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Dienstag, 14. April 2020

Keine Krise wie die andere

Keine Krise wie die andere
Ja, ich weiß. Das ist die dritte Kolumne in Folge, die sich um Corona dreht. Ich verspreche, ich werde bald wieder von etwas anderem schreiben. Vogelgrippe, Schweinegrippe, Ebola, EHEC, es gibt so viele Themen. Ich muss jedoch noch einmal davon schreiben, denn ich finde so viele in den Sozialen Netzwerken, die zurecht fordern, dass Krisen, insbesondere die Klimakrise, gleichbehandelt werden sollen. 

Unter dem Hashtag #netzstreikfuersklima ist Fridays for Future, die durch Corona auch nicht mehr auf der Straße für den Paradigmenwechsel in der Klimapolitik demonstrieren können, in die virtuelle Öffentlichkeit gewechselt. Frei von Ansteckungsgefahr für die Teilnehmenden! Die Forderung ist absolut gerechtfertigt, denn gerade die Klimakrise bedroht die Menschheit wie keine andere jemals zuvor in ihrer Geschichte. Sie könnte das sein, was möglicherweise jener Meteor vor Millionen von Jahren für die Dinosaurier war. Und damit tritt bereits ein klarer Unterschied zutage. Der Dinosaurier von damals stand nicht an seinem riesigen Weltraumteleskop und hatte den Steinbrocken nahen sehen. Es kamen zum Ende der Kreidezeit nicht alle Riesenechsen zusammen und berieten sich, wie der Aufprall zu verhindern sein könnte. In Angesichts der nahenden Gefahr hätten sich die Argentinosaurier, die Diplodocus und Brontosaurier und alle weiteren gewichtigen Artgenossen in völliger Einigkeit entschlossen haben können, die westliche Hemisphäre aufzusuchen. Der Supersaurus hätte bis drei gezählt, dann wäre die komplette dinosaurische Lebendmasse gleichzeitig hochgesprungen und hätte die Weltkugel beim Aufkommen kurzfristig aus der Bahn springen lassen. Der Meteor wäre vorbeigerauscht, dann hätte sich dasselbe auf der Ostseite wiederholt und das Leben wäre wieder in gewohnten Bahnen verlaufen. Der T-Rex hätte seine kurzen Ärmchen zum Mittelfingerzeigen gen Himmel erhoben und dem Verglühen eines Sternenschweifs lächelnd zugeschaut. Auch wenn die Weltpolitik in Sachen Klima dieselbe Behäbigkeit wie ein Brachiosaurus aufweist – jede Krise ist anders. 

Die Klimakrise ist wie das Rauchen. Man weiß, dass es schädlich ist, aber weil es viele machen, man noch bei niemanden nach dem Schmauchen Zungenkrebs hat sich entwickeln sehen und ja außerdem der Heesters auch als Raucher über 100 geworden ist, raucht man eben weiter. Das Coronavirus ist eher wie ein Laster mit Zigaretten, der seit China beschleunigt und nun ohne Bremsen auf uns zurast. Da weicht man schnell mal aus und ruft auch gerne: "Achtung, ein Laster. Bleibt von der Straße fern!" Man reagiert, indem man sein Leben genügsamer lebt – schließlich hält auch das Toilettenpapier nicht ewig. Das Problem ist nur, sobald der Laster sauber eingeparkt ist, öffnen wir den Laderaum... und rauchen erstmal eine! Keine Krise ist wie die andere.

Auf die Klimakrise muss dauerhaft reagiert werden und sie ist noch zu abstrakt. Wissenschaftler können sich ja auch irren, scheint der eine andere zu denken. Bei Corona fällt es schwer, die Wissenschaft zu ignorieren, denn inzwischen kennt jeder jemanden, der Infiziert ist oder zumindest jemand Infizierten kennt. „Du, ich hab‘ Klima!“, habe ich noch niemanden sagen gehört. Dabei haben wir das doch alle.  Also bitte, glaubt der Wissenschaft. Sie irrt zwar manchmal, aber immerhin korrigiert sie sich, wenn sie es erkannt hat. Die Dinos haben ihrem Astronomussaurus nicht geglaubt, als er rief: „Leute, wir haben eine Meteorenkrise!“. Seid wie der Argentinosaurus. Seid schwer. Springt. Eins, zwei, drei, JETZT!

