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Dienstag, 29. Oktober 2019

Der perfekte Öko!

Der perfekte Öko!

Manchmal habe ich das Gefühl, genau das ist es, was erwartet wird, wenn es darum geht, unsere Zukunft zu retten: Der perfekte Öko zu sein! Eine kurze Recherche im Internet bringt den dazu nötigen Katalog. Der perfekte Öko muss mindestens Flexitarier, noch besser Vegetarier und am besten Veganer sein, denn die Fleisch- und Milchwirtschaft in ihrer Masse vernichtet Regenwald, ist der größte CO2-Emittent von allen und verschärft den Welthunger. Er muss den öffentlichen Nahverkehr, am besten jedoch das Fahrrad nutzen, darf keinesfalls fliegen, denn nur mit einer drastischen Reduktion des Individualverkehrs lässt sich der immense Einfluss des Verkehrssektors auf Klima, Mensch um Umwelt verringern. Der Vorzeige-Öko darf natürlich keinen Plastikmüll produzieren, am besten nicht einmal Papiermüll und noch besser gar keinen Müll, denn Plastik schafft CO2 in die Atmosphäre, Papier vernichtet Bäume, und Verpackungen sind per se Ressourcenverschwender. Dann nur noch auf lokale Lebensmittel beschränken, natürlich aus ökologischem Anbau und selbstverständlich ausschließlich saisonal, und schon bin ich der perfekte Öko – und muss nur noch die Welt zu retten! 

Mit Recht sorgt das für Ängste. Was machen Frau oder Mann, wenn hungrige Mäuler zu stopfen sind und in der Regel am Ende des Geldes noch mehrere Tage des Monats übrig sind? Gewiss nicht vegan leben, denn das ist gut ein Drittel teurer als fleischbasiert. Glauben Sie nicht? Ein Pfund Hackfleisch ist für 2,49 Euro zu haben. Um dieselbe Kalorienmenge durch Kartoffeln zu ersetzen, brauche ich fast die vierfache Menge, und die, in Bioqualität natürlich, kostet 3,40 Euro. Da ist die erste Reaktion vermutlich kein „Ja zu Bio und Fleischverzicht!“ Und wie komme ich zur Arbeit, wenn mein Wohnort tief im Land verborgen liegt? Angenommen, ich wohne in Rockenberg und arbeite in Frankfurt am Main auf der Zeil, dann brauche ich, wenn es gut läuft, vierzig Minuten mit dem Auto, um gegen neun dort zu sein. Mit Bus und Bahn bin ich zweieinhalbmal so lang unterwegs und erst nach dreimaligem Umsteigen dort. Das Ganze zweimal am Tag. Das liest sich nicht, als würde es ein Streben nach ökologischer Perfektion fördern. Bei solchen Zeitunterschieden schreckt nicht einmal eine CO2-Steuer! Und wie soll ich Verpackungsmüll reduzieren oder gar lokal einkaufen, wenn ich zwar einen Supermarkt um die Ecke habe, aber der Bauernmarkt ganze zwei Ortschaften weiter und der nächste Unverpacktladen nicht einmal im selben Kreis ist? Vom saisonalen Einkauf ganz zu schweigen. Wenn ich bis zu fünf Euro für die Schale deutscher Erdbeeren in der Saison zahle, aber ganzjährig 2,99 für gleichwertige aus Spanien, macht das einen saisonalen Einkauf wenig attraktiv. Vielen ist es offensichtlich kaum möglich, die richtigen Konsumentscheidungen zu treffen. Hier ist der Staat gefragt, Subventionen deutlich stärker in den Biolandbau umzulenken als bisher, intensiver in den Nahverkehrsausbau zu investieren und deutlich den lokalen Absatz von Lebensmitteln zu fördern. Die Wirtschaft ist gefordert, verpackungsfreie Alternativen anzubieten, die Warentransportwege zu reduzieren und den Anteil saisonaler und lokaler Lebensmittel zu erhöhen.

Und wir? Nun, perfekt sein muss niemand. Vielleicht können wir bis dahin einfach mal mit dem Auto zum Bahnhof fahren und ab und an dort auf den Nahverkehr umsteigen, einmal die Woche Kartoffel- statt Hackfleischauflauf essen oder statt im Oktober importierte Erdbeeren leckere heimische Brombeeren zum Nachtisch essen. Jeder Schritt zählt!

Dienstag, 15. Oktober 2019

Trotz Greta Thunberg und Fridays for Future steigen die Passagierzahlen - Hamsterkäufe in der Luft?

