Dienstag, 15. September 2020

Innenstadtbelebung

Innenstadtbelebung

Wenn ich aus meinem Wohnzimmerfenster heraus auf die Friedberger Kaiserstraße schaue, frage ich mich oft, was gemacht werden kann, um die Leerstände zu bekämpfen und die Einkaufskultur zu beleben. Das ist ein Nachhaltigkeitsthema! Ganz gewiss! Jede Ware, die ich hier erwerben kann, muss ich nicht von weiter weg kaufen. Und dabei ist es gar nicht mal so sehr erheblich, ob ich bis Gießen oder Frankfurt fahren muss, um einzukaufen, oder mein Begehr über einen der Onlineshops stille. Was ich mit dem einen Weg über meinen Individualverkehr verursache, bewirke ich auf dem anderen Weg durch den Individualversand von Waren. Es ist auch ein ganz persönliches Nachhaltigkeitsanliegen, denn ich bin bequem und zudem ungeduldig. Wenn ich etwas benötige, dann möchte ich es mit möglichst wenig Aufwand und im besten Fall sofort haben. Beim Kaffeekauf kann ich das realisieren. Kaffee leer? Glasbehältnis schnappen, ins Erdgeschoss, auffüllen lassen, und nach wenigen Minuten kann ich ihn frisch gebrüht genießen. Sogar in Bio-Qualität! Wenn ich eine 140er-Einspritzdüse von Thompson brauche komme ich zwar nicht daran vorbei, doch das erwarte ich von meiner Kreisstadt auch gar nicht. Vieles bekomme ich, ohne viele Schritte in Kauf nehmen zu müssen, doch frage ich mich, wie man die vielen Menschen, die ich in den Cafés um mich herum sehe, zu solchen Kunden machen kann, dass auch die letzten Leerstände weichen. 

Wer Friedberg besucht, um einen Espresso bei nettem Plausch mit Freunden zu genießen, dann aber abends die Bratpfanne im Internet kauft, die er oder sie ein paar Meter weiter auch bekommen hätte, ist es wahrscheinlich hilfreich, Gründe in Erfahrung zu bringen. Vielleicht ist es das fehlende Wissen darum, welches Angebot die Kaiserstraße und ihre Umgebung jetzt schon haben. Der oft höhere Preis in Ladengeschäften, der sich zumeist jedoch schlichtweg aus wirtschaftlichen Notwendigkeiten wie der Miete und den Nebenkosten eines Ladens sowie den Personalkosten für Fachpersonal ergibt, die ein Internethandel in dieser Größenordnung natürlich nicht hat, kann nicht der entscheidende Punkt sein. Immerhin bekomme ich in gerade einmal dreihundert Metern Entfernung voneinander hochpreisige Bratpfannen und solche aus dem Niedrigpreissegment. 

An dieser Stelle hält vielleicht die eine oder andere Leserin oder der eine oder andere Leser inne und fragt sich, was eigentlich meine Bequemlichkeit und Ungeduld zu bedienen mit Nachhaltigkeit zu tun haben soll. Nehmen wir an, ich bräuchte tatsächlich eine 140er-Einspritzdüse, obwohl ich gar keinen Rolls Royce oder Panzer besitze, und Friedberg hätte doch eines seiner leerstehenden Geschäfte zum Einspritzdüsenfachhandel erhoben, dann könnte ich nach vielleicht 200 Metern Fußweg mein Ziel erreichen. Hin und zurück hätte ich ca. 78 Kilokalorien verbraucht. Müsste ich dazu nach Frankfurt hätte ich den Weg zum Friedberger Bahnhof und zurück und noch zweifach den Weg zwischen der Frankfurter Bahnstation zum Einspritzdüsenfachgeschäft. Das sind gut 350 Kilokalorien Energieaufwand. Die Differenz entspricht dem Energiegehalt einer Laugenstange, die ich nur deshalb unnötigerweise hätte verzehren müssen, weil Friedberg Leerstände hat. Zugegeben, das war sehr viel Text, nur um am Ende zu sagen: Unterstützt eure heimische Ladenvielfalt, indem ihr lokal einkauft. Und gut, dass es das Integrative Stadtentwicklungskonzept ISEK gibt. Ich bin sehr auf das Abschlussforum gespannt, das sicherlich bald auf http://isek-fb.de/ angekündigt werden wird.

Donnerstag, 10. September 2020

Geht weg wie geschnitten Brot

Geht weg wie geschnitten Brot

Heute ist der 6. Hessische Tag der Nachhaltigkeit. Das Thema Ernährung spielt bei all den virtuellen und reellen Veranstaltungen eine zentrale Rolle: „EfA - Essen für Alle - Verteilung geretteter Lebensmittel“ heißt es bei Groß-Gerau, in Frankfurt Klimagourmetwoche, Klimafrühstück nennt sich die Veranstaltung in Bürstadt, und vor zahlreichen Supermärkten Hessens – auch in der Wetterau – wird mit „Stadt - Land - Gemüse“ eine nachhaltige Variante des bekannten Spiels von acht Uhr morgens bis acht Uhr abends angeboten. Das Thema kommt nicht von ungefähr in die Veranstaltungsliste, die auf hessen-nachhaltig.de zu finden ist. An dem, was täglich auf den Teller kommt und dem, was täglich auf dem Teller verkommt, lassen sich große Stellschrauben für die Zukunft drehen. Das habe ich erst jüngst an mir selbst feststellen dürfen. Seit ich wieder einen Kühlschrank nutze, muss ich mich stets disziplinieren, nicht an die auf ewig konservierenden Zauberkräfte meines Aggregats zu glauben. Allzu oft rutschen Dinge nach hinten, die ich mit einem „Ach, ist ja gekühlt, esse ich morgen!“ weiterrutschen lasse, nur um sie dann in letzter Sekunde, bevor sie auf der Zunge zu bitzeln beginnen, vor ihrem Dasein als Speiseabfall zu retten. Dabei ist es verwunderlich, wie lange insbesondere verschlossene Lebensmittel tatsächlich halten und das Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) unbeschadet in die Vergangenheit ziehen lassen. Als Faustregel kann gelten: Je länger ab Kauf haltbar, desto länger nach dem MHD noch verzehrbar.

Auch unverpackte Lebensmittel halten deutlich länger, wenn man eine kleine Regel beachtet: „Schneide selbst!“. Im April erschien eine Haltbarkeitsstudie, die die Firma Graef Küchen und Haushaltsgeräte in Auftrag gegeben hatte. Das Münchner Labor Dr. Böhm hatte im Rahmen der Studie Mischbrot, Wurstsorten sowie Käse jeweils am Stück und in Scheiben geschnitten gelagert und regelmäßig auf Geruch, Aussehen und Bakterienbestand getestet. Die Stückware wurde für die Tests stets frisch aufgeschnitten, um auch hier Scheiben zu bewerten. Der klare Haltbarkeitssieger waren Lebensmittel am Stück – und das sogar über den Zeitraum üblicher Lagerungsempfehlungen hinaus. Geschnittenes Mischbrot war beispielsweise schon am vierten Tag von Schimmel befallen, das frisch geschnittene Brot bedenkenlos verzehrbar. Eine getestete Schinkenwurst war am zehnten Tag so mit Mikroben belastet, dass sie sämtliche Grenzwerte um das Dreifache überschritt, während die gleiche Wurst am Stück selbst nach drei Wochen Lagerung noch uneingeschränkt verzehrbar war. In Deutschland sind wir Verbraucher für 52 Prozent der Lebensmittelabfälle verantwortlich – pro Kopf sind das umgerechnet 75 kg Müll pro Jahr. 33 kg wären vermeidbar, wenn wir sorgfältiger planen, einkaufen und lagern würden, rechnen die Verantwortlichen der Studie vor. 

Das ist die eine Seite, die andere ist die, dass der Preis, den wir für die meisten Lebensmittel zahlen, teils deutlich unter dem Preis inklusive Umweltfolgekosten liegt.  Gerade tierische Lebensmittel müssten gemäß einer aktuellen Studie der Universität Augsburg viel mehr kosten, als heute normalerweise verlangt wird. Hackfleisch müsste fast dreimal so teuer sein, und Milch und Käse nahezu doppelt so viel kosten. Packt man beide Studienergebnisse zusammen, erkennt man schnell, weshalb sich heute so viele Veranstaltungen um Ernährung drehen. Ich schaue jetzt jedenfalls gleich mal in den Kühlschrank und rette, was es nicht schnell genug nach hinten geschafft hat.

Dienstag, 1. September 2020

Darfs ein bisschen mehr sein?

Darfs ein bisschen mehr sein?

Kürzlich war bei uns wieder einmal das Thema Energie als Diskussion auf dem Tableau. Die üblichen Argumente wurden ausgetauscht, und alles lief in den erwarteten Bahnen. Dann kam das folgende Argument: „Warum soll ich eigentlich Strom sparen? Ich beziehe doch Ökostrom!“ Wir lachten. Der andere nicht. Wir schraubten unser Lachen zum Lächeln herunter. Der Andere hob die Augenbrauen. „Oh!“, sagte einer. „Das war gar kein Scherz unter Ökos?“ Ich dachte, das sei so ein Ding wie unter Physikern, die sich fragen, ob eine Katze permanent um die Längsachse rotiert, wenn man ihr ein Butterbrot auf den Rücken schnallt. Oder der gute alte Witz mit Heisenberg, der von der Polizei angehalten und gefragt wird, ob er wisse, wie schnell er fahre und dann antwortet, dass er derzeit nur sagen könne, wo er sei. An dieser Stelle möchte ich mich bei allen Leserinnen und Lesern entschuldigen, dass sie jetzt vielleicht nach Murphy‘s Law und der Heisenbergschen Unschärferelation googlen müssen, aber warum sollte ich der einzige bleiben, der Physikerwitze nicht auf Anhieb versteht? Was für den Humor von Physikern gilt, gilt auch für den Humor von Ökos. Man versteht Scherze nur, wenn einem der Hintergrund klar ist, und wenn der Hintergrund nicht klar ist, war es vielleicht auch kein Scherz.

