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Sonntag, 28. Februar 2021

Erde kauen - Paradigmenwechsel in der Landwirtschaft?

Erde kauen - Paradigmenwechsel in der Landwirtschaft?

Die Zeit, die ich im Moment zu Hause verbringen muss, führt dazu, dass ich mehr lese. All die Mitgliederzeitschriften von Greenpeace bis Vegetarierbund, die ich immer wieder versuche, auf elektronischen Abruf umstellen zu lassen und mir dann nach wenigen Monaten doch wieder postalisch zugesandt werden, zum Beispiel. Wenn man mich vor Corona gefragt hätte, was in der Natur Deutschlands rückläufig sei, hätte ich vermutlich sofort geantwortet: Die Bienenbestände. Eine von Greenpeace veröffentlichte Studie nennt sieben Insektizide, die neben der Varromilbe und Krankheiten dafür verantwortlich sind, dass inzwischen etwa die Hälfte unserer 560 Wildbienenarten auf der Roten Liste steht. Inzwischen fällt meine Antwort vielschichtiger aus. Auch rund 30 Prozent der Wildpflanzen in Deutschland sind gefährdet und weisen schwindende Bestände aufweisen. Das De
utsche Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung hat mehr als 2.000 Pflanzenarten untersucht und festgestellt, dass über 70 Prozent der Pflanzen seit den 1960er-Jahren um durchschnittlich 15 Prozent rückläufig sind. 

Leider ist auch nicht nur die Bienenzahl zurückgegangen, sondern binnen der letzten 30 Jahre 75 Prozent der gesamten Fluginsektenarten. Im letzten viertel Jahrhundert hat Deutschland 14 Millionen seiner Vögel eingebüßt. Die Bestände von Rebhuhn und Kiebitz sind seit 1992 um fast 90 Prozent gesunken, schreibt das Bundesamt für Naturschutz in seiner Publikation „Vögel in Deutschland - Übersichten zur Bestandssituation“. Immerhin in den Wäldern und in der Stadt hat sich der Bestand in den letzten zehn Jahren etwas erholen können – gut eineinhalb Millionen Waldvögel und eine halbe Million Vögel in Siedlungsbereichen kamen hinzu. Das hält den Rückgang jedoch nicht auf. 50 Prozent der bundesdeutschen Fläche sind Argrarflächen, die auch ein Grund dafür sind, weshalb der Feldhase inzwischen bundesweit als „gefährdet“ eingestuft wird und gleichfalls im Bestand sinkend ist. Das alles zeigt, dass ein Paradigmenwechsel in der Landwirtschaft nötig ist. Der Staat muss ökologische Landwirtschaft viel stärker fördern, aber vor allem gemeinsam mit den Landwirt:innen eine Landwirtschaft entwickeln, die sich als Teil der Natur sieht und in den Erhalt natürlicher Lebensräume investiert. Im neuen Bodenreport hat das Bundesamtes für Naturschutz mitgeteilt, dass zahlreiche Arten von Bodenorganismen wie Würmer und Käfer vom Aussterben bedroht sind. Deren Vorschläge für eine zukünftige Landwirtschaft klingen einleuchtend: Bodenschonende Bearbeitungsmethoden, ganzjähriger Bewuchs mit heimischen Pflanzen, blühende und mehrjährige Pflanzen.

In der chinesischen Region Sichuan sind durch Pestizide keine relevanten Mengen an Insekten mehr gegeben, um Wirtschaftspflanzen zu bestäuben. Die Bestäubung der Obstbäume wird durch Menschen durchgeführt. Wenn auch die Vernichtung von Insekten im Boden so voranschreitet, sehe ich eine Zukunft vor uns, die auch deren Arbeit durch menschliche Arbeitskräfte ersetzt. Um für fruchtbaren humosen Boden zu sorgen, müssen wir dann unter Mindestlohn Erde zerkauen, damit etwas wachsen kann, während unsere Freunde über uns Blüten bepinseln, damit unsere Mühen auch Früchte tragen. Das schmeckt mir nicht. Ich nutze die erzwungene Zeit zu Hause weiter, um zu lesen – vielleicht findet sich ja noch etwas, das besser in die Zukunft blicken ließe. Luchs und Wolf sind zurück in Deutschland lese ich in der aktuellen Ausgabe von „Natur und Landschaft“. Vielleicht ist ja doch noch Hoffnung.

Bildrechte: CC BY-SA 4.0,  Gregor Rom, Extensive Landwirtschaft im Norden Benins bei Djougou, 5. März 2014

