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Sonntag, 11. Oktober 2020

Es werde Dunkel

Es werde Dunkel

Am 19. September war der Sprich-wie-ein-Pirat-Tag. Harr! Piraten orientierten sich bei der Seefahrt an den Sternen. Das hat mich bewogen, meine Dachterrasse zum Piratenschiff umzuwidmen und die Navigation durch Friedberg zu starten. Den Polarstern und die Venus konnte ich erkennen. Ein anderer vermeintlich entdeckter Stern hätte zu einer Fehlnavigation geführt. Er hatte plötzlich zu blinken begonnen und war in Richtung Frankfurt abgezogen. Dann hatte ich mir die „Verlust der Nacht“-App runtergeladen und mich auf die Suche gemacht. Tatsächlich ist das Firmament so von Straßen- Geschäfts- und Gebäudebeleuchtung überstrahlt, dass nur ein wenig beeindruckender Teil der eigentlich sichtbaren Sterne trotz klarem Nachthimmel erkennbar war. Das finde ich nicht nur als erster selbsternannter, aber pazifistischer Pirat Friedbergs mit glücklicherweise stationärem, nicht navigationspflichtigem Schiff schade. 

Als ich recherchierte, wie viel Energie wir für Beleuchtung aufwenden, stoße ich auf ein etwas älteres Papier des NABU, demnach in Deutschland jährlich bis zu 4 Mrd. kWh an Strom für die Beleuchtung von Straßen, Plätzen und Brücken verbraucht werden. Könnte man das reduzieren, ohne das Sicherheitsgefühl negativ zu beeinflussen? Aus meiner Schulzeit erinnere ich mich daran, dass mein Kunstlehrer gesagt hatte, dass die Restlichtverstärkung des menschlichen Auges nur wenig Zeit brauche, um im vermeintlich Dunklen nahezu taghell zu sehen. Eine halbe Stunde die Augen im Dunkel geöffnet, und ich erkenne zumindest alles, was mir zuvor noch verborgen geblieben war. Probiert es aus! Müsste es da nicht ausreichen, die Außenbeleuchtung mit nur halb so viel Lumen wirken zu lassen? Kuechly et al haben in der Studie „Changes in outdoor lighting in Germany from 2012-2016“ über Satelliten festgestellt, dass die wirtschaftsstarken Bundesländer jährlich um 3-4 Prozent heller wurden. Das liegt einerseits an den LED-Leuchten, die bei verringertem Stromverbrauch helleres Licht produzieren, aber auch am Rebound-Effekt: „Wenn wir mit LEDs Geld sparen und zudem ökologischer sind, dann können wir auch mehr Lampen einsetzen!“ 

Nicht nur Piraten haben es mit so viel Störlicht schwer. Insekten werden angezogen, und selbst wenn sie nicht an heißen Glühlampen verenden, dann kreisen sie solange um die LEDs, bis sie ihren eigentlichen Grund herumzufliegen vergessen haben: Für Nahrung zu sorgen. Auch das kann einer der Gründe sein, weshalb wir im Sommer kaum mehr Windschutzscheiben von Insekten befreien müssen. So lästig das vor Jahren auch war, aber mit den Augen zum Himmel fragen wir uns, ob wir alleine hier sind, während wir am Boden alles tun, dass wir es irgendwann sein werden. Auch Wirbeltiere beeinflusst das Licht. Nur bei Dunkelheit wird das schlafregulierende Hormon Melatonin ausgeschüttet. Beim Menschen liegt die Empfindlichkeitsschwelle bei sechs Lux. Mit einer Luxmeter-App auf dem Smartphone habe ich um zehn Uhr nachts den Test gemacht. Je nach Straße und Schaufenster waren auch in Friedberg Werte bis zu zehn Lux gegeben. Nicht von ungefähr boomt der Markt mit Melatonin- und anderen schlaffördernden Tabletten. Bei Nagern liegt die Schwelle übrigens schon bei 0,03, bei Fischen bei 0,01 Lux, und die können keine Apotheke aufsuchen. Die gesundheitlichen Auswirkungen sind noch nicht hinreichend erforscht, doch ohne Fische keine Seefahrt und ohne Seefahrt keine Piraten – auch nicht in Friedberg. Das wäre nicht nur schade für Francis Drake, Jean Lafitte und Kollegen. Harr!