Dienstag, 19. März 2019

Stehen oder Sitzen?


Ich finde es gut, dass Sprache lebt, aber besonders, dass sie auch verändern kann. Nur so verschwindet aus dem Köpfen, dass beispielsweise Politiker männlich sein müssen. Im ersten Bundestag waren nur 28 Frauen vertreten, und ein beliebter Witz auf die Frage, was sie dort machen, war „Kaffeekochen!“ Dass sie heute keinen Witzen von alten, weißen Männern mehr Front bieten müssen, hat auch etwas mit Sprache zu tun. Solche Witze funktionieren nur zu Lasten von Minderheiten. Heute hat es sich ausgelacht, denn Frauen sind keine Minderheit mehr auf der politischen Bühne. Wem haben wir das zu verdanken? Der Sprache! Und den Grünen natürlich. 39 von 67 Sitzen der Grünen im Bundestag sind von Frauen besetzt! Das sind 58 Prozent. Bei der Linken sind es 54, bei der SPD 42. Gleichberechtigung ist in der Politik angekommen. Kommen wir aber zu den alten, weißen Männern, sieht es anders aus: FDP 24 %, CDU 19,9 %, und 12 % waren es bei der AFD, bevor Frau Petry parteilos wurde. Nach ihrem Weggang sind es immer noch 12 %. Das sind Zahlen, die vor allem eins klar machen: Wenn Christian Linder sich fragt: „Wo sind die Frauen in der Politik?“, bekommt Alexander Gauland Lust auf Kaffee. Der Anteil von Frauen im Bundestag lag bis in die 1980er Jahr noch bei unter zehn Prozent. Heute sind es fast 40 Prozent. Fast die Hälfte der Mitglieder des Deutschen Bundestages sind keine Politiker, und das meine ich nicht im wutbürgerlichen Sinne. Nein, es sind Politikerinnen, und das ist gut so!

Eine grammatikalische Gleichberechtigung findet allerdings auf männlicher Seite nicht statt. Was ist mit Politesse, Hebamme und Kindermädchen? Wo sind der Politeur, der Hebammer und das Kinderbübchen? Das Kinderbübchen? Es müsste doch der Kinderbübchen heißen. Also auch in der weiblichen Form nicht das, sondern die Kindermädchen. Spätestens jetzt wird klar, dass das grammatikalische Geschlecht nichts mit dem biologischen zu tun hat, nur in den Köpfen der die Sprache Nutzenden. Wenn die Sonne aufgeht, hält sie niemand für weiblich. Wenn der Mond von ihr beschienen wird, beschwert sich kein Mann, dass der Trabant nicht von selbst leuchtet. Abgesehen von ein paar Ostalgigern vielleicht. Im Französischen heißt der Mond „La Lune“ und die Sonne „Le Soleil“. Geschlechtsumwandlung durch Sprache! Der Politiker ist daher vielleicht einfach nur jemand, der Politik macht. Ganz ohne Geschlecht. Dann ist Politikerin die einzige wirklich auf das biologische Geschlecht bezogene Bezeichnung für Politikmachende. Wenn wir es also ernst mit der Gleichberechtigung meinen, brauchen wir einen Politikerer oder besser einen Politikerich. Das gäbe jedoch Gelegenheit für Witze auf Kosten der männlichen Minderheit bei den Grünen wie diesen: Sagt er: „Ich bin Politikerich“, antwortet sie: „Nein, ich!“ Vielleicht suchen wir uns also besser etabliert neutrale Bezeichnungen. Bei „die Person“ oder „der Mensch“ käme niemand auf die Idee, ein Geschlecht wäre ausgeschlossen. An Politikermensch oder Politikerperson müssten wir uns zwar erst gewöhnen, aber bei Unperson und Unmensch haben wir das auch geschafft, und noch nie kam jemand in die Verlegenheit, von einer Unpersonin sprechen zu müssen.

