Freitag, 24. Januar 2020

Tage im Tiny House Village in Mehlmeisel - Fazit

Tage im Tiny House Village in Mehlmeisel - Fazit
Drei Nächte und drei Tage haben wir nun im Tiny House Village in Mehlmeisel verbracht. Wir wollten wissen, ob in einem Tiny House zu leben, für uns eine Option ist. Das Ergebnis vorweg genommen: Die Antwort ist ein klares Vielleicht!

Zunächst zum Tiny House Village. Hier haben wir uns richtig wohl gefühlt. Das Tiny war super in Schuss, wir wurden freundlich aufgenommen und die Umgebung ist im Winter einfach ein Traum. Fünf Minuten zu Fuß entfernt sind Pisten zum Skifahren und Rodeln, und das Fichtelgebirge verführt zu langen Spaziergängen. Die Winterzeit hatten wir jedoch nicht deshalb gewählt, sondern weil die frühe Dämmerung und die Kälte ein Ausweichen nach Draußen limitieren. Quasi ein Härtetest!

Letztlich können wir es uns beide grundsätzlich vorstellen, dauerhaft in einem Tiny zu leben. Unsere fünf größten "Abers" wurden durch den Aufenthalt zerstreut:
  • Es lässt sich prima heizen, wird rasch warm und hält die Wärme auch ausreichend lang.
  • Das Schlafloft wirkt keineswegs beengt, und auch hinauf zu gelangen ist völlig unproblematisch.
  • Die Küche ist trotz des kleinen Maßes nicht so, dass Platzmangel bestünde oder Einschränkungen gegeben wären, die sich nicht überleben ließen.
  • Küchengerüche verbreiten sich nicht in dem Maß, wie wir es befürchtet hatten, und das Lüften reicht bereits.
  • Durch das zumindest in diesem Tiny räumlich abgetrennten Loft ist es trotz der kleinen Grundfläche möglich, sich zurückzuziehen - man hängt also nicht permanent aufeinander (es sei denn man möchte es so).
Dafür kamen neue "Abers" auf, für die wir derzeit keine Lösung sehen, die von einem Standard-Tiny geliefert werden könnte:
  • Regina und ich sind beide Künstler - wir sehen keinen Platz für Gitarre, Mandoline, Geige und all das Equipment, das dazugehört.
  • Wir machen beide regelmäßig Sport zu Hause - auch hier fehlt der Raum.
  • Bereits mit unseren Winterjacken ist der Hängeschrank voll; den Platz, um die Jacken für den Frühling und Herbst unterzubringen und noch mehr die Kostüme für Auftritte sehen wir zumindest bei einem Standard-Tiny nicht.
  • Freiberuflicher Arbeit nachzugehen, bringt auch einen Bedarf an Bürofläche mit sich, den das Tiny gleichfalls nicht abdecken kann.
  • Zudem sehen wir hier den Platz für eine Waschmaschine nicht - hier in Friedberg habe ich zum Glück den Waschsalon in der Nähe und brauchte bislang keine.
Fazit

Wir können uns sehr gut vorstellen in einem Tiny zu leben, doch sind die 18 Quadratmeter Grundfläche des ansonsten wundervollen "Nordic Fjöl" von Diekmann für unsere Bedarfe zu klein. Zwei Meter länger, sich mit Gleichgesinnten zusammengetan, vielleicht ein Gemeinschaftshaus mit gemeinsam genutzten Sport- und Wäscheräumen und schon wären wir wieder im Geschäft. Wir bleiben am Ball!
Weiter würde ich ein Tiny bauen lassen, dessen Wände diffusionsoffen sind. Die dichten, schmalen Wände sind vermutlich ein Kompromiss, um das Höchstgewicht für das Ziehen mit einem B-Führerschein nicht zu überschreiten. Ich bliebe jedoch lieber an einem Ort, wenn ich dafür eine natürliche Feuchtigkeitsregulation erhalte.
Auf jeden Fall kann ich jedem, der sich für Tinys interessiert, nur ans Herz legen, hier mal probezuwohnen. Die drei Tage waren in jeder Hinsicht ein Gewinn.