Hamsterkäufe in der Luft

Eigentlich will ich in aller Ruhe einen Klassiker auf meinem Laptop schauen: Steven Soderberghs Katastrophenfilm Contagion. Leider vergesse ich die Benachrichtigungsfunktion meines Browsers zu deaktivieren, und gerade als ein das ganze Leben auf der Welt bedrohendes Virus ausbricht, poppt eine Meldung auf, der ich nicht widerstehen kann: Die Fluggesellschaften konnten sich trotz Greta Thunberg, Fridays-for-Future und all der Medienpräsenz des Themas Klimawandel gestiegener Passagierzahlen erfreuen. Ich blicke zum Fenster hinaus, und die Aussicht scheint das zu bejahen.  Die weitläufigen Cirruswolkenlinien zeigen, dass all das wohl zwar eine Wirkung auf die Bundesregierung hatte – wenn auch, gemessen am minimalinvasiven Klimapaket, nicht allzu viel –, aber offenbar auf den Bundesbürger nicht merklich. Woran liegt das?, frage ich mich, während Gwyneth Paltrow vor mir um ihr Leben kämpft. 

Ein Freund erzählte kürzlich von jemandem, der unbedingt noch eine Kreuzfahrt buchen wolle, solange es noch möglich sei, und während der logische Bruch seiner Entscheidung vor meinem geistigen Auge Gestalt anzunehmen beginnt, wird auf dem Monitor ein Supermarkt geplündert. Die Menschheit steht vor ihrem Virus-Ende, und Hamsterkäufe unter Umgehung des Bezahlvorgangs setzen ein. Da fällt es mir wie CO2 aus den Flugzeugturbinen! Was die Rheinische Post da beschreibt, sind nichts Anderes als Hamsterkäufe in der Luft. Jedem Fluggast ist so klar wie die Sicht in zehntausend Metern Höhe, dass wir uns in einer lebensbedrohlichen Situation befinden. Also kaufen sie sich rasch noch das, was es bald nicht mehr geben wird. Flugscham wird mit aller Gewalt in eine verstaubte Ecke des Gewissens gedrückt. Wir alle wollen ja, dass wir auch in fünfzig Jahren noch in dieser einen Welt leben können, und es wäre töricht anzunehmen, dass wir nicht auch noch das Letzte, was in unserer Macht steht, tun würden, um das zu erreichen. Nun ist es aber so, dass all diese Flugzeuge immer noch fliegen und bald vielleicht nicht mehr, denn die CO2-Steuer macht das Fliegen alsbald unwirtschaftlich – zugegeben: Nicht durch dieses Klimapaket, aber wer weiß –, also kaufen wir rasch noch den Supermarkt der Lüfte leer, denn wenn sich erst der Vorhang aus Kondensstreifen gelichtet hat, wer weiß, ob der klare Himmel dahinter in Zukunft je wieder ein Flugzeug zieren wird. Ja, natürlich setzten wir dadurch eklatante Mengen an CO2-Äquivalenten frei und heizen den Klimawandel weiter an, aber wer möchte denn seinen Enkeln später im warmen Sommer berichten, dass man ebenso wie sie nie in einem Flugzeug geflogen ist. Da fliegen wir doch lieber rasch noch ein paar Mal, und können im glutheißen Sommer unseren Enkeln mal erzählen, dass wir in letzter Sekunde beispielsweise am Nordpol vorbeigeflogen waren. „Mensch, Hannes!“, sagen wir dann. „Das war ein großer Eisbrocken damals, und da waren sogar Eisbären drauf!“ „Eisbären?“, fragt der Enkel dann, während er noch etwas 100er-Sunblocker, Marke „Mitteleuropäischer Standard“, aufträgt. „Ach, armes Enkelchen!“, sagen wir uns dann. „Wie gut, dass ich noch geflogen war und dir berichten kann!“

Entspannt lehne ich mich zurück und schaue wieder Kate Winslet und dem Virus zu. Der Supermarkt dort ist inzwischen leergeräumt. Ich muss also nur warten, bis auch hier die Flughäfen leergeräumt sind und es sich ausgehamstert hat. Condor ist vielleicht schon Vorbote. Und dann beginnt sich ein Bild vor meinem geistigen Auge zu formen. Es ist wieder der logische Bruch vom Anfang.

Dienstag, 20. August 2019

Helene Fischer auf Wacken?