In der Diskussion waren wir schnell wieder zur Ernsthaftigkeit zurückgekehrt. Die ernste Frage ist von zwei Seiten zu beleuchten. Ähnlich wie bei Schrödingers Katze (ich weiß auch nicht, warum ich es heute so mit Physikern habe) kennt auch die Frage, warum man Energie sparen sollte, wenn man doch regenerative Quellen nutzt, zwei Antworten. Die eine lautet: „Du musst keine Energie sparen!“, die andere: „Du muss Energie sparen!“ Beide haben eine Bedingung. Wenn wir ausreichend regenerative Energie für alle zur Verfügung hätten, beispielsweise, weil auf jedem Dach eine Solaranlage wäre, die Wind- und Wasserkraft voll genutzt würden und diese Energie im Überschuss gespeichert würde, dann müssten wir definitiv auf unseren Stromverbrauch nicht achten. Im letzten Jahr bestand der Strommix in Deutschland zu über der Hälfte aus Kernenergie, Braun- und Steinkohle sowie Erdgas. Nutzen also alle Ökostromabnehmer mehr als die 235 Mrd. kWh an Energie, verbrauchten sie eben einerseits keinen Strom aus regenerativen Quellen mehr, sondern ab diesem Zeitpunkt konventionellen Strom mit allen Folgen und Gefahren. Vereinfacht dargestellt: Verbrauchen drei von vier Ökostromabnehmern die gesamte Energie, wird der vierte eben keine nachhaltige Energie mehr beziehen können. Du muss also als Ökostromabnehmer Energie sparen, solange das noch nicht so ist. Und bis dahin, so leid mir alle Menschen tun, die voller Stolz ihre E-Roller und E-Autos fahren und sich auf der grünen Seite wähnen, ist es leider kontraproduktiv, Strecken, die man vorher zu Fuß mit dem Rad oder eben gar nicht genommen hätte, nun elektromobil zu bewältigen. 

Deutschland belegt Rang 7 der Länder mit dem höchsten Stromverbrauch weltweit und Platz 1 in Europa. Gut ein Viertel des Verbrauchs ist den Privathaushalten zuzuschreiben.  In den letzten 30 Jahren hat sich der Verbrauch in den Haushalten kaum verändert, obwohl die Technik immer energiesparsamer wird. Es ist noch viel zu tun. Übrigens, auch Philosophenwitze werden erst lustig, wenn man sie versteht. Wie dieser hier: René Descart sitzt in einem Pariser Café, als der Kellner fragt, ob er noch einen Wunsch habe. „Ich denke nicht!“, antwortet er und hört auf zu sein. Googlen Sie mal das!

Dienstag, 18. August 2020

Monetäre Impfung

Monetäre Impfung

Der Urlaub ist vorbei. Es war eine schöne Zeit, die ich ein Jahr nicht mehr haben möchte. Was?, denkst du dir jetzt, liebe Leserin, lieber Leser. Schöne Zeit? Nicht mehr haben möchten? Ein Widerspruch? Ich erkläre mich. Das dritte Jahr lebe ich nun nach genügsamen Lebensprinzipien. Ich gehe kaum zum Bäcker, denn ich backe selbst, selten ins Restaurant, denn ich koche zu Hause, und kaufe mir nichts, das ich nicht unbedingt brauche, denn ich überlege zweimal, ob ich es wirklich benötige. Dadurch spare ich viel von meinem Geld und baue mir Möglichkeiten für die Zukunft auf – wie auch immer sie aussehen mögen. Ich habe mich an diesen Lebensstil gewöhnt, und er fällt mir die meiste Zeit meines Lebens leicht. Gefühlt nach einem Jahr kommt bei mir jedoch der Drang auf zu konsumieren. Ich merke es daran, dass das Zweimalüberlegen schleichend zum Einmalüberlegen übergeht und letztlich beim Keinmalüberlegen landet. Wie kürzlich, als ich ein bestimmtes Trainingsgerät kaufen wollte, dass derzeit nirgendwo einzeln zu haben ist, weil es offenbar alle zu Zeiten von Corona im home gym haben wollen. Letztlich habe ich mir dann ein Set gekauft, das die begehrte Hantelstange enthielt, jedoch auch eine weitere, die ich bereits habe. Sie lag seitdem verpackt hinter meiner Hantelablage. Damit war klar: Es ist Zeit für Urlaub und für eine monetäre Impfauffrischung!

Erinnert sich jemand an den Film „Zum Teufel mit den Kohlen“ mit Richard Pryor und John Candy in den Hauptrollen? Darin soll Montgomery Brewster 30 Millionen US-Dollar binnen eines Monats ausgeben, um 300 Millionen zu erben. Bedingung: Er darf niemandem davon erzählen und nach Ablauf nicht mehr besitzen als zuvor. So ähnlich halte ich es auch. Also habe ich meine erwachsenen Kinder und meine Lebensgefährtin ins Auto gepackt und bin eine Woche an den Bodensee gefahren. Wir waren täglich essen, nirgendwo habe ich die günstigeren Online-Tickets gekauft und selbst bei der Schifffahrt auf dem Bodensee – ich hätte auch Personenfähre schreiben können, doch als mit der „alten“ Rechtschreibung Aufgewachsener liebe ich diese drei f – habe ich Einzelfahrten gekauft. Der Sohn möchte ein Filetsteak in der Herrenausführung? Kein Problem! Die Tochter verlangt nach einer Tüte mit süßem Gebäck? Gerne! Darfs noch eins mehr sein? Der Autor selbst möchte teure Bio-Nüsschen essen? Wohl bekomm’s - 600 Gramm wurden es! Es gipfelte darin, dass wir sogar in der Schweiz essen waren. In einem türkischen Imbiss. Es gab je ein Dürüm zum Preis eines gut bürgerlichen Drei-Gang-Menüs in der Wetterau. Nur die Freundin hat mir einen Strich durch die Rechnung gemacht. Jeder Versuch, sie auszuhalten, mündete in einer PayPal-Überweisung auf mein Konto. Das konnte jedoch nicht verhindern, dass ich das Fünffache dessen verschleuderte, das ich sonst so nebenher ausgebe.

Was soll ich sagen? Obwohl ich weiß, was ich damit bezwecke, funktioniert es jedes Mal von Neuem. Allein die Vorstellung, Essen zu gehen, lässt meine Nackenhaare, nun, da ich zurück bin, sträuben, schon zweimal habe ich wieder Brot gebacken, und selbst die überzählige Hantelstange ist verkauft. Bereut habe ich es nicht. Allenthalben, dass mich die versehentliche Einwahl in ein österreichisches Mobiltelefonnetz während meines Aufenthalts auf der deutschen Seite des Bodensees fast 50 Euro gekostet hat. Für das Geld hätte ich viel lieber ein leckeres Falafelsandwich am Rheinfall gesessen und möglicherweise sogar ein Getränk dazu zahlen können. Beim nächsten Impfen vielleicht.

Sonntag, 16. August 2020

Der Mohr sollte seine Schuldigkeit getan haben ...

Der Mohr sollte seine Schuldigkeit getan haben ...

Gestern fand fast direkt vor meinem Wohnzimmerfenster eine Demonstration statt, um auf Alltagsrassismus aufmerksam zu machen. Kern der Demonstration und Grund für den gewählten Ort war die dort befindliche Apotheke "Zum Mohren". Die Anmelder fühlen sich durch den Begriff "Mohr" rassistisch beleidigt. Kann ich das nachvollziehen? Nein! Wie denn auch? Ich bin weiß. Ich leide nicht unter Alltagsrassismus, wurde noch nie in meinem eigenen Land gefragt, wo ich herkomme, und kenne nicht einmal ein Wort, das Weiße wie mich generell zu beleidigen gedacht oder geeignet ist. Würde ich mich beleidigt fühlen, wenn es die "Kraut"-Apotheke und als Logo eine überzeichnete Karikatur eines Deutschen gäbe? Ich weiß es nicht, denn "die Krauts" hat man vermutlich seit Ende des zweiten Weltkrieges nicht mehr als Bezeichnung für Deutsche gehört. Habe ich ausreichend emotionale Intelligenz und Empathie, um mir vorstellen zu können, dass sich Menschen dunkler Hautfarbe dadurch getriggert fühlen können? Ja, absolut. Wer bin ich, daran zu zweifeln, wenn ich es nicht einmal schaffe, mich in die Situation hineinzuversetzen?

Um auf so etwas aufmerksam zu machen, gibt es das Demonstrationsrecht. Finde ich es gut, dass jemand seine Meinung frei sagen  und sich dazu unter freiem Himmel mit anderen versammeln darf? Ja, natürlich. Ich bin Demokrat, und die Menschenrechte sind die schützenswerteste Errungenschaft, auf die wir noch dazu wirklich mal stolz sein dürfen. Ist es okay, wenn Andersdenkende ebenfalls bei einer solchen Demonstration zugegen sind und dafür eintreten, dass ein Name wie "Mohren-Apotheke" beibehalten wird? Ja, ich finde es aus demokratischer und menschenrechtlicher Sicht absolut wichtig, dass ein Diskurs möglich ist. Kann ich es nachvollziehen, dass sich Menschen dazu stellen und anscheinend wissen, was selbst Gerichte nicht letztinstanzlich festgestellt haben, nämlich, ob "Mohr" grundsätzlich rassistisch ist oder ob die Bezeichnung nur kontextbezogen bewertet werden und somit beides sein kann? Nein, das vermag ich, wie oben dargelegt, nicht. Ich bin weiß. Ich bin in mehrfacher Hinsicht privilegiert in diesem, meinem Land. Bei vielen anderen ist das leider nicht so, obwohl es nicht minder ihr Land ist, wie es das meine ist, wie im heutigen Online-Artikel der Wetterauer Zeitung zu lesen war.

Wer nicht glaubt, dass es Alltagsrassismus gibt, dem empfehle ich einen Blick in die Kommentare zu diesem Artikel auf der Facebookseite der Wetterauer Zeitung. 42 von zum Zeitpunkt des Verfassens dieses Blogs 135 Reaktionen waren lachende Smileys. Offenbar schafft es fast ein Drittel der Reagierenden ebenfalls nicht, nachzuvollziehen, dass man sich rassistisch beleidigt fühlen kann, bemüht sich allerdings offenbar auch nicht und kann nur auf Spott zurückgreifen und Menschen der Lächerlichkeit preisgeben, die sie nicht verstehen. Noch armseliger ist es, was sich in den 177 Kommentaren findet:

"Vielleicht haben die nichts anderes zu tun?", schreibt eine. Ich als Bürger des Landes der Dichter und Denker vermag mir zumindest vorzustellen, dass es Menschen gibt, denen das zu diesem Zeitpunkt das Wichtigste sein könnte, selbst wenn sie anderes zu tun gehabt hätten, zum Beispiel sich stets zu erklären, wo sie herkommen, und die dafür einstehen wollen, dass künftige Generationen das vielleicht nicht erleiden müssen, wie die nachfolgenden Beispiele eindrücklich belegen.

