Dienstag, 18. Februar 2020

Ih, wie unnatürlich!

Ih, wie unnatürlich!
Frühstück! Das bedeutet für mich Vollkornbrot, vegetabiler Aufstrich, knackiges Gemüse, dazu Tee und ein Glas Obstsaft, frisch aus dem Mixer, sowie eine Tablette Vitamin B12, ein paar Tropfen Vitamin D3 und eine Kapsel Selen. „Das ist doch keine natürliche Ernährung!“, höre ich dann, nachdem ich gefragt wurde, was ich so zum Frühstück esse. Häufig liegt mir dann die Gegenfrage auf der Zunge, wie natürlich eine Ernährung sein kann, die Milch von fremden Tiermüttern beinhaltet und Fleisch, das unsere Zähne gar nicht wirkungsvoll zerkleinern können, ohne es zuvor gebraten oder gekocht zu haben. Feuer zu machen, ist schließlich auch nicht natürlich. Es sei denn, man ist ein Drache, ein Magier oder ähnliches. Diskussionen, die ich so weiterführe, münden meistens in „Deine Mutter ist doof!“ und „Deine Mutter viel doofer!“, bis in dieser Art der Diskussion erfahrene Kindergartenkinder unter Einsatz von Sandschaufeln und Förmchen das Ganze gewaltsam, effektiv, aber gerechtfertigt beenden. 
Zurück zur Sachlichkeit! Was ist heute noch natürlich? Kann man in einer Welt, in der wir elektrisches Licht nutzen, um auch nach Einbruch der Dunkelheit noch aktiv sein zu können, in der wir in der Lage sind, binnen weniger Stunden so weit zu reisen, wie es der Neandertaler in Generationen nicht vermocht hätte, in der wir nach einem Unfall zusammengenäht werden oder gar Spenderorgane eingepflanzt bekommen und weiterleben können, obwohl die Natur einen anderen Fortgang für uns vorgesehen hatte, überhaupt noch Natürlichkeit für uns beanspruchen? 

Vitamin B 12 kommt nur in tierischen Lebensmitteln vor und auch nur dann, wenn das Tier zuvor die Möglichkeit hatte, es mit der eigenen Nahrung aufzunehmen. Das funktioniert nur in ausreichendem Maße, wenn eine Weidenhaltung gegeben ist, das Tier also natürlich lebt, denn das Vitamin wird von Bakterien produziert, die eben nicht im wider die Natur der meisten unserer Nutztiere verfütterten Kraftfutter vorkommt. Schon unsere Nutztiere leben offenbar überwiegend nicht natürlich. Es wundert also nicht, dass 60 Prozent der weltweiten B12-Produktion nicht auf dem Frühstückstisch der Veganer landen, sondern tatsächlich dem Nutzvieh zugefüttert wird, damit es nicht das Schicksal selbiger erleidet. Der größtenteils vegan lebende Gorilla nimmt übrigens keine B12-Tabletten. Er wäscht einfach seine Lebensmittel nicht! Für mich keine Option! B12-Supplementation ist folglich das Kreuz, das Veganer und Allesesser direkt oder indirekt vereint tragen. 
Dasselbe trifft auf Vitamin D zu. Auch hieran mangelt es allen Ernährungsformen. Das Sonnenvitamin ist in Milchprodukten, Fleisch und Pilzen zwar enthalten, wird aber in relevanten Mengen nur unter Sonneneinstrahlung produziert. Früher war es natürlich, bei Tag draußen, bei Nacht im Bett zu sein und keinen Vitamin D-Mangel zu haben. Heute sind wir tagsüber in geschlossenen vier Wänden und arbeiten dafür, um nach Einbruch der Dunkelheit das Haus beleuchten und uns D3-Präparate leisten zu können. 
Der Selenmangel kommt übrigens daher, dass wir selenarme Böden haben. In Finnland werden Felder schon seit Jahrzehnten mit Selen gedüngt, um das auszugleichen. Wir haben dafür die Pharmaindustrie oder holen uns Lebensmittel aus Ländern mit selenhaltigeren Böden. 

Vielleicht ist es daher am besten, wir nehmen alle B12-, D3- und Selentabletten und verabschieden uns vom Gedanken, dass wir auch nur im Ansatz noch natürlich leben. Dann muss auch niemand aus dem Kindergarten auftauchen und mit Förmchen hauen.

