Samstag, 26. April 2008

Das seltsame Leben des Magnus Vates
Kapitel I

Erschöpft ließ sich Magnus auf einer der leeren Wartebanken in der U-Bahnstation nieder. Es war wieder einmal halb eins geworden, bis er aus dem Büro weg kam. Er hasste das. Warum konnten seine Chefs die Arbeit nicht vernünftiger aufteilen? Immer lastete alles auf ihm.

Der Bahnsteig war leer. Wer arbeitete auch noch um diese Zeit noch? Außer Pendlern verirrte sich ohnehin niemals jemand ins Industriegebiet. Wozu auch? Ein paar Geschäftsleute, die ihre Kontakte pflegten. Ein paar Handelsvertreter. Und natürlich die vielen Zulieferer.
Doch es musste wohl das einzige Industriegebiet der Welt sein, bei dessen Planung man keine normalen Kunden haben wollte. Es gab kein einziges Geschäft, geschweige denn ein Einkaufszentrum, das einen Normalbürger herlocken würde. Nichts. Nur Fabrikhallen und Bürogebäude. Ebenso langweilig und trist wie Magnus’ Job.

Warum musste er unbedingt in die Buchhaltung gehen? Ihm mit seinen Talenten hätte alles offen gestanden. Doch er hielt sich an die Tipps, die er bekam: Such Dir einen unauffälligen Job, kleide Dich unauffällig und verhalte Dich unauffällig.
Unauffällig. Dieses Wort begleitete ihn schon sein ganzes Leben, und er konnte es nicht mehr hören. Am Liebsten würde er aus all dem ausbrechen. Aber das kann er nicht. Viel zu gefährlich. Außerdem würden s i e es nicht zulassen.

Unauffällig. Immer nur unauffällig. Erschöpft seufzte Magnus, legte seinen Kopf in den Nacken und schloss die Augen. Die Geräusche in der Menschen verlassenen U-Bahnstation verstärkten sich scheinbar, kaum dass er sie geschlossen hatte. Leise pfiff der Wind durch die dunklen U-Bahnschächte. Irgendwo her ein Klackern. Auf dem Schotter zwischen den Gleisen das Trappeln kleiner Mäusefüße. In der Ferne tropfte Wasser von der Decke. Ansonsten eine Stille, die jedem eine Gänsehaut bringen würde.

Magnus öffnete die Augen, stützte sich mit den Ellenbogen auf die Knie und schaute konzentriert zwischen die Gleise. Da saß sie, die kleine graue Hausmaus, die er zuvor gehört hatte. Neugierig blickten ihn zwei schwarze Knopfaugen an. Magnus Augen zuckten kurz und unmerklich, dann setzte sich die Maus in Bewegung, lief über die Gleise, den Bahnsteig hoch und direkt zwischen seine Füße. „Na, kleiner Freund. Überrascht?“, sagte er, während die Maus nur kurz erzitterte. „Keine Angst! Ich tu Dir nichts. Lauf! Du bis frei!“
Wie von einem Halsband befreit, drehte sich die Maus sofort um und entschwand in einem der Stadtbahntunnel.

Gleich würde die nächste U-Bahn einfahren. Die darauf wäre dann seine. Nur noch zehn Minuten. Wie sehr er sich auf sein Bett freute. Die ganze Woche war schon so verlaufen. Lange würde er das wohl nicht mehr mitmachen. Jeden Tag zehn bis zwölf Stunden Arbeit ohne Pausen. Und ohne die Einsicht seiner Vorgesetzten. Wie sagte sein Senior Manager so schön heute bei der allwöchentlichen Motivationsrede: „Herr Vates, sie wissen, dass ich diese Aufgaben keinem anderen anvertrauen kann. Sie sind der Beste, den wir haben!“ Wie schön! Schade nur, dass er die ganzen Jahre nie gespürt hat, dass es so wäre. Nur eine Beförderung in den letzten fünf Jahren, und für die musste er selbst sorgen. Dafür immer mehr Aufgaben und immer mehr Verantwortung.