Donnerstag, 23. Januar 2020

Tage im Tiny House Village in Mehlmeisel 3/3

Tage im Tiny House Village in Mehlmeisel 3/3
Der dritte Tag in der Tiny House Siedlung in Mehlmeisel ist angebrochen. Wir waren ausgiebig im Fichtelgebirge wandern. Da ist der Wunsch, sich im Anschluss frisch zu machen, gerechtfertigt. Bei der Badezimmernutzung waren definitiv Absprachen zwischen uns nötig. Für eine Person war es zwar absolut ausreichend. Ohne irgendwo anzustoßen konnten wir uns einzeln fertigmachen. Die Dusche hat Normalgröße, und auch auf der Toilette zu sitzen geht, ohne sich zuvor warm gemacht und gedehnt zu haben. Es gleichzeitig zu zweit zu nutzen, war jedoch undenkbar. Stauraum für unser beider bereits sehr minimalistisch angelegten Badezimmerutensilien haben wir jedenfalls ausreichend gefunden. Natürlich ist auch hier wieder mit der Luftfeuchtigkeit und der Ansammlung von Kondenswasser an den Fenstern umzugehen - ich denke, wir würden hier auf lange Sicht auf eine automatische Luftfeuchtigkeitsregulation für das gesamte Tiny zurückgreifen.


Im Anschluss haben wir unseren Plan weiterverfolgt, den Urlaub im Tiny House Village möglichst alltagsgetreu zu gestalten. Also haben wir beide am Laptop gearbeitet. Hier hat das Tiny House, ebenso wie es beim Schlafbereich realisiert ist, die Möglichkeit das Loft zu nutzen. Über wenige Stufen, die jedoch nur große Menschen bequem erklimmen können, gelangt man hoch. Mit baumelnden Füßen in zwei Meter Höhe ließe sich prima arbeiten, wenn nicht die ganze Wärme unter der Decke gestaut wäre. Nach wenigen Minuten war ich mit hochrotem Kopf wieder auf die Couch geklettert, und wir arbeiteten nebeneinander. War auch viel schöner so. Wie hätte ich Regina sonst mit unqualifizierten Bemerkungen ablenken können, da sie ja extra einen Kopfhörer trug, an dem ich so weit entfernt gar nicht hätte zupfen können.

Mittwoch, 22. Januar 2020

Tage im Tiny House Village in Mehlmeisel 2/3

Tage im Tiny House Village in Mehlmeisel 2/3
Heute Mittag haben wir gekocht, und auch hier waren wir begeistert, dass wir zu zweit auf dieser kleinen Küchenzeile kochen konnte, ohne dass uns im Anschluss wichtige Finger fehlten oder wir übereinander gestolpert waren. Mit zwei Kochplatten zurecht zu kommen, war ebenso wenig ein Problem. Zwar sind in den meisten Küchen zumindest vier vorzufinden, doch für die Alltagsküche nutze ich zumeist auch nur allenthalben zwei, in der Regel sogar nur eine. Es gab Pasta mit frischem Pfannengemüse.


Erwartungsgemäß geschah das, was auch in der häuslichen Küche passiert, wenn sie nur einen einzigen Raum ausfüllt: Sie heizt sich auf und die Feuchtigkeit steigt. Folglich regulierte sich die Elektroheizung runter, und wir mussten im Anschluss wieder eine halbe Minute querlüften, damit das Hygrometer wieder einen Smiley zeigte. Das Tischdecken ging ruck zuck, da kein einziger Schritt zu gehen war, um von der Besteckschublade dorthin zu gelangen. Das spart Zeit und erhöht den Anteil, den man mit dem Wesentlichen verbringt: Dem Essen zu zweit!


Abschließend noch ein kleiner Rückblick auf die zweite Übernachtung im Tiny House. Wieder war die Nacht sehr erholsam - die Stille hier ist ein Traum. Und bestimmt hätte ich auch länger geschlafen, wäre ich nicht erst mit meinem Kopfkissen an die Scheibe gekommen, hätte der Stoff nicht das Kondenswasser aufgenommen und ich nicht von Panik erfüllt später die feuchte Stelle erfühlt. Hätte nie gedacht, dass ich mich mal freuen würde, dass nur Kondenswasser auf der Bettwäsche ist.

Dienstag, 21. Januar 2020

Tage im Tiny House Village in Mehlmeisel 1/3

Tage im Tiny House Village in Mehlmeisel 1/3
Gestern waren Regina und ich im Tiny House Village in Mehlmeisel angekommen. Wir wollen drei Tage nutzen, um möglichst viel Alltagsleben in einem Tiny House zu simulieren. Die Siedlung hier im Fichtelgebirge wirkt wirklich idyllisch, und wir sind sehr freundlich empfangen worden. Nach Schlüsselübergabe deckten wir gleich den Tisch und aßen zu Abend. Was sofort auffiel, war die Wirkung der kurzen Wege. Es liegt nicht ein Schritt zwischen Küche und Essbereich. Das Tischdecken und Abräumen ging so schnell, dass wir erst einmal verwundert im Raum standen. Den Abend verbrachten wir dann gemütlich auf der Couch, bis wir die verwinkelten Treppenstufen ins Schlafloft nutzten und die zweite Überraschung erlebten.