Bis wir am Ziel sind, ist das Binnenmajuskel mit Sternchen eine gute Lösung. Denn Witze über Männer, die sich noch nicht entschieden haben, ob sie im Stehen pinkeln oder im Sitzen, helfen bei der Gleichberechtigung nicht. Wer solche Witze reißt, hat den Sinn des Genderns nicht erfasst oder ist vielleicht einfach eine Unpersonin.

Bildquelle: Wikimedia

Dienstag, 5. März 2019

Bio und halal


Letzte Woche hatte der Europäische Gerichtshof entschieden, dass geschächtetes Fleisch kein EU-Bio-Label tragen darf. Das betäubungslose Schlachten garantiere nicht, dass die Tiere so wenig wie möglich leiden, begründeten die Richter ihre Entscheidung. Ich erinnere mich da an eine Antwort der Bundesregierung auf eine kleine Anfrage der Grünen zum Thema „Tierschutz bei der Tötung von Schlachttieren“, in der sie auf Fehlbetäubungen bei Schlachtungen hinwies. Nun könnte man mir sagen: „Du lebst vegan! Sei doch froh, wenn die Fleischwirtschaft sich zerfleischt!“ Ich stelle mir jedoch eine ganz andere Frage, die gar nichts mit Fleischkonsum zu tun hat. 

Dazu folgendes Rechenbeispiel: 740 Millionen Einwohner hat die EU, darunter 26 Millionen Muslime. Der Biofleischanteil liegt bei unter 2 Prozent. Es könnte also 520.000 Muslime in Europa geben, die ausschließlich bio und halal essen. Nehmen wir an, sie äßen die für Europa durchschnittlichen 80 Kilo Fleisch pro Kopf, dann müssten 42 Tausend Tonnen Fleisch, das halal produziert wurde mit einem Biosiegel versehen werden, damit die Verbraucher wissen, dass das Tier entsprechend gefüttert und gehalten wurde. Die EU produziert gut 44 Millionen Tonnen Fleisch pro Jahr, darunter 22 Millionen Tonnen Schweinefleisch, das im Islam tabu ist. Es verbleiben also 22 Millionen Tonnen Fleisch, darunter 13 Millionen Tonnen Geflügel- und sieben Millionen Tonnen Rindfleisch, die „tierschutzrechtskonform“ produziert wurden. Nun muss man wissen, dass die EU-Öko-Verordnung zum Thema Schlachten nur einen einzigen Satz enthält: „Ein Leiden der Tiere ist während der gesamten Lebensdauer der Tiere sowie bei der Schlachtung so gering wie möglich zu halten.“ Das trifft auf das Schächten ohne Betäubung sicher nicht zu. 

Der entscheidende Punkt ist: Auf unsere „tierschutzrechtskonforme“ Schlachtung auch nicht! Um eine Biozertifizierung zu erhalten, muss der Schlachthof lediglich garantieren, dass Biotiere von konventionell aufgezogenen Tieren getrennt geschlachtet werden. Der Tötungsprozess ist ökologisch und konventionell gleich: Betäuben, Stechen, ausbluten lassen, nur funktioniert das mit der Betäubung leider nicht immer. Die Fehlbetäubungsrate – und da komme ich auf die eingangs erwähnte Antwort der Bundesregierung zurück – liegt beispielsweise bei Rindern bei vier bis über neun Prozent. Selbst wenn ich „nur“ die vier Prozent annehme, wären wir bei 280.000 Tonnen Fleisch, die ohne Betäubung gewonnen wurden.  Beim Geflügel liegt die Quote zwischen 0,1 und einem Prozent, was mindestens 13.000 Tonnen Fleisch entspricht, bei dem die Tiere keinen Unterschied zur Halal-Schlachtung „erlebt“ hätten. 