Die S-Bahn fuhr ein. Müde schaute Magnus in die leeren Wagons, während sie, immer langsamer werdend, an ihm vorbei zogen. Als der Zug zum Stillstand kam, blickte er nicht mehr in einen leeren Wagon, sondern in die übellaunigen, grimmigen Gesichter dreier Skinheads. Magnus starrte sie regelrecht an. So erstaunt war er, dass um diese Uhrzeit überhaupt jemand in der U-Bahn war. Und dass auch noch jemand hier aussteigen würde, um zwanzig vor eins, konnte er sich nicht erklären. „Vielleicht ist eines der verlassenen Fabrikgebäude ihr Ziel“, dachte er sich und blickte zur Anzeigentafel. Acht Minuten noch. „Bett! Ich komme!“, kam ihm voll Vorfreude zu Gedanken.

Jemand trat gegen seine Schuhe. Als Magnus seinen Blick wieder von der Tafel zurückwandte, hatten sich die drei Glatzen um ihn herum aufgestellt.
Ein großer, gobschlächtiger Kerl mit einem schwarz-rot-karierten Blouson ergriff das Wort: „Was hast Du uns so angestarrt, Du Schwuchtel?“

Magnus war überrascht. Eigentlich war er schlagfertig, aber er war aus den Gedanken gerissen worden. Das brachte ihn auch im Büro immer wieder aus dem Konzept. Seine Gedanken gingen oft auf Reise.

„Ey, Penner? Du nix verstehen?“, sagte der Lange links von ihm. Sie waren nicht mal einen halben Meter von ihm entfernt. In der Intimdistanz, wusste er aus seinem Studium. Neben BWL hatte er auch ein paar Semester Psychologie belegt. Eine schöne Zeit war das damals.

Ein metallenes Schnappen erklang. Der Dicke vor ihm ließ ein Springmesser aufklappen. Und hielt es bedrohlich vor dem massigen Bauch mit der Spitze ihm zugewandt.

„Was wollt ihr, Jungs? Ich bin wirklich viel zu müde für so was!“, murmelte Magnus dem Anführer gelangweilt entgegen. Plötzlich griff der dritte Skin, ein kleiner drahtiger Kerl mit oliver Bomberjacke und rotem Halstuch, in Magnus Haare und riss seinen Kopf nach hinten. Wie als sei es einstudiert, schnellte die Messerhand des Dicken nach vorne und verharrte mit der Schneide an Magnus Halsschlagader. Ein leichter Riss entstand und begann sofort zu bluten.

„Wir legen Dich um, Du dreckiger Homo. Was hast Du uns so angestarrt, Du …?“, brüllte der Dicke und verstummte mitten im Satz ebenso plötzlich wie seine Hand nach vorne geschnellt war. Panik zeichnete sich auf seinen Augen ab. Seine beiden Gehilfen drehten ihm verwirrt die Köpfe zu.

Magnus Lippen umspielte ein hämisches Grinsen. „Es heißt: W a r u m hast Du uns so angestarrt? Und nicht W a s!“
Ein kaum merkliches Zucken ging durch Magnus’ Pupillen, als sich der Lange und der Drahtige ihm wieder zuwandten.

Kapitel II

Kommentare:

  1. Coooool. Richtig spannend, finde ich. Schnell mehr davon, bitte.
    Hoffentlich hat Magnu Superkräfte. :)

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  2. Ja die hab ich... achso ist ja nicht über mich!!!
    Ich hab ne ahnung wie es weiterheht, ich sag aber erst später ob ich recht hatte!!! .-)

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  3. Habe Teil zwei schon fertig. Den gibt's heute auch noch. Bevor's in den Urlaub geht *freu*

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  4. Wenn Magnus keine Superkräfte haben sollte, dann wenigstens eine sehr ungewöhnliche Portion Fatalismus. :-)

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  5. Fatale Superkräfte, wie Du inzwischen gelesen hast ...

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  6. Uiii! Und ich komm JETZT erst dazu, das hier zu lesen!!! Was hab ich doch für ein Glück, dass Teil II direkt darüber steht. ;)

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