Montag, 4. November 2019

Leben ohne Kühlschrank - eine Szene aus dem Beziehungsleben eines ökologischen Selbstoptimierers.

Leben ohne Kühlschrank
Wenn sich zwei Menschen entschließen zusammenziehen, dann gibt es vieles zu klären. Welche Möbel behält man? Wer bekommt welchen Anteil in den Schränken? Welches Kochgeschirr wird aussortiert? Wenn ich einer der beiden bin, dann kommen ganz andere Fragen hinzu. Insbesondere, weil ich es mit dem Ökologischen so sportlich sehe. Eine der Grenzen, die ich vor einigen Jahren verschob, war die des Umgangs mit der Lebensmittelaufbewahrung: Ich schaltete meinen Kühlschrank aus. Als Alleinlebender musste ich mich ja auch nicht abstimmen. Im Sommer zieht meine Freundin bei mir ein. Die sportliche Auseinandersetzung mit dieser Frage startet bereits jetzt.

„Wie soll ich denn meine Tiefkühlbeeren aufbewahren?“, ist die erste Frage, die sie stellt. Seit wir uns kennen, essen wir morgens gerne Müsli mit Beeren aus dem Tiefkühler. Ausschließlich wenn wir bei ihr sind. Ich habe ja keinen Tiefkühler. Aus meiner Erfahrung, die mittlerweile drei Jahre zählt, weiß ich, dass sich Lebensmittel gut drei Tage ungekühlt halten. „Die halten sich auch außerhalb!“, versuche ich meine Liebste zu überzeugen. Sie schaut skeptisch, und ich glaube zu erkennen, dass sie sich ab Sommer zu jeder Mahlzeit ausschließlich Beeren essen sieht, damit sie nicht schlecht werden. Ohne Kühlung zu leben, bedeutet, Mahlzeiten vorzuplanen. Reste müssen gegessen und kurzfristige Gelüste kontrolliert werden. Kein Sport ohne Schweiß! Mir sind in dieser Zeit allerdings weitaus weniger Lebensmittel schlecht geworden als in den Kühlzeiten. Das bringt die bessere Aufmerksamkeit Lebensmitteln gegenüber mit sich.

Sie blickt auf mein leeres Gemüsefach im ausgeschalteten Kühlschrank. „Und was ist mit Salat und Gemüse? Das wird doch welk und faulig.“ Ich merke an ihrem Blick, dass sie daran denkt, dass in meiner Dachgeschosswohnung im Sommer durchaus tropische Temperaturen herrschen. Ich deute auf meine Tonkrüge in der Küche. „Das Wurzelgemüse ist jedenfalls sicher!“, sage ich. Zwei ineinander stehende Tonkrüge mit feuchtem Sand zwischen ihnen halten es kühl und feucht. Möhren, Pastinaken oder Petersilienwurzeln beispielsweise bleiben dort bis zu zwei Wochen lang knackig. Ganz ohne Strom! Ich kaufe nur samstags auf dem Markt ein, dennoch wird auch das andere Gemüse nicht schlecht – ich esse es in der Reihenfolge des erwarteten Verderbens. Den Salat, in ein feuchtes Tuch eingeschlagen, in den ersten zwei Tagen, dann die Pilze, die Auberginen, zu vorletzt die Zucchini und ganz zum Schluss den Kürbis, der gerade Saison hat.

„Und was ist mit Vorrat?“, fragt meine Freundin. Sie kauft gerne so ein, dass stets Ersatz im Haus ist. Während in ihrem Kühlschrank hinter der angefangenen Packung Margarine eine zweite steht, stünde sie bei mir im Supermarkt und wartete dort auf mich. Natürlich habe ich keine Margarine, denn bei aller Sportlichkeit, die ich beim Thema aufbringe, binnen drei Tagen ein Pfund Streichfett essen zu müssen, wäre eine Liga, in die ich nicht aufsteigen wollen würde. Täglich führt mein Arbeitsweg am Biomarkt vorbei. Dadurch dass dort für unzählige Kunden gekühlt wird und ich nicht zuhause nur für mich allein Strom zur Kühlung aufwenden muss, ist meinen Energiebedarf massiv reduziert. Nicht einmal fünfundzwanzig Kilowattstunden pro Monat sind es in diesem Jahr im Schnitt. Mehr als das Fünffache braucht dahingegen ein bundesdeutscher Singlehaushalt. Geld, dass ich gerne sinnvoller nutze.

Zuletzt erkenne ich im Blitzen in ihren Augen, dass sie nun das finale Argument gefunden hat. „Und mein Mittagessen fürs Büro?“ Seit wir zusammen sind, wird einmal wöchentlich in Kompaniemenge gekocht, portioniert, eingefroren und dann täglich für ihre Mittagsverpflegung im Büro einzeln wieder aufgetaut. Für mich selbst koche ich stets nur ein bis zwei Portionen abendlich mehr, die ich für mein Mittagsmahl des kommenden Tages in Bügelverschlussgläser einwecke. Nun ja, sie hat mich. Ich muss ihr versprechen, regelmäßig für sie mitzukochen. Wie ich schon schrieb: Ohne Schweiß ist es kein Sport!

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