern muss, um mich in die nächste Liga zu mogeln.

Dienstag, 9. Juli 2019

Aber was ist mit China?

Aber was ist mit China?
Kürzlich führte ich parallel zwei Diskussionen in den Sozialen Netzwerken, und es dauerte nicht lange, bis ich den Eindruck gewann, meine Antworten in der einen in die andere kopieren zu können. Sie liefen beide auf dasselbe hinaus: Was ist mit China? Das Thema war unser Kohlendioxid-(CO2)- verbrauch und die Frage hinter allem: Was bringt es, wenn wir das Verbrennen fossiler Brennstoffe reduzieren, wenn in Fernost neue Kohlekraftwerke gebaut werden. Das sind durchaus berechtigte Fragen, schließlich ist der Klimawandel ein globales Problem und Deutschland kann nicht einfach eine Glasglocke über sich ziehen, im Sinne von: Bei uns haben wir jetzt wieder gemäßigtes Klima, sollen die Chinesen doch unter ihrer noch gigantischeren Glasglocke selbst sehen, was sie davon haben! 

Zunächst ist es wichtig, das Thema einmal losgelöst von der Physik aus den Augen der Moralphilosophie zu betrachten. Einigkeit besteht, hoffe ich, darin, dass es nicht erstrebenswert ist, den Folgegenerationen die Lebensgrundlage zu entziehen, indem wir im Heute über das uns zustehende Maß Ressourcen verbrauchen, die dann im Morgen mangeln oder, noch schlimmer, die klimatischen Bedingungen drastisch verschlimmern. Das vorausgesetzt, muss sich die Frage anschließen, ob uns ein unmoralisch Handelnder von unserer eigenen Verpflichtung entbinden kann. Um es zu versinnbildlichen: Der Hund ist des Deutschen liebstes Tier. Konsens dürfte darin bestehen, dass man sein Haustier keiner Gewalt aussetzt. Wenn mein Nachbar seinen Hund tritt, ist das moralisch verwerflich. Wenn ich meinen flauschigen Vierbeiner nun unter Verweis auf das nachbarliche Verhalten ebenfalls zu treten beginne, bleibt es eine moralische Verwerfung. Ähnlich verhält es sich moralisch auch mit dem Umgang mit unseren Ressourcen. Ersetze Hund durch fossile Ressourcen und Nachbar durch China!

Nun ist es allerdings so, dass der arme Hund des Nachbarn die Lebensqualität meines Hundes, nennen wir ihn Bello, nicht beeinträchtigt. Bello ist ein glücklicher Hund, und Hasso hat eben Pech. Was uns moralisch ebenso verpflichtet, ist, das Gespräch mit Hassos Frauchen oder Herrchen zu suchen, weil wir ja schließlich nicht wollen, dass der echt goldige Hasso mit seinen großen braunen Kulleraugen weiter so traurig am Zaun steht. Vielleicht hat sein Besitzer Gründe, ihn zu treten. Vielleicht bellt er zu viel. Das macht es nicht weniger verwerflich, aber nur durch Reden kommen wir weiter. Gegenüber wohnt vielleicht ein Hundetrainer. Zusammen mit ihm, bei einem leckeren Bier in der Mittagssonne sitzen wir nun im Garten. Unsere Hunde tollen ausgelassen umher, während im Kopf des Hundehalters langsam die Ideen eures gemeinsamen Nachbarn reifen. Es dauert zwar eine Weile, aber bald lebt auch Hasso gewaltfrei und glücklich, weil sein Halter nun ganz viele Optionen zur Hand hat, wie sein Hund, den er tatsächlich nicht weniger gern hat als ich Bello, weniger bellt, ohne ihn zu treten. Ersetze Hundetrainer durch Staatengemeinschaft, Mittagssonne durch Klimagipfel und Bier durch wirtschaftliche Anreize! 

Ganz nüchtern betrachtet, ist unsere persönliche Verantwortung größer als in China. Immerhin liegt unsere CO2-Emission nach dem Konsumprinzip bei gut 18 Tonnen pro Person und Jahr, und die Chinas bei unter neun. Das soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie in Summe tendenziell steigt und China der weltweit größte Emittent ist. Doch wie Kästner schon schrieb: Es gibt nichts Gutes, außer man tut es. Und nun: Aus, Hasso, und Platz!

Freitag, 5. Juli 2019

Nominiert für den Slam 2019 in Berlin


Als ich zum Highlander des Poetry Slams im kuenstlerhaus43 aufbrach, witzelte ich vorher, dass man bereits mit dem dritten Platz eine Chance auf den Startplatz für den Slam2019 hätte - immerhin waren zwei der großartigen Slammer*Innen im Line-up bereits nominiert. Einer von beiden wurde krank, und ich landete auf Platz 1. Krass! 🤗😀

Nun fahre ich Ende Oktober nach Berlin und darf einen der Slams der Landeshauptstadt bei der deutschsprachigen Meisterschaft vertreten 🤓

Dienstag, 25. Juni 2019

Vegan ist ungesund


VEGAN IST UNGESUND!