Freitag, 14. Februar 2020

Buchvorstellung: Fräulein Ökos "Projekt Plastikfrei"

Buchvorstellung: Fräulein Ökos "Projekt Plastikfrei"

Vor einem Monat hat meine Workshop-Partnerin und Freundin Svenja ihr Buch "Projekt Plastikfrei" herausgebracht. Heute komme ich endlich dazu, hier im Blog ein wenig davon zu erzählen - gelesen habe ich es natürlich direkt nach Erscheinen. Svenjas 112-seitiger Ratgeber, der im Frech-Verlag erschienen ist, verspricht, in nur sechs Wochen auf einen Zero-Waste-Lebensweg zu führen, indem jede Woche ein anderer Lebensbereich entmüllt wird. "Dein Zero-Waste-Neustart: Zimmer für Zimmer in 6 Wochen" ist daher der vielversprechende Untertitel.

Der Inhalt ist eingeteilt in Einkaufen, Badezimmer, Wohn- und Arbeitszimmer, Schlaf- und Kinderzimmer sowie Unterwegs und auf Reisen. Was gleich ins Auge fällt ist, dass Svenjas Buch zwar auf eine Reise durch die Wohnung einlädt, aber den Einstieg auch in jedem anderen Bereich zulässt, geradezu dazu einlädt. Die Reihenfolge ist jedoch schlüssig gewählt - es sind die einfachsten Schritte, die zu Anfang gegangen werden. Die Erfolge ermutigen und erlauben es, auch die späteren Räume mit viel Mut zur Veränderung zu betreten. Erstaunlicherweise hat meine Reise mit "Plastic Diary" auf demselben Weg begonnen, was mich bestätigt - immerhin konnte ich durch diese Reise-Route dabei bleiben.


Svenja aka Fräulein Öko hat keine Drogerieartikel- und Kochrezept-Sammlung in der Art von "Und als nächstes nehme man ..." geschrieben. Zwar verliert das Buch nie die nötige Sachlichkeit, um die Lust am Nachmachen der vielen Rezepte nicht zu verwässern, doch es bleibt immer ein Reiseführer durch die Wohnung. Svenja nimmt mich als Leser mit und ich habe den Eindruck, als höre ich sie Dinge sagen wie: "Schau mal, hier kannst du dies machen!" und "Guck mal! Das funktioniert bei mir gut!" Es ist kein Buch zur Belehrung, es ist eins, das freundlich zu Nachahmung animiert! Dieser Stil wird nicht nur durch den Aufbau und Svenjas freundschaftliche Art zu schreiben gestützt, sondern auch durch die sehr schönen Illustrationen, die dem Buch einen noch sympatischeren Charakter geben.


Abgerundet wird das Buch durch Checklisten, die es mir als Leser einfach machen, Svenjas Weg zu folgen. Seifenstück zum Händewaschen benutzt? Check! Deocreme selbst gemacht? Check! Holzzahnbürste gekauft? Check! Nach und nach schleichen sich so immer mehr ökologische Alternativen in den Haushalt und plötzlich greift man beim Müll-Rausbringen ins Leere. Auch dass Svenja im Buch nicht grob von Möglichkeiten spricht, wie "Kauf dir Zahnpastaersatz!", sondern konkret ihre Marken nennt und auch Bezugsquellen angibt, zeigt, dass hier eine Autorin am Werk war, die nicht lediglich auf den fahrenden Zug des inzwischen durchaus rentablen Öko-Ratgeber-Zuges aufspringt, sondern schlichtweg teilhaben lässt an dem ökologischen Leben, das ihr eigenes ist.


Svenjas Buch gibt es überall im Buchhandel unter der ISBN978-3-7724-4950-5. Sie stellt ihr Buch unter anderem am 28. Februar im Nix-Drum-Rum in Bad Nauheim vor. Sollten hier schon alle Plätze belegt sein, findet ihr sie und ihr Buch (zusammen mit mir) auch am 21. März, 18:00-20:00 Uhr, in der Honighalle in Friedrichsdorf oder am 4. April, 14:00-15:00 Uhr, zur Ernst-Ludwig-Buchmesse im Kleinen Hörsal des Max-Planck-Institituts, Parkstraße 1 in Bad Nauheim. 
Ein schönes Interview, das ich mit Fräulein Öko führen durfte findet ihr bei der Wetterauer Zeitung:
https://www.wetterauer-zeitung.de/wetterau/friedberg-ort28695/youtuberin-fraeulein-erklaert-laesst-sich-plastik-alltag-vermeiden-13448812.html
Viel Spaß beim Lesen!

