Freitag, 25. Juli 2008

Fancesco Fontanello
Kapitel II

Als Francesco gerade seine Wohnungstür aufschließen wollte, nahm er den Geruch des Todes wahr. Doch es war nur Mrs. Zuckerman, die hinter ihm, mit dem Fuß auf den Boden tippend und bösem Blick, im Türrahmen zu ihrer Wohnung stand. Sie hatte nur den einen. Bösen Blick natürlich, nicht Türrahmen. Von denen hatte sie mehrere. Im Augenblick sogar mehr als Türen, denn ihre Wohnungstür war in der Mitte zerbrochen und lag im Flur.
„Zwei Herren haben das hier für Sie da gelassen“, spie sie ihm mürrisch entgegen. „Sie baten mich höflich, Ihnen auszurichten, dass es ihnen Leid täte, dass er aus Plüsch wäre.“
Francesco nahm den Plüsch-Pferdekopf Schicksals ergeben entgegen und sah in Gedanken einen traurigen Mafiosi-Sprössling weinend vor sich, der nun mit einem kopflosen Pferd knuddeln musste.
Mit so einem hätte sich Opa wohl auch noch mal zur Seite gedreht und ein paar Stündchen weiter geschlafen, dachte er. Aber es stimmte schon. Bei all den Fleischskandalen. Wer mochte da schon noch mit rohem Fleisch ohne Herkunftsstempel hantieren?
„Danke, Mrs. Zuckermann. Es war sehr nett von Ihnen, das für mich entgegen zu nehmen.“
„Ach, lecken Sie mich doch am Arsch“, sagte sie freundlich, doch mit Nachdruck und drückte einen Teil der Tür in den Rahmen. Da es der untere war, fand sie Gelegenheit Francesco noch den Mittelfinger zu zeigen, bevor sie im Dunkel ihrer Wohnung verschwand.
„Tja, da ist wohl was schief gegangen“, sagte Francesco zu dem Pferdekopf. Doch der starrte ihn nur ratlos an. Was blieb ihm auch anderes übrig?

„Ahhh!“, schrie Marcello Mastinetto, dessen Äußeres an ein Erdbeben auf zwei Beinen denken ließ. „Diese fiese, alte Frau!“, schrie er weiter in hellen Tönen, denen man nie zugetraut hätte, an seinen daumendicken Stimmbändern vorzukommen - ganz wie ein Bergmassiv im Stimmbruch – und rieb sich dabei unaufhörlich sein rotes Ohr.
„Du hättest ja vorher klopfen können“, sagte sein Partner. Mit verschmitzt gewundenen Mundwinkeln.
„Ich konnte doch nicht ahnen, dass es zwei Erdgeschosswohnungen gibt.“
„Die zweite Wohnungstür hinter Dir war ja auch nicht zu sehen. Hast ja keine Augen am Hinterkopf, nicht?“, sagte er und gleich darauf, dass er sich nicht so anstellen soll. Obwohl sein Ohr auch noch ganz schön pochte. Erniedrigend, so behandelt zu werden. Und gefährlich. Schließlich lässt sich ein Ohr nicht endlos drehen.
„Ich denke, wir sind uns einig, dass Don Calabrese davon nichts erfährt, oder?“, vergewisserte er sich bei Marcello.
„Ahhh!“, antwortete dieser, was sein Partner als Zustimmung empfand und es dabei beließ.
„Diese fiese, alte Frau!“

„Was mag ich wohl falsch gemacht haben?“, fragte sich Francesco ein zweites Mal und kuschelte sich mit dem Plüschschädel unter seinem Kopf auf das Sofa. Doch der antwortete wieder nicht.
Mangels Gesprächspartner knipste er seinen 42 Zoll Panasonic an und schaute die Abendnachrichten. Sein Pferdekopf, den er inzwischen Piccolino getauft hatte, schaute während dessen auf Francescos Hinterkopf. Mangels Alternative.
„In den frühen Morgenstunden wurde ein Mordanschlag auf den Chicagoer Baugiganten Alonso Calabrese verübt“, sagte die blonde Nachrichtensprecherin mit dem tiefen Dekolleté.
„Wer wagt sich denn das?“, fragte Francesco das tiefe Dekolleté.
„Ein unerkannt entkommener Attentäter drang unbemerkt in das Schlafzimmer der Millionärsvilla ein und schoss mehrmals auf das Bett des Baulöwen"
„Lustig! Wie bei mir heute morgen.“
„Wie durch ein Wunder blieb Calabrese unverletzt.“
„Ähhhh!“
„Das CPD sucht in diesem Zusammenhang nach Zeugen, die gegen 06:00 Uhr einen schwarzen Lincoln, Baujahr 2001, vom Tatort flüchten sahen.“
„Argh!“, sagte Francesco und, um sicher zu gehen, gleich im Anschluss noch „Oh, oh!“, während er nach e i n e m Zettel in seiner Hosentasche kramte und z w e i rausholte. „Aouuu! Der falsche Zettel!“, heulte er und hob dabei die Hände zum Himmel, wie Del Piero, wenn er Gott fragt, warum der Ball bloß nicht rein gegangen war, und ließ sicherheitshalber gleich noch ein zweites „Aouuu!“ folgen. Anschließend versuchte er, sich mit mäßigem Erfolg die Haare zu raufen.