Seit letzter Woche ist für die meisten hier die Urlaubszeit zu Ende. Für die Kinder hat das neue Schuljahr begonnen, die Eltern sind wieder in den Büros. Auch ich arbeite wieder und sitze erholt von meinen drei Wochen Camping-Urlaub, beginnend mit dem Heavy-Metal-Festival in Wacken, wieder vor dem Rechner. Ich schreibe diesen Text. Wie verbringt man seinen Urlaub möglichst umweltverträglich?

Meine letzte Flugreise liegt neun Jahre zurück, danach begann die Zeit, in der ich mir über meinen ökologischen Fußabdruck Gedanken zu machen begann. Ich verreiste ab da fast nur noch mit der Bahn, denn Flugreisen, da sind sich meine Kreise einig, sind der Klimakiller schlechthin im Verkehrssektor. Doch wie schlimm sind sie? Wie viel CO2 emittieren sie überhaupt? Die Gäste bei meinem monatlichen Stammtisch sind sich einig: Mit dem Flugzeug in den Urlaub zu fliegen, ist ähnlich schädlich für die Reputation, wie mit einem Helene-Fischer-Shirt beim Wacken-Festival zu sein. Meine ganzen Gäste? Nein! Ein von unwiderlegbaren Argumenten erfüllter Einzelner hört nicht auf, dem Postulat Widerstand zu leisten. Er ist Pilot und rechnet vor, wie viel Kerosin pro Flug getankt wird, wie viele Passagiere an Bord sind und welche Co2-Mengen verursacht werden. Verwirrung macht sich breit. Atemlos durch die Nacht geht es nach Hause. Ich recherchiere.

Tatsächlich rechnet Michael Müller-Görnert, Sprecher des Verkehrsclubs Deutschland e. V. (VCD), im Artikel „Verkehrsmittel im Vergleich - Intelligent mobil“ vor, dass ein Flugzeug für die Strecke Berlin-Frankfurt am Main nur 81,2 kg CO2 pro Fluggast emittiert, bei einem PKW sind es 94,2 kg. Als ich die Tabelle sehe, bin ich irritiert. Ich erinnere mich an Wacken zurück, wo an einer der Festival-Theken zu lesen war: „Wer kein Trinkgeld gibt, ist Helene-Fischer-Fan!“ Sind wir all die Jahre einem Phantom aufgesessen? Hätten wir lieber mit unserem Piloten zum Festival fliegen sollen, statt mit dem Camper zu fahren? Waren wir durch unseren Flugverzicht die Umweltsünder, die wir nie sein wollten? „Wer nicht mit dem Flugzeug fliegt, ist Donald-Trump-Fan!“, sehe ich schon an meiner Stammtisch-Kneipe in Holz geschnitzt an der Wand hängen. Zu der Emissionszahl existiert jedoch auch ein Klammervermerk: Ohne RFI-Faktor! Was ist das nun wieder? Nicht nur der VCD, auch das Umweltbundesamt, erläutern dazu, dass der RFI, also der Radiative Forcing Index, zu deutsch die Strahlungsantriebszahl, ein Faktor ist, der eine Vergleichbarkeit der Auswirkung von in großer Höhe erfolgenden Emissionen mit denen am Boden herstellt, denn der Flugverkehr wirkt nicht allein durch die Produktion von Klimagasen. Auch die Bildung von Ozon, der Ausstoß von Rußpartikeln, die Kondensstreifenbildung wirken beispielsweise erderwärmend. Im Ergebnis stellt das Amt fest, dass der gesamte Strahlungsantrieb der Emissionen und Effekte des Luftverkehrs etwa zweimal so groß ist wie der der CO2-Emissionen allein. Bezieht man in diese Berechnung mit ein, dass sich aus den Kondensstreifen auch ebenfalls erderwärmende Zirruswolken bilden können, erhöht sich der Faktor auf drei bis fünf. Das vergleichbare Ergebnis wäre also 94,2 kg für den PKW und 243,6 bis 406,0 kg CO2 für das Flugzeug. Uff!

Seit diesem Jahr ist Helene Fischers Best-of-Kompilation übrigens das am längsten in den deutschen Albumcharts platzierte Album. Vielleicht kommt sie ja auch mal nach Wacken. Immerhin war Heino 2013 auch dort, und trinkgeldförderlich wäre es obendrein. Natürlich nicht mit dem Flugzeug!