Dienstag, 4. Februar 2020

Flugscham und Verantwortung

Flugscham und Verantwortung
Ich bin das letzte Mal vor zehn Jahren in den Urlaub geflogen. Damals hatte ich mir wenig Gedanken gemacht, was das ökologisch bedeutet. Den Begriff „Ökologischer Fußabdruck“ hatte ich noch nie gehört. Nach selbigem gefragt, wäre meine spontane Antwort vermutlich 45 gewesen, was keineswegs die Antwort auf die Frage aller Fragen ist. Die ist bekanntlich 42, wie belesene Freunde humoristischer Science-Fiction wissen. Was Douglas Adams, der Autor von „Per Anhalter durch die Galaxis“, damals beim Schreiben sicher nicht im Sinn hatte, war, dass es dem Leben tatsächlich Sinn oder zumindest eine Zukunft gebe, seinen ökologischen Fußabdruck um ein paar Größen zu verringern – zumindest wenn man davon ausgeht, dass es sich tatsächlich um eine Schuhgröße handelte, die der größte Computer, der jemals geschaffen wurde, auf die Frage "nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest" in dessen Werk errechnet hatte. 

Flugreisen sind heute in vielen Kreisen, besonders in solchen, die der Auffassung sind, dass nach uns nicht die Sintflut kommen soll, etwas, über das man nicht spricht. Ein wenig so, wie aus dem Urlaub mit Andenken nach Hause zu kommen, die unter Ausschluss der Öffentlichkeit mit Salbe behandelt werden müssen. Es gibt sogar einen Begriff dafür:  Flight Shaming, die Scham, im Wissen um die Umweltschädlichkeit häufiger Flugreisen dennoch regelmäßig zu fliegen. Es ist aber auch zu verlockend. Auf einer Internetsuchseite für Flugreisen finde ich ein Angebot zu 49 Euro, um von Frankfurt am Main nach London zu gelangen. Unwesentlich günstiger geht es mit dem Bus, der für lediglich 15 Euro weniger, aber dafür 13 Stunden mehr Reisezeit zu buchen ist. Der Fernlinienbus ist derzeit, gemessen an den Emissionen, das ökologischste Verkehrsmittel, dicht gefolgt von den Fernzügen. Mit großem Abstand auf dem letzten Platz ist nach Daten des Umweltbundesamtes das Flugzeug, dessen Emissionen an CO2-Äquivalenten etwa um den Faktor acht höher liegen. Was machen, wenn ich keine 13 Stunden Zeit opfern möchte und mich dennoch nicht mit Flugscham plagen will. 

Ebenfalls im Internet stoße ich auf eine Seite, die CO2-Ausgleichszahlungen anbietet. Der CO2- Ausgleich soll ermöglichen, den durch den Flug anfallenden Ausstoß des Klimagases durch CO2-Zertifikate aus Klimaschutzprojekten in gleicher Höhe anderswo einzusparen. Weiter schreibt der Betreiber, die ARKTIK GmbH aus Hamburg: Wichtig ist nur, dass weltweit die Summe der Treibhausgase abnimmt. Fällt nur mir der Denkfehler auf? Ich rechne das mal in Äpfel um. Wenn ich eine Obstkiste habe, die zu voll ist und zerbrechen wird, sobald ich sie hochhebe, ich acht Apfel hinzugebe und zum Ausgleich acht Äpfel von jemandem essen lasse, was passiert dann mit der Kiste, sobald ich sie anhebe? Es gibt also nur zwei Lösungen. Entweder muss ich meine Emission reduzieren, indem ich meine Flugreisen in regelmäßige Fernbusreisen wandele oder ich verzichte. Die zweite Option wäre zu überkompensieren. Hier rehabilitiere ich arktik.de wieder, deren Mission ich jedenfalls sympatisch empfinde. Wenn der Ausgleich des Hinflugs dort 6,82 Euro kostet, wäre auf 13,64 Euro zu erhöhen, sicher in Anbetracht der ohnehin fragwürdig niedrigen Billigflugkosten nicht allzu schmerzhaft. Der ökologische Fußabdruck reduzierte sich dann gewiss von 45 auf 42. 

Übrigens: Die reine Fahrtzeit mit dem Fahrrad nach London beträgt 40 Stunden und verbraucht 25.000 Kilokalorien; in Äpfel umgerechnet knapp 300 Stück – kaum angekommen wäre die Kiste leer!

Foto: Andreas Weith, unter Lizenz CC BY-SA 4.0

Freitag, 24. Januar 2020

Tage im Tiny House Village in Mehlmeisel - Fazit

Tage im Tiny House Village in Mehlmeisel - Fazit
Drei Nächte und drei Tage haben wir nun im Tiny House Village in Mehlmeisel verbracht. Wir wollten wissen, ob in einem Tiny House zu leben, für uns eine Option ist. Das Ergebnis vorweg genommen: Die Antwort ist ein klares Vielleicht!