Wenn ich die Schlachtausbeuten in die Rechnung einbeziehe, töten wir also bereits jetzt 560 Tausend Rinder und 34 Millionen Vögel in Europa ohne ausreichende Betäubung – rechnerisch wären das 11.200 Bio-Rinder und 680.000 Stück Bio-Geflügel. Zähle ich da die ökologisch aufgezogenen Tiere hinzu, die potentiell halal, also ebenso unbetäubt geschlachtet werden, aber nun kein Bio-Label mehr bekommen, machen sie in Summe etwas mehr als 42 % aus. Es sind also fast ebenbürtige Zahlen. Die einen bekommen ein Biosiegel, die anderen nicht. Warum? Offenbar darf ein Tier aus Gründen der Gewinnmaximierung unbetäubt getötet werden und sich dennoch Bio nennen, aus religiösen Gründen jedoch nicht. Da frage ich mich ernsthaft, ob wir nicht dem falschen Gott huldigen! Die vegane Bioküche ist, nebenbei bemerkt, fast immer halal. Und koscher übrigens auch!

Bild: Wikimedia, CC BY-SA 3.0

Montag, 19. Februar 2018

"Wie grün ist die Wetterau" - Interview mit Landratskandidat Thomas Zebunke

Andreas Arnold (li.), Thomas Zebunke (C) Dominik Rinkart
Andreas: Hallo, Thomas. Du kandidierst für die Grünen für das Amt des Landrates hier im Wetteraukreis. Derzeit ist man im Netz und in den Zeitungen von lauter Kandidatinnen und Kandidaten umgeben, die Feierlichkeiten des Kleingärtnervereins, Ehrungen der Metzger-Innung und Schiffstaufen der örtlichen DLRG besuchen. Schön, dass du dir die Zeit für ein Interview mit einem Blogger nimmst.
Thomas: Solche Termine mache ich eher selten, und wenn dann rede ich lieber Klartext als hübsche Bilder mit „alles ist gut“ zu posten.

Andreas: Mal ganz ehrlich! Willst du wirklich Landrat im Wetteraukreis werden?
Thomas: Ja, weil das eine Position ist, in der man viel gestalten kann – und weil hier in der Wetterau noch Gestaltungsmöglichkeiten bestehen. Und weil ich nicht will, dass es politisch so weitergeht wie in den letzten zwei Jahren Großer Koalition. In der Kreisverwaltung gibt es sehr gute Leute, aber in die politische Führung muss neue Dynamik reinkommen. Mir ist es wichtig, Themen nach vorne zu bringen, die die anderen KandidatInnen nicht besetzen können. Ich denke da vor allem an Umwelt und Natur, an soziale Gerechtigkeit und an eine andere Wirtschaftspolitik. Es gibt zunehmend Menschen in der Wetterau, die das mehr interessiert als der reine Konsum.

Andreas: Du bist seit über 30 Jahren bei den Grünen und wohnst über die Hälfte der Zeit schon in Friedberg, konnte man in der Wetterauer Zeitung lesen. Die Wetterau ist die Herz- und Kornkammer Hessens, hast Du mal gesagt. Sieht man davon ab, dass die REWE-Versiegelung von 40 ha guten Ackerlands in Berstadt wohl nahen wird, wie grün ist die Wetterau in 20 Jahren noch?
Thomas: Es geht nicht nur um die 40 ha des REWE-Projektes bei Berstadt, sondern um eine ganze Reihe von solchen Projekten, die nichts mit Nachhaltigkeit zu tun haben. Darauf haben die Gegner immer hingewiesen, und ich selbst habe auch immer gesagt, dass ich ein anderes, eher gemeinwohlorientiertes Wirtschaften in der Wetterau fördern will. Die Wetterau ist eine der wenigen Regionen in Europa, die sich selbst ernähren könnte. Durch den extremen Flächenverbrauch der letzten Jahre wird es damit schon vorbei sein - mit der Folge von noch mehr Lebensmittelimporten.
Der Wetteraukreis braucht ein Leitbild und eine eigenständige Entwicklung, die sich nicht den Einzelinteressen von Investoren unterwirft. Ich glaube nicht, dass die Leute hier nur Schlafstadt und Lagerplatz von Frankfurt sein wollen. Und ich glaube, dass wir auch Vorbild für andere Regionen in Ballungsraumnähe sein können. Die Aktionen der Ökolandbaumodellregion zeigt uns ja, dass es geht.