Wir hatten beide die Erwartungshaltung, dass es ein beengtes Gefühl geben würde, an einem Platz zu schlafen, an dem man seine Arme im Liegen nicht nach oben ausstrecken kann. Das war keinesfalls so. Keiner von uns hat auch nur einmal die Decke beim Schlafen berührt. Auch war die Länge nicht so, dass einer von uns von den Wänden beengt worden wäre. Wir hatten beide einen erholsamen Schlaf. Was erwartungsgemäß geschah, war, dass die Luftfeuchtigkeit anstieg. Kondenswasser hatte sich an allen Fenstern gebildet. Kein Wunder, wenn zwei Menschen sich über Stunden in nur einem Raum aufhalten. Das Hygrometer zeigte jedoch keine Luftfeuchte an, die Schimmelgefahr mit sich gebracht hätte. Wir haben das Wasser mit einem Tuch aufgenommen und mussten lediglich mit allen geöffneten Fenstern eine halbe Minute querlüften, um die Raumfeuchte wieder auf den Normalstand zu senken. Das werden wir heute Abend vor dem Zubettgehen wiederholen. Jetzt wird erst einmal gefrühstückt. Tina, die den Hotelbetrieb managt, hat sie schon auf der Veranda platziert.

Das hat sich gewaschen!

Das hat sich gewaschen!
Was hat sich gewaschen und ist grün? Vielleicht ein Frosch? Möglicherweise aber auch ein Unternehmen, dass den Anschein erwecken will, sich um die ökologischen Auswirkungen seines Handelns zu scheren. Beispiele gibt es so viele. Jüngst traf sich Siemens-Chef Kaeser mit der Friday-for-Future-Aktivistin Luisa Neubauer. Eine augenscheinliche PR-Kampagne eines Unternehmens, das nur wenige Tage später mitteilte, trotz der deutlich in Australien feststellbaren Auswirkungen des Klimawandels an seiner Beteiligung am Bau des größten Kohlekraftwerks der Welt ebenda festzuhalten.

Schauen wir auf die zahlreichen Supermärkte, die Plastiktüten aus dem Sortiment nehmen und dafür Papiertüten ins Programm, von denen bekannt ist, dass sie durch den höheren Energieverbrauch bei der Produktion sogar mehr CO2 freisetzen als ihre erdölbasierten Geschwister. Um das auszugleichen, steht auf der Tüte „goes green“. Habe ich meinen Stoffbeutel vergessen mitzubringen, kann ich dadurch dennoch nach außen zeigen, wie ernst ich es mit der Natur nehme. 

Oder McDonalds. Seit einem dreiviertel Jahr hat die Fast-Food-Kette einen veganen Burger im Programm. Ist Ronald McDonald nun ein Öko? Oder könnte es nicht vielmehr damit zu tun haben, dass der Konzern seit Jahren Umsatzrückgänge erleidet und sich einen Zugang zur durchaus potenten Käuferschicht der Veganer und Vegetarier verschaffen will? Im Jahr 2019 verdienten rund 15,7 Prozent derer zwischen 1.000 und 1.500 Euro im Monat; in der deutschen Bevölkerung insgesamt waren es 18,3 Prozent. Das erklärt, weshalb vegane Produkte deutlich teurer verkauft werden können. Beispielsweise kostet die Geflügelfleischwurst von Wiesenhof 6,20 Euro je Kilo, die vegetarische Alternative schlägt mit 14,20 Euro zu Buche. Und das obwohl zu erwarten ist, dass die pflanzlichen Zutaten zur Herstellung günstiger sind als die tierischen. Auch Rügenwalder-Chef Röben hat das erkannt und baut sein Sortiment merklich um. Doch ist das schlecht? Zum Stichtag 3. November 2019 wurden in Deutschland 25,9 Millionen Schweine gehalten. Das sind zwei Prozent weniger als im Vorjahr. 11,6 Millionen Rinder gab es und damit sogar 2,5 Prozent weniger. Auch die Mengen an Geflügel haben sich um ein Prozent reduziert, lässt sich auf der Homepage des Statistischen Bundesamtes recherchieren. Ist das noch Greenwashing? Millionen Tiere, die weniger leiden müssen und dafür müssen wir nur ein paar Euro mehr ausgeben, um uns mit einer Veggi-Wurst ebenfalls moralisch grün zu waschen. Oder nehmen wir Ökostrom. Meinen letzten Anbieter habe ich gewechselt, nachdem ich mir die Beteiligungen angeschaut hatte und feststellen musste, welche Muttergesellschaft die Gewinne einstreicht, nämlich jene, die an anderer Stelle viel Energie darauf verwandte, den Hambacher Forst abzuholzen.