Zunächst zum Tiny House Village. Hier haben wir uns richtig wohl gefühlt. Das Tiny war super in Schuss, wir wurden freundlich aufgenommen und die Umgebung ist im Winter einfach ein Traum. Fünf Minuten zu Fuß entfernt sind Pisten zum Skifahren und Rodeln, und das Fichtelgebirge verführt zu langen Spaziergängen. Die Winterzeit hatten wir jedoch nicht deshalb gewählt, sondern weil die frühe Dämmerung und die Kälte ein Ausweichen nach Draußen limitieren. Quasi ein Härtetest!

Letztlich können wir es uns beide grundsätzlich vorstellen, dauerhaft in einem Tiny zu leben. Unsere fünf größten "Abers" wurden durch den Aufenthalt zerstreut:
  • Es lässt sich prima heizen, wird rasch warm und hält die Wärme auch ausreichend lang.
  • Das Schlafloft wirkt keineswegs beengt, und auch hinauf zu gelangen ist völlig unproblematisch.
  • Die Küche ist trotz des kleinen Maßes nicht so, dass Platzmangel bestünde oder Einschränkungen gegeben wären, die sich nicht überleben ließen.
  • Küchengerüche verbreiten sich nicht in dem Maß, wie wir es befürchtet hatten, und das Lüften reicht bereits.
  • Durch das zumindest in diesem Tiny räumlich abgetrennten Loft ist es trotz der kleinen Grundfläche möglich, sich zurückzuziehen - man hängt also nicht permanent aufeinander (es sei denn man möchte es so).
Dafür kamen neue "Abers" auf, für die wir derzeit keine Lösung sehen, die von einem Standard-Tiny geliefert werden könnte:
  • Regina und ich sind beide Künstler - wir sehen keinen Platz für Gitarre, Mandoline, Geige und all das Equipment, das dazugehört.
  • Wir machen beide regelmäßig Sport zu Hause - auch hier fehlt der Raum.
  • Bereits mit unseren Winterjacken ist der Hängeschrank voll; den Platz, um die Jacken für den Frühling und Herbst unterzubringen und noch mehr die Kostüme für Auftritte sehen wir zumindest bei einem Standard-Tiny nicht.
  • Freiberuflicher Arbeit nachzugehen, bringt auch einen Bedarf an Bürofläche mit sich, den das Tiny gleichfalls nicht abdecken kann.
  • Zudem sehen wir hier den Platz für eine Waschmaschine nicht - hier in Friedberg habe ich zum Glück den Waschsalon in der Nähe und brauchte bislang keine.
Fazit

Wir können uns sehr gut vorstellen in einem Tiny zu leben, doch sind die 18 Quadratmeter Grundfläche des ansonsten wundervollen "Nordic Fjöl" von Diekmann für unsere Bedarfe zu klein. Zwei Meter länger, sich mit Gleichgesinnten zusammengetan, vielleicht ein Gemeinschaftshaus mit gemeinsam genutzten Sport- und Wäscheräumen und schon wären wir wieder im Geschäft. Wir bleiben am Ball!
Weiter würde ich ein Tiny bauen lassen, dessen Wände diffusionsoffen sind. Die dichten, schmalen Wände sind vermutlich ein Kompromiss, um das Höchstgewicht für das Ziehen mit einem B-Führerschein nicht zu überschreiten. Ich bliebe jedoch lieber an einem Ort, wenn ich dafür eine natürliche Feuchtigkeitsregulation erhalte.
Auf jeden Fall kann ich jedem, der sich für Tinys interessiert, nur ans Herz legen, hier mal probezuwohnen. Die drei Tage waren in jeder Hinsicht ein Gewinn.

Donnerstag, 23. Januar 2020

Tage im Tiny House Village in Mehlmeisel 3/3

Tage im Tiny House Village in Mehlmeisel 3/3
Der dritte Tag in der Tiny House Siedlung in Mehlmeisel ist angebrochen. Wir waren ausgiebig im Fichtelgebirge wandern. Da ist der Wunsch, sich im Anschluss frisch zu machen, gerechtfertigt. Bei der Badezimmernutzung waren definitiv Absprachen zwischen uns nötig. Für eine Person war es zwar absolut ausreichend. Ohne irgendwo anzustoßen konnten wir uns einzeln fertigmachen. Die Dusche hat Normalgröße, und auch auf der Toilette zu sitzen geht, ohne sich zuvor warm gemacht und gedehnt zu haben. Es gleichzeitig zu zweit zu nutzen, war jedoch undenkbar. Stauraum für unser beider bereits sehr minimalistisch angelegten Badezimmerutensilien haben wir jedenfalls ausreichend gefunden. Natürlich ist auch hier wieder mit der Luftfeuchtigkeit und der Ansammlung von Kondenswasser an den Fenstern umzugehen - ich denke, wir würden hier auf lange Sicht auf eine automatische Luftfeuchtigkeitsregulation für das gesamte Tiny zurückgreifen.


