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Dienstag, 16. März 2021

Mit der Kippe im Auto - Fossile Werbung, Feinstaub und der Marlboro-Mann

Fossile Werbung, Feinstaub und der Marlboro-Mann

Letzte Woche las ich, dass die schwedische Zeitung „Dagens Nyheter“ Anzeigen von fossilen Unternehmen einschränkt. Ich recherchierte und erfuhr, dass sich die britische „The Guardian“ schon im letzten Jahr dazu entschlossen hatte, und die ebenfalls schwedische Zeitung „Dagens ETC“ bereits im Jahr 2019. In deutschen Zeitschriften finde ich noch immer zweiseitige Anzeigen: Schwarzer Hintergrund, in der Mitte ein hochmotorisierter PS-Bolide in Silber-Metallic und an der Seite ein Spruch in weißen Lettern. Das reicht aus, um in mir den Wunsch zu wecken, auch ein paar Liter mehr an Kraftstoff, als die Vernunft mir raten würde, in die Atmosphäre zu blasen. Immerhin hat sich im letzten Monat eine Gruppe von Klimaktivist:innen und Organisationen vorgenommen, daran etwas zu ändern; wie die Reaktion der Medienhäuser ausfällt, kann man sicher bald auf fossilfreiemedien.de nachlesen. 
Bei anderen Dingen, die wir in die Luft blasen, herrschen bereits Werbeverbote. Ich erinnere mich gut an meine Kindheit im Kino. Da war der Marlboro-Cowboy allgegenwärtig. Alle meine Freunde wollten Cowboy werden. Erst seit 2002 durfte keine Tabakwerbung mehr vor 18:00 Uhr gezeigt werden. Da war es für uns schon zu spät. Wir wurden keine Cowboys. Wir wurden Raucher. Erst seit diesem Jahr ist Zigarettenwerbung im Kino nur noch für Filme ab 18 Jahren erlaubt. Eric Lawson, einer dieser Cowboys, half das nicht. Er starb 2014 an einer Raucherlunge. So wie hierzulande mehr als hunderttausend andere. Laut aktuellem Tabakatlas verstarben im Jahr 2018 127.000 Menschen an den Folgen des Rauchens. 

Und an dieser Stelle spanne ich den Bogen zur Werbung für Unternehmen, die direkt oder indirekt an fossilen Brennstoffen verdienen. Laut einer Studie des Max-Planck-Instituts für Chemie aus demselben Jahr kommen deutschlandweit rund 120.000 Menschen jährlich aufgrund von Feinstaub vorzeitig ums Leben. Über 40 Prozent des Feinstaubs entstehen im Verkehrssektor durch die Verbrennung und durch den Reifen-, Brems- und Asphaltabrieb. Nur zwei Prozentpunkte dieses Feinstaubs entstammen dem Schienenverkehr.

Was, wenn der Gesetzgeber bereits in meiner Kindheit erkannt hätte, dass einem Zwölfjährigen, der mit seinen Eltern im Kino „Falsches Spiel mit Roger Rabbit“ schaut, eine Prärie mit rauchenden Cowboys am Lagerfeuer zu zeigen, der Gesundheit nicht zuträglich ist? Was, wenn er damals auch erkannt hätte, dass die mit Autowerbung geweckten kindlichen Wünsche der Umwelt und der Gesundheit gleichermaßen nicht guttun? Man stelle sich vor, dass der Werbe-Cowboy Obst am Lagerfeuer gegessen hätte und der erfolgreiche Geschäftsmensch statt im Sportwagen in der Bahn seinen Armani-Anzug und seine Rolex präsentiert hätte.

Was könnten wir für eine Gegenwart haben? Eric Lawson würde heute in seinem achtzigsten Lebensjahr sein und die Geräusche, die er auf der Veranda seiner Ranch sitzend abgäbe, wären kein Lungenrasseln, sondern das Krachen beim Biss in einen Apfel. Es führen heute auch viel mehr Züge. In einem Youtube-Video zu einer Werbung für den BMW 316i aus dem Jahr 1988 schreibt der Nutzer Mike`s Modelshop: „Norbert Langer lieh in den 80ern seine Stimme der Marke BMW. Zugleich war er die Stimme von He-Man in den Europa Hörspielen von Masters of the Universe. Ich dachte mir damals als Kind, wenn He-Man BMW fährt mache ich das später auch! Ich fahre nun seit 21 Jahren BMW“ (sic!) Mike hätte heute eine Bahncard 100. 

So funktioniert Werbung und so denken Kinder. Jetzt muss nur es nur noch der Gesetzgeber.

Bildquelle: Cezary p at pl.wikipedia, CC BY-SA 3.0

Dienstag, 27. Oktober 2020

Klimakiller Heizpilz

Klimakiller Heizpilz

Im Januar des Jahres hatte ich gelesen, dass der Frankfurter Magistrat die Nutzung von Heizpilzen in der Gastronomie untersagen will. Ich hatte mir das extra notiert, um meine Gedanken dazu in der Kolumne zu vertiefen und bereits vorrecherchiert. Ein Gas-Heizpilz mit durchschnittlicher Leistung verursacht zwei bis drei Kilogramm CO2 pro Stunde, ein elektrisch betriebener bis zum Vierfachen dessen. Bei einer angenommenen täglichen Nutzung über zwölf Stunden auf insgesamt vier kalte Monate entspräche das dem CO2-Ausstoß eines mittelalten PKW einer Laufleistung von 20.000 Kilometern – selbst wenn Montag Ruhetag wäre. 

Ich finde das erschreckend, wenn man bedenkt, dass der Heizpilz in der Gastronomie des Rhein-Main-Gebiets zum Standard wurde, als vor 13 Jahren das hessische Rauchverbot in Kraft trat. Das ist dreifach tragisch. Die Gastronomen wollten die Raucher verständlicherweise nicht an die kleinen Lokale verlieren, in denen noch geraucht werden darf, erhöhen dadurch ihre Ausgaben – ein Heizpilz mit 12 Kilowatt verbraucht stündlich zirka 1.000 Gramm Gas; bei unserem Rechenbeispiel kommen da jährlich über 1.800 Euro Kosten zusammen –, schädigen als Nebeneffekt die Umwelt und erschweren ungewollt genau das, was mit dem Nichtraucherschutzgesetz auch erreicht werden kann: Menschen vom Rauchen abzubringen. Erfreulicherweise hat das insbesondere die regelmäßig erhöhte Tabaksteuer nicht abhalten können, den gewünschten Effekt zu erreichen. Gut 14 Milliarden Euro Steuereinnahmen durch Raucher stehen jedoch 80 Milliarden direkten und indirekten Kosten des Gesundheitssystems gegenüber, wie eine Studie des Deutschen Krebsforschungszentrums 2015 vorgerechnet hatte. Heute kostet eine Schachtel mit 20 Zigaretten sieben Euro, gut 29 müsste sie kosten, wenn die verursachten Schäden ausgeglichen werden sollen. Aber ich schweife ab. Zurück zum Heizpilz. 

Als die Corona-Pandemie begann, geriet nicht nur mein Thema für die Kolumne, sondern auch der Plan zur Verbannung von Heizpilzen in der Gastronomie in den Hintergrund und die Eindämmung der Virusverbreitung rückte in den Fokus. Kürzlich stellte das Ordnungsdezernat klar, dass die Nutzung zur Unterstützung der Gastronomie auch weiter erlaubt bliebe. In Städten wie Nürnberg, Tübingen und Hannover war die Nutzung von Heizpilzen untersagt, in anderen wie München und Berlin galten zumindest Beschränkungen. Nürnberg hat das Verbot inzwischen ausgesetzt, und auch in den anderen Städten wird darüber diskutiert. 