Und damit schließt sich der Kreis. Ich habe mit dem weltgrößten Kohlekraftwerk gestartet und bin nun bei Deutschlands größtem Energieversorger gelandet. Mit dem möchte ich jedoch nicht enden, sondern mit meiner Antwort auf die Frage der Einordnung von Greenwashing. Nicht alles, was grün aussieht, ist auch grün. Man muss hinterfragen und darf nie müde werden, sich zu informieren. Ein Konzern, der seine Angebot zu Gunsten ökologischer Alternativen umbaut, betreibt das Waschen vermutlich mehr mit dem Ziel, sauberer zu werden. Einer, der sein Angebot nur ergänzt, hat wohl eher das Ziel, Image und Gewinn zu steigern. Wie überall im Leben also: Es ist nicht alles Gold, was glänzt, und grün schon gar nicht.

Dienstag, 7. Januar 2020

Neue gute Vorsätze!

Neue gute Vorsätze! 
Bevor die Gäste abends am Jahresletzten kamen, schmökerte ich im „Bank Spiegel“. Auf Seite zehn stolperte ich über ein Interview mit Thomas Friemel, dem Gründer des Wirtschaftsmagazins enorm, und blieb bei folgendem Zitat hängen: „Ob wir unverpackt einkaufen, auf Plastik und Fleisch verzichten, Mitglied einer solidarischen Landwirtschaft werden, aufs Fliegen und sogar aufs Auto verzichten – allein hat das natürlich so gut wie keine Auswirkung auf das Weltklima.“ Das stimmte mich nachdenklich! Als wir dann am Silvesterabend zusammensaßen, tauschten wir uns natürlich auch darüber und unsere guten Vorsätze für das neue Jahr aus. Eine Freundin sagte, sie habe sich am Nachmittag ihre letztjährige Liste an Neujahrsvorsätzen angeschaut und feststellen müssen, dass sie nicht einen ihrer Punkte erfüllt hatte. Ist das bedeutungslos für die Umwelt? Ich dachte über meine eigenen Vorsätze für 2019 nach und konnte mich nicht erinnern. Wollte ich meine Ginkgo biloba regelmäßiger nehmen? Hatte ich wohl vergessen! Ha, Ha! (Mein Vorsatz sollte sein, weniger schlechte Witze zu machen!) Ich war mir allerdings sicher, ich hatte keine.

Zum Glück schreibe ich diese Kolumne und kann einfach in meinem Beitrag von letztem Neujahr nachlesen: Tatsächlich hatte ich mir vorgenommen, nicht ganz so verbissen an meine Umweltthemen heranzugehen. Ich muss nun zugeben, auch ich habe meine guten Vorsätze für das letzte Jahr nicht erfüllt. Es fiel mir tatsächlich schwer, es locker zu sehen. In 2019 war der drittheißeste Sommer, erstmals wurde die 42 Grad-Marke in Deutschland überschritten. Dazu kam extreme Trockenheit. Und für das neue Jahr sieht es nicht besser aus. Große Hitze mit Temperaturen jenseits der 40 Grad sollen den Sommer erneut im Griff haben. Ja, ich bin ein Gegner der Klimakrise! In der Strahlungswärme dieser Fakten und Prognosen sagte ich zu mehr Vorträgen und Workshops zu als je zuvor. Auch mein eigenes Leben hatte ich ökologisch weiter optimiert – weniger Müll, weniger Konsum, mehr Fahrten mit dem ÖPNV.

Zurück zu Herrn Friemel! Natürlich ging das Zitat weiter, und zwar dahingehend, dass es wichtig sei, dass „jede*r Einzelne von uns entsprechende Schritte unternimmt“, weil eben nur so ein Systemwechsel möglich ist. Drei bis fünf Prozent einer Gesellschaft brauche es, damit „ein System kippt“, sagt der Sozialpsychologe Professor Harald Welzer, und Albert Schweitzer ergänzt: „Das gute Beispiel ist nicht eine Möglichkeit, andere Menschen zu beeinflussen, es ist die einzige." Mein guter Vorsatz für dieses Jahr kann also nur einer sein: Weiter an mir zu arbeiten und mit Glück, andere zu inspirieren. Die richtigen politischen Entscheidungen zu treffen, benötigt einen entsprechenden Nährboden. Wenn ich nicht weiß, wie die derzeitige Milch- und Fleischwirtschaft, unser Individualverkehr oder unsere Wegwerfgesellschaft auf das Klima wirken, werde ich weder meinem Leben eine zukunftsfähige Richtung geben, noch bei der nächsten Wahl das Kreuz an der richtigen Stelle setzen.