Im Anschluss haben wir unseren Plan weiterverfolgt, den Urlaub im Tiny House Village möglichst alltagsgetreu zu gestalten. Also haben wir beide am Laptop gearbeitet. Hier hat das Tiny House, ebenso wie es beim Schlafbereich realisiert ist, die Möglichkeit das Loft zu nutzen. Über wenige Stufen, die jedoch nur große Menschen bequem erklimmen können, gelangt man hoch. Mit baumelnden Füßen in zwei Meter Höhe ließe sich prima arbeiten, wenn nicht die ganze Wärme unter der Decke gestaut wäre. Nach wenigen Minuten war ich mit hochrotem Kopf wieder auf die Couch geklettert, und wir arbeiteten nebeneinander. War auch viel schöner so. Wie hätte ich Regina sonst mit unqualifizierten Bemerkungen ablenken können, da sie ja extra einen Kopfhörer trug, an dem ich so weit entfernt gar nicht hätte zupfen können.

Mittwoch, 22. Januar 2020

Tage im Tiny House Village in Mehlmeisel 2/3

Tage im Tiny House Village in Mehlmeisel 2/3
Heute Mittag haben wir gekocht, und auch hier waren wir begeistert, dass wir zu zweit auf dieser kleinen Küchenzeile kochen konnte, ohne dass uns im Anschluss wichtige Finger fehlten oder wir übereinander gestolpert waren. Mit zwei Kochplatten zurecht zu kommen, war ebenso wenig ein Problem. Zwar sind in den meisten Küchen zumindest vier vorzufinden, doch für die Alltagsküche nutze ich zumeist auch nur allenthalben zwei, in der Regel sogar nur eine. Es gab Pasta mit frischem Pfannengemüse.


Erwartungsgemäß geschah das, was auch in der häuslichen Küche passiert, wenn sie nur einen einzigen Raum ausfüllt: Sie heizt sich auf und die Feuchtigkeit steigt. Folglich regulierte sich die Elektroheizung runter, und wir mussten im Anschluss wieder eine halbe Minute querlüften, damit das Hygrometer wieder einen Smiley zeigte. Das Tischdecken ging ruck zuck, da kein einziger Schritt zu gehen war, um von der Besteckschublade dorthin zu gelangen. Das spart Zeit und erhöht den Anteil, den man mit dem Wesentlichen verbringt: Dem Essen zu zweit!


Abschließend noch ein kleiner Rückblick auf die zweite Übernachtung im Tiny House. Wieder war die Nacht sehr erholsam - die Stille hier ist ein Traum. Und bestimmt hätte ich auch länger geschlafen, wäre ich nicht erst mit meinem Kopfkissen an die Scheibe gekommen, hätte der Stoff nicht das Kondenswasser aufgenommen und ich nicht von Panik erfüllt später die feuchte Stelle erfühlt. Hätte nie gedacht, dass ich mich mal freuen würde, dass nur Kondenswasser auf der Bettwäsche ist.

Dienstag, 21. Januar 2020

Tage im Tiny House Village in Mehlmeisel 1/3

Tage im Tiny House Village in Mehlmeisel 1/3
Gestern waren Regina und ich im Tiny House Village in Mehlmeisel angekommen. Wir wollen drei Tage nutzen, um möglichst viel Alltagsleben in einem Tiny House zu simulieren. Die Siedlung hier im Fichtelgebirge wirkt wirklich idyllisch, und wir sind sehr freundlich empfangen worden. Nach Schlüsselübergabe deckten wir gleich den Tisch und aßen zu Abend. Was sofort auffiel, war die Wirkung der kurzen Wege. Es liegt nicht ein Schritt zwischen Küche und Essbereich. Das Tischdecken und Abräumen ging so schnell, dass wir erst einmal verwundert im Raum standen. Den Abend verbrachten wir dann gemütlich auf der Couch, bis wir die verwinkelten Treppenstufen ins Schlafloft nutzten und die zweite Überraschung erlebten.