Mittwoch, 8. April 2020

Plogging - für Fitness und Umwelt

Plogging - für Fitness und Umwelt

Wenn einem in Friedberg ein schnell laufender Mensch mit einer Tüte in der Hand begegnet, so ist das nicht zwangsläufig ein flüchtiger Räuber und ein Fall für die Polizei. Trägt er sportliche Kleidung, dann ist es mit hoher Wahrscheinlichkeit ein „Plogger“. 

Das „Plogging“ ist ein aus Schweden stammender Trend, bei dem Dauerläufer während ihres Sports Müll von der Strecke einsammeln. Der Begriff setzt sich aus dem schwedischen Wort „plocka“ für sammeln und dem bekannten „Jogging“, englisch für trotten, zusammen. Es ist eine Form des Müll-Aktivismus, die gleich zwei positive Effekte kombiniert: Sie fördert Gesundheit und Umweltbewusstsein gleichzeitig. Ins Leben gerufen wurde die Bewegung vom schwedischen Umweltaktivisten Erik Ahlström. Inzwischen gibt es Plogging-Gruppen überall auf dem Globus. In Schweden ist das seit dem Jahr 2016 sogar ein organisierter Sport.

Einer, der das in Friedberg macht, und zwar schon bevor die Sache einen Namen bekam, ist Gottfried Krutzki. Der 75-jährige Rechtsanwalt im Ruhestand joggt zwei- bis dreimal wöchentlich mit einer Plastiktüte durch Friedberg. Vorbild war sein 2011 verstorbener Bruder. „Er war stark in seiner Mobilität behindert, was ihn aber nicht daran hinderte, sich bei gemeinsamen Spaziergängen immer zu bücken, wenn er Müll am Weg sah“, sagt Krutzki stolz. Er habe dann immer gesagt, er könne es nicht sehen, dass die Natur so verschmutzt wird. Irgendwann hatte sich Krutzki dann entschlossen, immer eine Plastiktüte mitzunehmen, wenn sich beide zum Spaziergang trafen. Nach dessen Tod behielt er es bei. Friedberg und seine Bürgerinnen und Bürger sind Krutzki wichtig. Seit 1995 lebt er hier, ist aktiv im Umsonstladen und trotz Ruhestand hält er einmal im Monat über das Internationale Zentrum Friedberg im Katholischen Gemeindehaus eine offene Sprechstunde ab. Verständlicherweise gilt seine Aufmerksamkeit auch dem Stadtbild. Besonders sauber sei es inzwischen am Weg an der Usa entlang. Auch dort joggt oder besser ploggt er mit Greifzange in der einen und Plastiktüte in der anderen Hand, die er stets am nächsten öffentlichen Mülleimer entleert, bevor sie sich Schritt für Schritt wieder füllt. 