"Und wem es hier nicht passt soll einfach nachhause gehen. Wenn wir in deren Land wären hätte. Wir garnichts zu lachen" und "Wenn es ihnen in Deutschland nicht passt oder nicht nach ihrem Kopf geht dann sollen sie bitte wieder zurück in ihre Länder gehen", schreiben andere. Bedenkt man, dass das Versammlungsrecht nur Deutschen zusteht, wird klar, wie diese Autoren Menschen anderer Hautfarbe sehen.

"Jeder einzelne muss wegen Rufmord, Geschäftsschädigung, Verschwendung von Steuergeldern und das nicht einhalten der Corana Verhaltensregeln, hart verurteilt werden", schreibt ein anderer. Als Demokrat bin ich da etwas anderer Auffassung. Ich finde es gut, dass wir eine Gewaltenteilung haben,  es den Gerichten vorbehalten ist, Recht zu sprechen und nicht bereits die Meinung einzelner zur Aushebelung des Grundgesetzes führt.

"Eine Frage, welchen Namen soll sich eine Fam. aussuchen , die Mohr heißt, auch seit Generationen, ev. Schczubowski, oder Õzdemir ?", fragt eine andere und ein weiterer gipfelt in der Feststellung: "Würden die alle mehr arbeiten dann hätten sie keine Lust auf Demo!"

Nach all diesen Worten ist mir eines klar geworden: Wer solche Sätze alltäglich hört, dem tut wahrscheinlich auch der alltägliche Blick auf den Mohr auf Apothekenschildern, Schokoladentafeln oder Schaumspeisen inzwischen weh. Rassismus ist kein Gespenst, sondern Alltag.

Der Mohr sollte offenkundig seine Schuldigkeit getan haben ... und vielleicht besser aus unserem Alltag sprachlich und bildlich entfernt werden (frei nach Shakespeare).



Bildquelle: Von unbekannt - nicht angegeben, Logo, https://de.wikipedia.org/w/index.php?curid=2378999

Dienstag, 4. August 2020

Der Wasserstoff, aus dem die Helden sind

Der Wasserstoff, aus dem die Helden sind
Der Wasserstoff, aus dem die Helden sind

Ich bin sicher, dass manches nur deshalb nicht optimal läuft, weil die mit den besten Ideen nur in den seltensten Fällen auch die mit dem meisten Geld oder der erfolgreichsten Lobby-Arbeit sind. Wie damals bei der VHS-Kassette – die vor 1995 geborenen werden sich erinnern. Betamax hatte die bessere Qualität, Video 2000 ein Vielfaches an Aufzeichnungskapazität und dennoch setzte sich JVCs Video Home System (VHS) durch. Warum? JVC hatte mit Geld gelockt – in Form günstigerer Lizenzgebühren – und sofort mit der Pornofilmindustrie geliebäugelt. „Geiz ist geil“ bekommt da eine ganz andere Konnotation und ist offenbar ein Erfolgsrezept. Ähnlich läuft es bei mit Wasserstoff betriebenen Fahrzeugen. Bereits 1804 hatte Isaac de Rivaz den ersten Wagen mit Wasserstoff-Verbrennungsmotor entwickelt, doch selbst das 35 Jahre später entwickelte erste Elektrofahrzeug von Robert Anderson konnte nicht verhindern, dass sich der ein viertel Jahrhundert später patentierte Ottomotor durchsetzte. Weil Carl Benz‘ Patent-Motorwagen Nummer 1 damals diese Technik gewählt hatte. 

Wie könnte die Welt heute sein, wenn der erfolgreiche Badener auf Wasserstofftechnologie gesetzt und diese sich dadurch kontinuierlich weiterentwickelt hätte? Möglicherweise wäre der überwiegende Großteil des Verkehrs nahezu emissionsfrei, und wir hätten nicht in den Jahren seit der Erfindung des Automobils allein in Deutschland bis zu 30 Tonnen Kohlendioxid in die Luft geblasen. Vielleicht wären Wasser-, Windkraft- und Solaranlagen heute durchgängig fähig, ihre überschüssige Energie durch die Gewinnung des energiereichen Gases aus Wasser zu speichern, statt sie einfach ungenutzt verpuffen zu lassen. Ganz gewiss wäre heute das wasserstoffbetriebene Fahrzeug günstiger als das Benzin- oder Dieselfahrzeug, und einen Sportwagen emissionsfrei zu fahren, würde von der Scham, die Umwelt damit zu schädigen, befreit sein. Selbst einen Begriff wie Flugscham würde man in dieser Welt umsonst im Duden suchen. Denn während in unserer das erste Wasserstoffflugzeug im Jahr 2016 testweise in Deutschland mit Erfolg abgehoben war – die Hy4 des Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt –, wären in meiner Wasserstoffutopie Linienmaschinen unterwegs. Die gesamte Energiegewinnung würde sich auf Wasserstoff konzentrieren: Industrie, Haushalte, Handel und Gewerbe – sie alle würden nicht mit fossilen Brennstoffen arbeiten.  Erneuerbare Energiequellen würden den nötigen Strom erzeugen, um Wasserstoff zu gewinnen, mit dem die Elektromotoren der Welt betrieben würden. Das würde zwangsläufig dazu führen, dass der Mensch in meiner Utopie nur den Kopf darüber schütteln würde, wie ineffizient die Elektromotoren und wie riesig die Akkus in unserer aus dessen Sicht dystopischen Spiegelwelt doch sind. In Saudi-Arabien würde kein Öl gefördert, sondern von Solarmodulen, soweit das Auge reicht, dominiert sein. Der Ruhrpott wäre nicht für seine kohlegeschwärzten Kumpels bekannt, sondern für die Rhein-Ruhr-Wassergas AG. „Hambi bleibt!“ wäre kein Slogan. Greta Thunberg hätte früher Abitur gemacht, denn das Wort Klimakrise würde in der Weltpolitik unbekannt sein. Ich selbst würde jährlich zahlreiche Fernreisen unternehmen – natürlich mit dem Flugzeug, und Eisbären in ihren unendlichen Jagdgründen beim Robbenfang zuschauen, derweil mein flotter Sportwagen ganz sexy in der Garage auf mich wartet. 

Was mache ich stattdessen? Ich trauere der Videokassette nach, während ich bei 30 Grad in meinem Dachgeschoss Texte für Kolumnen schreibe.


Bildrechte: High Contrast - Eigenes Werk, CC BY 3.0 de

Dienstag, 21. Juli 2020

Die viertgrößte Nation: Hundland

Die viertgrößte Nation: Hundland

Ich bin in einem Haushalt aufgewachsen, der stets mehr Tieren als Menschen ein Heim war. Nicht anzahlmäßig, jedoch von der Gesamtmasse her waren Hunde die Majoritätshalter unter den nicht-menschlichen Wirbeltieren des Arnoldschen Hauses. Meine Mutter war und ist noch immer begeisterte Hundetrainerin. Ihre Begeisterung ging so weit, dass nicht selten der eine oder andere Hundename vorausging, wenn ich als Kind gerufen wurde. Meist kam der richtige, also mein eigener Name an dritter Stelle. Es sei denn natürlich, wir hatten zu diesem Zeitpunkt mehr als zwei Hunde. Ich liebe die Hunde meiner Mutter, die ich trotz Wissens um die tatsächlichen Zugehörigkeitsverhältnisse dennoch stets als unsere Hunde bezeichne. Besuche ich mein Elternhaus, überschlagen sich die beiden Hündinnen vor Freude, und auch mich erfüllt es, sie sodann so lange zu knuddeln, bis sie meiner überdrüssig sind. Dieser Zeitpunkt ist meist gekommen, sobald ihnen meine Mutter ein Mohrrübchen zu knabbern gegeben hat. Für die Skeptiker unter den Leserinnen und Lesern: Nein, ihre Freude ist kein Pawlowscher Reflex auf die Erwartung eines Snacks, es ist Liebe!

Weltweit gibt es knapp unter 300 Millionen Haushunde – 9,4 Millionen allein in Deutschland. Gäbe man ihnen ein eigenes Land, wäre Hundland nach den USA das viertbevölkerungsstärkste der Welt, und wie auch dort äßen alle Hundländer täglich Fleisch mit entsprechenden Auswirkungen auf Umwelt und Klima. Reizthema! Hundefreunde und vermutlich auch meine Mutter, von der ich weiß, dass sie meine Kolumne liest, rufen jetzt vermutlich: „Was erlaubt der Arnold sich? Hunde sind Fleischfresser! Tierquälerei!“ Zugegeben, meine Mutter riefe nicht Arnold, sondern Andreas, aber zuvor zwei Hundenamen, dennoch wäre die Entgegnung inhaltlich vermutlich sehr ähnlich. Es ist jedoch ein naturalistischer Fehlschluss, dass die Ernährung unserer Vorfahren, also etwa der des Wolfes beim Hund und der von Ötzi beim Menschen, die beste für uns Haushunde und -menschen sei. Die carnivoren Hundejahre sind ebenso vorbei wie das Leben eines Höhlenmenschen für uns. Gut 15.000 Jahre mag es her sein, seit die Domestizierung ihren Anfang genommen hatte. Hunde begannen von dem zu leben, was Menschen ihnen übriggelassen hatten. Mit dem Übergang von Jägern und Sammlern zu sesshafen Ackerbauern haben sich zudem zahlreiche genetische Veränderungen im Laufe der Generationen ergeben, die die neue Nahrung mit jeder evolutionären Entwicklung immer besser nutzbar gemacht hatten – für Mensch und Hund. Heute können beide problemfrei ohne Fleisch artgerecht ernährt werden, denn beide sind omnivor, können pflanzliche und tierische Lebensmittel gleichermaßen gut verdauen. Einer gut geplanten veganen Ernährung steht weder beim Menschen noch beim Hund etwas entgegen. 

Die Tierschutzorganisation PETA hatte im Jahr 2013 in einer Längsschnittstudie insgesamt 300 Hunde über ein Jahr hinweg untersucht. Eine geringere Anfälligkeit für Infektionskrankheiten, Krebserkrankungen und Schilddrüsenunterfunktionen bei vegan ernährten Hunden war festzustellen. Natürlich gab es auch beachtenswerte Punkte. Bei manchen Tieren scheint beispielsweise eine Zufütterung mit L-Carnitin und Taurin sinnvoll. Wie jede Ernährung ist auch die vegane nicht frei von Hürden – weder beim Menschen noch beim Hund. Aber sie ist möglich, ganz und gar nicht unnatürlich und trägt, wenn mangelfrei geplant, offenbar zur Gesunderhaltung bei. Heute Abend besuche ich meine Hunde wieder. Vielleicht bringe ich Möhrchen mit.