Andreas Arnold (li.), Thomas Zebunke (C) Dominik Rinkart
Andreas: Und ganz privat? Das Äußere ist grün – wie sieht die Innenwelt aus? Wie ökologisch ist dein Leben. Müll trennen wir per leges alle, doch wieviel Müll produziert dein Haushalt?
Thomas: Grün vor allem von innen heraus und das schon seit der Schulzeit. Nach außen pragmatisch und sorry – [lacht] nobody is perfect - durchaus auch mit Schwächen in der persönlichen Performance. Unsere kleine Restmülltonne war noch nie voll und der gelbe Sack genauso. Verpackungen sind mir ein Graus, ich kaufe nur langlebige Produkte und ich muss auch nicht alles haben. Den Anteil an Ökoprodukten in meiner Küche schätze ich auf 60%, Kräuter haben wir im Hausgarten, und seit drei Jahren haben wir einen Saisongarten.

Andreas: Über 600 Kilo Siedlungsabfälle fallen pro Kopf in Deutschland an. Damit sind wir im europäischen Spitzenbereich. Das passt dazu, dass wir auch eine der führenden plastikproduzierenden Nationen der Welt sind. Unverpacktläden sind ein erster Schritt, die unglaublichen Müllmengen, die in Privathaushalten anfallen, zu reduzieren. Angenommen, es würde ein solcher Laden im Kreis eröffnen wollen, wie könnte die Politik unterstützen – speziell der Kreis?
Thomas: Das würde ich sehr begrüßen, am besten ein ganzes Kaufhaus. „JOH 2.0 – unverpackt“ in Friedberg wäre schon ein starkes Signal. An den Standort Elvis-Platz gehören sowieso mehr öffentliche, kulturelle und beispielhafte Angebote. Eine Mehrheit ist für die Förderung eines solchen Projektes derzeit im Kreistag nicht zu gewinnen.
Aber so ein Landrat könnte hier wie auch bei anderen zukunftsweisenden Projekten schon durch die persönliche Unterstützung und die der Verwaltung helfen und Räumlichkeiten für Initiativen anbieten.

Andreas: In Anbetracht der Empfehlungen der Böll-Stiftung im Fleisch-Atlas 2018 stellt sich natürlich die Frage, wie der Haushalt Zebunke lebt.
Thomas: Fleischarm, aber nicht fleischlos, und wenn Fleisch, dann eher von Wiederkäuern, also Rind und Schaf, weil die wenigstens Gras fressen, damit die Landschaft pflegen und nicht mit dem Menschen konkurrieren. Natürlich auch viel Käse, Obst, Gemüse. Da ich beruflich bedingt viel außer Haus esse, habe ich nicht immer die Wahl.

Andreas Arnold (li.), Thomas Zebunke (C) Dominik Rinkart
Andreas: Die Grünen verloren vermutlich Stimmen bei der im Vorfeld der Bundestagswahl 2013 geführten Veggie-Tag-Diskussion. Gleichwohl haben zahlreiche Stadträte, gerade in studentischen Großstädten, fleischfreie Tage in kommunalen Kantinen und Mensen erfolgreich eingeführt. Wenn jede Wetterauerin und jeder Wetterauer nur einen Tag pro Woche auf Fleisch verzichtete, könnte das CO2-Äquivalent von 22.500 Autos pro Jahr eingespart werden. Wie würde ein Landrat an die Sache herangehen?
Thomas: Im Konrad-Adenauer-Haus, also der Parteizentrale der CDU gibt es freitags kein Fleisch, und da macht niemand so einen Hype draus wie aus dem „Veggieday“! Eines meiner Hauptziele ist es, Projekte wie sie in den Großstädten in den letzten Jahren gewachsen sind, in die Wetterau zu holen. Es kommen ja auch viele Menschen, gerade jüngere und Familien aus den Städten, zu uns, und die vermissen sowas.
Auch hier gilt: Die Person des Landrates kann auch Vorbild sein und die Aufmerksamkeit auf dies Themen lenken, und das tue ich auch bei jeder Gelegenheit. So etwas würde mehr Raum in der Öffentlichkeitsarbeit der Kreisverwaltung bekommen.

