Samstag, 5. Juli 2014

Thank God it's Friday

Der Wecker klingelt. Ein letztes Mal in dieser Woche. Endlich Freitag. Die Woche war schließlich auch anstrengend genug. Jeden Abend nach der Arbeit liege ich sofort erschöpft auf der Couch. Aber immerhin erfülle ich immer mein Pensum. Ich kann stolz auf mich sein. Ich stehe auf, mache mir einen Kaffee und eile mit einem Croissant im linken und einer Zigarette im rechten Mundwinkel zur Bahn. Mehr Zeit war nicht, denn es war leider nicht das erste Klingeln, mit dem ich erwacht war. Das ist es nie. Na ja, bei dem Arbeitspensum.

Ich komme am Bahnhof in der Minute an, als die Bahn gerade einfährt. Mein Auto schließe ich eilends ab, renne zum Bahnsteig und schaffe es geradeso, die Hand zwischen die schließende Tür zu bekommen. Ich nehme mir den letzten freien Sitzplatz. Mir gegenüber sitzt ein Mann, dem die sich ankündigende Sommerhitze des Tages schon jetzt zu schaffen macht. Er liest in der Zeitung von gestern. Wäre ich geistig so desolat und körperlich so schlecht in Form, könnte ich mein Arbeitspensum nie erfüllen. Der Herr bräuchte sicher auch die Mittagspause, die ich mir stets vergönne. Ich erfülle mein Pensum immer. Ich kann stolz auf mich sein. Beinahe verpasse ich es auszusteigen. Gerade so bekomme ich die Hand zwischen die sich schließende Tür.

Im Büro komme ich pünktlich an. Ich bin immer pünktlich. Die Chefin kommt stets nach mir. Ich setze mich an meinen Rechner. Wieder einmal hat ein Update das System zerschossen. All meine Termine sind inaktuell und hinken der Zeit einen Tag hinterher.  Ich rufe bei unserer System-Hotline an. „Kriegt das mal auf die Reihe“, sage ich. „Sogar die Systemzeit auf dem Telefondisplay spinnt“. Wenn ich so arbeiten würde wie unsere Techniker, würde ich mein Pensum nie erfüllen. Ich gehe meine Freitagstermine durch und erledige, präzise wie ein Roboter, alle Terminsachen, eilige Vorgänge und geplanten Arbeitsschritte sowie meinen Wochenabschluss. Donnerstag war nichts abgeschlossen worden. Verdammte Buchhaltung! Bin ich der einzige, der sein Pensum erfüllt Wozu brauche ich System-Techniker und Buchhalter? Ich erfülle mein Pensum immer. Auch unter diesen Bedingungen. Ich kann stolz auf mich sein. „Hallo, Chefin!“, rufe ich, als sie kommt, und „Schönes Wochenende!“, als sie geht. Ich gehe dann auch.

Zur Ausnahme kriege ich meinen Zug nachhause mal, ohne auf die letzten 100 Meter zu rennen und mich zwischen den Schiebetüren zu verbeißen. Die Bahn hat Verspätung. Doch selbst darauf ist kein Verlass. Würde ich so arbeiten, würde ich … aber das wissen Sie ja schon. Ich bekomme keinen Sitzplatz mehr. Das Gespräch  von einer der Sitzgruppen dringt zu mir. „Noch ein Tag, dann endlich frei!“, sagt ein Herr im Blaumann. Die Dame im Kostüm lächelt und sagt: „Oh, ja!“, bevor sie sich wieder hinter ihrem Ebook-Reader versteckt, und der Arbeiter nochmal seinen Facebook-Status prüft. Samstagsarbeit, denke ich mir, so weit ist es bei uns zum Glück noch nicht. Zwar könnte ich sicherlich dann mein Pensum deutlich entspannter bewältigen, aber ich schaffe es auch so. Ich bin am Limit, doch beschweren kann sich niemand. Ich schaffe mein Pensum immer. Ich kann stolz auf mich sein.

Zuhause angekommen, geht es gleich auf die Couch. Erschöpft zwar, doch mit einem Bierchen in der Hand kann ich eine erfolgreiche Arbeitswoche feiern. Die Fernsehzeitung sagt mir, heute Abend kommt auf Arte eine Dokumentation über das Burnout-Syndrom. Da lasse ich den Fernseher wohl aus. Heutzutage ist offenbar niemand mehr belastbar. Unvorstellbar. Mit solchen Leuten kann man wohl kaum ein Pensum wie meins schaffen. Wie soll da jemand stolz auf sich sein? Der Wecker bleibt aus. Wochenende. Ich schlafe auf der Couch ein.

Samstagmorgen, halb neun, das Telefon klingelt. Meine Chefin ist dran und fragt, wo ich denn bliebe. Ich antworte etwas unwirsch: „Seit wann arbeiten wir denn samstags?“

„Samstags?“, antwortet sie, und es entsteht eine kurze Pause. Dann teilt sie  mir mit, dass ich montags nicht mehr arbeiten müsse, künftig immer erst ab Dienstag, dafür endete die Arbeitswoche nunmehr samstags. Toll, meine Chefin, wir arbeiten schon so lange zusammen, aber sie überrascht mich stets. Etwas komisch ist sie zwar schon. Beispielsweise Montag vor einem Monat, als ich  gehetzt zur Arbeit kam, und keiner da war. Sie hatten alle geglaubt, es sei Sonntag. Selbst die Chefin.. Na, ja, sind wohl überarbeitet. Bei ihrem Pensum. Ich bin stolz auf uns, doch irgendwie werde ich den Gedanken nicht los, dass heute Abend ein Film über Burnout läuft, auf Arte, und ich ihn schauen sollte.

Kommentare:

  1. Au, jetzt bin ich auch schon ganz durcheinander ...

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  2. Hallo, mein Lieber 😊
    das ist nicht schlimm. Morgen ist ja schon Wochenende.
    Herzlichst
    A.

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