Sonntag, 24. April 2011

Francesco Fontanello
Kapitel IV

Als der schwarze 2001er-Lincoln – aus unerfindlichen Gründen fahren alle amerikanisch-italienischen Mafiosi einen schwarzen 2001er-Lincoln; was vor dem Jahr 2001 gefahren wurde, ist nicht überliefert – das riesige schmiedeeiserne Tor passierte und die breite gewundene Auffahrt zu Don Calabreses Villa hochfuhr, rieb sich Francesco noch immer seinen Hinterkopf, den der rote Abdruck von drei Fingern von Marcellos rechter Hand zierte. Mehr Platz für eine so riesige Hand barg selbst Francescos erweiterte Stirnfläche nicht.
„Wenn ich dir einen Tipp geben darf“, begann Marcellos Partner, gab ihm dann aber doch keinen Tipp. Es war spannender zu sehen, wie der Neue ins nächste Fettnäpfchen trat, und außerdem eine willkommene Entschädigung für das, was Mrs. Zuckerman beiden angetan hatte. Marcello hielt an, stieg aus und zog Francesco am Kragen aus dem Fond des Lincoln. Der Kragen hielt. Gutes italienisches Baumwollgewebe. Francesco erkannte die gute Qualität mit einem kehligen Röcheln an. Daraufhin wurde er auf die Füße gestellt und rückwärts von den beiden Soldaten Don Calabreses die marmorne Treppe ins Innere der Villa geschleift. Der Lincoln wurde in Francescos Augen immer kleiner. Warum fahren wir eigentlich alle Lincolns? fragte er sich, empfand es aber als unerfindlich. Mit der letzten Treppenstufe verlor er einen seiner Schuhe. Gute italienische Schuhe. Schick, aber leider keine Schnürschuhe.

„Du bist also Francesco, Marias Großcousin“, hallte die krächzende Stimme Don Calabreses in der Empfangshalle der Villa wieder, als sie die große Eichentür passiert hatten.
Francesco wurde wieder auf die Beine gestellt und umgedreht.
Ihm entgegen kam ein kleiner dicker haarloser Mann in einem exklusiven roten Hausmantel mit goldfarbenen Revers und einer dicken Hornbrille auf der knubbeligen Nase. Mit jedem Schritt, den er näher kam, änderte er seine Körpergröße. 1.70/1.80 war sein Spitzname unter jenen, die leise genug zu flüstern vermochten. Allenthalben bis zur ersten Zahl kam die bemerkenswert große Gruppe derer, die das Flüstern nie mehr würden perfektionieren können.
„Was ist mit ihrem linken Bein?“, fragte Francesco reflexartig und bereute es sofort wieder, während Marcellos Partner den ersehnten Fettnapf willkommen hieß. Marcello schupste ihn nach vorne. Also Francesco, nicht den Fettnapf.
„Das ist Francesco Fontanello, Capo“, sagte er und löste mit seinem tiefen Bass ein kleines Erdbeben in Frisco aus, wie es die Chaos-Theorie nun mal vorsieht.
„Oh, du hast auch ein verkürztes Bein, armer Kerl?“, sagte der Capo, während Francesco ihm mit einem Schuh zu wenig entgegen humpelte.
„Äh“, sagte Francesco und war sich sicher, damit ausreichend zur Klärung beigetragen zu haben. Don Calabrese umarmte ihm und küsste ihn auf beide Wangen.
„Ist das nicht ein Prachtkerl?“, fragte er seine zwei Soldaten, während er Francescos Wangen kniff. Marcello und sein Partner bemühten sich, eifrig zu nicken. Marcellos Partner war gerade dabei seine Fingernägel mit einem Springmesser zu säubern, was dazu führte, dass er sich in den Finger stach. Er wusste, wer schuld war.
„Und jetzt fahrt zum Optiker und holt mir meine neue Brille, damit ich dieses alte halbblinde Ding nicht mehr tragen muss. Scheußliches Ding, was?“, fragte er Francesco.
„Na, ja, etwas retro, schon, aber eigentlich ganz nett, ja, doch“, stammelte er, da ihm gerade eingefallen war, was seine Mama ihm eingeschärft hatte, niemals erwähnen zu dürfen.
Marcello und sein Partner brachen zum Optiker auf und ließen Francesco und den Fettnapf  unberührt zurück.