Andreas: Auto ist ein gutes Stichwort. Die Straßen sind voll damit. Einige Städte der Wetterau bieten immerhin Car-Sharing an. Das öffentliche Nahverkehrsnetz ist in einigen Gegenden gut ausgebaut. Folgendes Szenario: Sagen wir mal, der künftige Landrat heißt Thomas Zebunke, und Wiesbaden ruft zur Besprechung. Welche Fortbewegungsmittel ist das deiner Wahl?
Thomas: Zunächst mal was Überregionales: Was sich die Autoindustrie und die bundesweite Verkehrspolitik in den letzten Jahren geleistet haben, finde ich kaum noch erträglich. Wir brauchen gerade im Ballungsraum und in der Wetterau einen anderen Umgang mit der Automobilität.
Fahrten nach Wiesbaden, Gießen, Fulda, Kassel usw. kommen heute bei mir schon oft vor. Zuerst wähle ich immer die Bahn oder Fahrgemeinschaft. In Sachen Auto fahre ich schon lange keinen Diesel mehr, sondern Hybrid und demnächst vielleicht elektrisch. Das ÖPNV-Netz in der Wetterau muss besser werden, gerade auch im Ostkreis. Dazu mehr Car-Sharing und Ladestationen.

Andreas: Was für einen Dienstwagen hätte ein grüner Landrat?
Thomas: Vielleicht gar keinen, sondern Teilnahme an einem Car-Sharing-Pool zusammen mit den MitarbeiterInnen und Anwohnern der Kreisverwaltung in Friedberg. Ansonsten kleiner und elektrischer.

Andreas: Und was, wenn Berlin zur Besprechung ruft?
Thomas: Ich bin jetzt schon ein- bis zweimal im Monat in Berlin, Brüssel oder ähnlich weit weg und fahre weiter Bahn. Bei noch größeren Distanzen bin ich auch schon geflogen.

Andreas: Die Bahn hat inzwischen auch ein veganes Speisenangebot. Kennst du es?
Thomas: Natürlich, letzte Woche noch den Gerstensalat im ICE nach Berlin gegessen und genossen.

Andreas Arnold (li.), Thomas Zebunke (C) Dominik Rinkart
AndreasBerlin ruft, wenn es dringend ist, sicher auf dem Handy an. Gut 80 Millionen Althandys liegen in den Haushalten im Land, und 24,1 Millionen Smartphones wurden 2017 in Deutschland verkauft. In der Politik wird immer wieder mal diskutiert, ein Pfand auf Mobiltelefone einzuführen, um die riesigen Mengen an Coltan und Seltenen Erden, die unter fragwürdigen Bedingungen speziell im Kongo abgebaut werden, wieder der Kreislaufwirtschaft zuzuführen. Wie stehst du dazu, und wie viele Handys liegen in deinen Schubladen?

Thomas: Wir haben zuhause drei Geräte, ein iPhone, ein Samsung und ein Fairphone. Dienstlich muss ich ein Blackberry nutzen. In den Schubladen liegt sonst nichts. Ist ja auch kein Problem, die Altgeräte in eine ordentliche Sammlung zu geben. Ich habe nicht vor, in näherer Zeit ein neues Gerät zu kaufen und auch keinen Vertrag mit regelmäßiger Nachlieferung.

