Montag, 28. April 2008

Das seltsame Leben des Magnus Vates
Kapitel II

„Ey, Mann! Echt! Diese abgefuckten Punks. Den nächsten, den ich in die Finger kriege, wird selbst seine Mutter nicht mehr lieben wollen. Das kannste mir glauben!“, sagte Michael, den aber alle nur Terror nannten. Und Terror war ein Name, der treffender kaum sein konnte. Wo er auftauchte, gab es Terror. Insbesondere dann, wenn er Alkohol getrunken hatte. Und davon hatte er heute reichlich. Erst vor eine halben Stunde hatten Punks ihr Vereinsheim überfallen und die Theke angezündet. Terror sinnte auf Rache. Wütend verschränkte er die Arme und starrte hinaus auf die vorbeiziehenden Wände des U-Bahnschachts. Seine Beine hatte er auf der gegenüberliegenden Sitzbank abgelegt. Er trug seine Stahlkappenspringer mit den obligatorischen weißen Schnürsenkeln. Heiner, der ihm schräg gegenüber saß, nickte nur grimmig und deutete mit seinem Daumen an, eine Kehle durchzuschneiden.

„Ja. OK, Mann. In zehn Minuten sind wir auch da. Haltet euch in den Schatten. Terror hat gesagt, ihr sollt nichts ohne ihn beginnen. Genau, Mann. Ein Befehl!“, kommandierte Ronny, der geschäftig im Mittelgang hin und her marschierte in das Handy. Ein weißes „K88“ hatte er im Vordergrund eines roten Hakenkreuzes mit Lackfarben auf die Schale gezeichnet. Der Kameradschaftsbund 88. Das waren s i e. Das war ihre Heimat. Sie gab ihnen Halt. Sie gab ihnen Beschäftigung. Sie war ihr Rückgrat. Und jetzt schwelte die alte Theke ihres Clubs, an der sie so viele Nächte gezecht und die alten Lieder gesungen hatten, vor sich hin.

Terror drehte durch deswegen. Eine gefährliche Situation. Nur keine Widerworte geben. Terror war seit drei Jahren ihr Anführer. Er hatte K88 gegründet und hatte große Pläne. Allein im letzten Jahr hatten sie vier andere Kameradschaften feindlich übernommen. In der Regel bedeutete das, das Terror ihre Anführer auf die eine oder andere Weise überzeugt hatte, sich K88 anzuschließen und sich ihm unterzuordnen. Anfangs waren sie gerade mal zu zehnt. Alle aus dem gleichen runtergekommenen Viertel. Jetzt nach drei Jahren waren sie weit mehr als 200. Und Terror hatte große Pläne. Alles musste geheim gehalten werden. Keiner durfte jemandem etwas von ihrer Organisation erzählen. Für den Verfassungsschutz waren sie nur 200 einzelne Skinheads. Die würden sich noch wundern, dachte sich Ronny allzu oft, wenn sie Terrors polemischen Reden über seine Pläne lauschten.

Sie hatten fast die Hälfte der urbanen Säuberungstruppe der K88 zusammengetrommelt. Bis sie im Industriegebiet angekommen sein würden, wären über 50 kampferprobte Skinheads dort versammelt. Eine der Fabrikhallen war von Hausbesetzern in Beschlag genommen. Terror wusste zwar, dass keiner von denen für den Brand verantwortlich war, doch es mussten Zeichen gesetzt werden, so waren seine Worte, als sie vor dem ausgebrannten Vereinsheim standen. Und Terror schrieb seine Zeichen in Blut, das wusste Ronny.

Er war seit einem Jahr Terrors rechte Hand. Sein Vorgänger wollte aussteigen und drohte, sie alle an die Polizei zu verraten, wenn sie ihn nicht gehen ließen. Terror legte ihm damals den Arm um die Schulter und sprach ganz ruhig, dass er natürlich aussteigen könne, immerhin sei er ihm eine große Hilfe gewesen. Als er ihm die versöhnende Hand reichte und er sie erleichtert ergriff, schlug Terror mit einem Glasascher auf ihn ein. Es dauerte fast eine Minute bis er fertig war. Terror war über und über mit Blut, Hirn und Schädelstückchen übersäht. Er sah aus wie ein wahnsinniger Schlachter. Und das war er. Als er von seinem Opfer aufstand, sagte er mit völlig ruhiger Stimme zu Ronny, dass er jetzt sein neuer Oberstgruppenführer sei und als ersten Auftrag dafür sorgen solle, dass jemand die „Verräterreste“ wegschaffte.

„Nächster Halt: Industriegebiet Ost. Ausstieg rechts“, tönte es blechern aus den Lautsprechern.
„Das glaube ich kaum“, grunzte Terror düster und stand auf. „Auf geht’s!“
Ronny und Heiner flankierten ihn und warteten an der Tür, bis der Zug zum Stillstand kam.

Ihr Wagon kam direkt vor einer der Wartebänke zu stehen, wo ein hagerer Geschäftsmann mit dichtem schwarzen Haar saß und sie anstarrte. „Was’s das für’n Arsch?“, kam von Heiner, dem langen Heinz, wie ihn alle nannten. Er war Terrors persönlicher Leibwächter. Er hatte sich auf der Straße einen Namen gemacht, und keiner wollte sich mit ihm messen. Er kam erst vor einen halben Jahr dazu. Direkt vom Knast in die K88. Er hatte dreieinhalb Jahre sitzen müssen, weil er bei einer Schlägerei mit drei Türken einen von ihnen erschlagen hatte. Extensiver Notwehrexzess hieß es. Terror holte ihn am Entlassungstag vom Knast ab. Sie wurden sofort Partner. Zwei vom gleichen Schlag.