Wir hatten beide die Erwartungshaltung, dass es ein beengtes Gefühl geben würde, an einem Platz zu schlafen, an dem man seine Arme im Liegen nicht nach oben ausstrecken kann. Das war keinesfalls so. Keiner von uns hat auch nur einmal die Decke beim Schlafen berührt. Auch war die Länge nicht so, dass einer von uns von den Wänden beengt worden wäre. Wir hatten beide einen erholsamen Schlaf. Was erwartungsgemäß geschah, war, dass die Luftfeuchtigkeit anstieg. Kondenswasser hatte sich an allen Fenstern gebildet. Kein Wunder, wenn zwei Menschen sich über Stunden in nur einem Raum aufhalten. Das Hygrometer zeigte jedoch keine Luftfeuchte an, die Schimmelgefahr mit sich gebracht hätte. Wir haben das Wasser mit einem Tuch aufgenommen und mussten lediglich mit allen geöffneten Fenstern eine halbe Minute querlüften, um die Raumfeuchte wieder auf den Normalstand zu senken. Das werden wir heute Abend vor dem Zubettgehen wiederholen. Jetzt wird erst einmal gefrühstückt. Tina, die den Hotelbetrieb managt, hat sie schon auf der Veranda platziert.

Das hat sich gewaschen!

Das hat sich gewaschen!
Was hat sich gewaschen und ist grün? Vielleicht ein Frosch? Möglicherweise aber auch ein Unternehmen, dass den Anschein erwecken will, sich um die ökologischen Auswirkungen seines Handelns zu scheren. Beispiele gibt es so viele. Jüngst traf sich Siemens-Chef Kaeser mit der Friday-for-Future-Aktivistin Luisa Neubauer. Eine augenscheinliche PR-Kampagne eines Unternehmens, das nur wenige Tage später mitteilte, trotz der deutlich in Australien feststellbaren Auswirkungen des Klimawandels an seiner Beteiligung am Bau des größten Kohlekraftwerks der Welt ebenda festzuhalten.

Schauen wir auf die zahlreichen Supermärkte, die Plastiktüten aus dem Sortiment nehmen und dafür Papiertüten ins Programm, von denen bekannt ist, dass sie durch den höheren Energieverbrauch bei der Produktion sogar mehr CO2 freisetzen als ihre erdölbasierten Geschwister. Um das auszugleichen, steht auf der Tüte „goes green“. Habe ich meinen Stoffbeutel vergessen mitzubringen, kann ich dadurch dennoch nach außen zeigen, wie ernst ich es mit der Natur nehme. 

Oder McDonalds. Seit einem dreiviertel Jahr hat die Fast-Food-Kette einen veganen Burger im Programm. Ist Ronald McDonald nun ein Öko? Oder könnte es nicht vielmehr damit zu tun haben, dass der Konzern seit Jahren Umsatzrückgänge erleidet und sich einen Zugang zur durchaus potenten Käuferschicht der Veganer und Vegetarier verschaffen will? Im Jahr 2019 verdienten rund 15,7 Prozent derer zwischen 1.000 und 1.500 Euro im Monat; in der deutschen Bevölkerung insgesamt waren es 18,3 Prozent. Das erklärt, weshalb vegane Produkte deutlich teurer verkauft werden können. Beispielsweise kostet die Geflügelfleischwurst von Wiesenhof 6,20 Euro je Kilo, die vegetarische Alternative schlägt mit 14,20 Euro zu Buche. Und das obwohl zu erwarten ist, dass die pflanzlichen Zutaten zur Herstellung günstiger sind als die tierischen. Auch Rügenwalder-Chef Röben hat das erkannt und baut sein Sortiment merklich um. Doch ist das schlecht? Zum Stichtag 3. November 2019 wurden in Deutschland 25,9 Millionen Schweine gehalten. Das sind zwei Prozent weniger als im Vorjahr. 11,6 Millionen Rinder gab es und damit sogar 2,5 Prozent weniger. Auch die Mengen an Geflügel haben sich um ein Prozent reduziert, lässt sich auf der Homepage des Statistischen Bundesamtes recherchieren. Ist das noch Greenwashing? Millionen Tiere, die weniger leiden müssen und dafür müssen wir nur ein paar Euro mehr ausgeben, um uns mit einer Veggi-Wurst ebenfalls moralisch grün zu waschen. Oder nehmen wir Ökostrom. Meinen letzten Anbieter habe ich gewechselt, nachdem ich mir die Beteiligungen angeschaut hatte und feststellen musste, welche Muttergesellschaft die Gewinne einstreicht, nämlich jene, die an anderer Stelle viel Energie darauf verwandte, den Hambacher Forst abzuholzen.

Und damit schließt sich der Kreis. Ich habe mit dem weltgrößten Kohlekraftwerk gestartet und bin nun bei Deutschlands größtem Energieversorger gelandet. Mit dem möchte ich jedoch nicht enden, sondern mit meiner Antwort auf die Frage der Einordnung von Greenwashing. Nicht alles, was grün aussieht, ist auch grün. Man muss hinterfragen und darf nie müde werden, sich zu informieren. Ein Konzern, der seine Angebot zu Gunsten ökologischer Alternativen umbaut, betreibt das Waschen vermutlich mehr mit dem Ziel, sauberer zu werden. Einer, der sein Angebot nur ergänzt, hat wohl eher das Ziel, Image und Gewinn zu steigern. Wie überall im Leben also: Es ist nicht alles Gold, was glänzt, und grün schon gar nicht.