Wir können nicht mehr so leben wie in meiner Kindheit. Mit nur einer halb so großen Weltbevölkerung war es leicht, verschwenderisch mit unseren Ressourcen umzugehen. Als Kind wurden mir und meinen Freunden immer vorgegeben, wir sollen unsere Teller leer essen, damit die Sonne scheint. Was haben wir heute davon? Übergewicht und die Klimaerwärmung. Zum Glück habe ich mir den Schlechte-Witze-Vorsatz doch nicht geschworen. Ich hätte ihn schon gebrochen. Ha, ha! Ich wünsche ein frohes neues Jahr und ein grüneres 2020! 

Dienstag, 24. Dezember 2019

Veganuary statt Würstchen mit Kartoffelsalat

Veganuary statt Würstchen mit Kartoffelsalat (Abbildung ähnlich ;-))

Heute ist Heiligabend. Was gibt es bei euch? Ich überrasche meine Freundin mit Rotkohl, Klößen und Rouladen. Die Klöße kommen ohne Ei und Butter aus, und meine von Senf und Zwiebeln umgebenen Essiggürkchen sind von Seitan umwickelt. Darauf, ob meine wie original Klöße schmecken oder ob die Fleischbeilage dem Rind möglichst ähnlich ist, kommt es mir nicht an. Es soll munden, und das tut es. Nach einer Umfrage unter 1.284 Personen aus dem Oktober 2014 essen mit 36 Prozent die meisten Deutschen an Heiligabend Würstchen und Kartoffelsalat. Da bin ich als einer unter den sechs Prozent, die an Heiligabend vegetarisch essen, noch recht einsam. Dabei ist es zumindest nicht widerlegbar, dass der Heiland selbst und die Urchristen vermutlich Vegetarier waren, nachzulesen in Carl Anders Skrivers „Die Lebensweise Jesu und der ersten Christen“. Kirchenvater Clemens von Alexandrien (150-215 n. Chr.) schreibt über Matthäus, dass er "von Pflanzenspeisen lebte und kein Fleisch berührte" (Paidagogos, II. 1, 16). Die Ebioniten antworteten Kirchenlehrer Epiphanius von Salamis (315-403 n. Chr.) auf die Frage, warum sie Fleisch strikt ablehnten, Jesus habe es so gesagt (Panarion 30, 18, 9). Seit dessen Tod hat sich diese Maxime etwas verloren, doch auch in der Moderne ist der Ansatz nicht ganz verloren gegangen. Auch für den zeitgenössischen römisch-katholischen Theologen Kurt Remele sollte Vegetarismus Christenpflicht sein, und selbst Papst Franziskus spricht vom Band, das alle Lebewesen verbindet. Warum also nicht zumindest an Heiligabend oder an einem der Weihnachtstage fleischlos bleiben und sich wie Jesus Bruder Jakobus „von Sämereien und Pflanzen“ (Augustinus, Epistulae contra Faustum XXII, 3) ernähren?

Ihr schenkt Mindermeinungen der christlichen Lehre keinen Glauben oder haltet es eher mit heidnischen Bräuchen? Wie wäre es dann mit den guten Vorsätzen zum neuen Jahr. Als der römische Kaiser Theodosius I. im Jahr 380 das Christentum zur Staatsreligion erklärte, verhalf er ihm nicht nur zum Rang einer Weltreligion, auch einer neuen Zeitrechnung wurde des Tor geöffnet. Ursprünglich begann das neue Jahr der Christen am Osterfest. Die Römer feierten ihr Neujahrsfest schon seit der Zeit des 2. römischen Königs Numa Pompilius (750 - 672 v. Chr.) zu Ehren ihres Gottes Janus zu Beginn des Monats Januar. Dieser Tradition entstammen nach dem britischen Klassikforscher Richard Alston auch die Neujahrsvorsätze. Am ersten Januar bekräftigten die höchsten Beamten ihre Loyalität und legten vor dem Kaiser Eide ab. Laut einer Forsa-Studie im Auftrag der DAK-Krankenkasse aus diesem Jahr mit mehr als 3.500 Befragten nehmen sich die meisten Deutschen vor, sich im neuen Jahr gesünder zu ernähren (49 Prozent) oder abzunehmen (34 Prozent). Beides Ziele, die sich mit einer pflanzlichen Ernährung erreichen lassen. Prominente Deutsche machen es vor. Der Comedian Kaya Yanar ernnährt sich seit 2014 vegan, der YouTouber Rezo seit seinem 15. Lebensjahr und der Schauspieler Ralf Moeller seit mehr als drei Jahren.  Warum diese Beispiele? Sie sind drei von vielen Unterstützern der Kampagne „Veganuary“, die 2020 erstmalig in Deutschland stattfindet. Als guten Vorsatz den Januar gemeinsam vegan zu leben, ist das Ziel. Mehr dazu gibt es auf der gleichnamigen Homepage zu erfahren. Was, frage ich euch, haben die Römer je für uns getan? Vielleicht den einen oder anderen Christen zu den Ursprüngen zurückgeführt. Wer weiß?