Bildquelle: Von Roger Green from BEDFORD, UK, derivative work Lämpel - Airbus A380, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=65623145

Dienstag, 6. August 2019

Ich bin e(h) schneller

Ich bin e(h) schneller

Das sagt der Hesse, wenn er sich auf einen Wettlauf einlässt und selbstsicher seinen Sieg vorankündigt. Schaue ich derzeit auf die Straßen und Bürgersteige, bin ich geneigt, das h wegzulassen. Was bleibt, ist ein e wie elektrisch. Vor wenigen Jahren musste ich bereits aufgeben, nach Gehör die Straße zu überqueren, weil ich eine Ahnung hatte, wie meine Zukunft sonst enden würde: Mit einer Schlagzeile in der Art von „Ironie des Schicksals: Streiter für die CO2-Reduktion von E-Auto überfahren!“ Als Friedberger Kaiserstraßen-Anrainer wäre ich zwar froh, wenn die nächtlichen PS-Boliden-Rennen auf der Viertelmeile zwischen der Burg und meinem Schlafzimmerfenster lautlos würden, aber das ist gar nicht das Thema, über das ich schreiben will.

Ich bin ein Freund des Elektro-Antriebs. Er kann helfen, CO2 einzusparen und damit ein Schwert im Kampf gegen den Klimawandel sein. Natürlich nur unter folgenden Bedingungen: Der Strom darf nicht aus Kohleenergie stammen. Knapp vierzig Prozent des Strommixes in Deutschland kommen aus den Bereichen Stein- und Braunkohle, zwar ebenfalls 40 Prozent aus regenerativen Quellen, doch bei einem Primärenergieverbrauch im Verkehrssektor von gut 3.400 Petajoule würde das bedeuten, dass wir mehr als zweieinhalb mal so viel Strom aus Solar, Wind- und Wasserenergie sowie Biomasse gewinnen müssen wie heute. Zusammen mit dem Bedarf für den Ausstieg aus der Kohle- und Atomenergie wären wir vermutlich bei dem fünffachen. Die zweite Bedingung wird dadurch offenbar. Das geht nicht, ohne eine Mobilitätswende. Der Individualverkehr muss drastisch reduziert werden. Gerade das Gegenteil ist der Fall.

Der Fahrzeugbestand hat sich von 2017 auf 2018 um 1,1 Millionen Fahrzeuge erhöht. Die Bestandmehrung brachte zwar auch 29.000 Elektrofahrzeuge mit sich, aber ohne Reduktion bedeutet die Mehrung einen Zusatzverbrauch. 80 Prozent der Besitzer von Fahrzeugen mit Elektroantrieb besitzen zwei und mehr Fahrzeuge. Es scheint, als würde es mehrheitlich nicht der Ersatzbeschaffung dienen, sondern zum Freizeitauto avancieren. Schön, wenn der Benziner oder der Diesel dafür stehen gelassen werden, doch der Benefit wird von den Produktionskosten des E-Autos gefressen. In der Wirtschaftstheorie nennt man das Rebound-Effekt. Er lässt uns mehr Lampen im Haus anschalten und sie länger anlassen, weil LEDs so viel weniger verbrauchen, lässt uns mehr essen, weil der Kauf von Bio-Fleisch unser Gewissen beruhigt, und eben auch ein E-Auto als Zweitwagen zulegen oder mehr damit fahren, weil ja kein CO2 emittiert wird. Und dabei macht er den potentiellen Spareffekt zu Gunsten der Umwelt nicht nur zunichte, sondern erhöht den Verbrauch sogar.

Augenblicklich wähne ich nicht nur die Umwelt, auch mich selbst in großer Gefahr! Insbesondere eine dieser Schlagzeilen zu produzieren wie: „Rebound zum Opfer gefallen: E-Roller prallt auf Umweltaktivisten!“ Tausende von schlanken Menschen bewegen sich lautlos auf den Rücken überall in den Großstädten stehender Leih-Elektroroller durch die Innenstädte Deutschlands. Smart lächelnd bewegen sie schlanke Körper, die sich vormals durch Körperkraft von selbst fortbewegten, durch die Alleen und Avenuen zwischen Berlin und München. Die lauernde Gefahr: Nahrungsenergie bleibt unverbraucht, die Rollerfahrer werden mit der Zeit immer schwerer, die Energieverbräuche der Gefährte immer höher, und das Schlimmste ist, dass das auch für die Aufprallenergie auf den Fußgänger Arnold gilt. Das ist kein Teufelskreis – es ist ein Teufelsball! 

