Dienstag, 1. April 2008

Im Wald

Der Waldboden knackte ehrfurchtvoll, als die schwere, braune Tatze ihren Eindruck hinterließ. Der volle Mond entließ fahles Licht durch die noch kahlen Äste der schützenden Baumkronen und beleuchtete den massigen Körper. Schritt für Schritt bahnte der ungestüme Koloss seinen Weg durch das Geäst. Die erfolglosen Versuche der pieksenden Ästlein und Sträucher, seinen Pfad zu ändern, ignorierte er mit stoischer Ruhe. Er witterte. Mit einem Stoß seiner Vorderläufe richtete er sich auf und hielt die schwarze Schnauze in den Wind. Der schwere Kopf drehte sich suchend. Erst nach links, dann nach rechts und schließlich ließ er seine kompromisslosen Zentner wieder auf die harte Erde fallen. Als die Krallen bewehrten Tatzen den Boden berühren, zittern die noch jungen Blätter, die der Frühling erst getrieben hatte. Zielstrebig brach der riesige Jäger durch das schutzlose Unterholz und bahnt sich seinen Weg. Er hat sein Ziel gefunden.

Marietta irrte seit Stunden durch den Wald. Bevor es dunkel wird, so ihre Mutter, sollte sie zuhause sein, doch die Verlockung war zu groß. Es gab einfach zu viel zu sehen. All die verschiedenen Bäume, Sträucher und Waldblumen. All die wundervollen Gerüche. Nach feuchter Erde, nach dem alten Laub vom letzten Herbst, nach Tannennadeln. Und auch so viel zu hören. Unzählige Vögel stimmten ihr Frühlingslied ein und forderten sich gegenseitig, die schönsten Melodien zu singen. Kurz nach dem Mittagessen war sie aufgebrochen, um im nahen Wald spazieren zu gehen. Wie ihre Mutter ihr auftrug, beging sie nur die bekannten Pfade. Doch dann sah sie diese zarten Rehe vor ihr. Sie waren so wundervoll anzuschauen. Wie sie anmutig auf der Lichtung standen. Marietta konnte ihre Lebensenergie förmlich spüren. Sie glaubte fast, sie riechen zu können. Sie musste ihnen einfach folgen. Hinein in den Wald. Weg von den von Pferden und Kutschrädern festgestampften Routen, die vom Dorf durch den Wald führten und sie auch sicher zurück geleitet hätten. Doch sie fand sie nicht mehr. Nur ein paar gefühlte Minuten lief sie den Rehen hinterher, bis die weder Rehe noch ihren Rückweg mehr fand. Seit Stunden schon irrte sie umher. Der Mond stand inzwischen hell am Himmel und der Wald begann unheimlich zu werden. Die Schatten wuchsen und griffen nach ihr. Eine unbekannte Unruhe rührte sich in ihr.

Ein gigantischer Schatten fiel die Lichtung herab und ließ alles Kleingetier augenblicklich verstummen. Nicht einmal der Kauz, der eben noch eine Maus erspäht und zu seinem Abendmahl erkoren hatte, traute sich von seinem Ast herunter und zog Stille der Mahlzeit vor. Jedes Tier, das schnell genug flüchten konnte, war geflüchtet. Was nicht schnell genug war, verharrte regungslos. Der mächtigste Bär, den der Wald je gesehen hatte, stand aufgebäumt vor dem Mond. Sein lautes Schnüffeln war das einzige Geräusch, das zwischen die Bäume drang. Er witterte. Die Spur wurde heißer. Der Bär wusste, dass er seinem Ziel nahe war. Zufriedenheit machte sich in ihm breit. Der wohlbekannte Geruch war so leicht aufzunehmen. Nie hätte er die Spur verloren. Die Freude, es einzuholen und zu umschlingen, übermannte den massigen Jäger. Doch plötzlich verharrte der riesige Schädel. Die Pupillen weiteten sich. Ein anderer Geruch drängte sich durch die Nase und trieb zur Eile. Mit einem Satz stieß sich das größte Raubtier des Waldes ab und rannte los. Junge Bäume brachen unter der brachialen Gewalt seiner Hatz. Die letzten Tiere flüchteten in die andere Richtung und der braune Riese entschwand im Dunkel des Waldes.