Dienstag, 28. April 2020

Raus in die Natur - Kleingärtnern, Saisongärteln und die Dachterrasse

Raus in die Natur - Kleingärtnern, Saisongärteln und die Dachterrasse
Vom 11. bis zum 15. Mai werden Gartenfreunde von den Eisheiligen besucht. Ihre Namen: Mamertus, Pankratius, Servatius, Bonifatius und Sophia von Rom – es sind deren Namenstage, zu denen die Bauerregel sagt, dass mit Frost zu rechnen ist. Der Feind eines jeden Hobby-Gärtners, der seine mit Liebe gezogenen Setzlinge zu früh gesetzt hat. Allerdings nutzen wir seit knapp 500 Jahren den Gregorianischen Kalender und nicht mehr den Julianischen, auf den sich die Bauernregeln bezogen. Dieser und damit die gefürchteten Kälteeinbrüche sind somit um eine Woche nach hinten verschoben, also auf die Tage ab dem 20. Mai. Diese sind die Namenstage von Elfriede, Wiltrud, Rita, Renate und Esther. Warum wurde das nicht geändert? Vermutlich, weil die Reime einfach unschlagbar sind. „Der heilige Mamerz / hat von Eis ein Herz“, „Mamertus, Pankratius, Servatius / stehn für Kälte und Verdruss“ oder „Vor Nachtfrost bist Du sicher nicht / bis Sophie vorüber ist“. Was sollen die wirklichen Eisheiligen da schon ausrichten? „Bis zur heiligen Elfriede / gehört der Garten gemiede“ kann allenthalben Hessinnen und Hessen begeistern,  „Gerade kam Wiltrud / als die Kälte sich entlud“ überzeugt auch wenig und „Rita ist wie Renate und Esther / eine eiskalte Schwester“ klingt eher wie ein neues Rap-Projekt aus Rödelheim als eine Regel, die den Gärtnerinnen und Gärtnern in Erinnerung riefe, sich trotz erster warmer Tage nicht zu sicher zu fühlen. 

Das Bundesamt für Statistik sagt, dass im Jahr 2019 rund 8,97 Millionen Menschen über 14 Jahre gab, die mehrmals wöchentlich im Garten arbeiteten. 900.000 Hobbygärtner sind unter dem Dach des Bundesverbandes Deutscher Gartenfreunde organisiert und bewirtschaften 44.000 Hektar Land. Auch in der Wetterau gibt es zahlreiche Kleingartenanlagen und Gartenbauvereine wie die Gemeinschaft Usa-Gärten e. V. (http://www.usagaerten.de/) mit 65 Kleingärten zwischen Friedberg und Bad Nauheim. Deren und die Gartengrundstücke vieler anderer sind in der Wetterau begehrt; die Wartelisten sind lang. Eine andere Möglichkeit sind Saison-Gärten, wie der, den die Familie Klingmann in Friedberg-Fauerbach anbietet (https://www.saisongarten-friedberg.de/). Dort wird der Boden fachmänisch bestellt, und die Pflege übernimmt die Saisongärtnerin oder der Saisongärtner. 

Warum ist es so ökologisch, selbst zu gärtnern? Die meisten Kleingartenvereine oder Saisongärten sind so gelegen, dass sie mit kurzen Wegen, häufig sogar per Rad oder zu Fuß erreicht werden können. Das spart Energie und damit CO2 – insbesondere, wenn man bedenkt, dass 40 % der Lebensmittel in Europa Importe sind. Der Selbstversorgungsgrad für Nahrungsmittel in Deutschland liegt bei rund 88 Prozent. Deutschland muss folglich Nahrungsmittel importieren, um den eigenen Bedarf decken zu können. Der Gesamtwert der Nahrungsmittelimporte summierte sich zuletzt auf rund 49,2 Milliarden Euro. Das ist mit Energiekosten verbunden und geht zudem zu Lasten der Frische, des Vitamingehalts und auch des Geschmacks der Lebensmittel. Warum spanische Tomaten, italienische Paprika und holländische Gurken, wenn sie auch selbst angebaut und geerntet werden können? Da schont nicht nur die Umwelt, sondern sogar den Geldbeutel. Aus eigener Erfahrung – ich bewirtschafte gerade wieder meine Terrasse hoch über den Dächern der Kreisstadt – lassen sich gut 80 Prozent der Nahrungsmittelkosten einsparen, wenn man selbst gärtnert. Die Kostenersparnis bedeutet eine Investition von Zeit, die man mit Erde unter den Nägeln erbringt, aber ganz ehrlich: Das erdet! Aber bitte erst nach Schwester Esther!

Dienstag, 5. März 2019

Bio und halal


Letzte Woche hatte der Europäische Gerichtshof entschieden, dass geschächtetes Fleisch kein EU-Bio-Label tragen darf. Das betäubungslose Schlachten garantiere nicht, dass die Tiere so wenig wie möglich leiden, begründeten die Richter ihre Entscheidung. Ich erinnere mich da an eine Antwort der Bundesregierung auf eine kleine Anfrage der Grünen zum Thema „Tierschutz bei der Tötung von Schlachttieren“, in der sie auf Fehlbetäubungen bei Schlachtungen hinwies. Nun könnte man mir sagen: „Du lebst vegan! Sei doch froh, wenn die Fleischwirtschaft sich zerfleischt!“ Ich stelle mir jedoch eine ganz andere Frage, die gar nichts mit Fleischkonsum zu tun hat. 

