Sonntag, 23. Januar 2011

Die letzte Fahrt

Leichter Seegang hob und senkte den stolzen Dreimaster.  Sie schloss die Augen und spürte das Rot der Sonne wärmend auf ihren Lidern. Seit sie ein kleines Mädchen war, träumte sie davon, zur See zu fahren. Freilich waren ihre Fantasien zu diesem Zeitpunkt noch von Seeräuberidylle erfüllt, doch ließ auch die mit jedem ihrer Lebensjahre klarer werdende Wirklichkeit eines Dienstes auf See ihren Wunsch nur weiter reifen. Als sie dann in das nötige Alter gekommen war, bewarb sie sich bei der Marine. Gerne erinnerte sie sich zurück, wie sie empfand, als sie die Tests bestanden hatte und den Einberufungsbescheid in den Händen hielt. Sie fühlte sich neu geboren. Neu geboren zur See.

Sie öffnete ihren Augen, und die Sonne blendete sie. Tränen rannen ihre Wange herunter. Die Wirklichkeit hatte sie überholt und ihre Vorstellungen von einem Leben als Seefrau weit hinter sich gelassen. Sie hielt es nicht mehr aus. Auf Deck brüllten ihre Ausbilder, doch sie nahm die Schreie kaum mehr war. Sie ertrug den Drill nicht mehr. Sie ertrug es nicht mehr, Mensch zweiter Klasse zu sein. Sie ertrug die Anzüglichkeiten nicht mehr.

Sie atmete tief ein. Sie liebte den Geschmack von Salz auf ihrer Zunge, den Geschmack der See. Unter ihr brachen sich die Wellen am Bug des Schulschiffs. Gischt spritzte hoch. Auf Deck sammelten sich die anderen Kadetten. Es war nicht normal, dass jemand so lange auf dem Untermarssegel stand. Zwei Matrosen stiegen den Großmast auf. Sie nahm sie nicht mehr wahr. Sie wollte wieder glücklich sein. Wieder blickte sie nach unten. Die Gesichter, die zu ihr hoch schauten, waren klein und verschwommen. Nichts Menschliches war in ihnen zu erkennen. Ihre Beine zitterten und wurden weich. Sie straffte sich und öffnete die Hand, die eben noch ihr Gleichgewicht in fast 30 Metern Höhe hielt. Sie verharrte kurz. 

Dann stieß sie sich ab, und die Zeit stand still. Regungslos verharrte sie in der Luft. Das alte Segelschulschiff verschwand. Ebenso wie die Ausbilder. Die letzten Jahre hörten auf, je existiert zu haben. Es gab nur noch sie und das Meer. Ein lange vermisstet Gefühl von Freiheit überkam sie. Sie ließ zu, dass der warme Wind ihr sanft ins Gesicht wehte. Sie schloss die Augen. Ihre Lider wurden wieder rot von der Sonne umspielt, und sie begann zu lächeln. Sie war wieder glücklich. Sie war wieder das kleine Mädchen, das träumte, Seeräuberin zu werden. Und sie wurde es. Für wenige Sekunden. Und für den Rest ihres Lebens.

Epilog
Wie alle meine Geschichten ist auch diese traurige Geschichte frei erfunden; doch ist sie inspiriert von dem, was bislang über die Presse von den möglichen Hintergründen des Unfalls vom 7. November 2010 auf dem deutschen Marine-Schulschiff Gorch Fock zu uns gedrungen ist. Bislang ist wohl von einem Unfall auszugehen, einem Unfall, der aber vielleicht vermeidbar gewesen wäre. Es erschüttert mich, zu erfahren, welche Zustände geherrscht haben sollen. Wer mehr lesen will, dem seien die Artikel auf Welt online empfohlen.

Kommentare:

  1. Eine traurige Geschichte, ja. Ich habe die aktuellen Entwicklungen auf der Gorck Fock nur am Rande verfolgt. Aber Menschen zum Buckeln zu erziehen, das war meine Sache noch nie...

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  2. Und noch ein Wort dazu: Deine Geschichte berührt das Herz, meins jedenfalls, und vermittelt die ganze Resignation und Hilflosigkeit der kleinen Seeräuberin.

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  3. das ist fürchterlich.
    wie schlimm, wenn man als frau den drang verspürt, zum militär zu gehen.

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  4. Es freut mich, dass mein Text transportieren konnte, was ich an Gefühlen rein gebracht hatte. Danke für die Kritik, lieber mkh.

    Ich bin gespannt, was die Ermittlungskommission zu Tage fördert. Ich hoffe das Beste.

    Liebe yael, ja, das finde ich auch. Und ich möchte deinen Schlussatz noch um einen alten Sponti-Spruch erweitern: "Man stelle sich vor, es ist Krieg, und keiner geht hin". Wenn sich doch nur alle daran hielten.

    Es grüßt
    der Lichtträger

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  5. Finde ich gut umgesetzt, lieber Lichtträger.
    Eine traurig Geschichte. Und du bist mir hoffentlich nicht bös, wenn ich das Ende trotz seiner Tragik schön finde.

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  6. Eine schöntraurige und berührende Geschichte. Auch in der Kürze hast du eine schöne Athmosphäre geschaffen.

    Ich hoffe, du nimmst es mir nicht übel, wenn ich sage, ohne den Kontext hätte sie mir sogar noch besser gefallen. Nicht, weil über solche Geschehnisse nicht geredet werden sollte, sondern weil sie für mich so zu sehr in einen bestimmten Kontext gedrängt wird. In deinem Epilog fasst du es gut, die Sache der Inspiration. Für mich steht die Geschichte aber für mehr, als nur dieser eine Fall von (möglicher) Verzweiflung.

    ___________

    Bei "Unter ihr brachen die Wellen am Bug des Schulschiffs. Gicht spritzte hoch." scheint sich ein kleiner Fehlerteufel eingeschlichen zu haben, nebem dem vermissten "sich" hat sich wohl auch das "s" aus Gischt davongemacht ;-)

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  7. Hallo, liebe Frau Meise, nein, ich bin ganz und gar nicht bös+e darüber. Freut mich, dass ich es gut umsetzen konnte. Und traurigschön darf es ja sein, wie die gute Citara, der ich ebenfalls für die gute Kritik danke, schrieb. Die Fehlerteufel habe ich wieder in ihre Lektoratenhölle verbannt ;-)
    Auch dir, werte Citara, nehme ich die Offenheit nicht übel. Warum auch? Ich begrüße sie. Es in den Kontext zu setzen, war mir jedoch wichtig. Es ist aber schön zu wissen, dass die Geschichte auch ohne Bezugshinweis hätte bestehen können.

    Lieben Gruß,
    der Lichtträger

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