Am Montag plane ich auf der Zeil zum Mittagessen zu gehen. Maskiert werde ich zum Restaurant gehen und im Freien sitzen, um möglichst wenig Aerosolen ausgesetzt zu sein. Welche Möglichkeiten hat eine Gastronomin oder ein Gastronom, mir den Aufenthalt möglichst warm zu machen? Eine Decke? Sie würde nach meiner Nutzung, um dem Hygienekonzept Folge zu leisten, keinem weiteren Gast gegeben werden können, sondern müsste gewaschen werden. Sicher keine Alternative in Anbetracht des Verbrauchs einer Waschmaschine. Also bleibt nur der Heizpilz, denn wer friert schon gerne. Wir sind in einer Ausnahmesituation. Wir müssen es der Gastronomie ermöglichen, trotz durch die Abstandsregelung verringerter Zahl an Plätzen ein Einkommen zu generieren, das die Betreiber vor dem wirtschaftlichen Zusammenbruch rettet. Gut eine halbe Million Menschen sind in Deutschland in der Gastronomie beschäftigt. Gingen zwanzig Prozent von ihnen in die Arbeitslosigkeit kostete das den Staat 1,2 Milliarden Euro im Jahr, vom durchschnittlichen Arbeitslosengeld von eintausend Euro monatlich ausgehend. Diese Summe beispielsweise bei https://www.iplantatree.org/ in das Pflanzen von Bäumen investiert, entspräche über 400 Millionen Bäumen. Was will ich damit sagen? Sollte ich Montag unter einem Heizpilz sitzen, lasse ich anderenorts einen Baum pflanzen. Die drei Euro sind mir der Gastronom und die Umwelt mindestens wert.

Bildrechte: Urban Explorer Hamburg - Heizpilz am Waldesrand auf flickr, CC BY 2.0

Dienstag, 4. August 2020

Der Wasserstoff, aus dem die Helden sind

Der Wasserstoff, aus dem die Helden sind
Der Wasserstoff, aus dem die Helden sind

Ich bin sicher, dass manches nur deshalb nicht optimal läuft, weil die mit den besten Ideen nur in den seltensten Fällen auch die mit dem meisten Geld oder der erfolgreichsten Lobby-Arbeit sind. Wie damals bei der VHS-Kassette – die vor 1995 geborenen werden sich erinnern. Betamax hatte die bessere Qualität, Video 2000 ein Vielfaches an Aufzeichnungskapazität und dennoch setzte sich JVCs Video Home System (VHS) durch. Warum? JVC hatte mit Geld gelockt – in Form günstigerer Lizenzgebühren – und sofort mit der Pornofilmindustrie geliebäugelt. „Geiz ist geil“ bekommt da eine ganz andere Konnotation und ist offenbar ein Erfolgsrezept. Ähnlich läuft es bei mit Wasserstoff betriebenen Fahrzeugen. Bereits 1804 hatte Isaac de Rivaz den ersten Wagen mit Wasserstoff-Verbrennungsmotor entwickelt, doch selbst das 35 Jahre später entwickelte erste Elektrofahrzeug von Robert Anderson konnte nicht verhindern, dass sich der ein viertel Jahrhundert später patentierte Ottomotor durchsetzte. Weil Carl Benz‘ Patent-Motorwagen Nummer 1 damals diese Technik gewählt hatte. 

Wie könnte die Welt heute sein, wenn der erfolgreiche Badener auf Wasserstofftechnologie gesetzt und diese sich dadurch kontinuierlich weiterentwickelt hätte? Möglicherweise wäre der überwiegende Großteil des Verkehrs nahezu emissionsfrei, und wir hätten nicht in den Jahren seit der Erfindung des Automobils allein in Deutschland bis zu 30 Tonnen Kohlendioxid in die Luft geblasen. Vielleicht wären Wasser-, Windkraft- und Solaranlagen heute durchgängig fähig, ihre überschüssige Energie durch die Gewinnung des energiereichen Gases aus Wasser zu speichern, statt sie einfach ungenutzt verpuffen zu lassen. Ganz gewiss wäre heute das wasserstoffbetriebene Fahrzeug günstiger als das Benzin- oder Dieselfahrzeug, und einen Sportwagen emissionsfrei zu fahren, würde von der Scham, die Umwelt damit zu schädigen, befreit sein. Selbst einen Begriff wie Flugscham würde man in dieser Welt umsonst im Duden suchen. Denn während in unserer das erste Wasserstoffflugzeug im Jahr 2016 testweise in Deutschland mit Erfolg abgehoben war – die Hy4 des Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt –, wären in meiner Wasserstoffutopie Linienmaschinen unterwegs. Die gesamte Energiegewinnung würde sich auf Wasserstoff konzentrieren: Industrie, Haushalte, Handel und Gewerbe – sie alle würden nicht mit fossilen Brennstoffen arbeiten.  Erneuerbare Energiequellen würden den nötigen Strom erzeugen, um Wasserstoff zu gewinnen, mit dem die Elektromotoren der Welt betrieben würden. Das würde zwangsläufig dazu führen, dass der Mensch in meiner Utopie nur den Kopf darüber schütteln würde, wie ineffizient die Elektromotoren und wie riesig die Akkus in unserer aus dessen Sicht dystopischen Spiegelwelt doch sind. In Saudi-Arabien würde kein Öl gefördert, sondern von Solarmodulen, soweit das Auge reicht, dominiert sein. Der Ruhrpott wäre nicht für seine kohlegeschwärzten Kumpels bekannt, sondern für die Rhein-Ruhr-Wassergas AG. „Hambi bleibt!“ wäre kein Slogan. Greta Thunberg hätte früher Abitur gemacht, denn das Wort Klimakrise würde in der Weltpolitik unbekannt sein. Ich selbst würde jährlich zahlreiche Fernreisen unternehmen – natürlich mit dem Flugzeug, und Eisbären in ihren unendlichen Jagdgründen beim Robbenfang zuschauen, derweil mein flotter Sportwagen ganz sexy in der Garage auf mich wartet. 

Was mache ich stattdessen? Ich trauere der Videokassette nach, während ich bei 30 Grad in meinem Dachgeschoss Texte für Kolumnen schreibe.


Bildrechte: High Contrast - Eigenes Werk, CC BY 3.0 de

Dienstag, 14. April 2020

Keine Krise wie die andere

Keine Krise wie die andere
Ja, ich weiß. Das ist die dritte Kolumne in Folge, die sich um Corona dreht. Ich verspreche, ich werde bald wieder von etwas anderem schreiben. Vogelgrippe, Schweinegrippe, Ebola, EHEC, es gibt so viele Themen. Ich muss jedoch noch einmal davon schreiben, denn ich finde so viele in den Sozialen Netzwerken, die zurecht fordern, dass Krisen, insbesondere die Klimakrise, gleichbehandelt werden sollen. 

