Mittwoch, 23. Juli 2008

Das seltsame Leben des Magnus Vates
Kapitel III

„Kennst Du Vates?“ fragte Reynard Lewkow seinen Beifahrer, als er in das beschauliche Wohngebiet einbog.
„Nein. Ich weiß nur, dass er mit drei klassifiziert ist und dass s i e ihn los werden wollen.“
„Er soll Menschen kontrollieren können.“
„Genau deshalb bin ich ja auch dabei. Und genau deshalb wollen s i e ihn los werden.“

Marian Calea war nur aus diesem Grund Lewkow zugeteilt worden. Normalerweise säuberte Lewkow im Alleingang, wenn s i e ihn anforderten. Zumeist handelte es sich um Begabte, die sich nicht an die Regeln hielten. Und um Begabte, die zu auffällig wurden und die  S a c h e  in Gefahr brachten. Zu dieser Sorte gehörte wohl auch Vates. In den letzten Wochen, hatten  s i e  ihm gesagt, sei er mehrfach ertappt worden, wie er die Gedanken normaler Bürger nicht nur las, sondern sie auch nach seinem Willen steuerte. Nicht, dass  s i e  die Menschen viel kümmerte. Nein, sie waren  i h n e n  egal. Mehr als das. Verhasst, sogar. Doch Vates ließ sich immer weniger von  i h n e n  sagen. Er geriet außer Kontrolle. Er musste weg. Er war eine Gefahr. Das sah Lewkow ähnlich. Klasse drei und Gedankenlesen, dachte er damals. Nie und nimmer.

„Lewkow, erledigen Sie das für uns“, sagten sie ihm, „doch passen Sie auf sich auf. Vates ist unberechenbar.“ Und sie teilten ihm Calea zu. Von Calea hatte auch zuvor schon mal gehört. Er war ein Klasse-Sechs-Begabter. Was sollte er ihm nutzen?, hatte er gedacht, doch natürlich für sich behalten. Lewkow war nicht lebensmüde. Er wusste, dass er funktionieren musste, wenn er später einen Teil des Kuchens bekommen wollte.

Calea war ein magerer, bleicher und ganz und gar unscheinbarer kleiner Mann mit lichtem, grauem Haar. Er sah aus wie ein Buchhalter aus den 60ern. Doch Lewkow hatte gelernt, dass die Unauffälligen zumeist die, mit den größten Kräften waren. Er selbst lebte für seine Aufgabe, ging in ihr auf, empfand sie als seine Berufung. Und das trug er auch nach außen. Er trug seine langen blonden Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden, hatte immer einen schwarzen Ledermantel an, wenn er benötigt wurde. Das waren seine Markenzeichen. Er war ein Klasse-Neun-Begabter. Der Klasse-Neun-Begabte in seinen Augen.

Calea wurde ihm vorgestellt. Er würde einen Schutzschild um sie herum errichten, wenn er Vates liquidierte. Ein Schutzschild, das ihn vor der Gedankenkontrolle schützen sollte. S i e  wussten nicht, wie weit Vates schon war, ob er es auch mit den Gedanken und Emotionen der Begabten aufnehmen konnte. Doch Risiken wollten  s i e  nicht eingehen. Vates eigenmächtige Auftritte unter den normalen Menschen waren Risiko genug in ihren Augen. Schon das zweite Mal mussten sie heute seine Mordspuren beseitigen, und in dieser Nacht hatten  s i e  es nur ganz knapp vor der Polizei geschafft. Er musste weg.

„Da vorne ist es. Buchenallee 23. Er wohnt Souparterre. Der Eingang ist seitlich vom Haus. Über ihm wohnt nur eine alte, schwerhörige Dame.“
„Ich weiß“, sagte Lewkow. „Ich habe die Akte auch gelesen. Wir gehen so vor: Wenn wir vor seiner Tür stehen, bauen Sie den Schutzschild um uns beide auf, ich entriegele die Tür, und sobald ich sie geöffnet habe, heizte ich ihm ein. Er ist nur Klasse drei. Vielleicht vier, wenn er tatsächlich die Gedanken von Menschen lesen kann. Er wird nicht mal merken, wie ihm geschieht.“
Oder Klasse fünf, wenn er sie steuern kann, dachte Calea, doch behielt es für sich.

Mit diesen Worten stiegen beide aus dem unauffälligen dunklen VW Passat und schlichen leise, darauf bedacht, dem Boden nicht das winzigste Geräusch zu gönnen, um das Haus herum. Lewkow gab Calea mit dem Zeigefinger das Zeichen, nun seinen Part zu leisten. Calea schloß die Augen, atmete kurz durch und als er sie wieder öffnete, schien es für Lewkow, als sei alles um ihn herum ein bisschen leiser geworden und auch die Nacht wirkte auf ihn eine kaum merkliche Nuance dunkler als zuvor. Anerkennend nickend, griff er in die Innentasche seines Ledermantels und fischte ein dünnes Lederetui hervor, aus dem er sodann zwei flache, gebogene Metallstifte entnahm und behutsam ins Türschloss einführte. Dann noch einen und noch einen, bis er alle Sicherungsstifte des Schlosses wieder in den Schließzylinder geführt hatte und öffnen konnte. Langsam drehte er den Riegel zurück, bis er wieder vollständig zurückgefahren war und die Sicherung der Tür aufgab.