Bis zu drei volle Beutel zählt er bis zum Ende seiner Joggingrunden. Überwiegend, so sagt er, ist es Müll von Fußgängern, aber auch solcher, der von Autofahrern aus dem Fenster geworfen oder beim Parken entsorgt wird: Fastfood-Müll, Zigarettenschachteln, Süßwarenverpackungen, Plastikfolien, Papiertaschentücher, Trinkflaschen und Papierschnitzel. Immer wieder begegnet Krutzki Menschen, die gleichfalls mit Plastiktüte spazieren gehen. Ein Plogger war ihm jedoch noch nie begegnet. Manche Passagen litten unter einem stetigen Müllstrom, zum Beispiel die Wege an den Bahndämmen und manche wie der Usa-Spazierweg blieben inzwischen erstaunlich verschont. Das Müllsammeln scheint auch einen präventiven Effekt zu haben, vermutet Krutzki. Er erlebt aber auch Kurioses. Als er einmal einen vollen Müllbeutel in einen öffentlichen Müllbehälter entleerte, ging ihn jemand mit den Worten an: "Was fällt Ihnen ein, Ihren Hausmüll hier zu entsorgen." Krutzki sieht es positiv, zeigt es ihm doch, dass es eben sehr viele Menschen gebe, die sich darüber aufregen, dass andere Müll wegwerfen. Leider gebe es aber zu wenige, die die öffentlichen Grünanlagen auch selbstlos von ihm befreiten. 

Dabei gibt es so viele Möglichkeiten, weiß das Internet. Wem Ploggen körperlich zu anstrengend ist, der kann es auch mit Pliking (von „hiking“, englisch für Wandern), „Plalking“ (von Walking) oder „Plycling“ („cycling“, englisch für Fahrrad fahren) versuchen. Wer sich gar nicht zu Sport durchringen kann, dem bleibt immerhin die Rufnummer der Stabsstelle „Sauberes Friedberg“, um illegalen Müll zu melden (0 60 31/88-3 24).

Dienstag, 11. Juni 2019

Der Umwelt-Killer E-Auto



Die Klimadebatte ist aufgeheizt – ganz passend zum Klima. Immer öfter sieht man Fotos von chilenischen Bauern vor leeren Brunnen, Videos von verheerten Landstrichen in Argentinien und bekommt chinesische Minenarbeiter im Kindesalter präsentiert. Es geht um den Lithium-Abbau, und über den Bildern steht sinngemäß dieselbe Überschrift: „Das Elektro-Auto zerstört die Umwelt!“ Schließlich werden für den Betrieb Akkus benötigt, in denen Lithium enthalten ist. 
Ganz fair ist das natürlich nicht, denn es erweckt den Anschein, als hätte ein pseudo-grüner Ökoteufel den Abbau für sein diabolisches Gefährt überhaupt erst in Gang gesetzt. Tatsächlich werden nur gut 37 Prozent für Akkumulatoren genutzt, der Rest für zahlreiche andere Zwecke, von der Produktion von Glas und Keramik bis hin zum Einsatz in Antidepressiva. Auch werden die Akkumulatoren nicht zur Gänze von der Autoindustrie genutzt. Tablets, Smartphones, PCs, Akkuschrauber bis hin zur E-Zigarette nutzen Lithium-Ionen-Akkus. Gerade die drei Erstgenannten muss man natürlich im Bildtext ausklammern, denn wie soll man dann noch mit gutem Gewissen ein Like für das Lithium-Abbau-Bashing vergeben. Der kleine Exkurs soll natürlich nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Bedarf für Fahrzeugakkus steigt. 2008 lag deren Anteil am Lithium-Abbau noch bei unter 20 Prozent. Das wird die eingangs geschilderten Phänomene noch verstärken, und das finde ich schrecklich. 