Dazu folgendes Rechenbeispiel: 740 Millionen Einwohner hat die EU, darunter 26 Millionen Muslime. Der Biofleischanteil liegt bei unter 2 Prozent. Es könnte also 520.000 Muslime in Europa geben, die ausschließlich bio und halal essen. Nehmen wir an, sie äßen die für Europa durchschnittlichen 80 Kilo Fleisch pro Kopf, dann müssten 42 Tausend Tonnen Fleisch, das halal produziert wurde mit einem Biosiegel versehen werden, damit die Verbraucher wissen, dass das Tier entsprechend gefüttert und gehalten wurde. Die EU produziert gut 44 Millionen Tonnen Fleisch pro Jahr, darunter 22 Millionen Tonnen Schweinefleisch, das im Islam tabu ist. Es verbleiben also 22 Millionen Tonnen Fleisch, darunter 13 Millionen Tonnen Geflügel- und sieben Millionen Tonnen Rindfleisch, die „tierschutzrechtskonform“ produziert wurden. Nun muss man wissen, dass die EU-Öko-Verordnung zum Thema Schlachten nur einen einzigen Satz enthält: „Ein Leiden der Tiere ist während der gesamten Lebensdauer der Tiere sowie bei der Schlachtung so gering wie möglich zu halten.“ Das trifft auf das Schächten ohne Betäubung sicher nicht zu. 

Der entscheidende Punkt ist: Auf unsere „tierschutzrechtskonforme“ Schlachtung auch nicht! Um eine Biozertifizierung zu erhalten, muss der Schlachthof lediglich garantieren, dass Biotiere von konventionell aufgezogenen Tieren getrennt geschlachtet werden. Der Tötungsprozess ist ökologisch und konventionell gleich: Betäuben, Stechen, ausbluten lassen, nur funktioniert das mit der Betäubung leider nicht immer. Die Fehlbetäubungsrate – und da komme ich auf die eingangs erwähnte Antwort der Bundesregierung zurück – liegt beispielsweise bei Rindern bei vier bis über neun Prozent. Selbst wenn ich „nur“ die vier Prozent annehme, wären wir bei 280.000 Tonnen Fleisch, die ohne Betäubung gewonnen wurden.  Beim Geflügel liegt die Quote zwischen 0,1 und einem Prozent, was mindestens 13.000 Tonnen Fleisch entspricht, bei dem die Tiere keinen Unterschied zur Halal-Schlachtung „erlebt“ hätten. 

Wenn ich die Schlachtausbeuten in die Rechnung einbeziehe, töten wir also bereits jetzt 560 Tausend Rinder und 34 Millionen Vögel in Europa ohne ausreichende Betäubung – rechnerisch wären das 11.200 Bio-Rinder und 680.000 Stück Bio-Geflügel. Zähle ich da die ökologisch aufgezogenen Tiere hinzu, die potentiell halal, also ebenso unbetäubt geschlachtet werden, aber nun kein Bio-Label mehr bekommen, machen sie in Summe etwas mehr als 42 % aus. Es sind also fast ebenbürtige Zahlen. Die einen bekommen ein Biosiegel, die anderen nicht. Warum? Offenbar darf ein Tier aus Gründen der Gewinnmaximierung unbetäubt getötet werden und sich dennoch Bio nennen, aus religiösen Gründen jedoch nicht. Da frage ich mich ernsthaft, ob wir nicht dem falschen Gott huldigen! Die vegane Bioküche ist, nebenbei bemerkt, fast immer halal. Und koscher übrigens auch!

Bild: Wikimedia, CC BY-SA 3.0

Dienstag, 20. März 2018

Bio-Einkaufsführer Wetterau

Das hat der Region tatsächlich gefehlt. Jüngst kam der Bio-Einkaufsführer Wetterau heraus, ein Ratgeber, der die Möglichkeiten biologisch und regional einzukaufen auflistet. Gute Arbeit, die unsere Modellregion Ökolandbau da leistet. Abgerufen werden kann der Einkaufführer ganz recourcenschonend auch als PDF: Bio-Einkaufsführer Wetterau.

Montag, 19. Februar 2018

"Wie grün ist die Wetterau" - Interview mit Landratskandidat Thomas Zebunke

Andreas Arnold (li.), Thomas Zebunke (C) Dominik Rinkart
Andreas: Hallo, Thomas. Du kandidierst für die Grünen für das Amt des Landrates hier im Wetteraukreis. Derzeit ist man im Netz und in den Zeitungen von lauter Kandidatinnen und Kandidaten umgeben, die Feierlichkeiten des Kleingärtnervereins, Ehrungen der Metzger-Innung und Schiffstaufen der örtlichen DLRG besuchen. Schön, dass du dir die Zeit für ein Interview mit einem Blogger nimmst.
Thomas: Solche Termine mache ich eher selten, und wenn dann rede ich lieber Klartext als hübsche Bilder mit „alles ist gut“ zu posten.

Andreas: Mal ganz ehrlich! Willst du wirklich Landrat im Wetteraukreis werden?
Thomas: Ja, weil das eine Position ist, in der man viel gestalten kann – und weil hier in der Wetterau noch Gestaltungsmöglichkeiten bestehen. Und weil ich nicht will, dass es politisch so weitergeht wie in den letzten zwei Jahren Großer Koalition. In der Kreisverwaltung gibt es sehr gute Leute, aber in die politische Führung muss neue Dynamik reinkommen. Mir ist es wichtig, Themen nach vorne zu bringen, die die anderen KandidatInnen nicht besetzen können. Ich denke da vor allem an Umwelt und Natur, an soziale Gerechtigkeit und an eine andere Wirtschaftspolitik. Es gibt zunehmend Menschen in der Wetterau, die das mehr interessiert als der reine Konsum.