Dienstag, 7. Januar 2020

Neue gute Vorsätze!

Neue gute Vorsätze! 
Bevor die Gäste abends am Jahresletzten kamen, schmökerte ich im „Bank Spiegel“. Auf Seite zehn stolperte ich über ein Interview mit Thomas Friemel, dem Gründer des Wirtschaftsmagazins enorm, und blieb bei folgendem Zitat hängen: „Ob wir unverpackt einkaufen, auf Plastik und Fleisch verzichten, Mitglied einer solidarischen Landwirtschaft werden, aufs Fliegen und sogar aufs Auto verzichten – allein hat das natürlich so gut wie keine Auswirkung auf das Weltklima.“ Das stimmte mich nachdenklich! Als wir dann am Silvesterabend zusammensaßen, tauschten wir uns natürlich auch darüber und unsere guten Vorsätze für das neue Jahr aus. Eine Freundin sagte, sie habe sich am Nachmittag ihre letztjährige Liste an Neujahrsvorsätzen angeschaut und feststellen müssen, dass sie nicht einen ihrer Punkte erfüllt hatte. Ist das bedeutungslos für die Umwelt? Ich dachte über meine eigenen Vorsätze für 2019 nach und konnte mich nicht erinnern. Wollte ich meine Ginkgo biloba regelmäßiger nehmen? Hatte ich wohl vergessen! Ha, Ha! (Mein Vorsatz sollte sein, weniger schlechte Witze zu machen!) Ich war mir allerdings sicher, ich hatte keine.

Zum Glück schreibe ich diese Kolumne und kann einfach in meinem Beitrag von letztem Neujahr nachlesen: Tatsächlich hatte ich mir vorgenommen, nicht ganz so verbissen an meine Umweltthemen heranzugehen. Ich muss nun zugeben, auch ich habe meine guten Vorsätze für das letzte Jahr nicht erfüllt. Es fiel mir tatsächlich schwer, es locker zu sehen. In 2019 war der drittheißeste Sommer, erstmals wurde die 42 Grad-Marke in Deutschland überschritten. Dazu kam extreme Trockenheit. Und für das neue Jahr sieht es nicht besser aus. Große Hitze mit Temperaturen jenseits der 40 Grad sollen den Sommer erneut im Griff haben. Ja, ich bin ein Gegner der Klimakrise! In der Strahlungswärme dieser Fakten und Prognosen sagte ich zu mehr Vorträgen und Workshops zu als je zuvor. Auch mein eigenes Leben hatte ich ökologisch weiter optimiert – weniger Müll, weniger Konsum, mehr Fahrten mit dem ÖPNV.

Zurück zu Herrn Friemel! Natürlich ging das Zitat weiter, und zwar dahingehend, dass es wichtig sei, dass „jede*r Einzelne von uns entsprechende Schritte unternimmt“, weil eben nur so ein Systemwechsel möglich ist. Drei bis fünf Prozent einer Gesellschaft brauche es, damit „ein System kippt“, sagt der Sozialpsychologe Professor Harald Welzer, und Albert Schweitzer ergänzt: „Das gute Beispiel ist nicht eine Möglichkeit, andere Menschen zu beeinflussen, es ist die einzige." Mein guter Vorsatz für dieses Jahr kann also nur einer sein: Weiter an mir zu arbeiten und mit Glück, andere zu inspirieren. Die richtigen politischen Entscheidungen zu treffen, benötigt einen entsprechenden Nährboden. Wenn ich nicht weiß, wie die derzeitige Milch- und Fleischwirtschaft, unser Individualverkehr oder unsere Wegwerfgesellschaft auf das Klima wirken, werde ich weder meinem Leben eine zukunftsfähige Richtung geben, noch bei der nächsten Wahl das Kreuz an der richtigen Stelle setzen.

Wir können nicht mehr so leben wie in meiner Kindheit. Mit nur einer halb so großen Weltbevölkerung war es leicht, verschwenderisch mit unseren Ressourcen umzugehen. Als Kind wurden mir und meinen Freunden immer vorgegeben, wir sollen unsere Teller leer essen, damit die Sonne scheint. Was haben wir heute davon? Übergewicht und die Klimaerwärmung. Zum Glück habe ich mir den Schlechte-Witze-Vorsatz doch nicht geschworen. Ich hätte ihn schon gebrochen. Ha, ha! Ich wünsche ein frohes neues Jahr und ein grüneres 2020! 