Ich wünsche frohe Weihnachtstage und einen guten Start ins neue Jahr.

Dienstag, 10. Dezember 2019

Kein Raum ohne Baum

Kein Raum ohne Baum
Dienstagabend. Vorsichtig luge ich zwischen den spärlich benadelten Ästen einer übersichtlichen Nordmanntanne hindurch. Mein Auto wartet mit laufendem Motor, die Fahrertür ist angelehnt. Ich erspähe die letzte Douglasie in dem durch mannshohe Bauzäune hermetisch abgeriegelten Areal. Sie steht einsam in der 30-Euro-Zone. Eine Königin unter den Jahresendzeitbäumen. Vorsichtig arbeite ich mich aus dem 10er-Gebiet in die bereits fast leergekaufte 20er-Zone. Mit konspirativem Vorgehen und taktischen Ablenkungsmanövern konnte ich meine Konkurrenten auf die falsche Fährte locken. Niemand ahnt, dass diese weihnachtliche Ode, geschrieben mit Harz statt Tinte, dort auf den von Santa Claus selbst Auserwählten wartet. Ein Geräusch lenkt meine Aufmerksamkeit nach links. Ich blicke direkt in die überraschten Augen einer Endzwanzigerin. Sie sieht sportlich aus. Sofort sprinte ich los. Fast zeitgleich springt sie hinter einer unansehnlichen Edeltanne hervor. Ich habe die Douglastanne fast erreicht, als sie meine Beine umklammert und mich zu Fall bringt. Schreckenserfüllt müssen wir zusehen, wie ein dritter Weihnachtsbauminteressent hinter einer wirklich mickrig wirkenden Fichte emporschnellt. Mit Triumph im hinterhältigen Antlitz eilt er schnurstracks auf dieses edelste aller Nadelhölzer zu. Eine Träne sammelt sich in meinem Auge, und die junge Frau hinter mir beginnt zu schluchzen. Doch dieses ruchlose Individuum, bar jeglichen Verständnisses für den Geist des Weihnachtsfestes, hat die Rechnung nicht mit dem Terminator unter den Baumkäufern gemacht. Mit tannengrün tarngefärbtem Gesicht materialisiert er sich wie aus dem Nichts direkt vor dem Baum. Kräftige Armbewegungen, allenthalben schemenhaft ob ihrer Schnelligkeit wahrnehmbar, stülpen dem sich als Käufer Wähnenden ein orangefarbenes Netz über, wie es gewöhnlich nur den Nadelbäumen selbst wiederfährt. Bewegungslos steht der bislang erfolgreichste unter uns Jägern des letztes wahren Baumes da. Nur das Zittern seines Brustkorbes verrät seine emotionale Aufgewühltheit. Geschultert zieht die 32-Euro-Douglasie an uns vorüber. Die Schulter schwebt einen Meter und achtzig über den Boden und das prall gefüllte Holzfällerhemd zwischen Schulter und Baum zeigt uns, dass der Kampf für dieses Jahr vorüber ist. Geschlagen befreien die junge Frau und ich den dritten Verlierer im Bunde aus dem Nylonnetz. Wir trösten einander Arm in Arm, als der Riese von einem Weihnachtbaumkäufer in seinem Pick-up von dannen zieht. Traurig winken wir der Douglasie hinterher. Sie hätte Besseres verdient. Wir drei verabschieden uns, danken für den fairen Kampf und verabreden uns für nächstes Jahr zur gleichen Zeit am selben Ort. Ich packe meine Blaufichte zu zehn Euro ins Auto. Immerhin riecht sie gut, ist das letzte, was ich denke, bevor ich mit dem eingebildeten Geruch von Tannennadeln in der Nase erwache. Es ist Dienstagmorgen, und ich habe noch zwölf Stunden Zeit.