Don Calabrese führte Francesco in sein Büro, vorbei an seinem Schlafzimmer, das Francesco leider viel zu vertraut vorkam. Er begann sich zu fragen, ob Don Calabrese seinen Blick auf das von Einschusslöchern umrahmte Französische Bett bemerkt hatte.
„Du fragst dich sicher, ob ich deinen Blick auf mein von Einschusslöchern umrahmtes Französisches Bett bemerkt habe“, fragte Don Calabrese.
„Nein“, sagte Francesco, denn er hatte erst damit begonnen und war zu dem Zeitpunkt noch gar nicht fertig gewesen, sich das zu fragen.
„Es tut mir sehr leid, mein Capo. Ich hatte irgendwie die Zettel vertauscht. Ich weiß nicht, wie das passieren konnte, Don Calabrese. Ich kann es mir nicht erklären“, sagte er und konnte es wirklich nicht. Wie früher bei Mama schaffte es auch jetzt spielend, sich eine Träne aus dem Auge fließen zu lassen. Was bei Mamas zerbrochenem Geschirr klappte, musste bei einer durchlöcherten Schlafzimmerwand auch wirken, glaubte Francesco und sein Glauben wurde belohnt.
„Ach, schwamm drüber. Unsereins muss zusammenhalten“, sagte Don Calabrese und beide gingen mit schrittweise wechselnder Körpergröße durch die doppelflügelige Holztür in Don Calabreses Büro.
„Tolle Schnitzereien“, bemerkte Francesco beim Durchschreiten, aber nicht die Malerfolie, auf der er stand, und auch nicht Don Calabreses Sekretär, der mit seiner Browning Halbautomatik hinter der Tür stehend auf seinen Kopf zielte.
„Oh, Malerfolie“, sagte Francesco und bückte sich aus Gründen der Dramaturgie und des Fortbestands des Protagonisten, um irgendetwas aufzuheben, das für die weitere Handlung völlig irrelevant war. Die Kugel der schallgedämpften Browning ging knapp an Francescos Kopf vorbei und schlug zwischen den Augen von Don Calabreses Großvater ein. Natürlich nur im Abbild des Großvaters, das als Gemälde an der Wand hing. In der Realität war das bereits zwanzig Jahre zuvor durch einen gedungenen Mörder der Sebastiano Familie erledigt worden. 
„Oh, ganz vergessen“, sagte Don Calabrese. „Habe meinen Plan geändert, Adolfo.“
Wortlos nickte Adolfo und schraubte den Schalldämpfer wieder ab. Francesco nutzte die entstandene peinliche Pause, um sich zu übergeben.
„Gute Idee mit der Malerfolie“, sagte Don Calabrese, und Adolfo bedanke sich nickend und verließ rückwärts den Raum, wobei er hinter sich die Tür schloss. Don Calabrese setzte sich hinter seinen Schreibtisch und Francesco erhob sich aus seinem Erbrochenen.
„Gut, mein lieber Francesco, du sollst eine zweite Chance haben. Menschen wie du und ich haben es nicht immer einfach. Du weißt, wer das getan hat?“ Alonso Calabrese zeigte auf das Bild des Großvaters an der Wand.
Francesco nickte.
„Corrado Sebastiano ist eine Schande für unsere Sache. Er ist Capo dei Capi geworden, obwohl jeder weiß, dass es sein Auftrag war, der meinem lieben Großvater das Leben genommen hat. Die Zeit, zu zahlen, ist nun gekommen.“
Francesco nickte.
„Ich möchte, dass du erst den liquidierst, der das getan hat, und anschließend diesen fetten, hässlichen, kleinen Cretino Corrado Sebastiano. Hast du das verstanden?“
Francesco nickte und zog seine Halbautomatik aus dem Schulterholster.
Don Calabrese nickte, Francesco verließ das Büro, ein Schuss ertönte, und Francesco flog rückwärts wieder durch die schwere Tür auf die richtige Stelle der Malerfolie. Ja, genau, jene. In der Tür stand Adolfo, der sich sein blutendes linkes Ohr hielt und mit der anderen Hand seine Browning zog.
Don Calabrese stand wütend auf. „Idiota, nicht den, der das Bild erschossen hat, den echten Killer.“
Gebückt eilte er an Adolfo vorbei, der nun nicht mehr stumm nickte, sondern althergebrachte Flüche seiner Väter zischte und sich weiter das Ohr hielt.

„Erster Auftrag“, dachte Francesco und klaubte unterwegs seinen verlorenen Slipper auf, dem irgendwer aus unerfindlichen Gründen die Schuhspitze abgeschnitten hatte. „Ich komme. Zum zweiten Mal!“

Kapitel III | Fortsetzung folgt

Kommentare:

  1. Gut, dass mein Lincoln dieses Jahr weiß war! :)
    --
    Sascha

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  2. Ich glaube, der geräumige Kofferraum gibt den Ausschlag ;-)

    Gruß,
    Andy

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  3. Uh, ein neuer Fontanello. Den heb ich mir aber für morgen auf. Freu mich schon. :)

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  4. Ich schließe mich auch bald an - die Lust auf neue Fontanellos muss man so ein wenig abwarten können wie den nächsten Sex. *hust*

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  5. Dann bin ich gespannt, liebe Frau Meise, ob ich an den Stil von 2008 bruchfrei anschließen konnte.
    Und, werter mkh, der Vergleich ehrt mich, ist es doch wie das schöne Kind bereits zu loben, bevor es gezeugt wurde ;-)

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  6. Sehr schön, werter Herr Lichtträger! Jetzt ist der gute Fontanello also mit einem Peeptoe unterwegs. Er sollte aber noch ein bisschen Zielen üben.

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  7. Sie haben aber auch Ideen!! *kicher*

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  8. Das war nicht meine Idee; ich glaube vielmehr, dass es Marcellos Partner war. Und richtig zielen sollte Francesco erst dann, wenn er es mal schafft, die Zielperson auch zu treffen. Wer weiß ...

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