Sonntag, 9. Januar 2011

Bügeln

Sonntagabend. Viertel vor acht. Schlechte Stimmung. Michael hasst es, seine Freizeit mit Hausarbeit zu verschwenden, und besonders hasst er das Bügeln. Es ist so aufwändig. Erst muss er das Bügelbrett aus dem Keller holen. Das Bügelbrett, das nur deshalb im Keller ist, weil es in der kleinen Wohnung keinen Platz findet. Das Bügelbrett, das sechs Stockwerke unter ihm ist, weil seine Freundin ihn unbedingt zu einer Dachgeschosswohnung überreden musste. Seine Freundin, die das Bügeln noch mehr hasst. Und es deshalb ihm überlässt. Michael hasst das Bügelbrett.

Dann muss er das Dampfbügeleisen aus dem Wohnzimmerschrank holen und mit Wasser füllen. Das Dampfbügeleisen, dessen Öffnung so klein ist, dass es nicht zu füllen ist, ohne dass Wasser daneben läuft. Das Dampfbügeleisen, das aber dafür Wasser verliert, sobald man es wieder in die Waagrechte bringt. Wasser, das dann auf den Fliesenboden tropft. Den schwarzen Fliesenboden, den seine Freundin unbedingt haben wollte. Den glänzenden Fliesenboden, auf dem man jeden Fleck sieht. Michael hasst das Dampfbügeleisen. Und den Fliesenboden.
„Schatz, du hast da einen Fleck übersehen“, sagt Sabine, als Michael gerade wieder im Flur angekommen ist. Michael bügelt immer im Flur. Michael kehrt um. Sabine hockt auf dem Küchenboden und schaut leicht schräg über den Boden.
„Da ist die Stelle. Du musst in diesem Winkel schauen.“ Sabine rückt ihre Lesebrille zurecht. Michael atmet langsam und tief durch, bevor er antwortet.
„Dann mach den Fleck doch weg.“
„Habe ich ihn etwa gemacht? Was passiert, wenn wir die Flecken nicht wegmachen? Na? Richtig, Kalkränder.“
Michael schüttelt den Kopf und fährt im Rausgehen mit seinen Filzpantoffeln darüber. Der Tropfen ist nun in seinen Hausschuhen und stört nicht weiter.


Der Dampf zischt. Michael bügelt das nächste Hemd. Hemden zu bügeln, hasst er besonders. Ganz gleich wie man ein Hemd auf das Brett legt, stets gibt es Falten, die man zuvor gerade ziehen muss. Meist sind es jedoch Falten auf der Unterseite, die man erst dann bemerkt, wenn man der irrigen Annahme erlegen ist, nun ein glattes Hemd zu haben. Damenblusen sind eine besonders tückische Spezies zu bügelnder Hemden. Sabines ganz speziell. Sie sind tailliert geschnitten und noch dazu so klein. Ganz gleich wie man sie legt, sie sind nie gerade und immer finden sich Falten auf der Unterseite, die glatt gezogen werden müssen.
Im Wohnzimmer läuft der Fernseher. Michael kann ihn vom Flur aus sehen. Galileo läuft auf ProSieben. Es geht um eine vergoldete Kaffeemaschine für 10.000 Euro. Nicht, dass es Michael interessiert. Er trinkt grundsätzlich nur Tee, doch es ist besser, als ohne Unterhaltung im Flur zu bügeln.

Sabine tritt in den Flur. „Oh, Schatz. Passt du bei meinen Blusen diesmal bitte richtig auf. Ja? Das letzte Mal hatte ich eine im Schrank, die eine Bügelfalte hatte. Ich musste meine komplette Garderobe wechseln, weil meine andere schwarze noch gar nicht gebügelt war.“
„Na, klar“, sagt Michael und blickt dabei nicht auf. Seine Augenlider zucken.
„Hast du denn noch was von mir zu bügeln? Ich will mir heute Abend schon zurechtlegen, was ich morgen im Büro tragen will.“
„Nein, ich habe alles von dir gebügelt. Jetzt warten nur noch zwei Körbe meiner Wäsche.“ Seine Stimme ist monoton und leise.
Sabine nimmt ihre Lesebrille ab und krault Michael am Hinterkopf.
„Ach, Schatz, du bist der Beste.“ Sie küsste ihn auf die Stirn. „Eil dich, dass wir den Viertel-nach-acht-Film gemeinsam sehen können. Ich habe gerade in der TV Spielfilm gelesen, dass gleich Hancock kommt. Dein Lieblingsfilm.“