Andreas: Du bist seit über 30 Jahren bei den Grünen und wohnst über die Hälfte der Zeit schon in Friedberg, konnte man in der Wetterauer Zeitung lesen. Die Wetterau ist die Herz- und Kornkammer Hessens, hast Du mal gesagt. Sieht man davon ab, dass die REWE-Versiegelung von 40 ha guten Ackerlands in Berstadt wohl nahen wird, wie grün ist die Wetterau in 20 Jahren noch?
Thomas: Es geht nicht nur um die 40 ha des REWE-Projektes bei Berstadt, sondern um eine ganze Reihe von solchen Projekten, die nichts mit Nachhaltigkeit zu tun haben. Darauf haben die Gegner immer hingewiesen, und ich selbst habe auch immer gesagt, dass ich ein anderes, eher gemeinwohlorientiertes Wirtschaften in der Wetterau fördern will. Die Wetterau ist eine der wenigen Regionen in Europa, die sich selbst ernähren könnte. Durch den extremen Flächenverbrauch der letzten Jahre wird es damit schon vorbei sein - mit der Folge von noch mehr Lebensmittelimporten.
Der Wetteraukreis braucht ein Leitbild und eine eigenständige Entwicklung, die sich nicht den Einzelinteressen von Investoren unterwirft. Ich glaube nicht, dass die Leute hier nur Schlafstadt und Lagerplatz von Frankfurt sein wollen. Und ich glaube, dass wir auch Vorbild für andere Regionen in Ballungsraumnähe sein können. Die Aktionen der Ökolandbaumodellregion zeigt uns ja, dass es geht.

Andreas Arnold (li.), Thomas Zebunke (C) Dominik Rinkart
Andreas: Und ganz privat? Das Äußere ist grün – wie sieht die Innenwelt aus? Wie ökologisch ist dein Leben. Müll trennen wir per leges alle, doch wieviel Müll produziert dein Haushalt?
Thomas: Grün vor allem von innen heraus und das schon seit der Schulzeit. Nach außen pragmatisch und sorry – [lacht] nobody is perfect - durchaus auch mit Schwächen in der persönlichen Performance. Unsere kleine Restmülltonne war noch nie voll und der gelbe Sack genauso. Verpackungen sind mir ein Graus, ich kaufe nur langlebige Produkte und ich muss auch nicht alles haben. Den Anteil an Ökoprodukten in meiner Küche schätze ich auf 60%, Kräuter haben wir im Hausgarten, und seit drei Jahren haben wir einen Saisongarten.

Andreas: Über 600 Kilo Siedlungsabfälle fallen pro Kopf in Deutschland an. Damit sind wir im europäischen Spitzenbereich. Das passt dazu, dass wir auch eine der führenden plastikproduzierenden Nationen der Welt sind. Unverpacktläden sind ein erster Schritt, die unglaublichen Müllmengen, die in Privathaushalten anfallen, zu reduzieren. Angenommen, es würde ein solcher Laden im Kreis eröffnen wollen, wie könnte die Politik unterstützen – speziell der Kreis?
Thomas: Das würde ich sehr begrüßen, am besten ein ganzes Kaufhaus. „JOH 2.0 – unverpackt“ in Friedberg wäre schon ein starkes Signal. An den Standort Elvis-Platz gehören sowieso mehr öffentliche, kulturelle und beispielhafte Angebote. Eine Mehrheit ist für die Förderung eines solchen Projektes derzeit im Kreistag nicht zu gewinnen.
Aber so ein Landrat könnte hier wie auch bei anderen zukunftsweisenden Projekten schon durch die persönliche Unterstützung und die der Verwaltung helfen und Räumlichkeiten für Initiativen anbieten.

Andreas: In Anbetracht der Empfehlungen der Böll-Stiftung im Fleisch-Atlas 2018 stellt sich natürlich die Frage, wie der Haushalt Zebunke lebt.
Thomas: Fleischarm, aber nicht fleischlos, und wenn Fleisch, dann eher von Wiederkäuern, also Rind und Schaf, weil die wenigstens Gras fressen, damit die Landschaft pflegen und nicht mit dem Menschen konkurrieren. Natürlich auch viel Käse, Obst, Gemüse. Da ich beruflich bedingt viel außer Haus esse, habe ich nicht immer die Wahl.

Andreas Arnold (li.), Thomas Zebunke (C) Dominik Rinkart
Andreas: Die Grünen verloren vermutlich Stimmen bei der im Vorfeld der Bundestagswahl 2013 geführten Veggie-Tag-Diskussion. Gleichwohl haben zahlreiche Stadträte, gerade in studentischen Großstädten, fleischfreie Tage in kommunalen Kantinen und Mensen erfolgreich eingeführt. Wenn jede Wetterauerin und jeder Wetterauer nur einen Tag pro Woche auf Fleisch verzichtete, könnte das CO2-Äquivalent von 22.500 Autos pro Jahr eingespart werden. Wie würde ein Landrat an die Sache herangehen?
Thomas: Im Konrad-Adenauer-Haus, also der Parteizentrale der CDU gibt es freitags kein Fleisch, und da macht niemand so einen Hype draus wie aus dem „Veggieday“! Eines meiner Hauptziele ist es, Projekte wie sie in den Großstädten in den letzten Jahren gewachsen sind, in die Wetterau zu holen. Es kommen ja auch viele Menschen, gerade jüngere und Familien aus den Städten, zu uns, und die vermissen sowas.
Auch hier gilt: Die Person des Landrates kann auch Vorbild sein und die Aufmerksamkeit auf dies Themen lenken, und das tue ich auch bei jeder Gelegenheit. So etwas würde mehr Raum in der Öffentlichkeitsarbeit der Kreisverwaltung bekommen.