Alonso Calabrese saß, die Wand annickend, hinter seinem riesigen Tropenholzschreibtisch.
„Wäre er doch nur nicht der Sohn der Großtante meiner Haushälterin, ich würde ihn eigenhändig meucheln.“, sprach er zur Wand, an der ein Bild seines Großvaters, dem Begründer des Syndikats, hing. Doch das war Zufall. Er sprach zufällig zur Wand und ganz bestimmt nicht zum Bild seines Großvaters.
Als es klopfte, wandte er sich von der Wand zur doppelflügeligen Holztür, die zu seinem Vorzimmer führte. Tolle Schnitzereien, musste er jedes Mal denken, wenn er sie anschaute. Also dachte er es auch diesesmal.
„Capo, ein Laufbursche von Don Sebastiano gab das hier für Sie ab. Es ist ihr Mantel aus der Reinigung“, sagte sein Sekretär mit dem ausgebeulten Jackett.
Calabrese winkte ab, woraufhin sich sein Sekretär, rückwärts verneigend, wieder aus dem Büro entfernte.
„Er ist ein guter Junge und kann gut mit Waffen umgehen“, äffte er seine Haushälterin nach und wackelte dabei mit seinem Kopf, als wäre er ein Plastikhündchen auf der Hutablage eines Autos.
„Aber gleichzeitig meine Sachen von der Reinigung holen, ist wohl zu viel.“, sagte er weiter und beschloss, den Rest des Tages die Wand anzunicken, bis er alles verdaut hatte.

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Kommentare:

  1. Der Marcello-Mastinetto-Absatz gefällt mir am besten. Ein "Erdbeben auf zwei Beinen" - sehr schön - und viele andere lustige Wortspielereien ebenso!

    Dass ich bei Ihren aktuellen Fortsetzungsstories nicht den Überblick verliere, ist eine Herausforderung; es würde mich nicht wundern, wenn Francesco Fontanello und Magnus Vates im nächsten Teil bei einem Glas Cianti zusammensitzen oder wenn Mrs. Zuckerman dem dreisten Caleo kräftig die Ohren herumdreht. Dass ich die plötzlich abreißende Spannung verkrafte, ist eine weitere große Aufgabe!

    Jedenfalls: Gut geschrieben - bis auf ein paar Kleinigkeiten ("Calabrese wunk ab" - ich würde "winkte" vorziehen!). Klasse Ideen, origineller Humor, sympathische Charaktere, spannend, mehr!!

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  2. @mkh
    Zu Herrn Mastinettos Namensgebung musste ich erst eine italienische Kollegin fragen, wie die Koseform von Mastino lauten würde. Man sieht, auch Shorties verlangen Recherchearbeit ;-)
    Und wenn Mrs. Zuckerman dem dreisten Caleo schon die Ohren umdreht, könnte ich mir auch vorstellen, dass der liebe Marquis sich für sie erwärmen könnte *fg*
    Für Ihren Kommentar jedenfalls besten Dank; er ist mein Lohn. Ihre Kleinigkeit habe ich ausgebessert, da kommt der in der Romantik beheimatete Poet ab und zu in der Sprache durch. Sonntags gibt übrigens wieder was vom Meer. Zwei Fliegen mit einer Klappe, aber das lesen Sie ja dann.
    Heute nachmittag kommt erst mal der vierte Magnus Vates ...

    @NW
    Ha! Dabei weißt Du noch nicht mal, ob alle Italiener sind. Was ist mir Mastinettos Partner? Na? Und überaupt, so griesgrämig wie Mrs. Zuckerman ist, hatte sie bestimmt keinen lebensfrohen Südländer, sondern eher einen dieser humorlosen Deutschen zum Vorfahr (so will es jedenfalls das herrschende Klischee im Ausland, neben all dem überholten Mist wie Zuverlässigkeit, Fleiß, Dichter&Denker usw.) ...

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  3. "Meno dici, meno sbagli, deficiente!", sagte Marcello, denn wer wollte ihm schon widersprechen. Unberührt ergänzte Francesco: "Dilegua, o notte! Tramontate, stelle! All'alba vincerò!" ...

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  4. Ja, mit Zetteln in der Hosentasche komm ich auch das eine oder andere Mal durcheinander, wenn auch in anderer Form: den, den ich brauche, werfe ich weg und den, den ich nicht mehr brauche, krame ich irgendwann hervor, gucke drauf und raufe mir ähnlich die Haare wie ihr Held.
    Mrs. Zuckerman ist jedenfalls nicht von schlechten Eltern - hoho - Respekt!

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  5. Hm. Nun die zweite Geschichte, in der Vermieterinnen eine Rolle spielen (denn der Herr Vates schätzt ja die seine). Muss das den Leser zum Grübeln bringen, oder ist das ein Zufall?

    Lily

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  6. @meise
    Geht mir auch so. Der Kassenbon für das defekte Gerät ist stets so lange verschollen, wie die Garantie noch dauert, und der Einkaufzettel taucht dann in der Tasche, die man während des Einkaufs jedoch bei sich hatte, wenn man bereits eingekauft hat (und wieder umdrehen muss, weil man die Hälfte vergessen hat, aber dennoch mehr gekauft hat als man wollte).

    @lily
    Ich mag meine Mami halt ... - Ähnlichkeiten der Charaktere mit lebenden Personen des wirklichen Lebens sind nicht gewollt und rein zufällig ;-)

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