Diesen Satz liest man immer häufiger. Der Headline zugrunde liegt dann meist eine Studie zu auf Herz und Nieren geprüfte Veggie-Bratwürste und Konsorten, wenn man das bei veganer Kost überhaupt so sagen darf. Zu viel Salz, zu viele Bindemittel und obendrein Geschmacksverstärker. Leider ist die Überschrift irreführend, denn es wird ja nicht die vegane Ernährung mit einer anderen verglichen, sondern schlicht ein hochverarbeitetes Lebensmittel herausgepickt. Ebenso wenig jedoch wie sich der durchschnittliche Bundesbürger nur von Nürnbergern mit Senf ernährt, isst der Veganer tagein tagaus nur Sojaweißwurschterl. Das ist ein wenig so, als würde man bei einem Crashtest mit einem Elektromobil und einem Diesel feststellen, dass beide Autos danach kaputt sind. Der Satz müsste also heißen: „Die getesteten Fertigprodukte sind ungesund!“ 
Die Schlagzeile wäre dann aber nicht so bewegend. Letztlich ist ihr Zweck nur, Emotionen zu wecken, die zum Weiterlesen bewegen. Habe ich auch gemacht, und wenn Sie bis hierhin gelesen haben, hatte ich bereits einen Teilerfolg.

Diese Veganer, die selbst dann scheinbar missionieren und versuchen, einem die Wurst unschmackhaft zu machen, wenn sie den Mund bloß zum Essen aufmachen, erhitzen die Gemüter. Wer liest denn da nicht gerne, dass deren Ernährung trotz dieses über uns allen geschwungenen Damoklesschwerts, geschmiedet aus Tierwohl und sozialer sowie ökologischer Überlegenheit, zumindest nicht gesund ist. Es beruhigt doch zu erfahren, dass man, wenn man schon nicht alles richtig, dann doch zumindest nicht alles falsch macht. „Ja, ihr Veganer, ihr schwingt zwar die moralische Keule, aber eure Keule besteht aus Salz und Chemie!“ Es ist ein wenig Schützenhilfe im permanenten Drang des Normalköstlers, sich verteidigen zu müssen, sobald ein Veganer Teil der Gruppe ist. Dieser alte Witz: „Woran erkennt man einen Veganer? Keine Angst, er wird es dir sagen!“ ist jedoch schon lange nicht mehr real. Vegan ist längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. An kaum einer Tafel findet sich nicht mindestens einer, der  auf Tierisches verzichtet, viele Restaurants bieten Veganes an, und die Supermärkte haben inzwischen ein so großes veganes Programm, dass Ketten wie die rein veganen Veganz-Märkte mancherorts Filialen schließen mussten. 

Der Veganer muss sich inzwischen nicht mehr outen. Er kann an der Tafel essen, wie jeder andere, bestellt im Restaurant einfach, ohne sich erklären zu müssen, und kauft im Supermarkt ein, als wäre er ein ganz normaler Kunde - nur halt offensichtlich ein ungesunder. Den Einkaufswagen voller veganer Würstchen, fleischfreier Schnitzel und versalzener Veggi-„Fleisch“-Bällchen steht er kränkelnd und verschämt an der Kasse unter den mitleidigen Blicken der übrigen kränklichen Schlangesteher, die das Förderband mit Rindswurst, Bratwurst und Fertigfrikadellen vollgeladen haben. In der Realität kommt auf beiden Seiten zur Wurst, gleich ob fleischlich oder fleischlos, Gemüse auf den Teller und vielleicht ein paar Kartöffelchen. Das gleicht den Fettgehalt genauso wie den Salzgehalt auf beiden Seiten aus – wenn auch auf der veganen in der Regel etwas stärker. Und schon sind beide nicht mehr ganz so ungesund. Was also bleibt, sind Tierwohl und die soziale wie ökologische Seite.

Kann man nur hoffen, dass niemand auf die Idee kommt, die gesundheitsfördernden Aspekte von Pfefferbeißern und Möhren zu vergleichen. Denn diese Headline wäre dann auch wieder emotionalisierend. Schön, dass Sie zu Ende gelesen haben.

Bildrechte: Randal B, under Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported license.