Unter dem Hashtag #netzstreikfuersklima ist Fridays for Future, die durch Corona auch nicht mehr auf der Straße für den Paradigmenwechsel in der Klimapolitik demonstrieren können, in die virtuelle Öffentlichkeit gewechselt. Frei von Ansteckungsgefahr für die Teilnehmenden! Die Forderung ist absolut gerechtfertigt, denn gerade die Klimakrise bedroht die Menschheit wie keine andere jemals zuvor in ihrer Geschichte. Sie könnte das sein, was möglicherweise jener Meteor vor Millionen von Jahren für die Dinosaurier war. Und damit tritt bereits ein klarer Unterschied zutage. Der Dinosaurier von damals stand nicht an seinem riesigen Weltraumteleskop und hatte den Steinbrocken nahen sehen. Es kamen zum Ende der Kreidezeit nicht alle Riesenechsen zusammen und berieten sich, wie der Aufprall zu verhindern sein könnte. In Angesichts der nahenden Gefahr hätten sich die Argentinosaurier, die Diplodocus und Brontosaurier und alle weiteren gewichtigen Artgenossen in völliger Einigkeit entschlossen haben können, die westliche Hemisphäre aufzusuchen. Der Supersaurus hätte bis drei gezählt, dann wäre die komplette dinosaurische Lebendmasse gleichzeitig hochgesprungen und hätte die Weltkugel beim Aufkommen kurzfristig aus der Bahn springen lassen. Der Meteor wäre vorbeigerauscht, dann hätte sich dasselbe auf der Ostseite wiederholt und das Leben wäre wieder in gewohnten Bahnen verlaufen. Der T-Rex hätte seine kurzen Ärmchen zum Mittelfingerzeigen gen Himmel erhoben und dem Verglühen eines Sternenschweifs lächelnd zugeschaut. Auch wenn die Weltpolitik in Sachen Klima dieselbe Behäbigkeit wie ein Brachiosaurus aufweist – jede Krise ist anders. 

Die Klimakrise ist wie das Rauchen. Man weiß, dass es schädlich ist, aber weil es viele machen, man noch bei niemanden nach dem Schmauchen Zungenkrebs hat sich entwickeln sehen und ja außerdem der Heesters auch als Raucher über 100 geworden ist, raucht man eben weiter. Das Coronavirus ist eher wie ein Laster mit Zigaretten, der seit China beschleunigt und nun ohne Bremsen auf uns zurast. Da weicht man schnell mal aus und ruft auch gerne: "Achtung, ein Laster. Bleibt von der Straße fern!" Man reagiert, indem man sein Leben genügsamer lebt – schließlich hält auch das Toilettenpapier nicht ewig. Das Problem ist nur, sobald der Laster sauber eingeparkt ist, öffnen wir den Laderaum... und rauchen erstmal eine! Keine Krise ist wie die andere.

Auf die Klimakrise muss dauerhaft reagiert werden und sie ist noch zu abstrakt. Wissenschaftler können sich ja auch irren, scheint der eine andere zu denken. Bei Corona fällt es schwer, die Wissenschaft zu ignorieren, denn inzwischen kennt jeder jemanden, der Infiziert ist oder zumindest jemand Infizierten kennt. „Du, ich hab‘ Klima!“, habe ich noch niemanden sagen gehört. Dabei haben wir das doch alle.  Also bitte, glaubt der Wissenschaft. Sie irrt zwar manchmal, aber immerhin korrigiert sie sich, wenn sie es erkannt hat. Die Dinos haben ihrem Astronomussaurus nicht geglaubt, als er rief: „Leute, wir haben eine Meteorenkrise!“. Seid wie der Argentinosaurus. Seid schwer. Springt. Eins, zwei, drei, JETZT!

Dienstag, 21. Januar 2020

Das hat sich gewaschen!

Das hat sich gewaschen!
Was hat sich gewaschen und ist grün? Vielleicht ein Frosch? Möglicherweise aber auch ein Unternehmen, dass den Anschein erwecken will, sich um die ökologischen Auswirkungen seines Handelns zu scheren. Beispiele gibt es so viele. Jüngst traf sich Siemens-Chef Kaeser mit der Friday-for-Future-Aktivistin Luisa Neubauer. Eine augenscheinliche PR-Kampagne eines Unternehmens, das nur wenige Tage später mitteilte, trotz der deutlich in Australien feststellbaren Auswirkungen des Klimawandels an seiner Beteiligung am Bau des größten Kohlekraftwerks der Welt ebenda festzuhalten.

Schauen wir auf die zahlreichen Supermärkte, die Plastiktüten aus dem Sortiment nehmen und dafür Papiertüten ins Programm, von denen bekannt ist, dass sie durch den höheren Energieverbrauch bei der Produktion sogar mehr CO2 freisetzen als ihre erdölbasierten Geschwister. Um das auszugleichen, steht auf der Tüte „goes green“. Habe ich meinen Stoffbeutel vergessen mitzubringen, kann ich dadurch dennoch nach außen zeigen, wie ernst ich es mit der Natur nehme. 

Oder McDonalds. Seit einem dreiviertel Jahr hat die Fast-Food-Kette einen veganen Burger im Programm. Ist Ronald McDonald nun ein Öko? Oder könnte es nicht vielmehr damit zu tun haben, dass der Konzern seit Jahren Umsatzrückgänge erleidet und sich einen Zugang zur durchaus potenten Käuferschicht der Veganer und Vegetarier verschaffen will? Im Jahr 2019 verdienten rund 15,7 Prozent derer zwischen 1.000 und 1.500 Euro im Monat; in der deutschen Bevölkerung insgesamt waren es 18,3 Prozent. Das erklärt, weshalb vegane Produkte deutlich teurer verkauft werden können. Beispielsweise kostet die Geflügelfleischwurst von Wiesenhof 6,20 Euro je Kilo, die vegetarische Alternative schlägt mit 14,20 Euro zu Buche. Und das obwohl zu erwarten ist, dass die pflanzlichen Zutaten zur Herstellung günstiger sind als die tierischen. Auch Rügenwalder-Chef Röben hat das erkannt und baut sein Sortiment merklich um. Doch ist das schlecht? Zum Stichtag 3. November 2019 wurden in Deutschland 25,9 Millionen Schweine gehalten. Das sind zwei Prozent weniger als im Vorjahr. 11,6 Millionen Rinder gab es und damit sogar 2,5 Prozent weniger. Auch die Mengen an Geflügel haben sich um ein Prozent reduziert, lässt sich auf der Homepage des Statistischen Bundesamtes recherchieren. Ist das noch Greenwashing? Millionen Tiere, die weniger leiden müssen und dafür müssen wir nur ein paar Euro mehr ausgeben, um uns mit einer Veggi-Wurst ebenfalls moralisch grün zu waschen. Oder nehmen wir Ökostrom. Meinen letzten Anbieter habe ich gewechselt, nachdem ich mir die Beteiligungen angeschaut hatte und feststellen musste, welche Muttergesellschaft die Gewinne einstreicht, nämlich jene, die an anderer Stelle viel Energie darauf verwandte, den Hambacher Forst abzuholzen.

Und damit schließt sich der Kreis. Ich habe mit dem weltgrößten Kohlekraftwerk gestartet und bin nun bei Deutschlands größtem Energieversorger gelandet. Mit dem möchte ich jedoch nicht enden, sondern mit meiner Antwort auf die Frage der Einordnung von Greenwashing. Nicht alles, was grün aussieht, ist auch grün. Man muss hinterfragen und darf nie müde werden, sich zu informieren. Ein Konzern, der seine Angebot zu Gunsten ökologischer Alternativen umbaut, betreibt das Waschen vermutlich mehr mit dem Ziel, sauberer zu werden. Einer, der sein Angebot nur ergänzt, hat wohl eher das Ziel, Image und Gewinn zu steigern. Wie überall im Leben also: Es ist nicht alles Gold, was glänzt, und grün schon gar nicht.

