Dienstag, 1. September 2020

Darfs ein bisschen mehr sein?

Darfs ein bisschen mehr sein?

Kürzlich war bei uns wieder einmal das Thema Energie als Diskussion auf dem Tableau. Die üblichen Argumente wurden ausgetauscht, und alles lief in den erwarteten Bahnen. Dann kam das folgende Argument: „Warum soll ich eigentlich Strom sparen? Ich beziehe doch Ökostrom!“ Wir lachten. Der andere nicht. Wir schraubten unser Lachen zum Lächeln herunter. Der Andere hob die Augenbrauen. „Oh!“, sagte einer. „Das war gar kein Scherz unter Ökos?“ Ich dachte, das sei so ein Ding wie unter Physikern, die sich fragen, ob eine Katze permanent um die Längsachse rotiert, wenn man ihr ein Butterbrot auf den Rücken schnallt. Oder der gute alte Witz mit Heisenberg, der von der Polizei angehalten und gefragt wird, ob er wisse, wie schnell er fahre und dann antwortet, dass er derzeit nur sagen könne, wo er sei. An dieser Stelle möchte ich mich bei allen Leserinnen und Lesern entschuldigen, dass sie jetzt vielleicht nach Murphy‘s Law und der Heisenbergschen Unschärferelation googlen müssen, aber warum sollte ich der einzige bleiben, der Physikerwitze nicht auf Anhieb versteht? Was für den Humor von Physikern gilt, gilt auch für den Humor von Ökos. Man versteht Scherze nur, wenn einem der Hintergrund klar ist, und wenn der Hintergrund nicht klar ist, war es vielleicht auch kein Scherz.

In der Diskussion waren wir schnell wieder zur Ernsthaftigkeit zurückgekehrt. Die ernste Frage ist von zwei Seiten zu beleuchten. Ähnlich wie bei Schrödingers Katze (ich weiß auch nicht, warum ich es heute so mit Physikern habe) kennt auch die Frage, warum man Energie sparen sollte, wenn man doch regenerative Quellen nutzt, zwei Antworten. Die eine lautet: „Du musst keine Energie sparen!“, die andere: „Du muss Energie sparen!“ Beide haben eine Bedingung. Wenn wir ausreichend regenerative Energie für alle zur Verfügung hätten, beispielsweise, weil auf jedem Dach eine Solaranlage wäre, die Wind- und Wasserkraft voll genutzt würden und diese Energie im Überschuss gespeichert würde, dann müssten wir definitiv auf unseren Stromverbrauch nicht achten. Im letzten Jahr bestand der Strommix in Deutschland zu über der Hälfte aus Kernenergie, Braun- und Steinkohle sowie Erdgas. Nutzen also alle Ökostromabnehmer mehr als die 235 Mrd. kWh an Energie, verbrauchten sie eben einerseits keinen Strom aus regenerativen Quellen mehr, sondern ab diesem Zeitpunkt konventionellen Strom mit allen Folgen und Gefahren. Vereinfacht dargestellt: Verbrauchen drei von vier Ökostromabnehmern die gesamte Energie, wird der vierte eben keine nachhaltige Energie mehr beziehen können. Du muss also als Ökostromabnehmer Energie sparen, solange das noch nicht so ist. Und bis dahin, so leid mir alle Menschen tun, die voller Stolz ihre E-Roller und E-Autos fahren und sich auf der grünen Seite wähnen, ist es leider kontraproduktiv, Strecken, die man vorher zu Fuß mit dem Rad oder eben gar nicht genommen hätte, nun elektromobil zu bewältigen. 

Deutschland belegt Rang 7 der Länder mit dem höchsten Stromverbrauch weltweit und Platz 1 in Europa. Gut ein Viertel des Verbrauchs ist den Privathaushalten zuzuschreiben.  In den letzten 30 Jahren hat sich der Verbrauch in den Haushalten kaum verändert, obwohl die Technik immer energiesparsamer wird. Es ist noch viel zu tun. Übrigens, auch Philosophenwitze werden erst lustig, wenn man sie versteht. Wie dieser hier: René Descart sitzt in einem Pariser Café, als der Kellner fragt, ob er noch einen Wunsch habe. „Ich denke nicht!“, antwortet er und hört auf zu sein. Googlen Sie mal das!

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