Marietta lief ziellos umher. Wies nicht das Moos an den Bäumen die Richtung. Doch in welcher Richtung lag das Dorf. Lag es nicht im Süden des Waldes? Marietta ging auf den nächsten Baum zu und fand das gesuchte Moos. Und zwar auf allen Seiten des Baumes. So kam sie nicht weiter. Der Mond stand mittlerweile hoch am Himmel. Ihre Mutter ist bestimmt schon auf dem Weg sie zu suchen. Doch was sollte sie bloß machen? Stehen bleiben? Ihr entgegen gehen? Langsam verzweifelte Marietta. Eine einsame Träne lief ihr die Wange herab und forderte ein tiefes Schluchzen ein. Plötzlich zuckte Marietta zusammen. Äste knacken hinter ihr. Sie drehte sich um und erspähte nur wenige Meter hinter ihr glühende Augen. Auch links von ihr knackte es und das zweite Paar glühender Augen fixierte sie. Sie erstarrte. Ihre Atmung wurde flach. Wie sehr wünschte sie sich, mehr bei ihrer Mutter aufgepasst zu haben. Doch ihre Mutter war nicht einmal hier. Sie würde zu spät kommen. Marietta würde nie wieder zum Dorf zurückkehren. Nie wieder gefunden werden. Als dicht an ihrer rechten Seite Äste brachen, erwachte sie aus ihrer Angststarre, drehte sich um und begann um ihr Leben zu laufen. Sie rannte so schnell, dass ihre Beine und ihre Lunge sofort wie lichterloh entfacht brannten. Ihre Verfolger trachteten ihre Jagd mit ihren letzten schnellen Sprints enden zu lassen. Dann sah Marietta den alles verschlingenden Schatten vor sich über sie hinweg kriechen und wilde Bärenaugen auf sie zukommen.

Der braune Koloss hatte sein Ziel erreicht. Keine Sekunde zu spät. Sie lief ihm entgegen. Nur noch wenige Meter. 900 Kilogramm reine Kraft sprangen nach vorne und zerbrachen die Wirbelsäule als wären es nur dünne Ästchen. Der Körper erschlaffte augenblicklich. Mit einen Angst erfüllenden Brüllen öffnete sich das Bärenmaul und entblößte Reißzähne so groß wie Kinderhände. Mit einem unerbittlichen Stoß senkten sich die Zähne in das Genick und zerbissen mit einem lauten Knirschen Halswirbel, Muskeln, Fleisch und Adern. Blutgeschmack füllte das Maul des Bären. Triumphierend und warnend zugleich reckte sich der Bär auf und brüllte sein Mark erschütterndes Grollen in die Nacht hinaus. In der Ferne sah man den letzen Wolf winselnd im Dickicht verschwinden. Schwer atmend ließ sich der Bär nieder und schaute zufrieden auf sein Werk. Eine Handtuch große Zunge leckte sich schmatzend das Blut von der Schnauze. Langsam krochen die Tiere des Waldes wieder aus ihren Verstecken und die übliche nächtliche Geschäftigkeit des Waldes setzte wieder ein. Sogar der Mond schien heller zu leuchten. Der Schatten des Kolosses lag friedlich auf dem Blut verschmierten Waldboden, als neben ihm ein kleiner Schatten erwuchs. Schritte traten neben den Bären. Kleine Kinderhände fuhren zärtlich über das Fell.
„Tut mir Leid, Mami. Es tut mir so leid.“ Große braune Bärenaugen schauten tadelnd zu ihr herüber. Marietta kroch weinend zwischen die großen Arme ihrer Mutter und ließ sich liebevoll von ihnen umschlingen.
„Ich verspreche, ich werde künftig besser aufpassen. Aber nie, Mami, nie werde ich mich in einen so großen Bären wandeln können wie Du.“, kam stolz aus Mariettas Mund.
Mit ihr auf dem Rücken liegend wanderte die Bärin unter den mahnenden Blicken des Mondes wieder dem Dorf entgegen.
„Wäre kein Vollmond gewesen, wärst Du nun tot“, dachte die Bärin, „warte bis wir zuhause sind, junges Fräulein.“
Doch das Glück, die eigene Tochter gerettet zu haben, sollte allen Zorn überwiegen und der Wald sah künftig zu Vollmondnächten einen großen und einen kleinen Bären zwischen Lunas magischen, fahlen Strahlen wandern.