Andreas: Auto ist ein gutes Stichwort. Die Straßen sind voll damit. Einige Städte der Wetterau bieten immerhin Car-Sharing an. Das öffentliche Nahverkehrsnetz ist in einigen Gegenden gut ausgebaut. Folgendes Szenario: Sagen wir mal, der künftige Landrat heißt Thomas Zebunke, und Wiesbaden ruft zur Besprechung. Welche Fortbewegungsmittel ist das deiner Wahl?
Thomas: Zunächst mal was Überregionales: Was sich die Autoindustrie und die bundesweite Verkehrspolitik in den letzten Jahren geleistet haben, finde ich kaum noch erträglich. Wir brauchen gerade im Ballungsraum und in der Wetterau einen anderen Umgang mit der Automobilität.
Fahrten nach Wiesbaden, Gießen, Fulda, Kassel usw. kommen heute bei mir schon oft vor. Zuerst wähle ich immer die Bahn oder Fahrgemeinschaft. In Sachen Auto fahre ich schon lange keinen Diesel mehr, sondern Hybrid und demnächst vielleicht elektrisch. Das ÖPNV-Netz in der Wetterau muss besser werden, gerade auch im Ostkreis. Dazu mehr Car-Sharing und Ladestationen.

Andreas: Was für einen Dienstwagen hätte ein grüner Landrat?
Thomas: Vielleicht gar keinen, sondern Teilnahme an einem Car-Sharing-Pool zusammen mit den MitarbeiterInnen und Anwohnern der Kreisverwaltung in Friedberg. Ansonsten kleiner und elektrischer.

Andreas: Und was, wenn Berlin zur Besprechung ruft?
Thomas: Ich bin jetzt schon ein- bis zweimal im Monat in Berlin, Brüssel oder ähnlich weit weg und fahre weiter Bahn. Bei noch größeren Distanzen bin ich auch schon geflogen.

Andreas: Die Bahn hat inzwischen auch ein veganes Speisenangebot. Kennst du es?
Thomas: Natürlich, letzte Woche noch den Gerstensalat im ICE nach Berlin gegessen und genossen.

Andreas Arnold (li.), Thomas Zebunke (C) Dominik Rinkart
AndreasBerlin ruft, wenn es dringend ist, sicher auf dem Handy an. Gut 80 Millionen Althandys liegen in den Haushalten im Land, und 24,1 Millionen Smartphones wurden 2017 in Deutschland verkauft. In der Politik wird immer wieder mal diskutiert, ein Pfand auf Mobiltelefone einzuführen, um die riesigen Mengen an Coltan und Seltenen Erden, die unter fragwürdigen Bedingungen speziell im Kongo abgebaut werden, wieder der Kreislaufwirtschaft zuzuführen. Wie stehst du dazu, und wie viele Handys liegen in deinen Schubladen?

Thomas: Wir haben zuhause drei Geräte, ein iPhone, ein Samsung und ein Fairphone. Dienstlich muss ich ein Blackberry nutzen. In den Schubladen liegt sonst nichts. Ist ja auch kein Problem, die Altgeräte in eine ordentliche Sammlung zu geben. Ich habe nicht vor, in näherer Zeit ein neues Gerät zu kaufen und auch keinen Vertrag mit regelmäßiger Nachlieferung.

Andreas: Ich bin natürlich nicht nur an ökologischen Dingen interessiert. Mein zweites Standbein ist die Kultur. Welche Kulturveranstaltungen besucht Thomas Zebunke?
Thomas: Regelmäßig das Theater Altes Hallenbad in Friedberg, gerne auch mal Theater und Konzerte in Frankfurt. Im Sommer bin ich gerne open-air und ich liebe das CopaKabaNoga in Friedberg, weniger die großen Stadionevents. Musikalisch war ich selbst lange Jahre als Saxofonist aktiv und habe nach einigen bewusstseinserweiternden Experimenten im Free Jazz in einer Street Band gespielt. Dafür ist heute kaum noch Zeit, aber ich mache zusammen mit Kollegen von früher, denen es ähnlich geht, immer noch gerne Garagen- und Gartenkonzerte für meine Nachbarn und Freunde. Meistens geht es dabei um Soul und Funk, Elektronisches und Deine Poetry-Slam-Kollegen haben auch schon mitgemacht.