Doch wer glaubt, dass die alternative Überschrift „Der Otto-Motor rettet unsere Umwelt!“ zutreffend wäre, irrt. Da muss man sich nur die zahlreichen Ölunfälle in Erinnerung rufen, die ganze Meeresregionen und Landstriche verheert haben. Wer glaubt, dass die Einflüsse der Erdölnutzung auf die Umwelt nur bei Katastrophen auftreten, sollte nach Nigeria in Verbindung mit dem Suchbegriff Erdöl googeln, um einen Eindruck zu gewinnen. Allein die vor über 15 Jahren gebaute Kamerun-Tschad-Ölpipeline hat so viel unberührte Waldregionen und Wasserquellen der ansässigen Bevölkerung zerstört und beeinflusst sie noch immer, dass das durchaus ein paar Videos und Bilder parallel zu denen des Lithium-Abbaus wert wäre. Was ist das Fazit aus allem? Es ist nicht das E-Auto, das die Umwelt zerstört. Es ist auch nicht der Benziner oder Diesel. Es sind unser Konsumverhalten und die Verwechselung von Fahrzeugbesitz mit Freiheit. 64,8 Millionen Fahrzeuge sind allein in Deutschland zugelassen. Das sind 692 Kfz je 1.000 Einwohner. Vor zehn Jahren waren es noch 55,4 Millionen, und die Fahrzeugdichte lag bei 503. Ich sage nicht, dass der Besitz eines Fahrzeuges abzulehnen ist. Ich habe selbst viele Jahre auf dem Land gelebt, und auch vom Städtchen Friedberg ins Land zu kommen, ist manchmal ohne Auto ein Abenteuer. 

Im Durchschnitt steht ein Fahrzeug jedoch 95% der Zeit, das sind 23 Stunden am Tag. Es ist an der Zeit, das zu überdenken! Die Förderung von Carsharing-Systemen mit Keyless Vehicle Entry kann die Lösung sein. Fahrzeuge, die per App lokalisiert, schlüssellos mit einem Code geöffnet und genutzt und dann einfach am Zielort abgestellt werden können, wo sie anderen zur Verfügung stehen. Kein persönlicher Besitz, nur bedarfsgerechte Nutzung. Das würde den privaten Fahrzeugbestand massiv reduzieren, ohne Freiheiten einzuschränken. Ressourcenschonung ohne Mobilitätseinschränkung. Dann wäre es auch gleich, ob ich einen Otto- oder einen E-Motor im Fahrzeug habe. Und keine Sorge: Das Smartphone zur Buchung zu nutzen, fällt nicht ins Gewicht. Von denen gibt es fast so viele wie Autos.

Bildquelle: Von Nissan_LEAF_got_thirsty.jpg: evgonetwork (eVgo Network). Original image was trimmed and retouched (lighting and color tones) by User:Mariordoderivative work: Mariordo (talk) - Diese Datei wurde von diesem Werk abgeleitet: Nissan LEAF got thirsty.jpg:, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=18091826

Dienstag, 28. Mai 2019

Zeugen für die Umweltzerstörung

 

Empörung! Da sagt doch ausgerechnet eine Lehrerin, ein Kind in die Welt zu setzen, sei „das Schlimmste, was man der Umwelt antun kann“, und – noch schlimmer – sie hält diese menschenfeindliche These auch noch in einem Buch für die Nachwelt fest. Gut, in diesem Kontext von Nachwelt zu sprechen, hat schon ironische Züge. Sagen wir besser: Für die Nachwelt derer, die das Buch nicht verstanden haben. Die Autorin heißt Verena Brunschweiger, und das Buch trägt den Titel "Kinderfrei statt Kinderlos". Die These lautet, dass jedes nicht in die Welt gesetzte Kind eine CO2-Einsparung von rund 50 Tonnen im Jahr bedeute. Bei mehr als elfeinhalb Millionen Familien in Deutschland, ausschließlich derer, für die „Regretting Parenthood“ kein Fremdwort ist (laut einer Umfrage des Marktforschungsinstituts Yougov immerhin jeder Fünfte), kann man sich schon vorstellen, wie laut der Aufschrei ist. Ganz zu schweigen von dreizehneinhalb Millionen Kindern, die sich denken: „Was? Ich? Das Schlimmste für die Umwelt? Aber ich engagiere mich doch bei Fridays for Future!“