Dienstag, 7. Juli 2020

Werbung wirkt vegane Wunder

Werbung wirkt vegane Wunder
Bayerns Wirtschaftsminister wird kürzlich im BILD-Interview zitiert, dass sich die Debatte um Großschlachter Tönnies nicht darauf zuspitzen dürfe, dass Fleisch einmal pro Woche reiche. „Für einen Büromenschen auf dem Vegan-Trip vielleicht - für den Bauarbeiter nicht. Wenn der nur einmal die Woche Fleisch kriegt und nur Salat, fällt er am dritten Tag vom Gerüst runter», sagte er. Beim fleisch-, milch- und eilosen Frühstück mit meiner Freundin lese ich ihr das Zitat vor. Sie lächelt, klickt auf Youtube und zeigt mir den Kanal „Hier kocht Alex“. „Er ist Bauarbeiter!“, sagt sie und zwinkert. Der Videoblogger Alexander Flohr ist Straßenbaumeister, wie ich auf seiner gleichnamigen Homepage nachlese. Offenbar ist er noch nicht von einem Gerüst gefallen. Zugegeben, der Straßenbau ist vermutlich recht gerüstarm, dennoch scheint er nach dem Asphaltieren und Pflastern noch ausreichend Energie zu haben, um Kochvideos zu drehen.

Ich selbst bin so ein „Büromensch auf dem Vegan-Trip“! Vegan-Trip? Der Duden definiert Trip als kurzfristig, ohne große Vorbereitung unternommene Reise. Meine persönliche Reise ist gerade ins siebte Jahr gegangen. Sehr kurzfristig erscheint mir das nicht, und ohne große Vorbereitung eine vegane Ernährung zu beginnen, erscheint mir nicht sehr schlau. Gut geplant liefert sie alle nötigen Nährstoffe, aber, wie Minister Aiwanger weiß, offenbar keine Kraft. Ich spiegele mich in der Brille meiner Freundin. Ich sehe nicht gerade aus wie ein Lauch, denke ich mir. Warum ist Lauch so negativ konnotiert? Nach Herodot soll er den Arbeitern, die die Pyramiden erbaut haben, als Nahrung gedient haben. Er hat Frosthärte. Wenn das keine Zeichen von Stärke sind! Warum sagt keiner: „Du bist ein Löwe!“ und meint damit, dass du den ganzen Tag faul in der Sonne liegst. Nein, der Löwe ist kein Lauch, er isst Fleisch! Meine Freundin sieht mich grübeln und liest meine Gedanken (eine ihrer veganen Superkräfte, die Aiwanger verschweigt). „Patrik Baboumian!“, sagt sie. Ja, denke ich, 2011 den Titel „Stärkster Mann Deutschlands“ errungen, fünf Weltrekorde in Strongman-Disziplinen aufgestellt, deutsche Meistertitel und einen Europameistertitel gewonnen. Google wirft viele weitere Beispiele aus. Da das Internet auch in Bayern vielerorts funktioniert, frage ich mich, wie ein sicherlich von seinem Stab gut vorbereiteter Politiker zu solchen Aussagen kommt.

Salat hat als Sinnbild für Anti-Kraft eine gewisse bayerische Tradition. „Von Salat schrumpft der Bizeps“ sangen die Rapper Kollegah und Majoe, als sie ihr Musikvideo 2014 in der Oberpfalz gedreht hatten. Möglicherweise war das eines der Rechercheergebnisse des Ministerbüros. Einen Song wie „Von pflanzlichen Proteinen wächst der Bizeps“ gibt es dahingegen nicht, obwohl ihn Patrik sicher singen würde. Die Antwort ist: „Werbung wirkt!“ Wie kaum eine andere Sparte hat es die Fleisch- und Milchindustrie geschafft, ihre Produkte mit Attributen wie Männlichkeit und Kraft zu verknüpfen. „Milch mach müde Männer munter“ war in den 50er-Jahren entstanden, „Fleisch ist ein Stück Lebenskraft“ wenige Jahre später. Seitdem wurden wir von gut trainierten Football-Spielern („Seven T-Bone-Steaks for the Tigers!“), oberkörperfrei grillenden Muskelmännern und milchtrinkenden Cowboys geprägt. Dabei ist es dem Körper völlig egal, woher er seine Proteine bekommt. Rindfleisch hat 26 Prozent Protein – wie auch Linsen.
„Isst du Linsen, Erbsen, Bohnen, kriegst du Arme wie Kanonen!“ Nicht der beste Werbespruch, aber ein Anfang.

Foto: Inge Kohrmann Fotografie

Dienstag, 23. Juni 2020

Das Schwein zahlt

Das Schwein zahlt
Anfang der Woche war ich mit dem Auto unterwegs und hörte Radio. Ich schaltete um, da ich keine Lust auf Mark Fosters „Flash mich“ hatte und landete bei einer Diskussion über eine Gesetzesvorlage, die bis 2040 allen Nutztieren in Ställen deutlich mehr Platz, "möglichst mit Kontakt zu Außenklima", bieten möchte. Zur Finanzierung solle das Kilogramm Fleisch um 40 Cent teurer werden. Die Fleischindustrie zweifele an der finanziellen Umsetzbarkeit, war weiter zu hören. Ich musste an Tönnies denken. Die schaffen es nicht einmal, ihren Mitarbeitern genügend Platz zu verschaffen, um mehr als 1.300 Corona-Infektionen zu verhindern. Wie sollen die das dann bei Tieren schaffen? Gut, mag man kritisch anmerken, das ist ja auch ein Schlachter und kein Landwirt. Stimmt! Dennoch ist auf deren Homepage zu lesen, „dass die Tiere, die wir schlachten und verarbeiten, vernünftig gehalten und aufgezogen werden“ sollen. 

Das ist eine Riesenverantwortung in Anbetracht von gut 30.000 Schweinen, die Tönnies täglich schlachtet. Dessen Arbeiter führen die glücklichen Schweine per Aufzug zum dem Erstickungstod ähnlichen Betäuben in eine CO₂-Grube. Das kann gut eine halbe Minute dauern, während ihnen das Kohlendioxid auf ihren Schleimhäuten zu brennender Kohlensäure wird. Immerhin geht es ihnen wohler, als wenn sie bei vollem Bewusstsein einen Metallhakenhaken ins Bein gejagt bekämen, um kopfunter auf das „Stechkarussel“ gezogen zu werden, das sie zu den Schläuchen führt, die ihnen zum Ausbluten ins Herz gestochen werden. Durch einen umsorgenden Druck auf das Auge nach der Grube und vor dem Schlauch wird getestet, ob die Betäubung wirkt. Falls das Schwein zuckt, wird nochmal betäubt oder es gibt eins mit dem Bolzenschussgerät. Je nach Quelle sind ein Promille bis zu einem Prozent der Schweine zu diesem Zeitpunkt bei voller Wahrnehmungs- und Empfindungsfähigkeit, also bei Tönnies 26 bis 260 Tiere pro Tag. Immerhin haben die meisten der Tiere, die leider auch der Bolzenschuss nicht tötet – der Akkordarbeiter hat nur Sekunden Zeit, um sein Pensum zu schaffen –, ausreichend Blut verloren, dass zumindest der Großteil vom 60 Grad heißen Wasserbad nichts mehr mitbekommt. Die Großschlachterei kümmert sich darum, dass die Tiere „vernünftig gehalten und aufgezogen werden“. Das kostet so viel Geld, dass es gar nicht mehr leistbar ist, Arbeiter zu Mindestlohn anzustellen. Über fünftausend Schlachter müssen wegen der Bemühungen um das Tierwohl bei Aufzucht und Haltung über Subunternehmer angestellt werden. Da ist es gut, dass es eine Steuer geben soll, die hilft, dass diese Bemühungen nicht einseitig bleiben. Lediglich etwas mehr als 6,5 Milliarden Umsatz verbuchte der Konzern zuletzt. Dieses Jahr wird es noch weniger – so ohne Sub-Mitarbeiter, die nicht in Quarantäne sind.

Das Fertig-Schnitzel kostet derzeit 2,49 Euro. Wenn das Gesetz durch ist, wird es 2,59 Euro kosten, falls sich kein weiterer Subunternehmer in der Produktionskette findet. Das Schwein wird dann etwas besser leben und immerhin liegt die Chance bei 99 Prozent und besser, dass es nicht von einem der der 550.000 Schweine stammt, die deutschlandweit ihren langsamen Tod mangels funktionierender Betäubung bei vollem Bewusstsein miterlebten.

Am Ende meiner Autofahrt hatte ich ein veganes Schnitzel bei meinen Eltern bekommen, das 2,79 Euro gekostet und entfernt an ein echtes erinnert hatte. Damit kann ich leben, das Schwein auch und bei Mark Fosters Song „Flesh mich“ mitzusingen, kann man mal machen, solange niemand leidet.

Dienstag, 9. Juni 2020

Grüner durch Teamwork

Grüner durch Teamwork
Grüner durch Teamwork

Nach Daten des statistischen Bundesamtes sind fast 40 Prozent der Haushalte von nur einer Person bewohnt, und jede dieser Singles verfügt über durchschnittlich 68 Quadratmeter Wohnfläche. Ich war einer von ihnen. Die Hälfte meiner Wände war frei, denn ich hatte nicht genug in meinem Besitz, um sie mit Schränken verstellen zu müssen. Ich besaß nicht einmal eine Waschmaschine. Stattdessen ging ich alle drei Wochen in den Waschsalon. Meinen Kühlschrank hatte ich seit drei Jahren nicht mehr einschalten müssen, da ich mehr oder minder von der Hand in den Mund gelebt hatte. Wie ich bereits schrieb: Ich war einer von ihnen. Seit letzter Woche bin ich Teil eines Zwei-Personen-Haushalts. Natürlich überwiegt die Freude darüber – mit großem Gewicht –, dennoch kamen im Vorfeld Gedanken auf, die sich mit meinem individuellen ökologischen Fußabdruck befassten. Wie werde ich darauf reagieren, wenn die Klarheit meines reduzierten Besitzes nicht mehr auf mich wirken kann? Komme ich damit zurecht, dass sich die Anzahl der Elektrogeräte im Haushalt plötzlich um solche wie Mikrowellenherd und Wäschetrockner erweitern wird? Was wird es mit mir machen, wenn ich meinen Kühlschrank vielleicht dauerhaft eingeschaltet lasse? 

