Samstag, 22. Februar 2014

Coming-out

Manchmal hilft nur rennen
Ja, ich gebe es zu, ich bin heterosexuell. Wie das gekommen ist, kann ich nicht sagen. Irgendwann in der Pubertät vermutlich. Wohl kurz nachdem ich erfreut festgestellt hatte, dass ein Penis weit mehr kann als urinieren. Bald darauf erkannte ich, dass Mädchen offenbar keinen Penis haben, und das hatte mich erregt. Damals machte ich mir keine Gedanken darüber, dass Frauen möglicherweise defizitäre Männer sind. Ich wusste bis dahin auch noch nichts über die mögliche Verbindung zwischen Penis und Vagina, aber als pubertierendes Kind denkt man halt über solche Sachen nicht nach.
Ich war wohl einfach meinen Gefühlen gefolgt, und die riefen: Verliebe dich fortan in Menschen mit einer Vagina. Aber ich bin für die Gleichberechtigung. Ich möchte als ein Heterosexueller bitte nicht anders behandelt werden als ein Homosexueller. Bitte helft mir. Behandelt mich gleich.

Wenn ich eine Schwulenbar mit meiner Freundin betrete – ich weiß, euch Schwulen läge fern das zu fragen, aber, bitte, tut es für mich, und wenn nicht für mich, dann bitte im Namen der Gleichberechtigung -, dann, bitte, fragt mich, wie es gekommen ist, dass ich heterosexuell wurde. Ich weiß noch nicht, was ich darauf antworte, aber bitte fragt mich. Ich werde im ersten Moment vielleicht sprachlos sein. Vielleicht werde ich es nicht erklären können, vielleicht denken: Was geht euch das an? Doch es ist mir wichtig. Also bitte, fragt mich. Ich weiß, ich will keine Kinder, und ich weiß, dass das meine Heterosache irgendwie ad absurdum führt, aber gebt mir bitte die Chance, mich dafür zu rechtfertigen, weshalb ich meine Freundin liebe. Tut es für mich. Für eine moderne, aufgeklärte und tolerante Gesellschaft.

Und ihr Lesben - auch wenn es euch nie in den Sinn käme, das zu fragen -, wenn wir uns zufällig beim Bäcker träfen, bitte sprecht mich ganz offen, vor aller anderer Augen und Ohren, an und fragt mich, wie meine Freundin und ich Liebe machen. Ich weiß natürlich, dass eure Phantasie dazu gewiss ausreicht und es euch eigentlich gar nicht interessiert, doch tut es für mich, tut es im Namen meiner Gleichberechtigung. Ich werde im ersten Moment vielleicht sprachlos sein. Vielleicht werde ich rot werden, vielleicht denken: Was geht euch das an? Doch es ist mir wichtig. Also bitte, fragt mich. Ich hatte nicht darüber nachgedacht, eben weil Liebe und Leidenschaft keine Sachen des Verstandes sind, und habe einfach gemacht, was sich in meiner Lust ergab und richtig war. Ich bereue es nicht, und ich wünsche mir nicht, in der Schule besser aufgeklärt worden zu sein. Ich wäre dennoch hetero geworden. Ich bin glücklich damit. Obwohl ich weiß, dass Frauen keinen Penis haben. Obwohl ich keinen Nachwuchs zeugen will. Ich bin hetero, und ihr müsst heterophob sein, und das ist gut so.

Aber bitte, gebt mir eine Chance, euch Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transen gleichberechtigt zu sein. Auch wenn es euch schwer fällt, weil ihr nie auf so dämliche Fragen kommen würdet, fragt mich bitte bei jeder Gelegenheit, ob sich meine Eltern für mich schämen, ob ich meine Sexualität normal finde und - falls ich so naiv sein sollte, die Frage nach der Normalität zu bejahen – ob ich dann auch Sex mit Minderjährigen, Tieren oder Möbelstücken normal fände. Fragt mich mit erhobenem Zeigefinger, ob ich den Vedismus etwa ablehne und damit die gesellschaftliche Bedeutung von euch Homosexuellen. Ich möchte mich nämlich nicht nur wegen meiner Heterosexualität gleichberechtigt fühlen, sondern mich endlich auch als Agnostiker outen, und da sind mir Verweise auf über tausend Jahre alte Texte und euer Bestehen auf deren Gültigkeit in der Moderne sehr, sehr wichtig. Bitte verweist darauf, dass Homosexualität selbst im Tierreich ein völlig natürlicher Teil der gelebten Lust ist und dass ihr Heteros deshalb widernatürlich, abnorm und krankhaft findet.

Fügt aber in jedem Fall hinzu, dass ihr es nicht persönlich meintet und dass es nicht gegen mich und meine Freundin gerichtet sei, da wir ja völlig OK seien, wenn ihr sagt, dass Heteros irgendwie ekelhaft seien und ihr euch jedesmal wegdrehtet, wenn sich Heteros küssten. Erinnert uns bitte daran, dass es in Afghanistan ein völlig normales Zeichen gleichgeschlechtlicher Zuneigung ist, wenn Männer „Händchenhalten" und dass ihr eine tief verwurzelte kulturelle Abneigung dagegen habt, dass wir unsere Zuneigung auf gleiche Weise öffentlich zeigten.  Ich werde im ersten Moment vielleicht sprachlos sein. Vielleicht werde ich zu stammeln beginnen, vielleicht wird eine verzweifelte Träne fließen, vielleicht werde ich einfach nur denken: Was geht euch das an? Doch es ist mir wichtig.  Ich möchte mich rechtfertigen müssen, weshalb ich ein liebender und leidenschaftlicher Mensch bin. Am besten täglich, weil es meine Lebensqualität immens heben wird, wenn sich mein Tag nicht mehr von eurem unterscheidet. Tut mir den Gefallen einfach. Im Namen von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Schwesterlichkeit und Geschwisterlichkeit. Danke.

Kommentare:

  1. Wie einfach, dass uns ein Coming out aus der bequemen Welt sexueller Konformität erspart blieb ...

    AntwortenLöschen
  2. Wie wahr. Es täte der Menschheit gut, zu erkennen, dass die Vielseitigkeit eine unsere Besonderheit darstellt und Einheitlich nur ein Phantasiekonstrukt starr denkender, angsterfüllter Fremdler ist.

    AntwortenLöschen