Im Kern ist das Buch zum einen ein feministisches, das sich mit dem pronatalistischen Druck auf Frauen befasst, und gar kein ökologisches und zum anderen ist die These weder revolutionär, noch neu, noch ihre eigene. Das stört jedoch nicht dabei, sich über diesen einzigen Satz aus einem Interview zu echauffieren. Frau Brunschweiger bezieht sich auf die im Jahr 2017 erschienene Metastudie der schwedischen Universität Lund, die zum Ergebnis kam, dass weniger Kinder in die Welt zu setzen, die führende der vier effektivsten Klimaschutzmaßnahmen sei. Mit dem Verzicht auf ein Auto könne ein Mensch jährlich 2,4 Tonnen klimaschädliches Kohlendioxid einsparen, der Verzicht auf Flugreisen spare durchschnittlich 1,6 Tonnen, eine Ernährung ohne Fleisch 0,8 Tonnen, und – the winner ist – jedes nicht in die Welt gesetzte Kind reduziere die persönliche Jahresemission um 58,6 Tonnen des Klimagases. Von damals habe ich gar keinen Aufschrei in Erinnerung. Nun erfolgt er plötzlich. Der geneigte Bürger, der seine Existenz schon bei „Deutschland schafft sich ab“ in Gefahr sah, wird nun auch noch von dieser unheilvollen Kombination aus Feminismus und Öko-Terrorismus bedroht. Oh, Schreck! Was hinter der These steckt, fällt nicht sofort ins Auge, denn wenn ein Neugeborenes zur Bedrohung wird, dann nur, weil es die elterliche Lebensweise kopiert. Ein neuer Erdenbürger in Zentralafrika ist nicht das Problem, denn seine Erzeuger leben weit unterhalb der Erschöpfungsgrenze ihrer landeseigenen Ressourcen. Das macht der Deutsche beispielsweise nicht und dessen Spross auch nicht – es sei denn, er engagiert sich freitags außerschulisch. Deutschland müsste laut Daten des Global Footprint Networks zweieinhalbmal so groß sein, damit wir von unseren Ressourcen leben könnten. Es ist nicht das afrikanische Kind, das mit dem Auto zum Bäcker um die Ecke fahren, mit dem Flieger in den Urlaub fliegen oder 60 Kilo Fleisch pro Jahr verzehren wird, wenn es groß ist. Der logische Schluss hätte also sein können: „Oh je, wir müssen unseren Überfluss reduzieren, wenn solche drastischen Thesen formuliert werden.“ Doch sich zu empören ist einfacher, wenn man dafür im Ferienflieger Schnitzel essen kann.

Übrigens: Wen interessiert, wie Teile unserer Gesellschaft mit der Meinung anderer umgehen, dem empfehle ich einen Ausflug auf die Bestellseite des Buchs bei dem großen Internet-Buchhändler mit A.  Offenbar ist die Geburtenrate nicht unser größtes Problem.

