Dienstag, 11. September 2018

Frugaler, Fruganer, Fruwas?


Frugalismus - dieses Wort hörte ich letzten Montag das erste Mal. Eine Erstbesucherin meines monatlichen Alternativen Stammtisch hatte es fallen gelassen, und ich konnte es nicht abwarten, mich nach Beendigung meiner eigenen Dialoge über Postökonomismus und Konsumismus in das Gespräch einzuschalten. Unmittelbar zuvor war das Wort Minimalismus in den Gesprächsfetzen gefallen, die ich vom anderen Ende des Tischs wahrgenommen hatte, und damit kenne ich mich immerhin aus. 

Frugalismus? Ich dachte zunächst an Fruganismus, also an jene Ernährungsform, deren Anhänger sich nur den Verzehr von Früchten erlauben, bei deren Ernte die Pflanze nicht stirbt – Mahatma Ghandi war zeitweise einer von ihnen. Tatsächlich war ich mit Ghandi nah dran. Der Friedensnobelpreisträger versuchte sein Leben so anspruchslos wie möglich zu gestalteten, um sich voll seinen politischen Aktivitäten widmen zu können. Frugalisten leben ebenfalls einfach, doch mit anderer Zielsetzung: Sich weit vor dem 67. Lebensjahr in Rente zu begeben. Mein erster Impuls erwies sich allerdings auch wörtlich als nicht weit hergeholt. Frugal bedeutet schlicht, sparsam, einfach. Es entstammt dem lateinischen frūgālis (von den Früchten stammend) und beschrieb ursprünglich ein einfaches Mahl, wie beispielsweise einen Getreidebrei, dessen Einfachheit zum Sinnbild des heutigen Bedeutungssinnes wurde. 

Frugalisten reduzieren ihre Kosten, indem sie einsparen, was nicht unbedingt nötig ist, und anderes optimieren – leihen oder  gebraucht, statt neu kaufen, selbst machen, statt machen lassen. Der deutsche Name Frugalismus geht auf den Blogger Oliver Noelting zurück, der eine Begrifflichkeit für die aus den USA stammende Bewegung finden musste. Dort geht sie auf den im Jahr 2005 bereits mit 30 Jahren in Ruhestand gegangenen Blogger Peter Adeney zurück, der über seinen Weg auf seinem Blog Mr. Money Mustache berichtet und seine Anhänger sich daher Mustachians nennen. Zehn Jahre später startete Noelting sein Blog, das er „Frugalisten“, also „Die Sparsamen“, nannte – eine sachliche, aber auch bessere Wahl als die direkte Übersetzung: Oberlippenbärtige. 

Der Frugalismus versteht sich als Bewegung, die sich minimalistischer Mittel bedient, um eine genügsame Form der finanziellen Unabhängigkeit von der Erwerbstätigkeit zu erreichen: Spare so viel Geld, wie es dir möglich ist, und lege es in Aktien, Anleihen oder Immobilien an, von denen du weit vor Erreichen des Rentenalters sparsam, aber gut leben kannst. Sein Blog ist sehr lesenswert und inspirierend, und hat in mir das Interesse geweckt, zumindest einmal mit seinem Ausgabenbuch zu experimentieren, das er als Grundlage vieler Berechnungen zur Verfügung stellt. Ich bin gespannt, wie viel Ansparpotential bei meiner Lebensweise noch gegeben ist. Mr. Frugalist spart ca. siebzig Prozent seines Einkommens an. Das ist gewaltig, und den Bildern des Blogs zufolge scheint er nicht unglücklich zu sein. Mit 40 möchte der heute 29-jährige in Rente gehen. Das kann ich durch Fristüberschreitung nicht mehr, wäre aber auch nicht mein Ziel. Ich habe das Glück, einen Job zu haben, der mir Spaß macht, und mir auf anderen Wegen die Freiräume geschaffen, um mich selbst zu verwirklichen und ausreichend Freizeit zu haben. Aber vielleicht kann ich mit seinen Methoden noch das eine oder andere Einsparpotential entdecken, um meinen Reduktionismus voranzutreiben. Oder meinen Nonkonsumismus. Verwirrend? Ich weiß! Aber wer soll bei so vielen -ismen in diesem Text den Überblick behalten?

Als erste Konsequenz ziehe ich mir nun keinen 50-Cent-Kaffee mehr im Büro, sondern trinke konsequent meine zwei werktäglichen Tassen Selbstgemachten. Nach der 752er-Regel bringt mir das nach zehn Jahren 2.857 Euro, und das in Bio-Qualität. Wer Dreisatz kann, mag gerne errechnen, was meine Kaffeebohnen kosten ...zwinker!

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