Die Antworten vorweggenommen: Gut, ja und nichts, denn erstaunlicherweise wird all das regelrecht aufgezehrt von einem sehr hungrigen Energiezehrerpärchen in meiner Ökobilanz: Dem Flächenverbrauch und den Heizkosten. 49 Quadratmeter Fläche bewohnen Menschen aus Zwei-Personen-Haushalten im Durchschnitt, die im Mittel immerhin bis zu 149 kw/h Heizenergie verbrauchen. Bei mir sind Flächen- und Heizenergieverbauch nun halbiert, und das wirkt sich auf den ökologischen Fußabdruck merklich aus. Es reduziert meinen globalen Flächenbedarf von 3,8 auf 3,4 globale Hektar (gha) – der bundesdeutsche Durchschnitt liegt bei 4,9 gha. Der globale Hektar beinhaltet alles, was unsere Art zu leben an Fläche nötig macht. Vom Bedarf an Anbauflächen für Lebensmittel, über den Flächenanteil an der Infrastruktur und den für die Produktion von Konsumgütern bis hin zum Wohnraum. Das Wohnen wird dabei mit einem Anteil von 25 Prozent im Durchschnitt nur von den Ernährungsgewohnheiten, die durch unsere tierproduktreichen Essgewohnheiten 35 Prozent betragen, überboten. Wenn diese zwei Punkte bereits 60 Prozent ausmachen, wundert nicht, dass der diesjährige Earth-Overshot-Day, der Erdüberlastungstag, vermutlich am 3. Mai gewesen wäre. Ab diesem Tag nutzten wir Ressourcen, die uns rechnerisch nicht mehr zustünden und wir zu Lasten anderer – unserer Mitmenschen in anderen Ländern und unserer Folgegenerationen – verbrauchten. Der Corona-Shot-Down, der nicht eingerechnet ist, wird den deutschen Erdüberlastungstag faktisch verschoben haben. Vielleicht ist er am heutigen Tage. Wer weiß? 

Fakt ist, wir müssen noch viel tun. Meinen Wohnraum zu teilen, hat mich – ganz gleich, ob ich nun den Kühlschrank dauerhaft eingeschaltet lasse oder nicht – merklich nach vorne gebracht. Und nicht nur mich. Auch meine Lebensgefährtin halbiert ihren Flächen- und Heizenergieverbrauch. Zusammen bringen wir es auf eine Ersparnis von 0,8 gha – das entspricht dem ökologischen Fußabdruck einer Bengalin oder eines Bengalen. Abgesehen davon und vom zwischenmenschlich Offensichtlichen gibt es aber noch einen weiteren gravierenden Vorteil: Ich spare mir alle drei Wochen 1,3 Kilometer Fußweg zum Waschsalon, und, wer weiß, vielleicht bekomme ich sogar mit der Zeit heraus, wozu man einen Mikrowellenherd braucht!

Sonntag, 7. Juni 2020

Erster Unverpacktladen in Friedberg

Alexia Anders' Futterzimmer bietet Unverpacktes und Plastikfreies

Unverpacktläden boomen. Gut einhundert dieser Geschäfte, die das Einkaufen unverpackter Waren ermöglichen, gibt es bundesweit. Deutlich mehr, rechnet man jene hinzu, die den bestehenden Laden um einen Unverpackt-Bereich ergänzt haben. Seit März gibt es auch einen in Friedberg, und er hat sich fast unbemerkt hinzugesellt.

Seit dem Jahr 2013 führt Alexia Anders ihre Hundetagesstätte Hundezimmer in der Hanauer Straße 12, gleich um die Ecke im selben Haus erreicht man ihr zwei Jahre später hinzugekommenes Futterzimmer, in dem sie alles anbietet, was ihre Tagesgäste benötigen. Seit dem Frühjahr gibt es dort auch vieles, was das umweltbewusste Frauchen oder Herrchen benötigt. Hier kann man sich Drogerieartikel nachfüllen lassen, Bienenwachstücher oder in loser Schüttung kaufen, was benötigt wird, um sich Wasch-, Spülmaschinenpulver und mehr herzustellen. Die Idee dazu kam der 34-Jährigen bereits Ende 2019. Die Mittel zum Umbau ihres Ladens kamen über ein Crowdfunding. Ganze 57 Unterstützer hatten sich teils Gutscheine für den ersten Unverpacktladen Friedbergs gesichert und ihr so ermöglicht, zusammen mit ihrem eigenen Kapital den Umbau und den Start eines Unverpackt-Bereichs zu wagen. Mitte März war der Laden umgebaut, die ersten Produkte wie plastikfreies Toilettenpapier, Zahnbürsten und Wattestäbchen aus Bambus, Seifen für Hund, Haut und Haar, auch die handgefertigten von „Manar Soap“ aus Friedberg, sogar Strohhalme, die ihrem Namen alle Ehre machen, waren in den Regalen. Zum Abfüllen gab es Soda, Natron und Zitronensäure. Für die Eröffnung bestellt waren, natürlich ebenfalls zum Selbstabfüllen, Zahncreme, Bodylotion und sogar Sonnencreme. Doch sie kamen nicht. Was kam, war Corona und mit ihm Hygienebestimmungen in den Produktionsstätten, die zunächst keine Lieferung zur losen Portionierung zuließen. Gleichzeitig wurde auch das, was einen Unverpacktladen ausmacht, nämlich das Abfüllen in mitgebrachte Behältnisse, durch die Verordnungen erschwert. 

Die gelernte Kauffrau nimmt das leicht. „Ich nutze alle Produkte auch selbst“, sagt sie mit einem Lächeln im Gesicht. Dann beginnt sie von ihrer Motivation zu erzählen, schwärmt von den Produkten, die sie im Sortiment hat und gibt eine Aussicht auf das, was sie noch ins Programm nehmen will. WC-Reiniger, Klarspüler, sensitive Waschmittel soll es bald zum Abfüllen geben, Zahnputzpastillen, fester Conditioner und Lippenbalsam. Folgt man dabei ihren Augen, entsteht bereits im eigenen Kopf ein Bild davon, wo alles stehen wird und welche große Pump-Flasche, welche Lotion oder Creme beinhalten wird. Ein Geschäft, das Kauknochen und Hundedecken auf der einen Seite und Unverpacktes sowie Plastikfreies auf der anderen Seite führt, ist sicherlich bundesweit einmalig. „Dabei wird es jedoch nicht bleiben!“, sagt die Friedbergerin. „Ich stehe schon in Kontakt mit einem Lieferanten und möchte auch Lebensmittel in Pfandgläsern anbieten.“

Noch ist der Unverpackt-Bereich nur eine Rubrik auf ihrer Homepage futterzimmer.de. Das Logo ist jedoch fast fertig, und dann folgen die eigene Homepage und Google-Eintrag. Wie sehr sie sich bereits Gedanken um Ressourcenverschwendung gemacht hat, sieht man jedoch bereits beim ersten Blick auf die bestehende Homepage. Dort trifft man auch auf Rücksäcke. Was haben die mit Hundebedarf oder Unverpacktem zu tun? „Die nähe ich aus Stoffresten der Hundedecken“, sagt die ausgebildete Hundeernährungsberaterin stolz. „Die fertige ich nämlich auch selbst. Sie halten länger als die üblichen, und so erfüllen auch die Reste noch einen guten Zweck.“

Dienstag, 26. Mai 2020

Klickscham auf der Couch?

Klickscham auf der Couch?

Heute vor zehn Wochen begann es für mich. Alle Veranstaltungen, die ich geplant hatte, wurden abgesagt oder hoffnungsvoll auf den Herbst verschoben. Ich selbst verschob mich auch, und zwar auf die Couch, denn das Erste, was mir auffiel, war, dass ich ohne kaum mehr etwas zu tun hatte. Zudem war es für meine Kreativität mehr als lähmend, ohne Impulse von anderen zu Hause sein zu müssen. Also saß ich abends auf der Couch, betrachtete die Wand und zählte die Löcher, die angenagelte Bilderrahmen auf ihr hinterlassen hatten. Zwei! Es hängen genau zwei Bilder an besagter Wand. Ich fand schnell heraus, dass dies nichts war, das mich lange herausfordern würde. Es rettete mich mein fast erwachsener Sohn. „Papa“, sagte er, „ich richte dir jetzt Netflix ein!“ Minuten später hatte er mir einen Zugang zu seinem Account erstellt. Das Einzige, was ich tun musste, um mich vor dem abendlichen Bis-Zwei-Zählen zu retten, war, mit der Maustaste auf jenen Knopf zu drücken, unter dem Papa stand und auf dem frecherweise ein grinsender Glatzkopf abgebildet war. Ich tat es und war beschäftigt. Doch das war nicht der einzige Effekt, denn es weckte auch meine Kreativität.

Während ich einem Wikinger zuschaute, wie er seine doppelköpfige Axt schwang, erinnerte ich mich an einen Zeitungsbericht: Eine Stunde Video-Streaming produziert so viel CO2 wie ein Kilometer Autofahren. Ich versuche seit langem, so wenig mit dem eigenen Auto zu fahren, wie es mir nur möglich ist, und nun setze ich mich bereitwillig auf die Couch und fahre abendlich ein paar Kilometer, ohne dabei vom Fleck zu kommen? Ist das ökologisch? „Die Internetnutzung in Deutschland produziert jedes Jahr so viel CO2 wie der gesamte Flugverkehr“, las ich weiter. Weltweit produzieren IT-Geräte und -Anwendungen jährlich so viel CO2, wie Deutschland insgesamt emittiert. Das Fliegen habe ich aus bekannten Gründen aufgegeben, und nun scheint es, als sei ich dennoch Passagier einer Daten-Airline. Während vor meinen Augen die spanische Banknotendruckerei überfallen wurde, sinnierte ich darüber, was auf der Habenseite des Vergleichs steht. Möchte ich einen Film ausleihen, ohne auf das Internet zurückzugreifen, fällt mir die gute alte Videothek ein.