Andreas: Die Kreisstadt und weitere zwölf Kommunen der Wetterau gehören zur Tourismusregion Wetterau. Zum Tourismus gehört nicht nur, schöne Landschaften vorweisen zu können, um attraktiv für Natur-Urlauber zu sein, auch ein potentes Vereinsleben gehört dazu. Immerhin wird ein Großteil des Kulturangebotes nicht kommerziell oder von den Kulturämtern präsentiert, sondern von Ehrenamtlichen.
Gibt es bei Dir Ideen, deren Bedeutung der ehrenamtlichen Kulturarbeit in der Wahrnehmung zu steigern? 
Thomas: Die Menschen in der Wetterau und gerade die, die aus der Großstadt zu uns kommen, brauchen ein hochwertiges kulturelles Angebot. Da fehlt es der Wetterau an Vielfalt. Es ist ein Skandal, dass eine Spielstätte wie der Brettl-Palast in Ortenberg aufgeben musste. Im Westkreis gibt es immerhin große Spielstätten z. B. in Bad Nauheim und Bad Vilbel. Das ist aber nicht für alle Angebote die richtige Umgebung. Eine Neugründung wie das Theater Altes Hallenbad mit dem „Kulturtaucher“-Programm in Friedberg - eine großartige bürgerschaftliche Leistung –, zeigt, wie es auch woanders gehen könnte.
Der Wetteraukreis muss nicht nur seinen eigenen Kulturetat deutlich vergrößern, sondern braucht ein kulturpolitisches Leitbild und eine Kulturförderrichtlinie! Damit können dann die Kommunen in Ihrer Kulturarbeit unterstützt werden, und vor allem müssen die Kulturschaffenden eingebunden werden und eine gemeinsame Informationsplattform bekommen.

Andreas Arnold (li.), Thomas Zebunke (C) Dominik Rinkart
AndreasWas bewegt den Privatmenschen Thomas Zebunke noch?

Thomas: Schon als Student habe ich mich für Ökologie und Bürgerrechte engagiert, soziale Ungerechtigkeit und Rechtsradikalismus machen mich auch schon mal wütend. Ich leide, wenn ich Naturzerstörung oder Tierquälerei erleben muss. Ich genieße es, in schönen Landschaften unterwegs zu sein, manchmal auch in Großstadtschluchten, mache viel Sport und esse gerne gut.
Ich liebe Kommunikation, habe viel Spaß in meiner Community, bei der Musik oder beim Sport, und im Straßenwahlkampf funktioniert das auch ganz gut. 

Andreas: Lieber Tomas, danke für deine Zeit. Am 27. Februar, 19:00 Uhr, wird im Theater Altes Hallenbad eine Podiumsdiskussion mit den Kandidaten der SPD und der CDU und dir stattfinden. Dazu wünsche ich dir, deiner Mitbewerberin und deinen Mitbewerbern viel Erfolg.

Dienstag, 28. November 2017

So isser, der Arnold!

Ich persönlich kann nachvollziehen, warum Herr MdB Schmidt der Verlängerung der Glyphosat-Zulassung zugestimmt hat. Diese Gesundheitsapostel mit ihrem ständigen „Krebserregend“. Es ist ja nur „wahrscheinlich“ krebserregend, wie Diesel-Abgase zum Beispiel, und die verbieten wir ja auch nicht, mag er gedacht haben. Was bringt es, „Glüfosoat“, wie man es in seiner Heimat gerne ausspricht, zu verbieten, wenn doch die Bauern bereits mit ihren Dieseltraktoren dafür sorgen, dass die Ernte „wahrscheinlich“ karzinogen ist. Natürlich gibt es Zwischenrufe, dass auch der Landwirt auf seinem Traktor geschädigt würde, wenn er das Pestizid versprüht. Aber in der Gruppe 2A der wahrscheinlich krebserregenden Stoffe der Internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC) sind auch Acrylamid, das unter anderem beim Frittieren entsteht, und rotes Fleisch. Was schmeckt, kann doch nicht töten, hat seine Entscheidung als Leitsatz sicher auch beeinflusst. Wenn seine geschätzten Agrararbeiter nach einem anstrengenden Tag voll Versprühens von Krebserregern – wahrscheinlich –ohnehin ein Rindersteak mit ausgebackenen Kartoffelstäbchen verzehren, warum also ein Nein zu Monsanto? In ihrer Mahlzeit ist zudem ohnehin wahrscheinlich krebserregendes Trimethylsulfonium-Kation zu finden, das sich bei der Verwendung von Glyphosat bildet. Im Spargel wurde es bereits im Jahr 2011 nachgewiesen, und das ist bei diesem Gemüse doppelt tragisch. Spargelstecher arbeiten im Schichtdienst, und selbiger ist ebenfalls in der IARC-Liste als wahrscheinlich krebserregend verzeichnet. Eine der Voraussetzungen, um einen Ministerposten zu bekleiden, ist es, rechnen zu können. Wahrscheinlich krebserregend plus wahrscheinlich krebserregend ergibt nicht doppelt wahrscheinlich krebserregend, und es bedeutet schon gar nicht, dass es plötzlich tatsächlich krebserregend ist. Das belegen allein die vielen „Letters to the Editor“, die sein Ministerium zur Risikobewertung von Glyphosat herangezogen hatte, und deren Autoren müssen es wissen. Immerhin waren 10 der 14 Autoren dieser Einreichungen Mitarbeiter von Monsanto oder aus dem Umfeld, wie die Süddeutsche Zeitung vor zwei Jahren berichtet hatte. Wer könnte besser wissen, ob das Produkt, dem man sein wirtschaftliches Wachstum verdient, krebserregend ist oder nicht? Zugegeben, man könnte die Zulassung auch auslaufen lassen und mehr in ökologische Landwirtschaft investieren. Im letzten Jahr betrug die in Deutschland so bewirtschaftete Fläche 1,25 Millionen Hektar, was 7,5 % der landwirtschaftlichen Fläche insgesamt entspricht. In Österreich sind es 19,5%. Daran hätte sich Herr Schmidt ein Beispiel nehmen können. Auch Dieselfahrzeuge auf den Äckern hätte man durch staatliche Förderung alternativer Antriebe reduzieren können. Im März 2016 hatte John Deere beispielsweise einen vollelektrischen Traktor vorgestellt. Auch könnte man mehr in gesundheitliche Aufklärung investieren, so dass sich die Ernährungsgewohnheiten in deutlich weniger wahrscheinlich krebserregende Richtungen entwickeln. Einen weiteren Vorteil hätte die Orientierung an Österreich für unseren Bayern in Berlin: Dort versteht man ihn zumindest sprachlich besser als die „Saupreißen“. Unsere Bundesumweltministerin, Frau Barbara Hendricks, kann davon ein Lied singen. Vermutlich hat Herr Schmidt einfach nicht verstanden, was seine Kollegin meinte, als sie von der Ablehnung von „Glyphosat“ sprach. In Österreich spricht man es „Glüfosoot“ aus, und unsere ökologischen Nachbarn haben dagegen gestimmt.