Dienstag, 11. Juni 2019

Der Umwelt-Killer E-Auto



Die Klimadebatte ist aufgeheizt – ganz passend zum Klima. Immer öfter sieht man Fotos von chilenischen Bauern vor leeren Brunnen, Videos von verheerten Landstrichen in Argentinien und bekommt chinesische Minenarbeiter im Kindesalter präsentiert. Es geht um den Lithium-Abbau, und über den Bildern steht sinngemäß dieselbe Überschrift: „Das Elektro-Auto zerstört die Umwelt!“ Schließlich werden für den Betrieb Akkus benötigt, in denen Lithium enthalten ist. 
Ganz fair ist das natürlich nicht, denn es erweckt den Anschein, als hätte ein pseudo-grüner Ökoteufel den Abbau für sein diabolisches Gefährt überhaupt erst in Gang gesetzt. Tatsächlich werden nur gut 37 Prozent für Akkumulatoren genutzt, der Rest für zahlreiche andere Zwecke, von der Produktion von Glas und Keramik bis hin zum Einsatz in Antidepressiva. Auch werden die Akkumulatoren nicht zur Gänze von der Autoindustrie genutzt. Tablets, Smartphones, PCs, Akkuschrauber bis hin zur E-Zigarette nutzen Lithium-Ionen-Akkus. Gerade die drei Erstgenannten muss man natürlich im Bildtext ausklammern, denn wie soll man dann noch mit gutem Gewissen ein Like für das Lithium-Abbau-Bashing vergeben. Der kleine Exkurs soll natürlich nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Bedarf für Fahrzeugakkus steigt. 2008 lag deren Anteil am Lithium-Abbau noch bei unter 20 Prozent. Das wird die eingangs geschilderten Phänomene noch verstärken, und das finde ich schrecklich. 

Doch wer glaubt, dass die alternative Überschrift „Der Otto-Motor rettet unsere Umwelt!“ zutreffend wäre, irrt. Da muss man sich nur die zahlreichen Ölunfälle in Erinnerung rufen, die ganze Meeresregionen und Landstriche verheert haben. Wer glaubt, dass die Einflüsse der Erdölnutzung auf die Umwelt nur bei Katastrophen auftreten, sollte nach Nigeria in Verbindung mit dem Suchbegriff Erdöl googeln, um einen Eindruck zu gewinnen. Allein die vor über 15 Jahren gebaute Kamerun-Tschad-Ölpipeline hat so viel unberührte Waldregionen und Wasserquellen der ansässigen Bevölkerung zerstört und beeinflusst sie noch immer, dass das durchaus ein paar Videos und Bilder parallel zu denen des Lithium-Abbaus wert wäre. Was ist das Fazit aus allem? Es ist nicht das E-Auto, das die Umwelt zerstört. Es ist auch nicht der Benziner oder Diesel. Es sind unser Konsumverhalten und die Verwechselung von Fahrzeugbesitz mit Freiheit. 64,8 Millionen Fahrzeuge sind allein in Deutschland zugelassen. Das sind 692 Kfz je 1.000 Einwohner. Vor zehn Jahren waren es noch 55,4 Millionen, und die Fahrzeugdichte lag bei 503. Ich sage nicht, dass der Besitz eines Fahrzeuges abzulehnen ist. Ich habe selbst viele Jahre auf dem Land gelebt, und auch vom Städtchen Friedberg ins Land zu kommen, ist manchmal ohne Auto ein Abenteuer. 

Im Durchschnitt steht ein Fahrzeug jedoch 95% der Zeit, das sind 23 Stunden am Tag. Es ist an der Zeit, das zu überdenken! Die Förderung von Carsharing-Systemen mit Keyless Vehicle Entry kann die Lösung sein. Fahrzeuge, die per App lokalisiert, schlüssellos mit einem Code geöffnet und genutzt und dann einfach am Zielort abgestellt werden können, wo sie anderen zur Verfügung stehen. Kein persönlicher Besitz, nur bedarfsgerechte Nutzung. Das würde den privaten Fahrzeugbestand massiv reduzieren, ohne Freiheiten einzuschränken. Ressourcenschonung ohne Mobilitätseinschränkung. Dann wäre es auch gleich, ob ich einen Otto- oder einen E-Motor im Fahrzeug habe. Und keine Sorge: Das Smartphone zur Buchung zu nutzen, fällt nicht ins Gewicht. Von denen gibt es fast so viele wie Autos.