Suche ich auf der Internetseite der Gelben Seiten nach Videotheken (0,2 Gramm CO2 verbraucht das) bekomme ich im 20-Kilometer-Umkreis von Friedberg ganze drei Ergebnisse. Im Mittel beträgt die Entfernung für alle, die dazwischen wohnen, gut vier Kilometer, acht hin und zurück. Das ist sind zweieinhalb Serienstaffeln, in denen ich Sherlock Holmes zahlreiche Morde aufklären sehen kann. Hinzu kommt, dass jede Videothek ein großer 24-stündig beheizter Raum ist, Fläche verbraucht und zig-hundertfach eigens dafür, ebenfalls unter CO2-Freisetzung produzierte Polycarbonat-Scheiben im Polypropylen-Mantel beherbergt. Bedeutet das, dass Streaming doch nicht so umweltschädlich ist? Nein, es bedeutet nur, dass die Rechnung nicht so einfach ist, wie häufig dargestellt. Bevor zu streamen beliebt wurde, gab es ein Vielfaches an Videotheken. Deren eingesparte Energieaufwände stehen auf der Habenseite. Sicherlich streamen wir heute mehr als wir früher in die Videothek fuhren. Dafür waren die Fernseher damals energiehungriger als unsere streamenden Laptops und Tablets heute. Wie üblich macht die Dosis das Umwelt-Gift. Die isolierten Zeiten gehen vorbei, und mit ihnen ersetzt der Biergarten Declan Harps Kampf gegen die Hudson’s Bay Company. Das schont die Umwelt und zugleich die Augen!

Dienstag, 12. Mai 2020

Die vegane Weltverschwörungsgruppe

Attila Hildmann - Die vegane Weltverschwörungsgruppe

Menschen lieben es, Gruppen zu bilden. Das ist geschichtlich betrachtet sinnvoll. Gemeinsam mit anderen überlebt es sich besser. Heute, in Zeiten, in denen zumindest wir keinen Überlebenskampf führen müssen – es gibt keine Hungersnöte, wo eine Gruppe toll wäre, die Überschüsse erwirtschaftet und eingelagert hat, auch keine Kriegszustände, in denen Teil einer Gemeinschaft zu sein, die aufeinander aufpasst und ihre Mitglieder schützt, lebenswichtig wäre –, schwenkt das Gruppenleben zum Gruppenglauben. Du glaubst, die Erde ist flach? Es gibt eine Gruppe. Du glaubst, es gibt eine kleine weltdominierende Elite. Die Gruppe gibt es. Du glaubst, du lebst in einer Diktatur, regiert von der BRD GmbH oder unterirdisch lebenden Echsenmenschen, angeführt von der Frau mit der Raute? Auch hier gibt es eine Gruppe. Das hilft dir zwar nicht, wenn eine Hungersnot oder Krieg ausbrechen, aber es beschäftigt dich, solange alle satt und in Frieden leben. Die Liebe zur Bildung von Gruppen ist Teil unseres Denkens. Treffen wir auf einen anderen, versuchen wir unterbewusst, ihn in eine Gruppe einzuordnen. Das hilft dabei, ihn aufgrund von Erfahrungen, die mit Angehörigen solcher Gruppen gemacht wurden, einzuschätzen. Hilfreich, aber nicht sinnvoll, wenn es dabei bleibt, ohne das Individuum im Anschluss ebenfalls einer Prüfung zu unterziehen und neue Erfahrungen zuzulassen. Das passiert gerade im Casus Attila Hildmann. Der Vegan-Kochbuch-Autor machte kürzlich von sich reden, als er eine Weltverschwörung im Zusammenhang mit Corona medial bekannt gab, sich kämpferisch mit Gewehr in Pose ablichtete und zur Demo aufrief, um die Demokratie zu retten.

„Du bist doch Veganer, oder?“, höre ich, als ich das Haus verlasse. „Ja!“, sage ich und glaube zu erkennen, wie mein Gegenüber hinter dem Rücken aus der Verpackung seines Döner-Sandwichs einen Alu-Hut formt. „Kennst doch den Hildmann, oder? War in den Nachrichten!“, sagt mein Bekannter. Ich nicke, sage: „Ja!“ und denke, dass dessen veganer Snack-Laden in Berlin auch einen fleischlosen Döner hat und frage mich, welche Kundschaft er künftig haben wird. Viele seiner veganen Kunden wird er verlieren und dafür ein paar Impf-Gegner, Reichsbürger und Echsenmensch-Experten gewinnen. Wahrscheinlich werden einige Großabnehmer seine veganen Produkte aus dem Sortiment nehmen. Hatte ohnehin bislang keins getestet, denke ich mir und konzentriere mich wieder auf meinen Bekannten. Der schaut nachdenklich nach unten. Er sucht nach der passenden Gruppe. „Corona-Lagerkoller!“, mutmaßt er. „Psychose. Schlimm sowas!“ Ich nicke. Und bin gleichzeitig überrascht. „Hitler war auch Vegetarier!“, habe ich schon so oft gehört. Das Reductio ad Hitlerum ist ein beliebter Trugschluss, der rhetorisch oft zum Einsatz kommt – so durchschaubar das Scheinargument auch ist. Es ist der plumpe Versuch, pflanzliche Ernährung zu diskreditieren, indem die schlimmste Figur der deutschen Geschichte mit ihr in Verbindung gebracht wird; dabei hält sich diese Annahme genauso hartnäckig, wie sie schlichtweg nicht zu treffend ist. Reductio ad Hildmannum! Damit hatte ich gerechnet. Ist Hildmann so, muss die Gruppe so sein: Weltverschwörerisch! Dabei ist, vegan zu essen und vegan zu wirtschaften nur eine Komponente des Individuums Hildmann. Ebenso gehört er derzeit in die Gruppe der Weltverschwörer und vielleicht auch in die der unter Psychosen Leidenden. Ich wünsche ihm jedenfalls gute Besserung. Wenn ich mal wieder in Berlin bin, werde ich dennoch nicht bei ihm essen.

Bildquelle: Wikipedia,  Creative-Commons-Lizenz „CC0 1.0 Verzicht auf das Copyright“ 


Dienstag, 28. April 2020

Raus in die Natur - Kleingärtnern, Saisongärteln und die Dachterrasse

Raus in die Natur - Kleingärtnern, Saisongärteln und die Dachterrasse
Vom 11. bis zum 15. Mai werden Gartenfreunde von den Eisheiligen besucht. Ihre Namen: Mamertus, Pankratius, Servatius, Bonifatius und Sophia von Rom – es sind deren Namenstage, zu denen die Bauerregel sagt, dass mit Frost zu rechnen ist. Der Feind eines jeden Hobby-Gärtners, der seine mit Liebe gezogenen Setzlinge zu früh gesetzt hat. Allerdings nutzen wir seit knapp 500 Jahren den Gregorianischen Kalender und nicht mehr den Julianischen, auf den sich die Bauernregeln bezogen. Dieser und damit die gefürchteten Kälteeinbrüche sind somit um eine Woche nach hinten verschoben, also auf die Tage ab dem 20. Mai. Diese sind die Namenstage von Elfriede, Wiltrud, Rita, Renate und Esther. Warum wurde das nicht geändert? Vermutlich, weil die Reime einfach unschlagbar sind. „Der heilige Mamerz / hat von Eis ein Herz“, „Mamertus, Pankratius, Servatius / stehn für Kälte und Verdruss“ oder „Vor Nachtfrost bist Du sicher nicht / bis Sophie vorüber ist“. Was sollen die wirklichen Eisheiligen da schon ausrichten? „Bis zur heiligen Elfriede / gehört der Garten gemiede“ kann allenthalben Hessinnen und Hessen begeistern,  „Gerade kam Wiltrud / als die Kälte sich entlud“ überzeugt auch wenig und „Rita ist wie Renate und Esther / eine eiskalte Schwester“ klingt eher wie ein neues Rap-Projekt aus Rödelheim als eine Regel, die den Gärtnerinnen und Gärtnern in Erinnerung riefe, sich trotz erster warmer Tage nicht zu sicher zu fühlen. 

Das Bundesamt für Statistik sagt, dass im Jahr 2019 rund 8,97 Millionen Menschen über 14 Jahre gab, die mehrmals wöchentlich im Garten arbeiteten. 900.000 Hobbygärtner sind unter dem Dach des Bundesverbandes Deutscher Gartenfreunde organisiert und bewirtschaften 44.000 Hektar Land. Auch in der Wetterau gibt es zahlreiche Kleingartenanlagen und Gartenbauvereine wie die Gemeinschaft Usa-Gärten e. V. (http://www.usagaerten.de/) mit 65 Kleingärten zwischen Friedberg und Bad Nauheim. Deren und die Gartengrundstücke vieler anderer sind in der Wetterau begehrt; die Wartelisten sind lang. Eine andere Möglichkeit sind Saison-Gärten, wie der, den die Familie Klingmann in Friedberg-Fauerbach anbietet (https://www.saisongarten-friedberg.de/). Dort wird der Boden fachmänisch bestellt, und die Pflege übernimmt die Saisongärtnerin oder der Saisongärtner. 

Warum ist es so ökologisch, selbst zu gärtnern? Die meisten Kleingartenvereine oder Saisongärten sind so gelegen, dass sie mit kurzen Wegen, häufig sogar per Rad oder zu Fuß erreicht werden können. Das spart Energie und damit CO2 – insbesondere, wenn man bedenkt, dass 40 % der Lebensmittel in Europa Importe sind. Der Selbstversorgungsgrad für Nahrungsmittel in Deutschland liegt bei rund 88 Prozent. Deutschland muss folglich Nahrungsmittel importieren, um den eigenen Bedarf decken zu können. Der Gesamtwert der Nahrungsmittelimporte summierte sich zuletzt auf rund 49,2 Milliarden Euro. Das ist mit Energiekosten verbunden und geht zudem zu Lasten der Frische, des Vitamingehalts und auch des Geschmacks der Lebensmittel. Warum spanische Tomaten, italienische Paprika und holländische Gurken, wenn sie auch selbst angebaut und geerntet werden können? Da schont nicht nur die Umwelt, sondern sogar den Geldbeutel. Aus eigener Erfahrung – ich bewirtschafte gerade wieder meine Terrasse hoch über den Dächern der Kreisstadt – lassen sich gut 80 Prozent der Nahrungsmittelkosten einsparen, wenn man selbst gärtnert. Die Kostenersparnis bedeutet eine Investition von Zeit, die man mit Erde unter den Nägeln erbringt, aber ganz ehrlich: Das erdet! Aber bitte erst nach Schwester Esther!

Dienstag, 14. April 2020

Keine Krise wie die andere

Keine Krise wie die andere
Ja, ich weiß. Das ist die dritte Kolumne in Folge, die sich um Corona dreht. Ich verspreche, ich werde bald wieder von etwas anderem schreiben. Vogelgrippe, Schweinegrippe, Ebola, EHEC, es gibt so viele Themen. Ich muss jedoch noch einmal davon schreiben, denn ich finde so viele in den Sozialen Netzwerken, die zurecht fordern, dass Krisen, insbesondere die Klimakrise, gleichbehandelt werden sollen. 