Mittwoch, 14. Juni 2017

Die Erde und der Öko-Witz

Man könnte fast meinen, wir lebten in reaktionären Zeiten: Erst Trumps Abkehr vom Klimaabkommen, dann streicht Dänemark die Subventionen für Elektroautos, und jetzt darf Sojabutter und Lupinenjoghurt nicht mehr Butter und Joghurt heißen. Ich warte jeden Moment darauf, dass die klassische Haartracht des Ökos gesetzlich verboten wird und nur noch kurze Männerschnitte erlaubt sind. Da fällt mir folgender Witz ein: Was hinterlässt ein Reaktionär seinen Enkeln? Einen Wüstenplaneten und einen Öko-Witz. Wie zum Beispiel diesen hier: Treffen sich zwei Planeten. Sagt der eine: „Du siehst ja schlecht aus!“ Erwidert der andere: „Mir geht es auch nicht gut. Ich habe Homo sapiens.“ „Ach,“ tröstet der erste, „mach dir nichts draus. Das geht schnell vorbei.“ Der Witz hat, ganzheitlich betrachtet, etwas Tröstliches, denn wenn wir uns erst einmal einen so lebensfeindlichen Planeten geschaffen haben, dass es uns vom Angesicht der Erde getilgt hat, dann wird es für den Fortbestand des Planeten kaum eine Wirkung haben. Er wird weiterbestehen. Vermutlich auch als Ökosystem. Er wird ein paar Millionen Jahre ein Wüstenplanet bleiben, aber dann werden die Ameisen und Kakerlaken, die uns voraussichtlich überlebt haben werden, ihre Chance bekommen. Ein Planet voller intelligentem Leben: Menschengroße Ameisen und Kakerlaken, die in für Mehrarmer geschaffenen Automobilen fahren, die trotz des fehlenden Supports der dänischen Ameisen Elektromotoren haben werden. Kakerlaken, die Milch, aus baumgroßen Löwenzahnpflanzen gewonnen, genießen und sie im Laden einfach unter dem Namen Löwenzahnmilch kaufen können, weil eben jede noch so frisch aus dem Ei geschlüpfte Kakerlake weiß: Wenn Löwenzahn darauf steht, dann ist die Milch eben nicht die von der Blattlauskolonie in Übersee, sondern von der Löwenzahnplantage um die Ecke. Seit 4,6 Milliarden Jahren besteht die Erde, vor sechs Millionen Jahren begann sich der Mensch auf der Erde breit zu machen und erst vor gut 300 Jahren, mit dem Beginn der Industrialisierung, als die Weltbevölkerung zu explodieren begann und die Umweltzerstörung spürbar wurde, bemerkte der Planet ein Jucken. Millionen Jahre hört sich viel an? Die Inkubationszeit mit Homo sapiens entspricht, die voraussichtliche Lebenszeit des Planeten auf ein Menschenleben umgerechnet, in etwa der von Mumps. Da macht man dicke Backen, wenn man das hört, was? Richtig erschreckend ist allerdings, dass es für die Erde eineinhalb Minuten nach dem ersten Jucken wieder vorbei sein wird mit den Homo-sapiens-Symptomen. Die Erde schüttelt sich mal kurz und das war’s. Drei Wochen später spürt sie dann schon die Ameisen und Kakerlaken, denn ungeachtet der Insektenutopie bin ich mir sicher, dass auch dieses Zeitalter eine Trumpmeise oder Trumperlake emporbringen wird. Auch wird es einen Insektenstaat geben, der die Entwicklung eines vollständig schadstofffreien Fortbewegungsmittels bremsen wird. Und es wird eine Initiative geben, die diesen missionierenden Löwenzahnmilchsäufern den pflanzlichen Zahn zu ziehen versucht. Aber das wird das Problem des Formicidae habilis und des Periplaneta sapiens sein. Ich persönlich hänge an meinem Planeten mehr als der Planet an mir. Von daher werde ich ungeachtet dessen weiter Menschen lächelnd die Porzellantasse reichen, wenn sie nach dem Pappbecher greifen, und gerne meine Stofftüte verschenken, wenn jemand nach der Plastiktüte langt. Und morgen gehe ich zum Friseur. „Aber nur Spitzen schneiden, bitte!“ Nicht, dass ich noch verwechselt werde.

Freitag, 19. Juni 2015

Dreiunddreißigster Schritt: Leergut sammeln und sich von Himbeeren bräunen lassen