Dienstag, 7. Januar 2020

Neue gute Vorsätze!

Neue gute Vorsätze! 
Bevor die Gäste abends am Jahresletzten kamen, schmökerte ich im „Bank Spiegel“. Auf Seite zehn stolperte ich über ein Interview mit Thomas Friemel, dem Gründer des Wirtschaftsmagazins enorm, und blieb bei folgendem Zitat hängen: „Ob wir unverpackt einkaufen, auf Plastik und Fleisch verzichten, Mitglied einer solidarischen Landwirtschaft werden, aufs Fliegen und sogar aufs Auto verzichten – allein hat das natürlich so gut wie keine Auswirkung auf das Weltklima.“ Das stimmte mich nachdenklich! Als wir dann am Silvesterabend zusammensaßen, tauschten wir uns natürlich auch darüber und unsere guten Vorsätze für das neue Jahr aus. Eine Freundin sagte, sie habe sich am Nachmittag ihre letztjährige Liste an Neujahrsvorsätzen angeschaut und feststellen müssen, dass sie nicht einen ihrer Punkte erfüllt hatte. Ist das bedeutungslos für die Umwelt? Ich dachte über meine eigenen Vorsätze für 2019 nach und konnte mich nicht erinnern. Wollte ich meine Ginkgo biloba regelmäßiger nehmen? Hatte ich wohl vergessen! Ha, Ha! (Mein Vorsatz sollte sein, weniger schlechte Witze zu machen!) Ich war mir allerdings sicher, ich hatte keine.

Zum Glück schreibe ich diese Kolumne und kann einfach in meinem Beitrag von letztem Neujahr nachlesen: Tatsächlich hatte ich mir vorgenommen, nicht ganz so verbissen an meine Umweltthemen heranzugehen. Ich muss nun zugeben, auch ich habe meine guten Vorsätze für das letzte Jahr nicht erfüllt. Es fiel mir tatsächlich schwer, es locker zu sehen. In 2019 war der drittheißeste Sommer, erstmals wurde die 42 Grad-Marke in Deutschland überschritten. Dazu kam extreme Trockenheit. Und für das neue Jahr sieht es nicht besser aus. Große Hitze mit Temperaturen jenseits der 40 Grad sollen den Sommer erneut im Griff haben. Ja, ich bin ein Gegner der Klimakrise! In der Strahlungswärme dieser Fakten und Prognosen sagte ich zu mehr Vorträgen und Workshops zu als je zuvor. Auch mein eigenes Leben hatte ich ökologisch weiter optimiert – weniger Müll, weniger Konsum, mehr Fahrten mit dem ÖPNV.

Zurück zu Herrn Friemel! Natürlich ging das Zitat weiter, und zwar dahingehend, dass es wichtig sei, dass „jede*r Einzelne von uns entsprechende Schritte unternimmt“, weil eben nur so ein Systemwechsel möglich ist. Drei bis fünf Prozent einer Gesellschaft brauche es, damit „ein System kippt“, sagt der Sozialpsychologe Professor Harald Welzer, und Albert Schweitzer ergänzt: „Das gute Beispiel ist nicht eine Möglichkeit, andere Menschen zu beeinflussen, es ist die einzige." Mein guter Vorsatz für dieses Jahr kann also nur einer sein: Weiter an mir zu arbeiten und mit Glück, andere zu inspirieren. Die richtigen politischen Entscheidungen zu treffen, benötigt einen entsprechenden Nährboden. Wenn ich nicht weiß, wie die derzeitige Milch- und Fleischwirtschaft, unser Individualverkehr oder unsere Wegwerfgesellschaft auf das Klima wirken, werde ich weder meinem Leben eine zukunftsfähige Richtung geben, noch bei der nächsten Wahl das Kreuz an der richtigen Stelle setzen.

Wir können nicht mehr so leben wie in meiner Kindheit. Mit nur einer halb so großen Weltbevölkerung war es leicht, verschwenderisch mit unseren Ressourcen umzugehen. Als Kind wurden mir und meinen Freunden immer vorgegeben, wir sollen unsere Teller leer essen, damit die Sonne scheint. Was haben wir heute davon? Übergewicht und die Klimaerwärmung. Zum Glück habe ich mir den Schlechte-Witze-Vorsatz doch nicht geschworen. Ich hätte ihn schon gebrochen. Ha, ha! Ich wünsche ein frohes neues Jahr und ein grüneres 2020! 

Dienstag, 15. Oktober 2019

Trotz Greta Thunberg und Fridays for Future steigen die Passagierzahlen - Hamsterkäufe in der Luft?

Hamsterkäufe in der Luft

Eigentlich will ich in aller Ruhe einen Klassiker auf meinem Laptop schauen: Steven Soderberghs Katastrophenfilm Contagion. Leider vergesse ich die Benachrichtigungsfunktion meines Browsers zu deaktivieren, und gerade als ein das ganze Leben auf der Welt bedrohendes Virus ausbricht, poppt eine Meldung auf, der ich nicht widerstehen kann: Die Fluggesellschaften konnten sich trotz Greta Thunberg, Fridays-for-Future und all der Medienpräsenz des Themas Klimawandel gestiegener Passagierzahlen erfreuen. Ich blicke zum Fenster hinaus, und die Aussicht scheint das zu bejahen.  Die weitläufigen Cirruswolkenlinien zeigen, dass all das wohl zwar eine Wirkung auf die Bundesregierung hatte – wenn auch, gemessen am minimalinvasiven Klimapaket, nicht allzu viel –, aber offenbar auf den Bundesbürger nicht merklich. Woran liegt das?, frage ich mich, während Gwyneth Paltrow vor mir um ihr Leben kämpft. 

Ein Freund erzählte kürzlich von jemandem, der unbedingt noch eine Kreuzfahrt buchen wolle, solange es noch möglich sei, und während der logische Bruch seiner Entscheidung vor meinem geistigen Auge Gestalt anzunehmen beginnt, wird auf dem Monitor ein Supermarkt geplündert. Die Menschheit steht vor ihrem Virus-Ende, und Hamsterkäufe unter Umgehung des Bezahlvorgangs setzen ein. Da fällt es mir wie CO2 aus den Flugzeugturbinen! Was die Rheinische Post da beschreibt, sind nichts Anderes als Hamsterkäufe in der Luft. Jedem Fluggast ist so klar wie die Sicht in zehntausend Metern Höhe, dass wir uns in einer lebensbedrohlichen Situation befinden. Also kaufen sie sich rasch noch das, was es bald nicht mehr geben wird. Flugscham wird mit aller Gewalt in eine verstaubte Ecke des Gewissens gedrückt. Wir alle wollen ja, dass wir auch in fünfzig Jahren noch in dieser einen Welt leben können, und es wäre töricht anzunehmen, dass wir nicht auch noch das Letzte, was in unserer Macht steht, tun würden, um das zu erreichen. Nun ist es aber so, dass all diese Flugzeuge immer noch fliegen und bald vielleicht nicht mehr, denn die CO2-Steuer macht das Fliegen alsbald unwirtschaftlich – zugegeben: Nicht durch dieses Klimapaket, aber wer weiß –, also kaufen wir rasch noch den Supermarkt der Lüfte leer, denn wenn sich erst der Vorhang aus Kondensstreifen gelichtet hat, wer weiß, ob der klare Himmel dahinter in Zukunft je wieder ein Flugzeug zieren wird. Ja, natürlich setzten wir dadurch eklatante Mengen an CO2-Äquivalenten frei und heizen den Klimawandel weiter an, aber wer möchte denn seinen Enkeln später im warmen Sommer berichten, dass man ebenso wie sie nie in einem Flugzeug geflogen ist. Da fliegen wir doch lieber rasch noch ein paar Mal, und können im glutheißen Sommer unseren Enkeln mal erzählen, dass wir in letzter Sekunde beispielsweise am Nordpol vorbeigeflogen waren. „Mensch, Hannes!“, sagen wir dann. „Das war ein großer Eisbrocken damals, und da waren sogar Eisbären drauf!“ „Eisbären?“, fragt der Enkel dann, während er noch etwas 100er-Sunblocker, Marke „Mitteleuropäischer Standard“, aufträgt. „Ach, armes Enkelchen!“, sagen wir uns dann. „Wie gut, dass ich noch geflogen war und dir berichten kann!“