Andreas: Ich bin natürlich nicht nur an ökologischen Dingen interessiert. Mein zweites Standbein ist die Kultur. Welche Kulturveranstaltungen besucht Thomas Zebunke?
Thomas: Regelmäßig das Theater Altes Hallenbad in Friedberg, gerne auch mal Theater und Konzerte in Frankfurt. Im Sommer bin ich gerne open-air und ich liebe das CopaKabaNoga in Friedberg, weniger die großen Stadionevents. Musikalisch war ich selbst lange Jahre als Saxofonist aktiv und habe nach einigen bewusstseinserweiternden Experimenten im Free Jazz in einer Street Band gespielt. Dafür ist heute kaum noch Zeit, aber ich mache zusammen mit Kollegen von früher, denen es ähnlich geht, immer noch gerne Garagen- und Gartenkonzerte für meine Nachbarn und Freunde. Meistens geht es dabei um Soul und Funk, Elektronisches und Deine Poetry-Slam-Kollegen haben auch schon mitgemacht.

Andreas: Die Kreisstadt und weitere zwölf Kommunen der Wetterau gehören zur Tourismusregion Wetterau. Zum Tourismus gehört nicht nur, schöne Landschaften vorweisen zu können, um attraktiv für Natur-Urlauber zu sein, auch ein potentes Vereinsleben gehört dazu. Immerhin wird ein Großteil des Kulturangebotes nicht kommerziell oder von den Kulturämtern präsentiert, sondern von Ehrenamtlichen.
Gibt es bei Dir Ideen, deren Bedeutung der ehrenamtlichen Kulturarbeit in der Wahrnehmung zu steigern? 
Thomas: Die Menschen in der Wetterau und gerade die, die aus der Großstadt zu uns kommen, brauchen ein hochwertiges kulturelles Angebot. Da fehlt es der Wetterau an Vielfalt. Es ist ein Skandal, dass eine Spielstätte wie der Brettl-Palast in Ortenberg aufgeben musste. Im Westkreis gibt es immerhin große Spielstätten z. B. in Bad Nauheim und Bad Vilbel. Das ist aber nicht für alle Angebote die richtige Umgebung. Eine Neugründung wie das Theater Altes Hallenbad mit dem „Kulturtaucher“-Programm in Friedberg - eine großartige bürgerschaftliche Leistung –, zeigt, wie es auch woanders gehen könnte.
Der Wetteraukreis muss nicht nur seinen eigenen Kulturetat deutlich vergrößern, sondern braucht ein kulturpolitisches Leitbild und eine Kulturförderrichtlinie! Damit können dann die Kommunen in Ihrer Kulturarbeit unterstützt werden, und vor allem müssen die Kulturschaffenden eingebunden werden und eine gemeinsame Informationsplattform bekommen.

Andreas Arnold (li.), Thomas Zebunke (C) Dominik Rinkart
AndreasWas bewegt den Privatmenschen Thomas Zebunke noch?

Thomas: Schon als Student habe ich mich für Ökologie und Bürgerrechte engagiert, soziale Ungerechtigkeit und Rechtsradikalismus machen mich auch schon mal wütend. Ich leide, wenn ich Naturzerstörung oder Tierquälerei erleben muss. Ich genieße es, in schönen Landschaften unterwegs zu sein, manchmal auch in Großstadtschluchten, mache viel Sport und esse gerne gut.
Ich liebe Kommunikation, habe viel Spaß in meiner Community, bei der Musik oder beim Sport, und im Straßenwahlkampf funktioniert das auch ganz gut. 

Andreas: Lieber Tomas, danke für deine Zeit. Am 27. Februar, 19:00 Uhr, wird im Theater Altes Hallenbad eine Podiumsdiskussion mit den Kandidaten der SPD und der CDU und dir stattfinden. Dazu wünsche ich dir, deiner Mitbewerberin und deinen Mitbewerbern viel Erfolg.

Freitag, 15. September 2017

Wi(e)der die Natur!


