Posts mit dem Label 7-Tage-Smartphone-frei werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label 7-Tage-Smartphone-frei werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Dienstag, 2. April 2019

Smarte Rendezvous


Ein typisches Rendezvous: Restaurant, Kerzen, Abgeschiedenheit. „Ich bin sehr gerne mit dir zusammen“, flötet er. Und schaut auf das Handy. WhatsApp signalisiert. „Oh, ja!“, haucht sie, will beide Hände zärtlich herüberreichen, doch Donald Trump twittert. Der Weltfrieden ist in Gefahr. Zumindest die USA. In jedem Fall die Zweisamkeit. 

Der Friedberger Dichter Thorsten Zeller lässt einen seiner Protagonisten genau zu diesem Thema sagen: „Lebe im Augenblick!“, doch das scheint nicht einfach. Vor kurzem habe ich eine Woche lang tagsüber die Datenverbindung des Smartphones gekappt und nur zu drei Tageszeiten aktiviert. Die Erkenntnis war: Die Zeit, in der ich mich mit WhatsApp, Facebook und Email band, reduzierte sich auf weniger als ein Fünftel. Blöd ist nur, dass ich dennoch zu spüren glaubte, Nachrichten zu bekommen. 31 Prozent der Handybesitzer haben manchmal das Gefühl, dass es klingelt oder vibriert, obwohl sie weder einen Anruf noch eine Nachricht erhalten haben. Das hat eine Umfrage im Auftrag des Branchenverbands Bitkom ergeben. Nicht mehr alles sofort zu erledigen, spart Zeit, denn zu einem späteren Zeitpunkt ist das meiste schon überholt. Das funktioniert in der Politik, mag man glauben, warum nicht auch in der Kommunikation? Gerade bei Email-Eingängen ist es effizienter, zehn Spam-Mails auf einmal zu löschen als zehnmal eine. 

Der typische Verlauf: Nachricht geht ein, Smartphone wird rausgeholt, PIN eingegeben, nochmal richtig eingegeben, App geöffnet, geschlossen, nochmal geöffnet, weil der Arbeitsspeicher voll war, gelesen, geantwortet, nochmal geantwortet, sich entschuldigt, Missverstanden worden zu sein – eine Kommunikation, die telefonisch in einem Bruchteil der Zeit erledigt wäre. Schon einmal den Test gemacht, um zehn Uhr morgens, den Büroflur entlang zu gehen? Den meisten fällt nicht auf, dass man in der Bürotür steht, denn ihre Augen sind auf 6,1 Zoll konzentriert. In der Bahn ist das Buch verdrängt. Statt zwischen zwei Pappdeckeln gepresstes limitiertes Wissen strahlt uns das gesamte der Welt auf dem Display entgegen. Dennoch ist die PISA-Studie nicht unser bester Freund. Und es ist nicht nur die Bildung in Gefahr.

Als vor einigen Jahren ein Attentäter glücklicherweise in einem Zug überwältigt werden konnte, wurde anhand der Überwachungsvideos festgestellt, dass er mehrfach bewaffnet den Flur des Zuges auf und ab gegangen war, ohne bemerkt worden zu sein. Abgesehen von der Gefahr, im Zug erschossen zu werden, gibt es auch alltägliche. Kopfschmerzen bei Kindern, wie die Jugendgesundheitsstudie des Gesundheitsamtes Stuttgart festgestellt hat, Bandscheibenvorfälle im Halswirbelbereich, Augenerkrankungen, Konzentrationsschwäche. Die Dauerkommunikation um ihrer selbst willen, die das mobile Internet ausgelöst hat, ist offenbar nicht nur Zeiträuber. 