Lewkow richtete sich auf, steckte sein Einbruchswerkzeug ebenso behutsam, wie er es zum Einsatz gebracht hatte, wieder zurück in ihr ledernes Bett und richtete sich unter dem schmunzelnden Blick Caleas wieder auf. Er rollte mit den Augen und mahnte ihn, mit seinen Zeigefinger vor den Lippen, zur Ernsthaftigkeit, dann traten beide durch die Tür.

Vor ihnen lag ein Flur, von dem vier Türen abgingen. Zwei links, eine rechts und eine ihnen direkt gegenüber.
OK, der Plan zeigte mir links zwei Räume, Küche und Bad, rechts das Wohnzimmer, dachte sich Lewkow, und geradeaus das Schlafzimmer. Da sollte er sein. Er konzentrierte sich und versuchte sein Opfer zu orten. Küche und Bad waren sauber. Das Wohnzimmer auch. Und das Schlafzimmer - auch? Lewkow hob die Brauen. Er musste doch in seiner Wohnung sein. Das hatten  s i e  ihm doch noch unterwegs per Telefon mitgeteilt. Er bekam einen angestrengten Blick, als er es nochmals versuchte, was Calea nun bemerkte und seinerseits mit den Augen rollte. Vorsichtig klopfte er mit dem Handrücken auf Lewkows Schulter und beschrieb mit seinem Zeigefinger einen Kreis um sie herum. Lewkow schlug sich mit der Hand an die Stirn. Natürlich, sagte er sich in Gedanken, die Schutzsphäre. Es ist vier Uhr. Er ist im Bett, kam er zum Schluss.

Vorsichtig drückte Calea die Klinke herunter, während Lewkow bereits kleine Blitze zwischen seinen Fingern knistern ließ. So ein unnötiges Gehabe, dachte sich Calea. Lewkow ahlt sich geradezu in seiner Rolle als magischer Killer. Wie in den Filmen, wenn die Mafiosi durchladen, bevor sie einen Laden stürmen. Als gingen sie mit nicht schussbereiten Waffen zu einer Schießerei. Ein Magiebegabter war immer schussbereit. Magie brauchte keine Aufwärmphase.

Als er die Tür geräuschlos geöffnet hatte, sahen sie sich Vates direkt gegenüber. Er saß im Schneidersitz auf seinem Bett und schaltete im Moment ihres Eintretens eine Taschenlampe an, mit der er sich theatralisch, wie in einem schlechten Horrorfilm, von unten ins Gesicht leuchtete. Lewkow verlor keine Zeit. Er breitete seine gestreckten Arme nach vorne aus und ließ die Blitze, die die Finger seiner Hände miteinander verbanden, dadurch im Bruchteil einer Sekunde wachsen. Just in der Sekunde als er seine Handflächen Vates entgegenstreckte, packte ihn Calea an der Schulter. Doch die Warnung kam zu spät. Was sich im Schein der Taschenlampe abzeichnete, konnte er nicht mehr mitteilen. Die zehn Blitze entluden sich bereits in Richtung Vates' Körper.

Kapitel IIKapitel IV

Kommentare:

  1. Aaaah, ich ahne, welchen Fehler der gute Lewkow beging... *grins*
    Mal sehen, ob ich Recht behalte. ;)

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  2. Mit blitezn aus den Händen gegen eine Taschenlampe!
    Junge, junge! Warum schreibst du über Amateure:-)

    Im Ernst: Ich hoffe, die zur gleichen Zeit spielende Fortführung ist aus sicht Vates, der ein deutlich interessanteres Objekt darstellt! Was den Lesegenus des Kapitekls natürlich nicht schmälert!

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  3. @meise
    Ja, mal sehen. Der größte Fehler ist, den Auftrag angenommen zu haben ;-)

    @NW
    Weist ja selbst wie sie sind, diese Magiere. Mit ner Knarre hätten sie's einfacher haben können, aber neiiiiiiiiin ...

    Und im Übrigen:
    Ja, Kap. 4 ist wieder aus Vates Sicht.

    Freut mich, dass es gefallen hat :-))

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  4. So viel Spannung am frühen Morgen - und dann ein "Fortsetzung folgt"...

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  5. Ui, das seh ich jetzt erst, dass die Fortsetzung für Samstag angekündigt ist!!!! Aber dann bitte nicht erst kurz vor Mitternacht, ja??? Sonst muss ich hier zehntausendmal reingucken vorher!!!! ;)

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  6. Dürfte ich mir in diesem Zusammenhang die Freiheit erlauben, darauf hinzuweisen, dass es auch im LitMet wieder zwei spannende Kapitel gibt, die Sie, ihres fehlenden Kommentars wegen vermutet, noch nicht kennen dürften *hüstel*

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  7. ..*hüstel* ja... Aber heute morgen, mitten in der Nacht, musste ich ja erst mal die drei stories HIER im Board nachholen. Sie sind plötzlich wieder so unerhört schaffensdrängig geworden, lieber Lichtträger...

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  8. Das bin ich wohl, werter Hafenmeistersänger. Ein kreativer Schub, denke ich ;-)

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