Freitag, 10. November 2017

Tausche Fernseher gegen Ackerland

„Guten Abend!“, wünsche ich, als ich mit einem Verlängerungskabel durch das Wohnzimmer meines Nachbarn gehe, seinen alten Röhrenfernseher vom Netz trenne und es an seiner Steckdose anschließe - meine sind leider alle belegt. Natürlich zahle ich gerne für den Strom – er ist nämlich bei keinem lokalen Anbieter, sondern bei einem dieser günstigen aus dem Internet. Währenddessen sitzt er mit kritischem Blick auf seiner Couch und schweigt. Klingt komisch? Würde ich auch sagen. Etwas Ähnliches passiert im Agrarsektor. Im Jahr 2010 lag die Menge an Land, die wir allein für unseren Konsum von landwirtschaftlichen Produkten und Dienstleistungen in Anspruch nahmen, laut einer Veröffentlichung der Friends of the Earth Europe vom Juli 2016 bei 269 Millionen Hektar – das sind 43 Prozent mehr landwirtschaftliche Flächen, als in der EU selbst zur Verfügung stehen. Der Pro-Kopf Fußabdruck der EU für Ackerland liegt im globalen Mittelfeld bei 0,31 Hektar, was bedeutend mehr ist als der globale Durchschnitt pro Kopf von 0,22 Hektar, der jedoch durch den unverhältnismäßig großen Verbrauch der meisten Industrieländer stark nach oben beeinflusst ist. Die Folgen sind Entwaldung, Bodendegenerierung, Artensterben, Wasserknappheit, Klimawandel und von sozialer Natur. Gerade in Afrika sind die Auswirkungen immens. Immerhin bauen wir dafür dort Brunnen. Das ist ein wenig wie meinem Nachbarn zwar die Steckdose für seinen Fernseher wegzunehmen, ihm aber dafür einen neuen hinzustellen. „Was will ich damit ohne Strom?“, fragt er dann, und meine Antwort ist: „Sei dankbar! Der ist nagelneu. Aber gut, hier hast du noch eine Fernsehzeitung.“ Die eine oder der andere mag jetzt sagen, dass er froh sein solle, immerhin habe er was lesen, und er könne den neuen Fernseher ja auch an einer anderen Steckdose betreiben. Leider ist der Fernseher ein ausländisches Fabrikat mit einem nicht kompatiblen Stecker. Bleibt ihm also die Fernsehzeitung, in der all die Sendungen verzeichnet sind, die er verpasst. Wäre es nicht besser, ein paar weniger Geräte zu nutzen? Immerhin stehen in den deutschen Haushalten nach einer Studie des GfK-Consumerpanels aus dem Jahr 2012 2,2 Fernseher. Ähnlich ist das mit unseren Agrarflächen. Dreiviertel unserer EU-eigenen Agrarflächen nutzen wir für die Produktion tierischer Erzeugnisse. Das spiegelt sich auch in unserem Flächenverbrauch außerhalb der EU wider: Fast drei Viertel des agrarischen Land-Fußabdrucks der EU werden durch den Konsum von tierischen Produkten verursacht. Wenn wir es etwas vereinfachen, könnte eine naheliegende Lösung sein, die ärztlich empfohlene Höchstmenge von 15 Kilogramm pro Jahr an Fleisch zu konsumieren statt des derzeit knapp vierfachen dessen. Die EU könnte ihre Landwirtschaft dann unabhängig von externen Landflächen betreiben, diese Landflächen stünden wieder für die Ernährung der dortigen Bevölkerung zur Verfügung und unsere Bauern hätten wieder mehr Absatz, wären unabhängiger von Subventionen. Natürlich wären die inländischen Erzeugnisse etwas teurer, aber dafür konsumierten wir einen höheren Anteil Nahrungsmittel, die grundsätzlich günstiger sind als Fleisch. Und letztlich sparten wir ja auch Geld, da wir nur noch einen Fernseher hätten. Gut, ich vermische die Aussage mit meinem Gleichnis, und vielleicht mag die Rechnung so vereinfacht sein, dass man „Milchmädchenrechnung“ rufen mag, doch denkt daran: Wenn wir unseren tierischen Konsum erst reduziert haben, geht auch die Milchmädchenrechnung zu Dreiviertel auf.