Meine Vision des fast perfekten Abends ist die: Restaurant, Kerzen, ein Tisch für zwei. „Ich bin so gerne mit dir zusammen“, flötet sie. „Oh, ja!“, hauche ich. Wir zahlen, küssen uns im Taxi. Zuhause geht sie mit einem verheißungsvollen Lächeln ins Badezimmer. Ich warte aufgeregt. Die US-Marketing-Agentur 11mark hat übrigens schon vor einiger Zeit herausgefunden, dass drei von vier Usern ihr Smartphone auf der Toilette nutzen. Ich warte weiter. Dann landen wir im Bett. Und beantworten all die Nachrichten, die seit Mittag eingegangen waren. Mit Kuss-Emoji versichern wir einander unsere Zuneigung und lächeln ins Handy, bevor wir ... Wie geschrieben: Fast perfekt! Aber ich arbeite daran. 

Sonntag, 22. Juli 2018

Detox für die Psyche: Sieben Tage ohne Smartphone (7)


Freitag hatte ich meinen siebten Tag ohne Smartphone und ohne Soziale Netzwerke. Als ich abends zu Bett ging, war ich gespannt, was nach dem Erwachen passieren würde, wenn meine selbst auferlegte Abstinenz enden würde. 
Morgens schnappte ich mir erwartungsgemäß gleich mein Smartphone, ging ins Hotelrestaurant und fotografierte sofort mein Frühstück. und dann ... dann ... dann steckte ich es wieder ein. Kein Instagram-Post, nichts auf Facebook und auch Whatsapp habe ich ruhen lassen.

Die überraschende Antwort auf die spannende Frage: Nichts ist passiert! Ich hatte nicht einmal den Drang, meine verpassten Nachrichten der letzten sieben Tage sofort zu checken. Der Drang setzte auch zur Mittagszeit nicht ein, und auch am Abend war da kein Bedürfnis zu spüren. Um sieben Uhr siegte aber dann zumindest die Neugierde, wie viele Nachrichten es dann wohl in dieser Woche gewesen sein mögen. 471 (215 Instagram*, 98 Facebook, 85 Whatsapp, 73 Emails) Nachrichten und Benachrichtigungen durfte ich am Rechner checken und gegebenenfalls beantworten; also auf die Woche bezogen fast 70 (!) pro Tag. Gebraucht habe ich ... weniger als drei Stunden (164 Minuten). 
Angenommen meine im ersten Post geschätzten vier Stunden, die ich täglich mit Smartphone und Sozialen Netzwerken beschäftigt bin, treffen zu, dann wäre das eine Zeitersparnis von über 90 Prozent. Damit hätte ich nie gerechnet!


Die Frage ist natürlich, ob die Nachrichten auch außerhalb der besonderen Bedingungen der Urlaubszeit so lange unbeantwortet bleiben können. Auch hier gab es spannende Erkenntnisse. Ich habe die vier genannten Kommunikationsformen/Sozialen Netzwerke einzeln nach Bearbeitungszeit und Relevanz ausgewertet . 
Die Bearbeitungszeit war die Zeit, die ich benötigte, um alle Nachrichten und Benachrichtigungen eines Mediums zu sichten und gegebenenfalls zu beantworten. Relevant war eine Nachricht oder Benachrichtigung in einem Medium, wenn sie an mich persönlich gerichtet war oder Informationen enthielt, die mich interessierten. Nicht relevant waren solche wie Spam oder Systembenachrichtigungen über Likes und Follower.

Die geringste Relevanz hatten Instagram (13,6 %, mehrheitlich Systembenachrichtigungen, keine persönlichen Nachrichten) und Emails (38 %, viel Spam), gefolgt von Facebook (52 %, viele Systembenachrichtigungen und Benachrichtigungen von Facebook mit dem Ziel, mich als Werbekunden zu mehr Absatz zu bringen) und Whatsapp (72 % Relevanz).


Interessanterweise lag jedoch die Bearbeitungszeit bei Instagram am niedrigsten (1,8  Sekunden pro Nachricht/Benachrichtigung), was daran liegt, dass Instagram Likes und Follower zusammenzufassen beginnt, wenn man einige Zeit keine Aktualisierungen abgerufen hat.