Entspannt lehne ich mich zurück und schaue wieder Kate Winslet und dem Virus zu. Der Supermarkt dort ist inzwischen leergeräumt. Ich muss also nur warten, bis auch hier die Flughäfen leergeräumt sind und es sich ausgehamstert hat. Condor ist vielleicht schon Vorbote. Und dann beginnt sich ein Bild vor meinem geistigen Auge zu formen. Es ist wieder der logische Bruch vom Anfang.

Dienstag, 3. September 2019

Gut Holz!



Kürzlich sorgte eine Studie der ETH Zürich für Aufsehen: Das Wirksamste gegen den Klimawandel sei es, die Wälder aufzuforsten. Verrückt!, dachte ich. Wer hätte gedacht, dass Bäume, deren Holz eine Kohlenstoffverbindung ist, Kohlendioxyd (CO2) binden? Dass Bäume CO2 aus der Luft aufnehmen, mittels Photosynthese in Traubenzucker umwandeln, dessen Sauerstoff abgeben und Kohlenstoff zum Wachsen nutzen, war, seit wir im Biologieunterricht „Mein Freund, der Baum!“ gemeinsam geträllert hatten, kein wirkliches Geheimnis mehr. Spannend ist aber, dass Bäume zu pflanzen das Potenzial hat, zwei Drittel der bislang von Menschen verursachten klimaschädlichen CO2-Emissionen aufzunehmen. Von einer Milliarde Hektar – etwas mehr als die Größe der USA – sprechen wir hier. Der Raum wäre da! Bedenkt man, dass wir bereits nahezu die Hälfte der Waldfläche, die es gab, bevor der Mensch die Axt erfand, zerstört haben, käme das nahezu einer globalen Wiederaufforstung auf den Stand gleich, bevor die Römer ihre Classis-Germanica-Flotte aus unserem Baumbestand gezimmert hatten. Drei Billionen Bäume zählt die Erde, bis zu vier Billionen bräuchten wir. Schleswig-Holstein hat die Zeichen erkannt und will zum Tag der Deutschen Einheit eine neue Tradition ins Leben rufen: Jeder Deutsche soll am 3. Oktober einen Baum pflanzen.

Im Durchschnitt können wir mit zehn Kilogramm CO2-Bindung pro Baum und Jahr rechnen. In den Tropen liegt dieser Wert um ein Vielfaches höher, und gerade dort, speziell in Brasilien, wird gerodet, was die Säge hergibt. Da der Bestand des Regenwaldes die ganze Welt betrifft, wurde der Amazonas-Fonds eingerichtet. Dennoch ist die Abholzungsrate, seit Bolsonaro an der Macht ist, dramatisch gestiegen. Pro Minute geht die Fläche von drei Fußballfeldern verloren. Für dieses Jahr wird ein Anstieg der Rate um 45 Prozent im Vergleich zum Vorjahr erwartet. Während Bolsonaro „Fake-News“ ruft und sich zum Opfer von Umweltverbänden stilisiert, haben Deutschland und Norwegen ihre Mittel im Fonds eingefroren. Brasiliens kontert, Norwegen jage dafür Wale, und ich sage: Willkommen im Kindergarten! Wir verlieren weltweit fünfzehn Milliarden Bäume pro Jahr durch Abholzung. Doch es geht nicht nur um CO2: Pro Tag kann ein großer Baum bis zu 370 Liter Wasser aus dem Boden aufnehmen, in die Atmosphäre freisetzen und so für Niederschläge sorgen. Durch das Verdampfen von Regenwasser auf den Blättern wird weitere Wolkenbildung und neuer Niederschlag verursacht – bereits das verursacht rund 40 Prozent unseres Regens. Bäume kühlen zudem die Erde, indem sie durch die Bildung von Aerosolen die Entstehung von Wolken fördern, die einfallende Sonnenstrahlen reflektieren. Ein Teufelskreis für die Erderwärmung, wenn der Waldbestand weiter schrumpft.

Was hat der Wald mit unserer Lebensweise zu tun? Zwei Beispiele: Bei der Rinderhaltung entstehen für ein Kilogramm Fleisch Gase mit einer Treibhauswirkung von etwa 36 Kilogramm CO2. Gut neun Kilogramm essen wir im Schnitt jährlich – das sind 324 Kilogramm. Eine 250 Kilometerstrecke mit einem durchschnittlichen Auto führt zu einer Emission von gut vierzig Kilogramm CO2. Etwa 12.000 Kilometer legen wir jährlich im Schnitt mit dem Auto zurück – das sind 1.920 Kilogramm. 224 Bäume bräuchte es folglich allein zum Ausgleich von Rindersteaks und Individualverkehr. Das ergibt viel Arbeit am 3. Oktober – oder wir essen zwischendurch mal vegetarisch und fahren öfter mal mit der Bahn. Dann muss man zumindest etwas weniger Erde unter den Nägeln entfernen!

Dienstag, 11. Juni 2019

Der Umwelt-Killer E-Auto



Die Klimadebatte ist aufgeheizt – ganz passend zum Klima. Immer öfter sieht man Fotos von chilenischen Bauern vor leeren Brunnen, Videos von verheerten Landstrichen in Argentinien und bekommt chinesische Minenarbeiter im Kindesalter präsentiert. Es geht um den Lithium-Abbau, und über den Bildern steht sinngemäß dieselbe Überschrift: „Das Elektro-Auto zerstört die Umwelt!“ Schließlich werden für den Betrieb Akkus benötigt, in denen Lithium enthalten ist. 
Ganz fair ist das natürlich nicht, denn es erweckt den Anschein, als hätte ein pseudo-grüner Ökoteufel den Abbau für sein diabolisches Gefährt überhaupt erst in Gang gesetzt. Tatsächlich werden nur gut 37 Prozent für Akkumulatoren genutzt, der Rest für zahlreiche andere Zwecke, von der Produktion von Glas und Keramik bis hin zum Einsatz in Antidepressiva. Auch werden die Akkumulatoren nicht zur Gänze von der Autoindustrie genutzt. Tablets, Smartphones, PCs, Akkuschrauber bis hin zur E-Zigarette nutzen Lithium-Ionen-Akkus. Gerade die drei Erstgenannten muss man natürlich im Bildtext ausklammern, denn wie soll man dann noch mit gutem Gewissen ein Like für das Lithium-Abbau-Bashing vergeben. Der kleine Exkurs soll natürlich nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Bedarf für Fahrzeugakkus steigt. 2008 lag deren Anteil am Lithium-Abbau noch bei unter 20 Prozent. Das wird die eingangs geschilderten Phänomene noch verstärken, und das finde ich schrecklich. 