Donnerstag, 5. Oktober 2017

¡Ay, ay, ay, no me gusta!

Das sagt der Bienenmann in der Zeichentrickserie “The Simpsons”, und ich muss ihm zustimmen. Ich weiß zwar nicht, ob es dasselbe ist, was ihm nicht gefällt, aber wenn ich Ziel und Wirkung des Bepflanzens meiner Dachterrasse vergleiche, kann ich nur zum selben Ergebnis kommen wie er. Ich hatte mir eine Schmetterlingswiese-Saat-Mischung geholt, zwei wundervolle Lavendel hatte ich in Töpfen zu herrlicher Pracht gebracht. Ich saß den gesamten Sommer in einem Meer unzähliger bunter Blüten und wartete. Ich warte und warte, las noch einmal auf der Rückseite der Saatgut-Verpackung: „Schmetterlingswiese“. Ich hatte mich nicht verlesen. Mein Blick schwenkte unzählige Male zum Lavendel. Bald wurde ich auch mit ihm skeptisch und prüfte im Gartenbuch nach. Ja, auch da stand: „Zieht Schmetterlinge und Bienen an“. Vielleicht, dachte ich mir, ist der Weg zu weit. Immerhin wohne ich ja mitten in Friedberg. Bestimmt sind die Schmetterlinge und Bienen Berufspendler. Wer kann sich denn als Arbeiterbiene überhaupt noch bezahlbaren und angemessenen Wohnraum in der Stadt leisten!, dachte ich mir. Bestimmt wohnen die am Ortsrand, und ein Pendeln zwischen dort und hier ist unwirtschaftlich. Immerhin wollen die ja auch mal Feierabend haben und zuhause die neuen Folgen der Biene Maya schauen. Also habe ich ein Insektenhotel angebracht. Mietfrei sogar! Ich möchte mich ja nicht an ihnen bereichern, und eine Gentrifizierung möchte ich tunlichst vermeiden. Das passiert anderenorts oft genug. Ich wartete erneut. Dann kamen sie. Schwarz-Gelb gestreift ließen sie sich zu Hauf auf dem Lavendel nieder: Wespen! Ich schaute wieder in mein Gartenbuch. „Lavendel hält Wespen fern“, steht da. Ich hielt die betreffende Seite den Wespen entgegen. Eine sah ich mit den Schultern zucken. Ein paar Hummeln flogen vorbei, nickten mir zu und schienen sich gestisch für die ungebildeten Wespen zu entschuldigen, bevor auch sie sich über die Blüten hermachten. Von Schmetterlingen und Bienen war weiter nichts zu sehen. „Jetzt komm schon, Willi!“, wünschte ich mir, Biene Maya sprechen zu hören. Der Sommer ist jetzt endgültig zuende. Statt der Bienen wohnen Wespen im Hotel. Immerhin! Warum das so ist, steht leider fest. Eine Forschergruppe am Zentrum für Ökologie und Hydrologie im britischen Wallingford hat bereits im letzten Jahr den Zusammenhang zwischen Neonikontinoiden, also einem Pestizid, und dem Wildbienensterben festgestellt. Dass es inzwischen so weit gekommen ist, fiel mir erst diesen Sommer richtig auf. Irgendwie sehne ich mich sogar der Zeiten zurück, als die Windschutzscheibe meines Autos ein Insektenfriedhof war. Immerhin bedeutete das, dass es welche in der Luft gegeben hatte. Geplagt von Visionen – meinem Enkel werde ich erklären müssen, was eine Biene ist, nie wird er morgens mit Vogelgezwitscher erwachen können, denn ein Großteil der Populationen wird schlichtweg nicht mehr genug Nahrung finden, und als Erwachsener wird er den Beruf des Blütenbestäubers annehmen müssen – suche ich nach Biene-Maja-Folgen im Internet und esse dabei ein Bio-Marmeladenbrot. Mehr aus ökologischem Landbau zu essen, ist der einzige Weg für uns. Ja, es ist etwas teurer. Viel teurer wird es jedoch für unsere noch ungeborenen Nachkommen, wenn wir es nicht tun. „In einem unbekannten Land…“, beginnt Karel Gott währenddessen zu trällern. Ich hoffe nicht, denke ich, und ein Schmetterling auf dem Weg zum Winterquartier fliegt an meinem Wohnzimmerfenster vorbei. Nicht die Bienen, die Hoffnung stirbt zuletzt.