Die Bearbeitungszeit von Whatsapp und Facebook lagen mit durchschnittlich 30 Sekunden pro Benachrichtigung/Nachricht gleich, was bei Facebook teils auch der Zusammenfassung geschuldet ist ("20 Personen gefällt dein Beitrag ...") und bei Whatsapp an der schnellen Lesbarkeit liegt.
Am längsten brauchte ich für meine Emails (im Schnitt 50 Sekunden) - Schuld ist hier natürlich, dass Emails ausformuliert sind und zumeist deutlich gehaltvoller als die Nachrichten in den Sozialen Netzwerken.

Ich habe daraus folgenden künftigen Umgang für mich herauskristallisiert:
  • Instagram rufe ich nur noch einmal die Woche ab, da die Relevanz niedrig ist und auch die Bearbeitungszeit gering.
  • Facebook reicht es, zwei- oder dreimal pro Woche abzurufen, jedenfalls an Tagen, an denen ich etwas gepostet habe. Die Relevanz liegt nur unwesentlich über 50 % und die Bearbeitungszeit im Mittelfeld.
  • Whattsapp rufe ich zweimal täglich ab, da die Relevanz die höchste ist. Dringende Angelegenheiten können ja per Telefon erledigt werden.
  • Emails rufe ich künftig einmal täglich abends ab, wenn ich sie am Rechner statt auf dem Smartphone bearbeiten kann, was schneller geht. Die Relevanz ist zwar relativ niedrig, dafür ist die Wichtigkeit der relevanten Nachrichten in der Regel deutlich größer gewesen, als die der Benachrichtigungen und Nachrichten der sozialen Netzwerke.

Dadurch sollte ich weiterhin eine große Zeitersparnis haben und mir viel Energie und Fokussierung für kreative Prozesse bewahren können.

Zum Schluss kann ich jedem empfehlen, so eine Urlaubswoche ohne Smartphone und ohne Facebook & Co. zu machen. Nicht nur um vielleicht auch festzustellen, wie wenig Relevanz viele der Banachrichtigungen haben (das mag individuell verschieden sein), sondern gerade um sich vor Augen zu führen, wie es um die Wichtigkeit mancher Nachrichten bestellt ist. Viele erledigten sich mit der Liegezeit von selbst und manche ließen mich schmunzeln: Einige stellten mir Fragen, deren Antworten zeitkritisch waren. Nur einer von jenen kam auf die Idee anzurufen, um die Frage zu klären. Verlernt oder war die Frage doch nicht so wichtig?

Das heißt natürlich nicht, dass ich ab jetzt nicht mehr schaue, was auf anderen Kanälen/Profilen/Status so los ist. Ich lasse mir nur nicht mehr von den Apps diktieren, wann ich etwas abzurufen habe - Klingeltöne, Vibrationen und LED-Licht sind zu Benachrichtigungen der Apps nun deaktiviert. Herr meines Surfverhaltens bin ich zum Glück noch.
Und natürlich werde ich auch weiterhin mein Essen fotografieren und posten, so wie ich es oben heimlich gemacht habe und frech behauptet, ich hätte es nicht gemacht. GRINS!



* 1.177 Benachrichtigungen aus einer Werbeanzeige für Fionrirs Reise habe ich ausgeklammert, da sie zu einer Verzerrung geführt hätten.

Donnerstag, 19. Juli 2018

Detox für die Psyche: Sieben Tage ohne Smartphone (6)


Seit ich vor fast drei Jahren beschlossen hatte, meine Smartphonenutzung Regeln zu unterwerfen, hat sich viel getan. Ich blogge häufiger und bin mit Facebook stärker und seit einem halben Jahr auch mit Instagram vernetzt. Zudem bewerbe ich mein Buch über die Sozialen Netzwerke und auch Hilfsaktionen, die ich unterstütze, wie Projekt200Plus, verlangen nach Betreuung der Accounts.

Leider zeigt sich hier, dass das, was ich 2015 noch als Vorteil angesehen hatte, nämlich abends keine Nachrichten mehr beantworten zu müssen, da ich das ja unterwegs in der Bahn machen könne, ein Trugschluss war. Mitnichten hat mein mobiler Smartphone-Büro-Betrieb dazu geführt, dass ich mehr Freizeit habe - im Gegenteil: Es hat dazu geführt, dass ich heute sehr viel mehr in meiner Freizeit an freiwilliger und ehrenamtlicher Arbeit bewältige als noch vor drei Jahren. Mit der Folge, dass sich Kopf und Körper nie wirklicher Pausen hingeben können.