Doch wer glaubt, dass die alternative Überschrift „Der Otto-Motor rettet unsere Umwelt!“ zutreffend wäre, irrt. Da muss man sich nur die zahlreichen Ölunfälle in Erinnerung rufen, die ganze Meeresregionen und Landstriche verheert haben. Wer glaubt, dass die Einflüsse der Erdölnutzung auf die Umwelt nur bei Katastrophen auftreten, sollte nach Nigeria in Verbindung mit dem Suchbegriff Erdöl googeln, um einen Eindruck zu gewinnen. Allein die vor über 15 Jahren gebaute Kamerun-Tschad-Ölpipeline hat so viel unberührte Waldregionen und Wasserquellen der ansässigen Bevölkerung zerstört und beeinflusst sie noch immer, dass das durchaus ein paar Videos und Bilder parallel zu denen des Lithium-Abbaus wert wäre. Was ist das Fazit aus allem? Es ist nicht das E-Auto, das die Umwelt zerstört. Es ist auch nicht der Benziner oder Diesel. Es sind unser Konsumverhalten und die Verwechselung von Fahrzeugbesitz mit Freiheit. 64,8 Millionen Fahrzeuge sind allein in Deutschland zugelassen. Das sind 692 Kfz je 1.000 Einwohner. Vor zehn Jahren waren es noch 55,4 Millionen, und die Fahrzeugdichte lag bei 503. Ich sage nicht, dass der Besitz eines Fahrzeuges abzulehnen ist. Ich habe selbst viele Jahre auf dem Land gelebt, und auch vom Städtchen Friedberg ins Land zu kommen, ist manchmal ohne Auto ein Abenteuer. 

Im Durchschnitt steht ein Fahrzeug jedoch 95% der Zeit, das sind 23 Stunden am Tag. Es ist an der Zeit, das zu überdenken! Die Förderung von Carsharing-Systemen mit Keyless Vehicle Entry kann die Lösung sein. Fahrzeuge, die per App lokalisiert, schlüssellos mit einem Code geöffnet und genutzt und dann einfach am Zielort abgestellt werden können, wo sie anderen zur Verfügung stehen. Kein persönlicher Besitz, nur bedarfsgerechte Nutzung. Das würde den privaten Fahrzeugbestand massiv reduzieren, ohne Freiheiten einzuschränken. Ressourcenschonung ohne Mobilitätseinschränkung. Dann wäre es auch gleich, ob ich einen Otto- oder einen E-Motor im Fahrzeug habe. Und keine Sorge: Das Smartphone zur Buchung zu nutzen, fällt nicht ins Gewicht. Von denen gibt es fast so viele wie Autos.

Bildquelle: Von Nissan_LEAF_got_thirsty.jpg: evgonetwork (eVgo Network). Original image was trimmed and retouched (lighting and color tones) by User:Mariordoderivative work: Mariordo (talk) - Diese Datei wurde von diesem Werk abgeleitet: Nissan LEAF got thirsty.jpg:, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=18091826

Dienstag, 30. April 2019

Prima Klimaschüler


Die sollten mal lieber in die Schule gehen, statt zu schwänzen, oder wenigstens ins Internet. Dann würden die sehen, dass es gar keinen Beweis für den Klimawandel gibt. Die Wissenschaftler sind sich nämlich selbst nicht einig. Das Klima hat sich ja schon immer verändert, und daran ist nicht der Mensch Schuld. Wir könnten also gar nichts gegen den Klimawandel machen. Und Schüler schon gar nicht. Wer zahlt denn die CO2-Steuer der Klimadikatur? Die Schüler? Bestimmt nicht. Das sind wir.

So und so ähnlich klingt das bei einigen, wenn „Fridays for future“ zur Sprache kommt. Dann versuchen Menschen, die im Internet lesen, das, was sie von Menschen, die im Internet schreiben, gelesen haben, denen zu beschreiben, die zu diesem Zeitpunkt eigentlich nur sagen wollten, wie stolz sie auf ihr engagiertes Kind sind.

Laie trifft auf Laie und verschießt, was ein anderer Laie im Internet aus allen möglichen Quellen zusammengesucht hat, um seine Meinung vom nicht menschgemachten Klimawandel zu stützen. Im besten Fall liest er auf der Seite eines echten Klimaforschers, der aber eine Mindermeinung vertritt oder zumindest ein Studienergebnis präsentiert, das weiterer Forschung bedarf. Wissenschaft existriert durch Theorien, die immer wieder Überprüfungen ausgesetzt sind. Absolute Wahrheit ist nicht ihr Anspruch – den gibt es nur in der Theologie. Ich bin ebenfalls Laie, wenn es um Klimaforschung geht. Ich muss jedoch nicht alle Fakten des Klimawandels kennen, um die Argumente eines Klimaleugners zu entkräften. Ich muss ja auch kein Wasserkraftwerk bauen können, um zu wissen, dass es mir saubere Energie liefert. Wichtig ist: Der Klimawandel findet unstrittig statt, daran zweifeln auch die Seriösen unter den Klimaleugnern nicht, und das unerwartete Ausmaß ist aller Wahrscheinlichkeit nach menschgemacht. Davon ist die erdrückende Mehrheit der Forscherinnen und Forscher überzeugt, und ihre Arbeiten sprechen dieselbe Sprache.

Wenn der Klimaleugner nun sagt, es handele sich um eine Verschwörung, und er sei Teil jener, die einzig die Wahrheit erkennen – also Teil jenes Kreises von wenigen Prozent der Wissenschaftler ist, der den Menschen nicht für verantwortlich erachtet –, dann stellt sich die Frage, die sich jeder Skeptiker stellen sollte: Cui bono! Wer profitierte von der vermeintlichen Lüge der menschgemachten Klimaerwärmung dermaßen, dass er es schafft, mit Gewinn fast die gesamte Forscherwelt zu bestechen. Hersteller von Solartechnik und E-Autos? Oder gar diese weltverbessernden Veganer? Unwahrscheinlich! Wem die Leugnung dahingegen etwas nützte, das wären die mächtigen Ölkonzerne, und ich bin mir sicher, die wären erfolgreicher, wenn es darum ginge, ihre Billiarden zu sichern.

Für die Folgen des Klimawandels zahlen wir auf jeden Fall – entweder heute kalkuliert oder in der Zukunft in unberechnenbarer Höhe, weshalb ich als Poetry Slammer auch gerne mit einem Zitat des zweifachen Siegers der deutschsprachigen Poetry-Slam-Meisterschaften Marc-Uwe Kling abschließen möchte: „Ja, wir könnten jetzt was gegen den Klimawandel tun, aber wenn wir dann in 50 Jahren feststellen würden, dass sich alle Wissenschaftler doch vertan haben und es gar keine Klimaerwärmung gibt, dann hätten wir völlig ohne Grund dafür gesorgt, dass man selbst in den Städten die Luft wieder atmen kann, dass die Flüsse nicht mehr giftig sind, dass Autos weder Krach machen noch stinken und dass wir nicht mehr abhängig sind von Diktatoren und deren Ölvorkommen. Da würden wir uns schön ärgern.“ 

Dienstag, 18. September 2018

Kohleenergie, der Hambacher Wald und die Zukunft



Der Umgang mit dem Hambacher Forst offenbart die Janusgesichtigkeit unserer Regierung, die sich einerseits bei der Weltklimakonferenz regelmäßig als moralische Instanz installiert, andererseits trotz Ausstiegsbestrebung aus dem Braunkohlebbau die Förderung des größten Emittenten von Klimagasen unter den Energieträgern last minute noch forciert. Es scheint die Devis zu gelten: „Ja, wir steigen aus der Kohleenergie aus … aber vorher wirtschaften wir alle Vorkommen, die wir finden, noch ab!“ Die Umweltpolitik ordnet sich der Kohlewirtschaft unter, und das ist ein Denkfehler: Die Umwelt funktioniert auch ohne die Wirtschaft, die Wirtschaft jedoch nicht ohne.