Dienstag, 11. Juni 2019

Der Umwelt-Killer E-Auto



Die Klimadebatte ist aufgeheizt – ganz passend zum Klima. Immer öfter sieht man Fotos von chilenischen Bauern vor leeren Brunnen, Videos von verheerten Landstrichen in Argentinien und bekommt chinesische Minenarbeiter im Kindesalter präsentiert. Es geht um den Lithium-Abbau, und über den Bildern steht sinngemäß dieselbe Überschrift: „Das Elektro-Auto zerstört die Umwelt!“ Schließlich werden für den Betrieb Akkus benötigt, in denen Lithium enthalten ist. 
Ganz fair ist das natürlich nicht, denn es erweckt den Anschein, als hätte ein pseudo-grüner Ökoteufel den Abbau für sein diabolisches Gefährt überhaupt erst in Gang gesetzt. Tatsächlich werden nur gut 37 Prozent für Akkumulatoren genutzt, der Rest für zahlreiche andere Zwecke, von der Produktion von Glas und Keramik bis hin zum Einsatz in Antidepressiva. Auch werden die Akkumulatoren nicht zur Gänze von der Autoindustrie genutzt. Tablets, Smartphones, PCs, Akkuschrauber bis hin zur E-Zigarette nutzen Lithium-Ionen-Akkus. Gerade die drei Erstgenannten muss man natürlich im Bildtext ausklammern, denn wie soll man dann noch mit gutem Gewissen ein Like für das Lithium-Abbau-Bashing vergeben. Der kleine Exkurs soll natürlich nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Bedarf für Fahrzeugakkus steigt. 2008 lag deren Anteil am Lithium-Abbau noch bei unter 20 Prozent. Das wird die eingangs geschilderten Phänomene noch verstärken, und das finde ich schrecklich. 

Doch wer glaubt, dass die alternative Überschrift „Der Otto-Motor rettet unsere Umwelt!“ zutreffend wäre, irrt. Da muss man sich nur die zahlreichen Ölunfälle in Erinnerung rufen, die ganze Meeresregionen und Landstriche verheert haben. Wer glaubt, dass die Einflüsse der Erdölnutzung auf die Umwelt nur bei Katastrophen auftreten, sollte nach Nigeria in Verbindung mit dem Suchbegriff Erdöl googeln, um einen Eindruck zu gewinnen. Allein die vor über 15 Jahren gebaute Kamerun-Tschad-Ölpipeline hat so viel unberührte Waldregionen und Wasserquellen der ansässigen Bevölkerung zerstört und beeinflusst sie noch immer, dass das durchaus ein paar Videos und Bilder parallel zu denen des Lithium-Abbaus wert wäre. Was ist das Fazit aus allem? Es ist nicht das E-Auto, das die Umwelt zerstört. Es ist auch nicht der Benziner oder Diesel. Es sind unser Konsumverhalten und die Verwechselung von Fahrzeugbesitz mit Freiheit. 64,8 Millionen Fahrzeuge sind allein in Deutschland zugelassen. Das sind 692 Kfz je 1.000 Einwohner. Vor zehn Jahren waren es noch 55,4 Millionen, und die Fahrzeugdichte lag bei 503. Ich sage nicht, dass der Besitz eines Fahrzeuges abzulehnen ist. Ich habe selbst viele Jahre auf dem Land gelebt, und auch vom Städtchen Friedberg ins Land zu kommen, ist manchmal ohne Auto ein Abenteuer. 

Im Durchschnitt steht ein Fahrzeug jedoch 95% der Zeit, das sind 23 Stunden am Tag. Es ist an der Zeit, das zu überdenken! Die Förderung von Carsharing-Systemen mit Keyless Vehicle Entry kann die Lösung sein. Fahrzeuge, die per App lokalisiert, schlüssellos mit einem Code geöffnet und genutzt und dann einfach am Zielort abgestellt werden können, wo sie anderen zur Verfügung stehen. Kein persönlicher Besitz, nur bedarfsgerechte Nutzung. Das würde den privaten Fahrzeugbestand massiv reduzieren, ohne Freiheiten einzuschränken. Ressourcenschonung ohne Mobilitätseinschränkung. Dann wäre es auch gleich, ob ich einen Otto- oder einen E-Motor im Fahrzeug habe. Und keine Sorge: Das Smartphone zur Buchung zu nutzen, fällt nicht ins Gewicht. Von denen gibt es fast so viele wie Autos.

Bildquelle: Von Nissan_LEAF_got_thirsty.jpg: evgonetwork (eVgo Network). Original image was trimmed and retouched (lighting and color tones) by User:Mariordoderivative work: Mariordo (talk) - Diese Datei wurde von diesem Werk abgeleitet: Nissan LEAF got thirsty.jpg:, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=18091826

Freitag, 31. Mai 2019

Aktionstag Nachhaltigkeit an der Goethe-Uni Frankfurt, 03.06.2019


Am 03.06.2019 darf ich gleich zweimal in meinem grünen Kernbereich aktiv sein. Um vier gibt es im Grünen Hörsaal des Campus Westend an der Goethe-Uni in Frankfurt einen DIY-Workshop, in dem ich mit euch das eine oder andere selbst mache, das hilft Umverpackungen zu sparen, und um 19:30 Uhr findet ein Science Slam statt. Schaut vorbei 😊