In diesen Urlaubstagen ohne aktiviertes Smartphone habe ich gelernt, wie viel Freizeit ich eigentlich habe. Nun gilt es, langsam wieder in den Normalbetrieb überzugehen, und die gewonnenen Erkenntnisse auch nachhaltig zu archivieren. Ich habe heute mein Smartphone wieder ein-, dafür die Benachrichtigungen ausgeschaltet. Damit bleibe ich Herr meines Smartphones, und ich bin es, der den Impuls setzt, wann ich Nachrichten abrufe - und kein Blinken, Klingeln oder Vibrieren. Abrufen werde ich die Nachrichten erst in zwei Tagen, und dann bin ich gespannt, wie viele der Nachrichten tatsächlich wichtig waren und wie viel Zeit ich brauche, um die Benachrichtigungen von einer Woche zu sichten und zu beantworten, wo es noch nötig ist. Weit über 250 Benachrichtigungen sind es inzwischen, die mein Smartphone mir anzeigt.

Meiner Abschlussarbeit am zweiten Band von Fionrirs Reise hat es jedenfalls sehr gut getan, das Smartphone auszulassen. Ich habe nur noch zwei Kapitel übrigen, bis mein Manuskript zum Reimheim-Verlag gehen kann.

Mittwoch, 18. Juli 2018

Detox für die Psyche: Sieben Tage ohne Smartphone (5)


Ich muss feststellen, dass es gar nicht so einfach ist, Langeweile nicht nur auszuhalten, sondern als Möglichkeit zur Regeneration wieder zu schätzen zu lernen. In den Phasen, in denen ich nicht konzentriert genug war, um einer sinnvollen Arbeit nachzugehen, hatte ich bislang immer das Smartphone in die Hand genommen. Ich komme gut voran, mein zweites Kinderbuch final zu überarbeiten. Heute bin ich immerhin bei Kapitel 20 angelangt. Das ist eine Arbeit, die voller Aufmerksamkeit bedarf, schließlich sollen übersehene Fehler, logische Brüche oder ungelenke Sätze nicht das Lesevergnügen mindern. Ich habe mir Bücher für die Zeiten der Zerstreuung mitgenommen, doch zu lesen, während ich gerade gelesen und korrigiert habe, ist nicht wirklich ein probates Mittel der Erholung. 

Ich habe mich darin geübt, nur zu sitzen und nichts zu tun. Erstaunlicherweise hat das den Drang geweckt, zum Smartphone zu greifen, und das obwohl ich nun schon den fünften Tag ohne bin und es konsequent im Flugmodus habe. Zur Sicherheit habe ich es im Hotelzimmer gelassen, als ich mich in den Garten begeben hatte. Nun war das Verlangen noch größer. Ich war verwirrt. Wie konnte das sein, obwohl ich doch inzwischen hunderte von Benachrichtigungen erfolgreich ignoriert haben musste? Es dauerte etwas, bis ich dahintergekommen war: Die Uhr! Irgendwie hatte mein verfressener Gastralbereich Angst in mir gepflanzt, ich könnte eine Mahlzeit im Hotel verpassen (ist sehr lecker hier!). 
Kaum, dass ich wiederentdeckt hatte, dass auch mein Ebook-Reader in der Lage ist, die Uhrzeit anzuzeigen, war das Verlangen nach dem Smartphone weg. Dadurch wurde mir wieder in Erinnerung gerufen, wie viele Funktionen das Smartphone neben Kommunikation und Unterhaltung erfüllt: Uhr, Wecker, Navigator, Kalender, Notizbuch, Lexikon, Wörterbuch ... 