Dienstag, 24. Dezember 2019

Veganuary statt Würstchen mit Kartoffelsalat

Veganuary statt Würstchen mit Kartoffelsalat (Abbildung ähnlich ;-))

Heute ist Heiligabend. Was gibt es bei euch? Ich überrasche meine Freundin mit Rotkohl, Klößen und Rouladen. Die Klöße kommen ohne Ei und Butter aus, und meine von Senf und Zwiebeln umgebenen Essiggürkchen sind von Seitan umwickelt. Darauf, ob meine wie original Klöße schmecken oder ob die Fleischbeilage dem Rind möglichst ähnlich ist, kommt es mir nicht an. Es soll munden, und das tut es. Nach einer Umfrage unter 1.284 Personen aus dem Oktober 2014 essen mit 36 Prozent die meisten Deutschen an Heiligabend Würstchen und Kartoffelsalat. Da bin ich als einer unter den sechs Prozent, die an Heiligabend vegetarisch essen, noch recht einsam. Dabei ist es zumindest nicht widerlegbar, dass der Heiland selbst und die Urchristen vermutlich Vegetarier waren, nachzulesen in Carl Anders Skrivers „Die Lebensweise Jesu und der ersten Christen“. Kirchenvater Clemens von Alexandrien (150-215 n. Chr.) schreibt über Matthäus, dass er "von Pflanzenspeisen lebte und kein Fleisch berührte" (Paidagogos, II. 1, 16). Die Ebioniten antworteten Kirchenlehrer Epiphanius von Salamis (315-403 n. Chr.) auf die Frage, warum sie Fleisch strikt ablehnten, Jesus habe es so gesagt (Panarion 30, 18, 9). Seit dessen Tod hat sich diese Maxime etwas verloren, doch auch in der Moderne ist der Ansatz nicht ganz verloren gegangen. Auch für den zeitgenössischen römisch-katholischen Theologen Kurt Remele sollte Vegetarismus Christenpflicht sein, und selbst Papst Franziskus spricht vom Band, das alle Lebewesen verbindet. Warum also nicht zumindest an Heiligabend oder an einem der Weihnachtstage fleischlos bleiben und sich wie Jesus Bruder Jakobus „von Sämereien und Pflanzen“ (Augustinus, Epistulae contra Faustum XXII, 3) ernähren?

Ihr schenkt Mindermeinungen der christlichen Lehre keinen Glauben oder haltet es eher mit heidnischen Bräuchen? Wie wäre es dann mit den guten Vorsätzen zum neuen Jahr. Als der römische Kaiser Theodosius I. im Jahr 380 das Christentum zur Staatsreligion erklärte, verhalf er ihm nicht nur zum Rang einer Weltreligion, auch einer neuen Zeitrechnung wurde des Tor geöffnet. Ursprünglich begann das neue Jahr der Christen am Osterfest. Die Römer feierten ihr Neujahrsfest schon seit der Zeit des 2. römischen Königs Numa Pompilius (750 - 672 v. Chr.) zu Ehren ihres Gottes Janus zu Beginn des Monats Januar. Dieser Tradition entstammen nach dem britischen Klassikforscher Richard Alston auch die Neujahrsvorsätze. Am ersten Januar bekräftigten die höchsten Beamten ihre Loyalität und legten vor dem Kaiser Eide ab. Laut einer Forsa-Studie im Auftrag der DAK-Krankenkasse aus diesem Jahr mit mehr als 3.500 Befragten nehmen sich die meisten Deutschen vor, sich im neuen Jahr gesünder zu ernähren (49 Prozent) oder abzunehmen (34 Prozent). Beides Ziele, die sich mit einer pflanzlichen Ernährung erreichen lassen. Prominente Deutsche machen es vor. Der Comedian Kaya Yanar ernnährt sich seit 2014 vegan, der YouTouber Rezo seit seinem 15. Lebensjahr und der Schauspieler Ralf Moeller seit mehr als drei Jahren.  Warum diese Beispiele? Sie sind drei von vielen Unterstützern der Kampagne „Veganuary“, die 2020 erstmalig in Deutschland stattfindet. Als guten Vorsatz den Januar gemeinsam vegan zu leben, ist das Ziel. Mehr dazu gibt es auf der gleichnamigen Homepage zu erfahren. Was, frage ich euch, haben die Römer je für uns getan? Vielleicht den einen oder anderen Christen zu den Ursprüngen zurückgeführt. Wer weiß?

Ich wünsche frohe Weihnachtstage und einen guten Start ins neue Jahr.