Dienstag, 22. Dezember 2020

Das fröhliche Umtauschen

Das fröhliche Umtauschen

Man stelle sich vor, es ist zwei Tage vor Heiligabend und wir haben kein Geschenk. Vor Jahren musste ich mir das nicht vorstellen, es war Realität. Jahrelang habe ich immer wieder überrascht feststellen müssen, dass es einen Zeiträuber zwischen den ersten, entspannten Ideen, was man wem schenken könnte, im Oktober und dem zwingenden Kauf-Muss in letzter Minute vor dem Fest gegeben haben musste. Dieser räuberische Geselle war mitunter so erfolgreich, dass es mich nicht selten auch erst um die Mittagszeit am 24. ins Städtchen getrieben hatte. Im Ergebnis waren die Geschenke mitunter solche, die ins Gesicht der Beschenkten ein leicht zu durchschauendes Höflichkeitslächeln zwangen und ihr Ausdruck den Eindruck erweckte, dass die einzige Hoffnung ist, dass ich den Kassenzettel für den Umtausch nicht weggeworfen habe. Laut einer Umfrage des Magazins Chrismon aus dem Jahr 2012 trauen sich immerhin 28 Prozent der Teilnehmer:innen nach dem Kassenzettel zu fragen. Immerhin fünf Prozent verkaufen dieses tolle Gelegenheitsgeschenk, für das jede Gelegenheit recht kommt, es wieder loszuwerden, im Anschluss an das Fest weiter. Fast die Hälfte der Befragten denkt sich „Hauptsache lieb gemeint“ und legt es weg. Gerade das finde ich schade. Ökologisch ist es geradezu tragisch, denn es wurden menschliche, materielle und Energieressourcen aufgewandt für etwas, das nicht genutzt wird. Noch schlimmer, wir können das Endzeitlager nicht einmal nutzen, um etwas Sinnvolles zu lagern.
Dieses Jahr ist die Lage noch dramatischer, denn die meisten Geschäfte haben nicht geöffnet, doch vielfach gibt es einen Bestellservice, der es ermöglicht im Laden abzuholen. Im Gegensatz zu einer großen Baumarktkette, bei der man im Onlineshop bestellen und im lokalen Markt abholen kann, haben das die meisten Einzelhändler nicht, dachte ich. Bei meiner Internetsuche nach meiner Heimatstadt „Friedberg“ und „Onlineshop“ wurde ich jedoch überrascht. Gleich auf der ersten Seite erscheinen Katharina Stoff & Design, König Plus, Lederwaren Steck, Puppenstube, Buchhandlung Bindernagel und das Modehaus Ruths. Alle haben einen Onlineshop und bieten überwiegend auch die Abholung an. Warum also nicht bequem von zu Hause in den lokalen Angeboten stöbern, stressfrei mit einem Fingerklick bestellen, dann zur Kaiserstraße fahren, den bestellten Stoff für Tante Else, den Füller für Onkel Pitt, die neue Handtasche für die Mama, die Babypuppe für die geliebte Nichte, einen Erziehungsratgeber für die Eltern des pubertierenden Neffen und einen schicken neuen Mantel für die Liebste oder den Liebsten abholen, im Anschluss noch einen Kaffee im Stehen vor dem Café Da Nino und dann entspannt nach Hause? Das ist merklich besser für die Umwelt, als in sechs Onlineshops zu bestellen, die aus dem bundesdeutschen Nirgendwo in einzelnen Kisten einen Zulieferungssternmarsch zu uns starten. Außerdem gibt es dabei keinen italienischen Kaffee und keine frische Luft. Das Tollste ist jedoch, trotz lokalen Einkaufs bedarf keines Kassenbons zum Umtausch und keiner Gnade des Händlers, denn im Fernabsatz gibt es zwei Wochen Rückgaberecht. Alternativ kann man sich die Ware auch ins Haus holen. Einfach mal Wetterau-bringts.de besuchen. Übrigens wollen nach einer Befragung des Instituts für Empirie & Statistik der FOM Hochschule für Oekonomie & Management aus dem letzten Monat 78 Prozent von immerhin über 46-tausend Befragten dieses Weihnachten mehr Geld ausgeben. Hoffnungsvolle Zahlen für den corona-gebeutelten Einzelhandel.



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