Das erklärt auch die Szene, die ich gestern in einem Diner erlebt hatte. Am Nachbartisch saß eine Frau in meinem Alter, ihr gegenüber offenbar ihre Mutter. Sie holte ihr Smartphone aus der Handtasche hervor und hielt es ihrer Mutter mit den Worten "Schau mal, wie heiß!" entgegen. Ihre Mutter hielt die Hand daran und fast hatte ich geglaubt, sie würde "Oh, das Kleine hat Fieber!" antworten. So schlimm wurde es nicht, aber ich glaube, es steckte ernste Sorge dahinter. Was macht man, wenn der heiße Akku, das Gerät in die Funktionsunfähigkeit zwängt. Weg wären Navigation, Kalender und all die Annehmlichkeiten dieses kleinen Wunders.
Das Schlimmste, das passieren könnte, wäre aus meiner Sicht von geradezu lebensbedrohlicher Fatalität: Ich könnte eine Mahlzeit verpassen!

Dienstag, 17. Juli 2018

Detox für die Psyche: Sieben Tage ohne Smartphone (4)


Ja, ich gebe es zu: Der Kommunikationsdruck ist ungebremst hoch. Zwar bin ich inzwischen soweit, dass es mir nahezu gleichgültig ist, dass ich mein Smartphone in der Tasche habe. Es kümmert mich nicht, dass ich es nur vom Flugmodus befreien müsste, um zu wissen, wer alles was auch immer von mir wollte. Jedoch fallen mir zwischendurch immer wieder Dinge ein, die ich andere gerne fragen oder ihnen mitteilen würde. 

Da ist zum Beispiel, dieser Künstlerkollege mit seinen Wortspielen, dem ich gerne inzwischen zwei witzige Fotos mit wortspielerischen Firmennamen zusenden würde - ich spare mir das für das Wochenende auf; vielleicht kommen ja noch welche hinzu. 
Dann ist da dieser besondere Mensch, dem ich am liebsten ständig Nachrichten senden würde. Wir haben das kanalisiert und telefonieren abends, was verständlicherweise viel schöner ist. Diese Nähe kann keine Textnachricht, kein noch so schönes Foto und auch keine Sprachnachricht erreichen. Und da die Zeit, bis wir spät abends endlich telefonieren, so endlos langsam zu vergehen scheint, schreibe ich wieder Briefe. Ich glaube, ich war 16 Jahre alt, als ich zuletzt täglich Briefe schrieb - aber damals gab es ja auch die SMS noch nicht. 

Im übrigen habe ich heute Morgen, als ich kurz auf dem Smartphone Öffnungszeiten eines Museums recherchierte, festgestellt, dass ich inzwischen 91 persönliche Nachrichten via Whatsapp, Messenger und Email empfangen, aber nicht einen Telefonanruf verpasst habe. Hmmmm?

Ich habe inzwischen übrigens nur noch zehn Kapitel vor mir, dann habe ich meinen Arbeitsurlaub erfolgreich abgeschlossen, und der zweite Band von Fionrirs Reise liegt in der Endversion vor und kann zum Reimheim-Verlag. Ich freue mich sehr, dass es so gut voran geht.

Montag, 16. Juli 2018

Detox für die Psyche: Sieben Tage ohne Smartphone (3)



Etwas anderes als das Smartphone längere Zeit in der Hand zu halten, muss ich erst wieder lernen. So ein Buch braucht sehr viel Konzentration. Das ist etwas anderes mit diesen bequemen Nachrichtenhäppchen: Hier eine kurze Textnachricht, da ein augenfälliges Bild, hier ein kurzweiliges Video, da ein schlaues Meme. Im Handumdrehen sind ein, zwei Stunden vergangen. Meist weiß ich nach den zwei Stunden nicht mehr im Einzelnen, was ich alles gelesen und gesehen habe, doch es war nicht langweilig, also muss es wohl gut gewesen sein. Doch kann es gut gewesen sein, wenn ich nicht mehr erinnerlich habe, was es war? Das ist ein wenig wie die Traumfrau oder den Traummann zu daten und sich danach nicht mehr zu erinnern, wie sie oder er aussah oder was es zu erzählen gab. Moment, ich glaube, sie hatte gelächelt! Oder war das das Date zuvor?