Bildquelle: Von Nissan_LEAF_got_thirsty.jpg: evgonetwork (eVgo Network). Original image was trimmed and retouched (lighting and color tones) by User:Mariordoderivative work: Mariordo (talk) - Diese Datei wurde von diesem Werk abgeleitet: Nissan LEAF got thirsty.jpg:, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=18091826

Donnerstag, 13. Juli 2017

Unser liebstes Kind

Vor kurzem las ich, dass der Verband der Automobilindustrie den Zulassungsstopp für Verbrennungsmotoren ab 2030 ablehne. Natürlich hat der Verbandschef bereits eine Idee: Hocheffiziente Verbrenner könnten künftig auf Basis regenerativ hergestellter und CO2-neutraler Kraftstoffe betrieben werden. Ich bin mir sicher, dass VW und Daimler bereits die passende Software haben, um die Klimaneutralität nachzuweisen, und sich auch schon mit BMW abgesprochen haben. Mal ehrlich, wir wollen doch hintergangen werden! Da betrügen die größten deutschen Automobilhersteller Staat und Kundschaft, indem sie die Schadstoffwerte manipulieren, und wir haben nichts Besseres zu tun, als zu sagen: „Ui, die haben die Diesel-Modelle manipuliert. Ach, dann kaufe ich mir halt einen Benziner!“ VW hat kürzlich seine europäischen Halbjahreszahlen vorgelegt. Ein Einbruch der Zahlen? Denkste! 40.000 Fahrzeuge haben sie in diesem Halbjahr mehr verkauft als im ersten Halbjahr 2016. Das ist wie an der Autobahnraststätte einen Teppich angeboten zu bekommen, ihn als gefälschten Perser zu entlarven, dann aber die «Golduhr» zu kaufen. Es ist doch nicht das Dieselfahrzeug, das uns betrogen hat - es ist der Hersteller. Derselbe, dessen Benziner wir gerade gekauft haben. Derselbe, dessen Verbandsvertreter jetzt Werbung dafür macht, darauf zu vertrauen, dass wir bis 2030 umweltfreundliche Verbrennungsaggregate haben werden. Gas-Verbrenner werden vom Verband exemplarisch aufgeführt. Im Jahr 2016 kam eine Studie der «Bloomberg New Energy Finance» zum Ergebnis, dass Wind- und Solarenergie in den 2030er Jahren deutlich günstiger sein werden als fossil gewonnene. Es wird kein "goldenes Zeitalter" für Erdgas geben. Und jetzt, ein Jahr später, bieten sie uns genau das an. Merkwürdig, wie unterschiedlich die Prognosen doch trotz «Peak Oil» und «Peak Gas» sein können. Morgen findet der «Diesel-Gipfel» statt, zu dem die Bundesregierung mit der Autobranche Maßnahmen für einen geringeren Schadstoffausstoß festlegen will. Von den Herstellern würden Angaben dazu erwartet, welche Modelle mit einer neuen Software optimiert werden könnten. Was genau soll da optimiert werden? Der Schadstoffausstoß oder die Werte? Wie bereits geschrieben: Wir wollen betrogen werden! Da kann man auch einen bekannten Kunstfälscher zum Gutachter über die von ihm zum Verkauf angebotenen Gemälde machen. Das Auto ist des Deutschen liebstes Kind. Da drückt man schon mal ein Auge zu. 3,4 Millionen Neuwagen werden 2017 prognostisch zugelassen werden. 1,3 Millionen Führerscheine werden jährlich in Deutschland ausgestellt. Jeder Führerscheinneuling bekommt also rechnerisch zu seinem 18. Geburtstag 2,6 Autos geschenkt. Stimmt nicht, sagen Sie? Na und! Die Schadstoffwerte der 2,6 Autos stimmen ja auch nicht. Da wollen wir jetzt aber nicht kleinlich werden! Ich war letzte Woche mit der S-Bahn in Frankfurt. Wir nahmen zu zweit eine Tageskarte für fünf Personen, weil sie günstiger war als zwei Einzelfahrkarten hin und zurück. Fast 30 Euro, um in die Metropole zu gelangen. Das treibt einem schon Tränen in die Augen. Vor allem, wenn man bedenkt, dass man für weniger als ein Drittel der Kosten das Auto nehmen kann. Vielleicht wäre es für die Bundesregierung sinnvoller, den ÖPNV so zu subventionieren, so dass sich weder die Fahrt mit einem noch die Anschaffung eines neuen PKW lohnen würde, anstatt mit der Automobilindustrie um Schadstoffwerte zu schachern. Die Bahn betrügt uns zwar auch, aber da geht immerhin nur um die Abfahrtzeiten.