Sabine geht zurück ins Wohnzimmer. „Ich mach mal die Tür zu. Der ganze Dampf zieht ja rein.“
Die goldene Kaffeemaschine verschwindet aus Michaels Sicht. Dann füllt sich der Flur mit Stille. Unterbrochen nur vom Zischen des Bügeleisens. Ein tiefer Atemzug. Michaels Kopf senkt sich. Das Bügelbrett bannt seinen Blick. Noch mehr Stille. Ein Lächeln drängt in Michaels Gesicht. Michael stellt das Bügeleisen auf Stufe drei und bügelt weiter.
„Ich habe jetzt doch noch etwas für dich gebügelt.“ Der Geruch geschmolzenen Plastiks verbreitet sich im Flur.
„Liebling, hast du meine Lesebrille gesehen?“, dringt es gedämpft aus dem Wohnzimmer.
Michael empfindet tiefe Befriedigung. Ihm ist es gleich, dass sie bügelfrei ist.

Kommentare:

  1. Ein erster kleiner - und wohl berechtigter! - Ausbruchversuch aus der bürgerlichen Strafkolonie, welchem hoffentlich das dicke Ende noch folgen wird...

    Schelmische kleine Geschichte, lieber Lichtträger - mit Krimipotenzialen übrigens, wie ich meine: fürs Erste aber nur der Tod einer bügelfreien Lesebrille!

    ***

    Zwei kaum erwähnenswerte Tippfehlerchen, mit Verlaub:

    "...Das Bügelbretts bannt seinen Blick..."

    "...Im ist es gleich, dass sie bügelfrei ist..."

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  2. Da wird sich Sabine aber ärgern, dass nun noch eine Bluse versaut ist ;-)

    "Damenblusen sind eine besonders tückische Spezies zu bügelnder Hemden" - Verwandschaftsbeziehungen zu weiteren "Spezies" wären interessant.

    Ob es nicht statt "graulen" "kraulen" heißen müsste? in passenden Mundarten kenne ich mich allerdings nicht aus.

    Die Rückbezüge der Sätze sind interessant, gerne auch mehr davon!

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  3. der Arme... Zeit für eine "Emannzipation" ;)

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  4. @ yael
    Vielen Dank, liebe yael. Das freut mich.

    @ mkh
    Tod einer bügelfreien Lesebrille? Ist das nicht ein Frühwerk von Arthur Miller, lieber mkh? Freut mich, dass mein Schelmenstück gefiel. Die beiden Fehler habe ich freilich durch Korrektur für ihr rücksichtsloses Hineinschleichen abgestraft.

    @ Citara
    Ich vermute Sabine vergrault Michael so oder so, da kann sie noch so viel kraulen. Danke für den Hinweis. Auch als Hesse heißt es kraulen, obgleich wir dazu neigen, das 'n' wegzulassen ;-)
    Gerne will ich mehr davon liefern. Sehr schön.

    @ Juli
    Das ist ja nur eine Seite. Wer weiß, was Michael so alles treibt, wenn er nicht gerade bügelt.

    Es grüßt
    der Lichtträger

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  5. Arthur Miller? Das ist allerdings ein B r e n n p u n k t, über den man noch nachsinnen sollte.

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  6. Aber nicht zu lange, sonst verfällt man in die große Depression.

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  7. Boah, das sollte mir einfallen, das Bügelbrett im Keller zu lagern! Kleiner Tipp an den Bügelnden: ein, zwei Blusen weniger im Schrank, dann passt dort das Bügelbrett auch noch rein. ;)
    Der Trulla hätt ich auch die Brille versengt!!
    Schöne Geschichte, werter Lichtträger! :)

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  8. Merci, werte Frau Meise, und Danke für Ihren Tipp. Doch sagen Sie das mal der Sabine. Zwei Blusen weniger. Hah! Wer schon zwei schwarze hat, wo doch eine genügen würde ... ;-)

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  9. Echt cool! Toll geschriebe, diese kurzen Sätze, der Rhythmus, die Unschuld,die daraus spricht... und die Pointe hätte ich echt nicht erwartet ,auch die Charas sind gut dargestellt :D

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  10. Hallo, liebe Evy, vielen Dank für deinen Kommentar, und willkommen auf meinem Blog :-))
    Freut mich, dass dir die Geschichte gefallen hat.

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