Was war das für eine Schlacht! Ein Kampf Gut gegen Böse, Fleisch gegen Fisch, Fisch gegen Fahrrad. Selten hatten wir eine Bundestagswahl, die Sozial- und Umweltthemen so stark in den Fokus gerückt hatte. Gerade eine Partei tat sich stark hervor: Die Naturpartei Deutschlands (NPD). Wir sahen von ihnen Plakate mit fliegenden Teppichen, darauf zahlreiche Menschen, die sich kaum auf ihm halten konnten. Der Teppich, hier symbolisch für eines der zahlreichen Produkte, die wir in der sogenannten dritten Welt auf dem Rücken derer Bevölkerung produzieren lassen, schwankt massiv auf diesem Bild – eine Versinnbildlichung des nahenden Endes des Kapitalismus, ganz im Sinne von Marx und Engels. Auf dem überladenen Teppich sehen wir zahlreiche Arbeiterinnen und Arbeiter, ausgebeutet von der Geldgier der Großkonzerne und der Konsumwut der Verbraucher. Ein gelungenes Plakat, das soziale Missstände nicht verschleiert, sondern schonungslos aufdeckt, was sich in den warmen Herzen der Wählerinnen und Wähler unausgesprochen festkrallt. Auf einem anderen Plakat ein Schlauchboot, nicht minder voll mit Menschen. Hier zeigt die aufstrebende Umweltpartei auf, wie die Überfischung und Verschmutzung der Meere, die Fischer in den armen Ländern der Erde um ihre Existenz bringt. Über dem Plakat prangt der Slogan „Wir lassen die Luft raus“, eine klare Kampfansage an den ausbeuterischen und menschenverachtenden Globalismus, dem Sie den Atem nehmen wollen. Ein weiteres Plakat prangert die „Nationale Vereinigung für Langwaffenintegration“, engl. National Association for Rifle Integration (NAFRI), stellvertretend für die gesamte Jagdgesellschaft, an. Die Naturpartei Deutschlands stellt sich damit nicht nur gegen die Jagd an sich, sondern sich mit einer Vehemenz, wie es sonst nur die V-Partei leistet, gegen eine auf Fleischverzehr ausgelegte Ernährung. Eine blonde Tierschutz-Aktivistin ist auf dem Plakat zu sehen, die durch ihre einhaltgebietende Gestik geradezu an die junge Rosa Luxemburg erinnert. Ein weiteres Plakat geht noch tiefer: Ein junges Mädchen, von der Sonne stark geblendet, ist dort mit der Überschrift „Ich will nicht (aus-) sterben“ abgebildet. Ganz im Sinne Frau von Storchs, der klimapolitischen Führerin einer weiteren Umweltpartei (Allianz für Diversität), die im Interview kürzlich, ganz in der Bildsprache dieses gelungenen Plakates, der Sonne die Schuld an der Klimaerwärmung gab. Die Naturpartei Deutschlands warnt, wie gewohnt ganz ohne unangebrachten Alarmismus, vor dem größten Artensterben, dass die Welt seit der Perm-Trias-Wende erlebt hat. Im Gegensatz zur programmatischen Schwesterpartei stellt die Naturpartei Deutschlands jedoch ausweislich der abgebildeten Protagonistin die Menschheit in den Mittelpunkt der Verantwortlichkeit und verweist durch das kindliche Alter der Abgebildeten zudem auf die notwendige generationenübergreifende Handlungsnotwendigkeit – Die Klimaerwärmung als Kernproblem von vitalem Interesse der Folgegenerationen. Enttäuscht waren die engagierten Umweltaktivisten über das niedrige Wahlergebnis am Sonntag und das Scheitern an der Fünfprozenthürde. Natürlich beglückwünschten sie Bündnis 90 / Die Grünen für den Einzug in den Bundestag. Bleibt nur zu hoffen, dass sie Politik ganz im Sinne der Gescheiterten betreiben. PS Dieser Artikel kann Spuren von Ironie enthalten, ohne die das Wahlergebnis kaum auszuhalten wäre. Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie ihren Wahlhelfer oder Bundestagsabgeordneten. Wird man ja noch schreiben dürfen!