Bei einem Buch ist die Sache nicht so einfach. Ich muss mich konzentrieren, um zwei Stunden lesen zu können. Das ist anstrengend! Vielleicht ist das ein Grund, weshalb man heute mehr Menschen mit Smartphones als mit Büchern in der Bahn sieht? Das Smartphone macht es uns leicht. Und vielleicht ist es auch ein Grund, weshalb unsere Konzentrationsleistung nachweislich den Bach heruntergeht. Wir sind darauf konditioniert, vielen kleinen Informationshäppchen kurzfristig Aufmerksamkeit zu schenken, bis das nächste Häppchen kommt.

Nach drei Tagen ohne Smartphone beobachte ich viel. Auch heute gab es wieder eine Situation, zu der ich nur sagen kann: Ich möchte mein eigenes Nutzerverhalten auch nach dieser Woche nachhaltig verändern:
Am Nachbartisch im Café saßen drei Pärchen. Ungelogen: Alle hatten den Nacken geneigt und schauten auf ihres Displays. Niemand sprach! Eine junge Dame blickte dann plötzlich nach oben und sagte: "Mein Akku ist leer!" Keiner der anderen reagierte. Sie wiederholte den Satz nochmal mit Nachdruck. Als wieder niemand reagierte, senkte sie ihren Kopf wieder zu ihrem Smartphone.

Bevor ich auf ein schwarzes Display schaue, konzentriere ich mich lieber auf mein Buch. Tat ich auch im Café - allerdings saß ich im Gegensatz zu ihr alleine am Tisch! Wobei ich glaube, sie war diejenige, die einsam war.

Nun sitze ich wieder am Rechner und kümmere mich den dritten Tag um die finale Überarbeitung von Fionrirs Reise 2. Ich bin inzwischen bei Kapitel 10 - was ungestört zu sein doch an Effizienz mit sich bringt.

Sonntag, 15. Juli 2018

Detox für die Psyche: Sieben Tage ohne Smartphone (2)


"Alles hat seine Zeit" muss der Großteil der Menschen, die ich heute getroffen habe, offenbar wieder erlernen. Mich eingeschlossen, und ich lerne gerade schwer. Ich war auf einer Schifffahrt auf dem Edersee. Ganz wenige Pärchen, die an den Tischen auf Deck saßen, unterhielten sich. Die meisten waren in ihren eigenen Onlinewelten gefangen, und sobald die Smartphones kurz ruhten, schwiegen sie sich an, schauten an ihren Partnern vorbei, aber anscheinend nicht, um die Landschaft zu genießen. Ich hatte den Eindruck, als sei es ihnen peinlich, kein Thema mit dem Partner zu finden. Ich gewann den Eindruck, als seien sie unter Gesprächszwang. Ganz so, wie es die soziale Medien bestimmen: Immer neue Eindrucke, Nachrichten und Unterhaltung. Vielleicht ist es auch das, weshalb exzessive Smartphonenutzer offenbar unglücklicher sind als sporadische.
Dann fiel mein Blick auf ein älteres Ehepaar. Weißhaarig, faltig, aber vor allem augenscheinlich glücklich. Sie sprachen ebenso wenig, doch hielten sie sich in den Armen anstelle ihrer Smartphones, schauten sich immer wieder in die Augen statt auf ihre Displays, lächelten. Das war schön, und mit diesem Bild vergaß ich lange Zeit, dass ich überhaupt ein ausgeschaltetes Smartphone in der Tasche hatte. 

Als ich zurück im Hotel war, musste ich rasch eine Email versenden, um meine Frühstücksgäste, die ich nächsten Sonntag haben werde, rasch auf eine Uhrzeit einzustimmen. Dabei signalisierte mein Smartphone natürlich auf allen Kanälen, wie viele Nachrichten auf mich warteten. 67 Benachrichtigungen und Nachrichten waren eingegangen, davon über die Hälfte auf Whatsapp und per Email. Binnen nur 30 Stunden! Ziehe ich die Schlafenszeit ab, sind das mehr als drei pro Stunde, und Instagram habe ich dabei gar nicht berücksichtigt, da meine laufende Werbeanzeige das Ergebnis verzerren würde. Wenn ich bedenke, dass mich jede Nachricht bislang blinkend animiert hatte, sofort nachzuschauen, komme ich auf 15 Minuten, die mich das stündlich kostet. Das ist ein Viertel meiner Zeit - vier Stunden am Tag. Ich bin erschrocken! Ich liege damit im Trend der Unter-30-jährigen - eine Verjüngung, die mich einmal nicht stolz, sondern nachdenklich macht.