Tatsächlich war auch das Erwachen Fiktion. Ich habe gar keinen Weihnachtsbaum. Meine Weihnachtsschmucklosigkeit habe ich aus meinem Elternhaus geerbt. Mein Vater schmückt seit Jahren seine Stechpalme mit einer Lichterkette, und fertig ist der „Weihnachtsbaum“. Nicht schlimm, denn ich habe ja die Weihnachtsbeleuchtung meiner Friedberger Kaiserstraße vor dem Fenster, und außerdem sind mir Bäume sehr viel lieber, wenn sie im Boden stecken. Dieses Jahr hole ich mir dennoch einen, einen der stehen bleibt.  Die Weihnachtsbaumspende von bergwaldprojekt.de ist eine tolle Idee.


Dienstag, 26. November 2019

Geschenkekrieg

Geschenkekrieg

Als Heranwachsender erzählte ich, als Kind hätte ich nur eine mit Reiskörnern gefüllte Plastikflasche zum Spielen gehabt. Tatsächlich ging es mir richtig gut: Eltern, die mir jeden Wunsch erfüllten, Großeltern, die sich gegenseitig in Anzahl und Größe meiner Geschenke zu übertreffen versuchten, und auch außerhalb geschenkepflichtiger Tage konnte ich mich nicht beschweren. Das Beschweren kam später, als ich feststellte, dass es meinen Kindern ebenso wie mir damals erging: Festtage waren von einer Flut aus Präsenten bestimmt, die keinen Raum für Freude über das Einzelne ließen. Die Überforderung steigerte sich so weit, dass kaum mehr ein Danke über die Lippen kommen konnte – wer konnte schon bei all dem Auszupackenden noch sagen, von wem was kam? Auch bei mir mussten damals Danksagungen nachgefordert werden: „Tante Else fragt, wie dir ihr Geschenk gefallen hat!“ Dann der obligatorische Telefonanruf: „Ja, Tantchen, ne, super. Danke. Bestens gefallen! Bussi.“ Ich hatte selten eine Ahnung, was sie mir geschenkt hatte. Tante Else jedoch auch nicht. Schließlich war ich nicht der einzige Neffe. Nie fiel von einem von uns auch nur ein Wort am Telefon über das Geschenk selbst. Vermutlich damit dem jeweils anderen nicht auffiel, dass wir es leider beide nicht erinnerlich hatten.

Die Überforderung kannte stets Opfer auf beiden Seiten. Wir telefonierten aus unterschiedlichen Lazaretten des Konsumkrieges. Die Schlacht um die Geschenke macht vor dem Alter keinen Halt, doch die Gefallenen sind immer die Gleichen. Es sind die vergessenen Spielzeuge, die außer Mode gekommenen, die doppelten und gänzlich überflüssigen, die nach dem Feiertag noch einige Tage im Zentrum des Kinderzimmers, später in einer Ecke und letztlich auf dem Dachboden landen. Irgendwann beschlossenen wir, dass es unsere Kinder besser haben sollen. Nach zähem verbalen Ringen mit den Verwandten legten wir künftig zusammen und kauften nur noch je ein großes Geschenk. Alsbald stellte sich heraus, dass auch dieses auf dem Dachboden landete, denn in dreiviertel der Fälle deckten wir keine Bedarfe oder erfüllten echte Wünsche, sondern allenthalben solche, die die Spielzeugproduzenten generiert hatten. Dann kam der Wandel, und das Verschenken gemeinsamer Zeit begann: Städtereisen, Besuche in Erlebnisbädern oder Tage in Kletter- und Minigolfhallen wurden zum Kern. Ob die Kinder das verstehen, dachte ich damals? Vielleicht wenn sie selbst erwachsen sind oder eines Tages erkennen, warum ihr Vater gerne nur eine Reis-Flasche zum Spielen gehabt hätte. 

Heute weiß ich, es war die beste Entscheidung, denn sie erzählen noch immer von dem gemeinsam Erlebten, doch nie hörte ich ein Wort über die zigste Playmobilfigur. Meine Geburtstage sehen heute so aus: Ich erbitte, keine Geschenke mitzubringen, stattdessen etwas zu essen und zu trinken. Ich habe schließlich nicht nur alles, sondern eindeutig bereits viel mehr, als ich zum Leben brauche. Seit zwei Jahren bitte ich sogar darum, eigenes Geschirr mitzubringen. So kann ich von der ersten bis zur letzten Minute genießen, ohne Essen zuzubereiten oder daran denken zu müssen, danach noch Stunden mit dem Aufräumen verbringen zu müssen. Das klappt auch bei Jesus Geburtstag, denke ich. Ganz unkoordiniert und stressfrei geht das von statten: Sechs Kuchen und einen Nudelsalat sowie Wein und Bier gab es zuletzt. Kulinarisch in der Kombination fragwürdig, aber definitiv eine der schönsten Feiern der letzten Jahre. Vielleicht bringt nächstes Jahr jemand Reis mit.