Was also tun?
Der erste Schritt kann sein, die eigene demokratische Macht zu nutzen und eine der Petitionen oder alle zu unterzeichnen, die sich mit jener Ambivalenz unserer Landes- und Bundespolitik und Konkret mit RWE befassen. 

Hier ist eine Auswahl der größten:

Weiter können wir mit der Wahl eines Bankinstituts für unsere Girokonten, das nicht in fossile Energien investiert wie die GLS-, Ethik- oder Ökobank, auf die Kohleindustrie wirken und, wenn wir ohnehin Erspartes anlegen, regenerative Energien fördern.

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Deutschland ist mit 322,5 Millionen Öleinheiten der siebtgrößte Verbraucher von Primärenergie weltweit – relativ wenig im Vergleich zu Großverbrauchern wie China und die USA, doch der Vergleich mit der Liste der Länder mit dem größten Bruttoinlandsprodukt zeigt: Der Energieverbrauch ist stark gekoppelt mit der Wirtschaftskraft eines Landes. Eine hohe Wirtschaftskraft verursacht zwar hohe Energieverbräuche, doch erst sie ermöglicht es, in alternative Energiegewinnung zu investieren – zumindest dann, wenn es politisch möglich gemacht wird. Und hier scheint der Hund begraben zu liegen. Deutschland kann seine Klimaziele für das Jahr 2020 nicht erreichen, hat eine Deckelung für die Energiegewinnung durch Solarstromanlagen (2,5 MW) ebenso eingeführt wie für Onshore-Windkraftanlagen (2,8 MW). Das verunsichert inländische und gerade ausländische Investoren, und Länder wie China und Indien überholen den ehemaligen Vorreiter in Sachen Klimaschutz. Während Deutschland Umweltschützer von den Bäumen holt und sich wundert, dass Investitionen in Forschung, Produktion und Ausbau von Sonnen-, Wind- und Wasserkraft um ein Drittel zurückgegangen sind, stecken Investoren mittlerweile über 60 Prozent der 300 Milliarden, die jährlich in die alternative Energiegewinnung fließen, nach Asien, Südamerika oder Indien. Allein im letzten Jahr installierte China Solarenergieanlagen mit der Kapazität der Hälfte der weltweit installierten Anlagen.
Das soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir unseren Anteil erneuerbarer Energien beinahe kontinuierlich von der Jahrtausendwende auf heute von einem Zwanzigstel auf ein Achtel gesteigert haben und unser Strommix inzwischen zu fast einem Drittel aus alternativen Energien besteht, aber auch aufzeigen, dass deutlich mehr möglich wäre.

Was also tun?
Der zweite Schritt kann sein, bei den Bundes- und Landtagswahlen die richtigen Kreuze zu machen. Der Wahl-o-mat kann helfen, die richtigen Entscheidungen zu treffen - gerade für die bevorstehenden Landtagswahlen in Hessen und Bayern.

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In den letzten 25 Jahren hat sich die Bruttostromerzeugung durch Braunkohle faktisch nicht verändert. Sie lag im Jahr 1993 bei 148 TWh und deckt sich mit dem letztjährigen Wert. Die starke Erhöhung der Energie aus erneuerbaren Quellen im letzten viertel Jahrhundert diente primär dem Ersatz von Kernenergie und der Deckung unseres Mehrverbrauchs, der seitdem um satte 24 % angestiegen ist (127 TWh). Den Großteil der Energie verbraucht die Industrie, gut ein Viertel fällt auf die Privathaushalte. 
Ein Ein-Personen-Haushalt verbraucht ca. 1.500 KWh im Jahr allein für Elektronik – 400 KWh kommen für Raumwärme, Warmwasser und Beleuchtung hinzu.  Insgesamt reduzierte sich der Gesamtenergieverbrauch der Haushalte seit dem Jahr 2010 zwar um über acht Prozent. Wie kann das jedoch sein, wo doch beispielsweise Flachbildschirm-Fernseher ihren Verbrauch seitdem gedrittelt haben, die LED-Beleuchtung, die nur noch zehn Prozent an Energie gegenüber Glühlampen benötigt, den Markt erobert hat und Kühlschränke mittlerweile mit dem Label A+++ auf dem Markt sind? Das hängt mit dem Rebound-Effekt zusammen. Während die Stromverbraucher theoretisch immer sparsamer werden, kompensieren sie einen Teil der Energiesparsamkeit über einen Zuwachs an Größe und Ausstattung und verführen über ihren Preis zudem zum Zweitgerät. So hatte der Durchschnittsfernseher vor 30 Jahren im Schnitt noch eine Bildschirmdiagonale von 72 cm, heute messen zwei Drittel der verkauften Geräte schon über 80 cm. Zudem vernetzen sie sich immer stärker über WLAN und Bluetooth mit Internet und zusätzlichen Geräten, was die potentielle Verbrauchsreduktion weiter mindert. Standen damals im Schnitt 1,4 Geräte in den deutschen Haushalten, sind es heute 1,7. Gleiches gilt für die Beispiele Beleuchtung, deren Industrie merkliche Absatzsteigerungen generiert, und Kühlschränke, die inzwischen zulasten des Stromverbrauchs ebenfalls internetfähig sind und sogar Einkaufslisten selbstständig generieren können.

Was also tun?
Der dritte Schritt kann sein, unser Konsumverhalten zu ändern. Die Industrieverbräuche bekommen wir einerseits über unser Einkaufsverhalten reduziert, zum Beispiel über die Auswahl von Herstellern, die Nachhaltigkeit in ihrer Firmenphilosophie führen, und natürlich darüber, was wir uns bei Neuerwerben zulegen – ein toller Ratgeber findet sich unter Deutschland macht‘s effizient
Andererseits können wir darüber nachdenken, ob wir wirklich alle Stromverbraucher im Haushalt benötigen: Brauche ich einen Gefrierschrank, wenn ein Supermarkt in der Nähe ist? Und gerade bei Vollwertköstlern und VeganerInnen darf sich die Frage auch stellen, ob man einen Kühlschrank braucht.
Zuletzt die üblichen Maßnahmen: Stand-by-Verbraucher wie Fernseher und WLAN-Router konsequent über Steckerleisten abschalten, defekte Leuchtmittel durch LED ersetzen, Restwärme beim Kochen und Backen nutzen, Wasser mit einem Wasserkocher und nicht auf dem Herd erhitzen ... Damit habe ich es geschafft, meinen Jahresstromverbrauch um dreiviertel (!) zu senken. Probiert’s doch auch! Und so könnt ihr euch auch locker den letzten Schritt leisten und weitere Impulse für das Wachstum regenerativer Energiegewinnung setzen: Den konsequenten Umstieg auf Ökostrom.