Ich bleibe standhaft und tue weiter desinteressiert den Versuchen meines Smartpones gegenüber, mich durch Blinken zu beeinflussen. Hier der Verweis auf das gelbe Schild hinter der Bank im Bild: "Füttern verboten!" 
Tag drei kann kommen!

Samstag, 14. Juli 2018

Detox für die Psyche: Sieben Tage ohne Smartphone (1)


Manchmal, da muss man sich Gedanken machen, in welche Richtung es gehen soll. Ich habe mich an den Edersee zurückgezogen, um den Kopf frei zu bekommen - vor allem um den zweiten Band von Fionrirs Reise zu finalisieren, damit er auch tatsächlich zum 1. November planmäßig in Kinderhänden sein kann. Ablenkungen kann ich da nicht gebrauchen. Mein Ablenker Nummer eins ist mein Smartphone. Wissend, dass es nichts bringt, es im Flugmodus mitzuführen, war der Plan, mein kleines Backup-Handy für den Notfall mitzunehmen, das ich oft nutze, um abgelenkungsfrei wochenends wandern gehen zu können. Es beherrscht nämlich nur Telefonie und SMS.

Nun beginnt die Misere: Ich bekomme die Mikro-SIM nicht aus meinem Smartphone, da sich der Adapterrahmen verklemmt. Also suche ich meine Zweitkarte mit meiner Privatnummer, die ich seit Jahren nicht genutzt hatte. Natürlich finde ich sie nicht. Folglich bestelle ich bei meinem Anbieter eine neue Karte für diese Nummer. Die Post teilt mir über ihre Sendungsverfolgung mit, dass sie Mittwoch ausliefert. Dasselbe teilt sie auch Donnerstag mit. Und Freitag. Ich fahre also doch mit meinem Smartphone los. Im Flugmodus! Mit dem Auto!

Das ist nicht unkritisch: In zwei Wochen moderiere ich den nächsten Poetry Slam, den ich organisiert habe, was Kommunikation im Vorfeld mit sich bringen könnte. Ich habe gerade Werbung für Fionrirs Reise auf Facebook und Instagram geschaltet, was mich verführen könnte, in beiden Social-Media-Accounts nachzuschauen, wie die Reaktionen sind. Zuletzt habe ich ein paar laufende Emailverkehre zu Workshop-, Auftritts- und Vortragsanfragen, was auch den Reiz mit sich bringen könnte, mal reinzuschauen, ob es Neuigkeiten gibt. Das wollte ich eigentlich verhindern, indem ich das Smartphone zuhause lasse. Dann halt mit purem Willen!

Wie ist der erste Tag verlaufen? Erstaunlich gut. Das Smartphone ist noch immer im Flugmodus. Während ich spazieren war, hatte ich es in meiner Tasche und dem Drang gut widerstanden, "nur mal kurz" zu schauen. Ich räume ein, dass ich kurz versucht war, das leckere Abendessen im Hotel zu fotografieren. Ich blieb hart und stellte überraschend fest, dass ich auch ohne vorher abgelichtet zu haben, vegane Paella essen kann. Wer hätte das gedacht? 

Vier Kapitel habe ich nun final überarbeitet. Währenddessen war das Flugmodus-Gerät weit weg von mir. Sicher ist Sicher! Tag eins habe ich überstanden.

PS Falls sich jemand wundert, weshalb dieser Text auf Facebook ist, obwohl ich doch gar nicht online gewesen sein will: Das passiert ganz automatisch und frei von meinem Zutun. Eure Reaktionen lese ich frühestens in einer Woche ;-)