Dienstag, 12. November 2019

Immer wieder Glascontainer

Immer wieder Glascontainer

Heute bin ich genervt. Warum? Weil ich ein zweites Mal in dieser Woche Glasmüll zum Container bringen muss. Er stammt von all den Gläschen mit Brotaufstrich, die sich in den letzten Tagen angesammelt haben. Erst hatte ich Frühstücksgäste und wollte mir keine Zeit nehmen, etwas selbst zu machen. Also gab es Gekauftes von süß bis herzhaft im Glas. Ich möchte ja keinen Plastikmüll verursachen. Hinzu kam, dass ich mir auch für meinen eigenen morgendlichen Bedarf keine Zeit nahm, etwas selbst zu machen. Dabei ist es so einfach. Abends die Gemüsepfanne, davon etwas weggenommen und mit Sonnenblumenkernen unter den Stabmixer. Fertig ist der Brotaufstrich für die nächsten zwei Tage. Leider gab es zwei Wochen lang fast nur gehetztes Essen auf die Hand oder abends rasch eine Portion Nudeln. Natürlich mit Pesto. Aus dem Glas. 

Wesentliches gibt es für mich nicht im Mehrwegglas. Joghurt: Ja! Auch Milch. Beides esse ich nicht und schaue daher neidisch im Supermarkt über den Deckel meines Einweg-Brotaufstrichglases ins Mopro-Kühlregal. Warum neidisch? Weil die Mehrwegglasverpackung der Einwegdose und Einwegplastikverpackung ökologisch überlegen ist, solange sie aus regionaler Abfüllung stammt. Immerhin lässt sich so ein Mehrwegglas bis zu fünfzigmal wiederverwenden. Beides bestätigt das Umweltbundesamt. Einweg wird zwar fleißig gesammelt, aber dann energieintensiv eingeschmolzen, um zur Quelle für ein neues Glasprodukt zu werden. Eine Zeitlang habe ich die Gläschen gespült und in meinen Workshops zum Abfüllen des Selbstgemachten ausgegeben. Leider kann ich gar nicht so viele Workshops annehmen, um die Folgen meines riesigen Frühstückshungers zu kompensieren. Vier Millionen Tonnen Behälterglas werden in Deutschland jährlich produziert, das sind fast 50 Kilo pro Bundesbürger, sagt das Bundesumweltministerium. Nach Daten des statistischen Bundesamts entfallen 2,5 Prozent der 45,9 Millionen Tonnen Haushaltsmüll, die zuletzt jährlich anfielen, auf Glas. Das sind gut 14 Kilogramm pro Kopf. Die Differenz zwischen Produktion und Müll ist Mehrwegglas, hoffe ich zumindest. Doch die könnte deutlich höher sein, wenn es auch Mehrweggläser für meine Brotaufstriche gäbe. Gemessen an meinem Appetit kann ich mir zumindest vorstellen, dass ich relevante statistische Veränderungen hervorrufen würde. Wieder rufe ich Politik und Wirtschaft zu: Bitte schafft die Voraussetzungen!

Bis der Ruf erhört wird, nehme ich mein Genervtsein zum Anlass, mich zu Redisziplinieren, denn das hatte schon mal besser geklappt. Die nächsten vier Wochen verspreche ich mir, kein Einwegglas mehr zu kaufen. Die Erfahrung hat gezeigt, dass nicht vorhanden geglaubte Zeit plötzlich hinter dem Küchenschrank hervorkriecht, wenn die Disziplin den Hunger dirigiert. Den restlichen Glasmüll bringe ich jetzt in den Container. Immerhin 90 Prozent davon werden recycelt. Bei meiner Recherche werde ich daran erinnert, wie wichtig die Sortenreinheit ist. Nur wenige Prozent fremdfarbiges Glas werden toleriert. Insbesondere bei Weißglas. Die Fehlwürfe müssen sonst zunächst manuell und dann erst durch Maschinen aussortiert werden. Meine zwar löffelreinen, aber dennoch nach einigen Tagen nicht mehr wirklich ansehnlichen Gläser möchte ich niemanden in die Hand zu nehmen zumuten. Übrigens sind Keramik, Steingut, Porzellan und sogar Flachglas der Feind des Glas-Recyclings. Schon wenige Gramm pro Tonne können die gesamte Produktion unbrauchbar machen. Ich frühstücke jetzt erstmal – aus dem letzten Frühstücksaufstrichglas.