Unter dem Hashtag #netzstreikfuersklima ist Fridays for Future, die durch Corona auch nicht mehr auf der Straße für den Paradigmenwechsel in der Klimapolitik demonstrieren können, in die virtuelle Öffentlichkeit gewechselt. Frei von Ansteckungsgefahr für die Teilnehmenden! Die Forderung ist absolut gerechtfertigt, denn gerade die Klimakrise bedroht die Menschheit wie keine andere jemals zuvor in ihrer Geschichte. Sie könnte das sein, was möglicherweise jener Meteor vor Millionen von Jahren für die Dinosaurier war. Und damit tritt bereits ein klarer Unterschied zutage. Der Dinosaurier von damals stand nicht an seinem riesigen Weltraumteleskop und hatte den Steinbrocken nahen sehen. Es kamen zum Ende der Kreidezeit nicht alle Riesenechsen zusammen und berieten sich, wie der Aufprall zu verhindern sein könnte. In Angesichts der nahenden Gefahr hätten sich die Argentinosaurier, die Diplodocus und Brontosaurier und alle weiteren gewichtigen Artgenossen in völliger Einigkeit entschlossen haben können, die westliche Hemisphäre aufzusuchen. Der Supersaurus hätte bis drei gezählt, dann wäre die komplette dinosaurische Lebendmasse gleichzeitig hochgesprungen und hätte die Weltkugel beim Aufkommen kurzfristig aus der Bahn springen lassen. Der Meteor wäre vorbeigerauscht, dann hätte sich dasselbe auf der Ostseite wiederholt und das Leben wäre wieder in gewohnten Bahnen verlaufen. Der T-Rex hätte seine kurzen Ärmchen zum Mittelfingerzeigen gen Himmel erhoben und dem Verglühen eines Sternenschweifs lächelnd zugeschaut. Auch wenn die Weltpolitik in Sachen Klima dieselbe Behäbigkeit wie ein Brachiosaurus aufweist – jede Krise ist anders. 

Die Klimakrise ist wie das Rauchen. Man weiß, dass es schädlich ist, aber weil es viele machen, man noch bei niemanden nach dem Schmauchen Zungenkrebs hat sich entwickeln sehen und ja außerdem der Heesters auch als Raucher über 100 geworden ist, raucht man eben weiter. Das Coronavirus ist eher wie ein Laster mit Zigaretten, der seit China beschleunigt und nun ohne Bremsen auf uns zurast. Da weicht man schnell mal aus und ruft auch gerne: "Achtung, ein Laster. Bleibt von der Straße fern!" Man reagiert, indem man sein Leben genügsamer lebt – schließlich hält auch das Toilettenpapier nicht ewig. Das Problem ist nur, sobald der Laster sauber eingeparkt ist, öffnen wir den Laderaum... und rauchen erstmal eine! Keine Krise ist wie die andere.

Auf die Klimakrise muss dauerhaft reagiert werden und sie ist noch zu abstrakt. Wissenschaftler können sich ja auch irren, scheint der eine andere zu denken. Bei Corona fällt es schwer, die Wissenschaft zu ignorieren, denn inzwischen kennt jeder jemanden, der Infiziert ist oder zumindest jemand Infizierten kennt. „Du, ich hab‘ Klima!“, habe ich noch niemanden sagen gehört. Dabei haben wir das doch alle.  Also bitte, glaubt der Wissenschaft. Sie irrt zwar manchmal, aber immerhin korrigiert sie sich, wenn sie es erkannt hat. Die Dinos haben ihrem Astronomussaurus nicht geglaubt, als er rief: „Leute, wir haben eine Meteorenkrise!“. Seid wie der Argentinosaurus. Seid schwer. Springt. Eins, zwei, drei, JETZT!

Mittwoch, 8. April 2020

Plogging - für Fitness und Umwelt

Plogging - für Fitness und Umwelt

Wenn einem in Friedberg ein schnell laufender Mensch mit einer Tüte in der Hand begegnet, so ist das nicht zwangsläufig ein flüchtiger Räuber und ein Fall für die Polizei. Trägt er sportliche Kleidung, dann ist es mit hoher Wahrscheinlichkeit ein „Plogger“. 

Das „Plogging“ ist ein aus Schweden stammender Trend, bei dem Dauerläufer während ihres Sports Müll von der Strecke einsammeln. Der Begriff setzt sich aus dem schwedischen Wort „plocka“ für sammeln und dem bekannten „Jogging“, englisch für trotten, zusammen. Es ist eine Form des Müll-Aktivismus, die gleich zwei positive Effekte kombiniert: Sie fördert Gesundheit und Umweltbewusstsein gleichzeitig. Ins Leben gerufen wurde die Bewegung vom schwedischen Umweltaktivisten Erik Ahlström. Inzwischen gibt es Plogging-Gruppen überall auf dem Globus. In Schweden ist das seit dem Jahr 2016 sogar ein organisierter Sport.

Einer, der das in Friedberg macht, und zwar schon bevor die Sache einen Namen bekam, ist Gottfried Krutzki. Der 75-jährige Rechtsanwalt im Ruhestand joggt zwei- bis dreimal wöchentlich mit einer Plastiktüte durch Friedberg. Vorbild war sein 2011 verstorbener Bruder. „Er war stark in seiner Mobilität behindert, was ihn aber nicht daran hinderte, sich bei gemeinsamen Spaziergängen immer zu bücken, wenn er Müll am Weg sah“, sagt Krutzki stolz. Er habe dann immer gesagt, er könne es nicht sehen, dass die Natur so verschmutzt wird. Irgendwann hatte sich Krutzki dann entschlossen, immer eine Plastiktüte mitzunehmen, wenn sich beide zum Spaziergang trafen. Nach dessen Tod behielt er es bei. Friedberg und seine Bürgerinnen und Bürger sind Krutzki wichtig. Seit 1995 lebt er hier, ist aktiv im Umsonstladen und trotz Ruhestand hält er einmal im Monat über das Internationale Zentrum Friedberg im Katholischen Gemeindehaus eine offene Sprechstunde ab. Verständlicherweise gilt seine Aufmerksamkeit auch dem Stadtbild. Besonders sauber sei es inzwischen am Weg an der Usa entlang. Auch dort joggt oder besser ploggt er mit Greifzange in der einen und Plastiktüte in der anderen Hand, die er stets am nächsten öffentlichen Mülleimer entleert, bevor sie sich Schritt für Schritt wieder füllt. 

Bis zu drei volle Beutel zählt er bis zum Ende seiner Joggingrunden. Überwiegend, so sagt er, ist es Müll von Fußgängern, aber auch solcher, der von Autofahrern aus dem Fenster geworfen oder beim Parken entsorgt wird: Fastfood-Müll, Zigarettenschachteln, Süßwarenverpackungen, Plastikfolien, Papiertaschentücher, Trinkflaschen und Papierschnitzel. Immer wieder begegnet Krutzki Menschen, die gleichfalls mit Plastiktüte spazieren gehen. Ein Plogger war ihm jedoch noch nie begegnet. Manche Passagen litten unter einem stetigen Müllstrom, zum Beispiel die Wege an den Bahndämmen und manche wie der Usa-Spazierweg blieben inzwischen erstaunlich verschont. Das Müllsammeln scheint auch einen präventiven Effekt zu haben, vermutet Krutzki. Er erlebt aber auch Kurioses. Als er einmal einen vollen Müllbeutel in einen öffentlichen Müllbehälter entleerte, ging ihn jemand mit den Worten an: "Was fällt Ihnen ein, Ihren Hausmüll hier zu entsorgen." Krutzki sieht es positiv, zeigt es ihm doch, dass es eben sehr viele Menschen gebe, die sich darüber aufregen, dass andere Müll wegwerfen. Leider gebe es aber zu wenige, die die öffentlichen Grünanlagen auch selbstlos von ihm befreiten. 

Dabei gibt es so viele Möglichkeiten, weiß das Internet. Wem Ploggen körperlich zu anstrengend ist, der kann es auch mit Pliking (von „hiking“, englisch für Wandern), „Plalking“ (von Walking) oder „Plycling“ („cycling“, englisch für Fahrrad fahren) versuchen. Wer sich gar nicht zu Sport durchringen kann, dem bleibt immerhin die Rufnummer der Stabsstelle „Sauberes Friedberg“, um illegalen Müll zu melden (0 60 31/88-3 24).

Dienstag, 31. März 2020

Corona-Baisse – Investieren in Kalorien

Corona-Baisse – Investieren in Kalorien
Die Bouillabaisse, das provenzalische Fischgericht, und keine mexikanische Biersuppe stand Pate für meine Namenskreation. Sie besteht aus den provenzalischen Wortteilen bouli und abaissà, also „koche und setze dich“, da die Marseiller Suppe einige Minuten stark gekocht und dann abgeschreckt wird. Das passiert derzeit auch an der Börse. Das Coronavirus wirkt wie ein Tauchsieder, der insbesondere Kleinanleger verschreckt die Hände aus dem sprudelnden Wasser ziehen lässt, das hier sinnbildlich für das Börsenparkett steht. Noch bis Mitte Februar hatte sich der Aktienmarkt in der Hausse befunden, in einem Aufwärtstrend. Da hatte der Stier der beginnenden Coronakrise noch seine Hörner gezeigt. Seitdem befindet er sich auf Talfahrt, der Bärenmarkt hat sich entwickelt, stärker denn je. Noch nie war der DAX, also die Heimat der 30 größten deutschen börsennotierten Unternehmen, in so kurzer Zeit so stark gefallen: Von fast 13.500 Punkten auf zeitweise unter 9.000. 

Warum schreibe ich das in einer Kolumne über Nachhaltigkeit? Seit ich vor eineinhalb Jahren zwei Frugalistinnen kennengelernt hatte, also zwei Anhängerinnen jener Szene, die sich zum Ziel gesetzt hat, durch ein möglichst sparsames Leben und Anlegen des Ersparten früh ein genügsames Dasein als Privatier zu führen, habe ich vieles von ihnen übernommen. Ich habe begonnen, meine Ausgaben mit einer Exceltabelle zu monitoren, um unnötige Ausgabenherde zu identifizieren, habe ein Depot eröffnet und bereits im ersten Monat des Kennenlernens mit dem Investieren gestartet. Ich bin nicht so sparsam wie Oliver Nolte oder Florian Wagner, die beiden wohl bekanntesten Frugalisten Deutschlands, die Sparraten von 60 Prozent und mehr erreichen, komme aber immerhin auf fast 22 Prozent. Geschafft habe ich das, indem ich meine Ausgaben immer wieder im Hinblick auf die Suffiziens überprüft habe. Welche Ausgaben tätige ich nur, weil es scheinbar ein gesellschaftlicher Konsens ist, sie zu tätigen? Welche Kosten habe ich, die wirklich nötig sind? Welche dieser Kosten kann ich reduzieren, indem ich zu günstigeren Alternativen wechsele, ohne an Nachhaltigkeit oder Qualität zu verlieren? Meine durchschnittlichen monatlichen Ausgaben habe ich so um ein Viertel reduzieren können – immer unter der Maßgabe, meine Lebenszufriedenheit aufrechtzuerhalten. 