Vergesst 50 Cent ... das sind 75!
Mein täglicher Weg zur Bahn und vom Bahnhof nach Hause führt mich zweimal durch unser Friedberger Naherholungsgebiet, die Seewiese. Eigentlich könnte das idyllisch und entspannend sein. Morgens sehe ich dort allerdings den Müll vom Vorabend auf den Wiesen rumliegen, abends den Müll des Tages. Wohlgemerkt, es ist keine Müllhalde. Es sind einzelne Müllanhäufungen, geschätzt ein gelber Sack voll auf dem gesamten recht großen Platz verteilt, doch sie fallen ins Auge. Natürlich sind morgens auch die städtischen Bediensteten da, die die Grünanlage wieder reinigen, doch letztlich sorgen sie ja nur dafür, dass der Müll sich nicht anhäuft. Dann sage ich mir: „Diese Jugend!“ oder ich sage mir: „Hey, dafür gibt es doch die städtischen Bediensteten. Die werden schließlich dafür bezahlt!“
Gestern lagen auf der Wiese, an der ich zuerst vorbeikomme wieder etliche zertretene Bierdosen und weggeworfene Zigarettenpackungen. Ich klagte wieder in mich rein, dachte mir: Nicht einmal 25 Ct Pfand pro Dose sind es wert, sie nicht liegen zu lassen, dachte an die städtischen Bediensteten am nächsten Morgen, und dann ging ich auf die Wiese hob alles auf und warf es selbst in den Müll. Warum? Vielleicht, weil ich denke, dass weniger Müll auf den Wiesen, weniger Leute animiert, den eigenen einfach dazu zu werfen. Vielleicht weil ich denke: Wenn das noch mehr Menschen, die der Müll stört, machten, müsste die Stadt weniger Geld für die Stadtreinigung ausgeben und könnte beispielsweise mehr im Bereich Soziales investieren. Vielleicht weil ich mir denke, dass sich die, die den Müll dort lassen, zwar mit dem Älterwerden ändern werden, aber dann durch die Nachfolgenden ersetzt werden und das Problem zu lösen daher nur von Außerhalb funktionieren wird (ich glaube nämlich nicht, dass es den überwiegend jugendlichen Verunreinigern um die Verschmutzung der Umwelt geht. Ich denke eher, es ist ein pubertäres Auflehnen gegen die Regeln der Altvorderen, und das wird es geben, solange Kinder pubertieren: Also immer!) Auf jeden Fall war es jedoch ein gutes Gefühl. Und allein dafür mache ich es gerne wieder. Vielleicht werde ich dadurch aber einfach nur zum Pfandsammler. Wer weiß!


Direkt vom Baum auf die Haut,
 und dann ab in die Mittagssonne!
Und weil ich nun so viel Zeit auf der Seewiese verbringe und bei bestem Sommerwetter draußen bin, brennt mir die Sonne ordentlich auf die Haut. Das bedeutet, morgens vor dem Haus-Verlassen Sonnencreme auftragen, und es bedeutet jede Menge Plastikverpackungen in Kauf zu nehmen, denn Sonnenschutz in Glasverpackung habe ich tatsächlich noch nie gesehen. Ich habe mich im Internet schlau gemacht und stieß auf Himbeersamenöl. Auf verschiedenen Seiten im Internet wird es angepriesen und ich dachte mi: Hey, klasse, das ist eine Alternative. Selbst gemacht, bio, und so weiter. Sogar ein Rezeptfand ich, in dem von Lichtschutzfaktor 50 die Rede ist. Australischer Standard mit deutschen Himbeeren. Bingo! Als geborener Skeptiker forschte ich jedoch weiter und fand nach langem ausfiltern begeisterter Blogautorinnen und –autoren auf eine Autorin, die die Sache mal intensiver beleuchtet hatte: Mamassind halt doch die besten! Im Ergebnis: Kokos-, Olivenöl und deren Kumpane bieten kaum einen Schutz gegen UVA- und UVB-Strahlen, und selbst Himbeersamenöl wurde noch nie am Menschen getestet, obwohl die Studie schon 15 Jahre auf dem Buckel hat. Wohl auch nicht ohne Grund! Ganz ehrlich: Die Hautkrebsrateist von Jahr zu Jahr steigend, da werde ich gewiss nicht experimentieren, um Plastikmüll zu sparen. Immerhin gibt es gute Bio-Sonnencremes. Und die verwende ich auch mit gutem Gewissen. Meine Plastikmüllbilanz gleiche ich einfach durch Seewiesen-Müll-Sammeln aus, und vielleicht finanziere ich mir ja die Sonnencremes mit dem Leergut.