„Mit dem machen wir uns warm, Alter“, sagte Terror ruhig und schlug mit der Faust in seine Hand. Als die Tür sich öffnete, schaute der Schlipsträger gerade zur Anzeigetafel. Sie bauten sich vor ihm auf, und Terror stieß ihm gegen den Fuß.
„Was hast Du uns so angestarrt, Du Schwuchtel?“, raunte Terror ihm entgegen, doch der Typ reagierte nicht. „Ey, Penner? Du nix verstehen?“, schob der lange Heinz aggressiv hinterher, und noch immer wurden sie nur aus abwesenden Augen angestarrt.
Terror ließ sein Messer aufschnappen. Das war sein Zeichen. Der Anzugmensch konnte nur noch fragen, was sie von ihm wollten, als Heiners Hand in seinen Haaren war und seinen Kopf nach hinten zog. Wie schon so oft, wenn sie Überzeugungsarbeit leisten mussten, setzte Terror sein Messer geübt an die Kehle dieses armen Teufels. Er war einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort.

„Wir legen Dich um, Du dreckiger Homo. Was hast Du uns so angestarrt, Du …?“, brüllte Terror ihm entgegen und verstummte plötzlich. Ronny und Heiner starrten ihn perplex an.
„Es heißt: W a r u m hast Du uns so angestarrt? Und nicht W a s!“, flüsterte es ihnen grinsend entgegen. Terrors Augen waren geweitet und voller Panik. Sein Messer begann zu zittern und entfernte sich langsam vom Hals des Büromenschen. „Was ist los?“, fragte Ronny mit Verwirrung in der Stimme. Zu mehr kam er nicht mehr. Terrors Messer stak ihm in der nächsten Sekunde im Hals und noch bevor der lange Heinz deswegen erschrecken konnte, ereilte ihn das gleiche Schicksal. Terror ließ die Hand sinken und tat drei Schritte zurück. Jetzt stand der junge Mann auf und schaute ihm in die Angst geweiteten Augen. Er legte seinen Kopf leicht schief, grinste und kommentierte mit einem „Aha!“, dass es jetzt weiter gehe. Terror beugte sich über Ronnys leblosen Körper, nahm dessen Handy an sich und wählte den Polizeinotruf: „Guten Abend, mein Name ist Michael Karlstein. Im Industriegebiet Ost sammelt sich gerade eine große Gruppe Skinheads, um die Hausbesetzer in der Dieselstraße zu erschlagen. Kommen Sie schnell!“
Nach dem Auflegen trug er unter den stechenden Blicken des Geschäftsmanns erst seinen leblosen Leibwächter in den schwarzen Tunnel und entschwand dann selbst mit seinem Oberstgruppenführer auf den Schultern im Dunkel.

Als die U-Bahn einfuhr, hörte man ein kurzes, fernes Rumpeln. Der alleine auf dem Bahnsteig Zurückgebliebene stieg ein und freute sich, endlich nach hause zu kommen. Er freute sich auf sein Bett.

Kapitel IKapitel III

Kommentare:

  1. Sind Terror und seine Jungs eine kleine Hommage an die Wanderers? :-)

    Schöne Idee, allerdings wirkt Magnus' Wandlung vom Mäuseflüsterer zum kaltblütigen magischen Selbstjustiziar etwas überraschend auf mich.

    Und, aber das mag an mir liegen, die scheinbar wechselnde Erzählperspektive verwirrt mich noch ein wenig.

    Trotzdem: Ausbaufähig. Da geht noch mehr!

    AntwortenLöschen
  2. Tja, von Mäusen und Menschen. Da mag es Unterschiede im Umgang geben. Und ja, bei 'Terror' dachte ich auch an den alten Klassiker mit Ken Wahl. Hinterher erst allerdings.

    Zwei Erzählperspektiven - Zwei Handlungsstränge, die sich im Ziel in fataler Weise verbindung. Ein Experiment, wie die meisten meiner Kurzgeschichten. Auf mich wirkte es beim Schreiben und lesen sehr interessant und spannungsförderlich. Aber: Der Mensch strebt zu irren, solange er ... Ne, wie war's nochmal? ;-)

    Ich werde weiter an der Verknüpfung von Worten arbeiten ;-)

    AntwortenLöschen
  3. Sein Bett!!! Das Hat Magnus jetzt aber wirklich verdient!

    AntwortenLöschen
  4. Du, mein ieber Freund, bleibst wach bis der Flieger geht *gg*

    AntwortenLöschen
  5. Sehr schön. Weiter so. Wobei ich es noch mal lesen muss, denn mir kam es jetzt so vor, als wäre ein anderer Punk der Erzähler dieses Kapitels, stimmt das? Da kommt mal "mein" oder so vor. Ich les nochmal. :)

    AntwortenLöschen
  6. Ach, deshalb lief die Maus dann weg, als sei sie von einem Halsband befreit! Er hatte sie unter Kontrolle.
    Bin schon gespannt auf die Fortsetzung!

    AntwortenLöschen
  7. @marco
    Danke für Deinen Hinweis. Ich habe es nochmal überarbeitet. Da war der eine oder andere Fehler in der Erzählperspektive.

    @meise
    Ja, so ist das. Der liebe Magnus kann Lebewesen fernsteuern. Ich freue mich auch schon darauf, die Story weiter zu entwickeln :-))

    AntwortenLöschen
  8. @Scheibster

    Es musste etwas mehr als drei Jahre vergehen, bis ich merkte, was du mit wechselnder Erzählperspektive meintest. Jetzt habe ich den Absatz gefunden und korrigiert. Danke ;-)

    AntwortenLöschen