Bis Mitte Februar hatte ich meine Depotwerte, die durch nachhaltige Fonds und ETFs sowie Einzelaktien von ökologischen Unternehmen bestimmt sind, noch gerne abgerufen. Derzeit verweigere ich mich, die betreffenden Aktienkurse in meiner Homebankingsoftware zu aktualisieren. Denn als die Corona-Baisse aufkochte, hatte ich stark an den Verlusten zu kauen gehabt, bis ich realisierte, dass es nur virtuelles Geld ist, dessen vermeintlichen Verlust ich bedauerte. Mein Einkommen ist weiterhin nahezu stabil, und weder an meinem vergleichsweise sparsamen Leben, noch an meiner Sparrate hat sich etwas geändert. Die Kurse werden irgendwann wieder steigen, und ich bin fern von Existenzangst. Ganz im Gegensatz beispielsweise zu vielen Gastronomen, die wirtschaftlich wirklich bedroht sind. 

Ich habe mich entschlossen, wieder zu investieren. Ich stecke den durch mein sparsames Leben erwirtschafteten Überschuss in Gutscheine bei der Pizzeria, in Bestellungen beim Burgerladen und in Anteile an diversen Speisekarten. Schon jetzt bin ich im Plus. Das Ergebnis lässt sich auf der Waage messen. Es sind bereits einige Prozent, und die nimmt mir keiner so schnell.

Sonntag, 22. März 2020

Die Welt von heute retten wir morgen wieder!

Die Welt retten wir morgen wieder!
Lasst uns heute erst einmal die Welt von morgen retten! Klingt nach einem Widerspruch. Ähnlich wie: "The king is dead. Long life the king!"

Ende 2016 hatte ich meinen Kühlschrank ausgestellt, weil ich wissen wollte, ob ich auch ohne leben kann. Ich konnte. Dafür hatte ich einige Gewohnheiten umgestellt. Zum Beispiel musste ich binnen drei Tagen aufbrauchen, was ich an Brotaufstrichen geöffnet hatte, damit es nicht verdirbt. Meine gewohnten drei geöffneten Gläschen unterschiedlicher Geschmacksrichtungen für das Frühstück reduzierte ich dafür auf eins. Ging auch. Tat nicht einmal weh. 
Essen, das ich kochte, stellte ich nicht mehr kühl, bis ich es in den nächsten Tagen zu Mittag im Büro verzehren würde. Ich weckte es ein. Ging auch. Tat nicht einmal weh. 
Statt den Kühlschrank mit einem Wocheneinkauf vollzupacken, begann ich alle zwei Tage in den Bioladen zu gehen, an dem ich vom Büro nach Hause ohnehin vorbeikam, und kaufte fortan für den Tages- statt für den Wochenbedarf ein. Ging auch. Tat nicht einmal weh.

Nun ist Corona-Time! Ich möchte weder mich, noch die Verkäuferinnen und Verkäufer oder auch nur einen derer, denen ich auf dem Weg zum Bio- oder Supermarkt begegne, der Infektionsgefahr aussetzen. Ich habe den Kühlschrank am Freitag nach dreineinhalb Jahren wieder eingeschaltet und meinen Einkauf, den ich nun nur noch alle zwei Wochen tätigen werde, eingeräumt. Selbst ein Wenig Plastikverpacktes ist darunter. Das ist ein sehr ungewohntes Bild, an das ich mich erst einmal  gewöhnen muss.
Ich versuche dennoch, Energie zu sparen, indem ich alle vollen Flaschen, die ich im Haus gefunden hatte, ebenfalls hineingetan habe - was im Falle der Rotweinflaschen einen Knacks in meinem Herzen verursacht hatte! So bleibt die Kälte im Inneren, wenn ich dir Tür öffne. Ansonsten würde die kalte Luft mit jeder Öffnung durch warme Küchenluft ausgetauscht und das Kühlaggregat müsste nach jeder Öffnung anspringen. Ich bin gespannt, was dieses Experiment, an Verbrauch mit sich bringt.  

Der Öko in mir ruht heute ein wenig, damit ich morgen eine Welt vorfinde, die ich dann weiter zu retten versuchen kann. Geht auch. Tut nicht einmal weh!

Samstag, 21. März 2020

Toilettenpapierhamsterkäufe - Was steckt dahinter?

Toilettenpapierhamsterkäufe - Was steckt dahinter?
Vieles müssen wir dieser Tage umstellen: Wer kann, arbeitet im Home Office, unsere gewohnten Tagesabläufe geraten durcheinander, Freizeitaktivitäten sind auf Null reduziert und die Besuche bei den Eltern und Großeltern sind eingestellt. Sich mit ihnen, Freunden und allen, deren Kontakt so essenziell für uns alle ist, zu treffen, findet nicht mehr statt, und selbst das Einkaufen fühlt sich an, als sei jederzeit zu erwarten, dass eine Horde Zombies in den Supermarkt stürmt. Jeder dreht sich verstohlen um und versucht zwei Meter Abstand zu jedem anderen zu halten. Menschen warten vor den Türen, bis sie mit der nötigen Distanzwahrung in den spärlich gefüllten Laden eintreten können. Auf den ersten Blick betrübt das, doch dahinter steckt so viel Positives. Als ich heute Morgen einkaufen war, waren um mich herum überwiegend Menschen, die nicht in der gefährdeten Altersgruppe waren. Wenn sie sich mühen, die Ansteckung bei den nötigen Gängen in die Öffentlichkeit möglichst gering zu halten, dann machen sie es faktisch nicht für sich. Sie machen es für die Gemeinschaft, dafür, dass unsere Kapazitäten in der Intensivmedizin für die ohnehin schon große und immer größer werdende Zahl an Infizierten ausreichen, dafür, dass weniger alte und vorerkrankte Menschen sterben müssen. Einzelpersonen, Vereine und Religionsgemeinschaften schließen sich zu Lieferdiensten für ältere Menschen zusammen. Selbst in den Briefkästen finden sich hier Botschaften von Jugendclubs, deren Mitglieder sich anbieten zu helfen. Das ist toll, und ich bin stolz, das erleben zu dürfen. So viel zur einen Seite der Realität.
In den sozialen Netzwerken erschafft die Virtualität eine alternative Realität. Zu recht empören wir uns über Hamsterkäufe von Toilettenpapier. Wenn ich hamstern wollte, wäre Toilettenpapier das letzte, was ich einkaufen würde. Die Franzosen hamstern Kondome. Das ist schlau! Während die ihre Zeit in der Isolation lustvoll nutzen, planen wir, sie offenbar mit Ausscheidung zu verbringen. Da verstehe ich, warum der Deutsche eine solche Angst davor hat, nicht mehr rausgehen zu können. 

Warum kommt das so? Das hat psychologische Gründe einerseits und technische andererseits. Der erste, der einen Supermarkt mit zehn Packungen Klopapier verlassen hatte - nennen wir ihn H0 (für Hamster Null), wurde mit Kopfschütteln von einem zu Recht Belustigten fotografiert. Dieser postet es im Netz. Andere finden es ebenso lustig, liken, kommentieren und teilen es. Sie erzeugen Traffic. Der Algorithmus der Sozialen Netzwerke verstärkt nun die Anzeige des Posts bei anderen, denn offensichtlich wollen die Menschen das sehen. Der Post bekommt Relevanz. Die Nutzer der Sozialen Netzwerke stellen fest, dass ein Post mit Toilettenpapier viel Resonanz erfährt. Sie produzieren eigene Posts vom Toilettenpapierhamstern. Da das Wort "Toilettenpapier" inzwischen eine relevante Buchstabenfolge geworden ist, werden die Posts noch stärker durch die Algorithmen der verschiedenen Plattformen gefördert. Nun sieht H1 unentwegt Posts über Hamsterkäufe von Toilettenpapier. H1 denkt sich: Wenn alle Toilettenpapier kaufen, muss es die richtige Entscheidung in Krisensituationen sein. Er kauft zehn Packungen Toilettenpapier. Er wird dabei fotografiert. Es wird gepostet. H2 und H3 werden inzwischen unentwegt regelrecht mit Bildern von Toilettenpapierpanikäufen bombadiert. Sie eilen noch am selben Tag aus dem Haus. Es könnte bald keins mehr geben. Sie stehen vor fast leeren Regalen. Beide rennen mit den letzten Packungen aus dem Laden.
In der hypothetischen Annahme, dass jeder Toilettenpapierhamster, der fotografiert und dessen Einkauf gepostet, geliked und geteilt wird, täglich je drei weitere Menschen bewegt, je drei Packungen Toilettenpapier zu kaufen, dann sind bereits in den ersten Minuten des fünften Tages die bis dahin angehäuften Produktionskapazitäten von 35 Millionen Rollen aufgebraucht.
70 Millionen Erwachsene in Deutschland sitzen dann auf einem Thron aus Toilettenpapierrollen und hämmern entnervt gegen die Wand zu ihren französischen Nachbarn, die geräuschvoll vermitteln, was die bessere Wahl gewesen wäre.

Was können wir dagegen tun? Die eine Möglichkeit ist, dass wir ab jetzt nur noch Posts von Hamsterkäufen französischer Art in den Sozialen Netzwerken unterstützen. Das würde uns die Zeit zu Hause einerseits deutlich besser durchstehen lassen und andererseits ab Tag fünf den demografischen Wandel in Deutschland umkehren ("Corona-Kick, statt Pillen-Knick"). Die zweite Option wäre, dass wir keine Posts mit Toilettenpapierhamstern mehr liken, kommentieren und teilen - mit Ausnahme dieses Posts, der zwingend geliked, kommentiert und geteilt werden muss -, aber dafür mehr Posts von Menschen, die einander helfen, die uns unterstützen, die Krise gemeinsam meistern. Beides würde die Realität erneut verändern. Die Entscheidung liegt bei euch.

Bleibt zu Hause - Bleibt gesund!