Kommentare:

  1. Wow!
    Erst wollte mich Ihre Geschichte an "Das Mädchen" von Stephen King erinnern, aber die Geschichte tat wirklich eine wunderschöne Wendung! Das Warten hat sich gelohnt!!! Ich danke Ihnen! :)

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  2. Tja... Mutter ist der Name für Gott in den Mündern der Kinder dieser Welt. Ganz besonders bei Vollmond!!!

    Gelungene Fabel, mehr davon!!

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  3. Ich finde den Schreibstil so klasse und wie du alles beschreibst. Nutze deine Kunst und werde reich! Genial!

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  4. Sehr schön geschrieben. Vor allem überrascht das Ende, nachdem man zwar die Rettung des Mädchens durch den Bären statt dessen Tod vorausahnen konnte, aber eben nicht die wahre Gestalt des Retters bzw. der Retterin.

    Technisch sehr gelungen sind die zwei Erzählstränge, die sich abwechseln und zum Schluss mit einem wuchtigen Schlag zusammentreffen.

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  5. @meise
    Vielen Dank. Ich will bemüht sein, das Warten nun wieder kürzer zu gestalten ;-)
    Und King sollte ich auch mal wieder lesen. Lang, lang ist's her!

    @NW
    Als Fabel sah ich es noch gar nicht, aber Du hast recht. Die meisten Elemente einer Fabel hat es, wenn auch meine Protagonisten keine Fabeltiere sind. Danke für den Hinweis.
    Meine Mami ist auch manchmal ein Bär ... ein gutmütiger ;-)

    @marco
    Vielen, vielen Dank. Aber 'reich werden' ist von so fremdbestimmt. 'Glücklich sein' ist mir genug für den Anfang und das bin ich ;-)

    @scheibster
    Vielen Dank für die Blumen. Von der Existenz von Werbären wusste ich vor der Lektüre von Markus Heitzs "Sanktum" noch gar nichts. Glück für Marietta, dass ich das Buch kenne ;-)

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  6. *kleinlaut* Ich wollt' Sie ja eigentlich gar nicht drängen, aber dass mir Ihre Einträge gefehlt haben, das stimmt nunmal...

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  7. Das erfüllt mich mit Stolz und drängt mich um so mehr, werte Frau Meise. Im positivsten Sinne :-))

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  8. Ja, es gibt Tage (oder Vollmondnächte?), da sehne ich mich auch ein wenig danach, einmal zu einem Bären zu werden...

    Die story: Gut, den mythischen, magischen Gestaltwandel auf diese Weise aufzugreifen! Unverhofftes Ende! Und viel Spannung! Ich denke: gut reinversetzt in die tierisch-menschlichen Protagonisten...

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  9. Vielen Dank. Der letzte Satz ist die besondere Anerkennung, da sie ja selbst gerne zum Werbären würden ;-)

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  10. Geben Sie zu: Sie waren schon mal einer?! ;-) Aber aufpassen! Bruno, dieser arme, bisschen vorlaute Meister Petz, wurde jetzt ausgestopft und ausgestellt...

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  11. Der gute Bruno. Ob Herrn Schnappaufs Karriere wohl einen Knick bekommen hätte, wenn Mariettas Mutter auf sein Konto gegangen wäre :-(

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