Mittwoch, 8. April 2020

Plogging - für Fitness und Umwelt

Plogging - für Fitness und Umwelt

Wenn einem in Friedberg ein schnell laufender Mensch mit einer Tüte in der Hand begegnet, so ist das nicht zwangsläufig ein flüchtiger Räuber und ein Fall für die Polizei. Trägt er sportliche Kleidung, dann ist es mit hoher Wahrscheinlichkeit ein „Plogger“. 

Das „Plogging“ ist ein aus Schweden stammender Trend, bei dem Dauerläufer während ihres Sports Müll von der Strecke einsammeln. Der Begriff setzt sich aus dem schwedischen Wort „plocka“ für sammeln und dem bekannten „Jogging“, englisch für trotten, zusammen. Es ist eine Form des Müll-Aktivismus, die gleich zwei positive Effekte kombiniert: Sie fördert Gesundheit und Umweltbewusstsein gleichzeitig. Ins Leben gerufen wurde die Bewegung vom schwedischen Umweltaktivisten Erik Ahlström. Inzwischen gibt es Plogging-Gruppen überall auf dem Globus. In Schweden ist das seit dem Jahr 2016 sogar ein organisierter Sport.

Einer, der das in Friedberg macht, und zwar schon bevor die Sache einen Namen bekam, ist Gottfried Krutzki. Der 75-jährige Rechtsanwalt im Ruhestand joggt zwei- bis dreimal wöchentlich mit einer Plastiktüte durch Friedberg. Vorbild war sein 2011 verstorbener Bruder. „Er war stark in seiner Mobilität behindert, was ihn aber nicht daran hinderte, sich bei gemeinsamen Spaziergängen immer zu bücken, wenn er Müll am Weg sah“, sagt Krutzki stolz. Er habe dann immer gesagt, er könne es nicht sehen, dass die Natur so verschmutzt wird. Irgendwann hatte sich Krutzki dann entschlossen, immer eine Plastiktüte mitzunehmen, wenn sich beide zum Spaziergang trafen. Nach dessen Tod behielt er es bei. Friedberg und seine Bürgerinnen und Bürger sind Krutzki wichtig. Seit 1995 lebt er hier, ist aktiv im Umsonstladen und trotz Ruhestand hält er einmal im Monat über das Internationale Zentrum Friedberg im Katholischen Gemeindehaus eine offene Sprechstunde ab. Verständlicherweise gilt seine Aufmerksamkeit auch dem Stadtbild. Besonders sauber sei es inzwischen am Weg an der Usa entlang. Auch dort joggt oder besser ploggt er mit Greifzange in der einen und Plastiktüte in der anderen Hand, die er stets am nächsten öffentlichen Mülleimer entleert, bevor sie sich Schritt für Schritt wieder füllt. 

Bis zu drei volle Beutel zählt er bis zum Ende seiner Joggingrunden. Überwiegend, so sagt er, ist es Müll von Fußgängern, aber auch solcher, der von Autofahrern aus dem Fenster geworfen oder beim Parken entsorgt wird: Fastfood-Müll, Zigarettenschachteln, Süßwarenverpackungen, Plastikfolien, Papiertaschentücher, Trinkflaschen und Papierschnitzel. Immer wieder begegnet Krutzki Menschen, die gleichfalls mit Plastiktüte spazieren gehen. Ein Plogger war ihm jedoch noch nie begegnet. Manche Passagen litten unter einem stetigen Müllstrom, zum Beispiel die Wege an den Bahndämmen und manche wie der Usa-Spazierweg blieben inzwischen erstaunlich verschont. Das Müllsammeln scheint auch einen präventiven Effekt zu haben, vermutet Krutzki. Er erlebt aber auch Kurioses. Als er einmal einen vollen Müllbeutel in einen öffentlichen Müllbehälter entleerte, ging ihn jemand mit den Worten an: "Was fällt Ihnen ein, Ihren Hausmüll hier zu entsorgen." Krutzki sieht es positiv, zeigt es ihm doch, dass es eben sehr viele Menschen gebe, die sich darüber aufregen, dass andere Müll wegwerfen. Leider gebe es aber zu wenige, die die öffentlichen Grünanlagen auch selbstlos von ihm befreiten. 

Dabei gibt es so viele Möglichkeiten, weiß das Internet. Wem Ploggen körperlich zu anstrengend ist, der kann es auch mit Pliking (von „hiking“, englisch für Wandern), „Plalking“ (von Walking) oder „Plycling“ („cycling“, englisch für Fahrrad fahren) versuchen. Wer sich gar nicht zu Sport durchringen kann, dem bleibt immerhin die Rufnummer der Stabsstelle „Sauberes Friedberg“, um illegalen Müll zu melden (0 60 31/88-3 24).

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