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Theoretisch, bei Senkung des Verbrauchs in den Privathaushalten und in Anbetracht unserer Stromexporte von gut 60 TWh, würde eine Steigerung der Energie aus regenerativen Quellen um etwas mehr als 90 TWh notwendig sein, um komplett aus der Kohle auszusteigen und so dem Klimawandel entgegenzuwirken. Ausschließlich mit der Windkraftenergie berechnet, würde das bedeuten, unsere derzeitige Zahl von gut 30.000 Windkrafträdern in Deutschland nahezu verdoppeln zu müssen, rechnen wir den Atomausstieg bis zum Jahr 2022 noch hinzu sogar fast zu verdreifachen. Das verdeutlicht, wie wichtig es ist, Deutschland als führende Wirtschaftskraft in Sachen erneuerbare Energien wieder nach vorne bringen. Denn ohne Steigerung unserer Attraktivität für Investoren und ihre Milliarden-Investitionen in Forschung und alternative Energiewirtschaft, wird der Ausstieg selbst bis zum Jahr 2045  nicht möglich sind – immerhin haben wir es in den letzten zehn Jahren gerade einmal geschafft, im Schnitt gut 900 Anlagen jährlich zu installieren. Gerade die Speicherfrage ist als Forschungs- und Investitionsprojekt von immenser Bedeutung, um erzeugte Energien auch dann nutzen zu können, wenn Überlasten bestehen, was gerade bei der Sonnenenergie die Anzahl der nötigen Anlagen merklich reduzieren würde.

Niemand kann in die Zukunft schauen! Vielleicht werden uns die Ergebnisse des ITER in den 2030er Jahren regenerative, saubere und gefahrlose Energie aus der Kernfusion bescheren und die Klimaschädlichkeit der Energiegewinnung ein für alle Mal beseitigen. Vielleicht wird Climeworks alles CO2 aus der Luft filtern und die Klimakatastrophe so verhindern. Fest steht nur eins: Sich auf Vielleichts zu verlassen, hat bislang selten zu Gutem geführt. 

Das alles also tun?
Jup! Das Schlimmste, was passieren kann, ist, dass wir „umsonst“ für eine bessere Zukunft gelebt haben. Es gibt Schlimmeres!

Dienstag, 14. August 2018

Über alles, nur nicht Klimawandel


Ich möchte nicht über den Klimawandel schreiben. Es ist viel zu heiß. Lieber schreibe ich über Ernährung. Rein pflanzliche, versteht sich. 

Rund zwei Drittel aller vom Menschen genutzten Flächen dienen der Tierhaltung. Wussten sie das? Beginnend mit dem Anbau von Futtermitteln – 40 Prozent der Weltgetreideernte und 85 Prozent der Sojaernte gehen an Nutztiere –, endend mit dem Flächenverbrauch für die Tierhaltung. Bei der Recherche fiel mir ins Auge, dass landwirtschaftlich genutzte Flächen weit weniger CO2 aus der Atmosphäre binden als die natürliche Vegetation. Rund sieben Kilo pflanzliches Protein benötigen wir im Schnitt, um ein Kilogramm tierisches Protein zu erhalten. Die nötigen Anbauflächen bringen einen extremen Flächenverbrauch mit sich, um überwiegend eine Geschmacksfrage zu befriedigen. Eine Studie von Schmidinger und Kollegen, bereits 2012 im  International Journal of Life Cycle Assessment veröffentlicht, kam zum Ergebnis, dass beispielsweise brasilianisches Rindfleisch unter Einberechnung des Flächenverbrauchs gut 25mal klimaschädlicher ist, als bisher angenommen. Eine niederländische Studie kam drei Jahre zuvor zu dem Ergebnis, dass wir uns bis zum Jahr 2050 80 Prozent der Klimastabilisierungskosten - 32 Billionen US-Dollar - sparen könnten, wenn wir auf die Nutztierhaltung verzichteten. 

Oh, jetzt schreibe ich doch über das Klima. Möchte ich nicht. Ich habe gerade 33 Grad Celsius in meiner Dachgeschosswohnung. Dann schreibe ich eben über ökologische Ernährung, wenn die Ernährung mit Fleisch offenbar doch ein Klimathema ist. Die ist zwar etwas teurer, aber dadurch, dass ich am Tierischen spare, kann ich mir das wie jede und jeder andere auch leisten. Wussten Sie, dass rund 80 Prozent der Lachgas-Emissionen in Deutschland aus der Landwirtschaft stammen? Sie war nach Daten des Umweltbundesamtes im Jahr 2016 mit einem Anteil 7,2 Prozent der zweitgrößte Verursacher von Treibhausgasen. Das Lachgas stammt aus der Verwendung mineralischer Stickstoffdünger und Wirtschaftsdünger, die beim ökologischen Landbau keinen Einsatz finden. Bio-Lebensmittel sind daher deutlich klimafreundlicher. Ein Kilogramm Kartoffeln aus konventionellem Anbau trägt nach Rahmann und Kollegen, „Klimarelevanz des ökologischen Landbaus – Stand des Wissens“, Agriculture and Forestry Research 1/2 2008, 197 g CO2-Äquivalente in die Klimabilanz ein, ein Kilogramm aus ökologischem nur 136 g (-31 %); ein Kilogramm konventionelles Rindfleisch übrigens 13.303 g und ökologisches 11.371 g – unter Einberechnung des Landverbrauchs vermutlich sogar das Doppelte.

Jetzt bin ich ja schon wieder beim Klima. Die Sonne schlägt ganz schon aufs Hirn. Ich sollte mich in den Flieger setzen und ins Kühle Island flüchten. Die Lufthansa bietet glücklicherweise vegane Mahlzeiten an und hat vor einigen Jahren als erste Fluggesellschaft weltweit den Einsatz von Biotreibstoff im regulären Flugbetrieb erprobt. Nach Daten des Umweltbundesamtes emittiert eine Flugreise übrigens 214 g Treibhausgase pro Personenkilometer (Reisebus: 32 g, Fernverkehr/Bahn: 37 g; PKW: 140 g). Wussten Sie das? Bis nach Reykjavik sind es 3.250 Kilometer und damit 695,5 Kilogramm CO2-Äquivalente pro Person. Das ist so viel wie bei 26 Kilogramm konventionellem Rindfleisch oder fünf Tonnen Kartoffeln aus ökologischem Anbau freigesetzt wird.

Vielleicht bleibe ich doch lieber zuhause, esse entspannt eine fleischlose Bio-Gemüse-Mahlzeit und schreibe etwas über das Klima. Einfacher geht es wohl nicht, etwas fürs Klima zu tun.

Dienstag, 22. Mai 2018

Am Wölfersheimer See


Letzten Mittwoch veröffentlichte der BUND seinen Gewässerreport 2018. 92 Prozent aller Flüsse und Seen in Deutschland sind in einem beklagenswerten Zustand, kommen die Autoren zum Ergebnis. Das überrascht, zumal es doch eine EU-Richtlinie gibt, die die Mitgliedsstaaten verpflichtet, bis 2015 alle Gewässer in einen guten Zustand zu bringen. Ach nein, die wurde ja bis 2027 verlängert. Irgendetwas kommt mir da bekannt vor. Was mag es wohl sein? Ach ja, da gibt es ja auch so ein Zwei-Grad-Klima-Ziel und eine Fristverlängerung unserer Bundesregierung. Wer da Parallelen sieht, ist nicht der sprichwörtliche Schelm, der Böses dabei denkt, sondern vermutlich schlichtweg jemand, der eine realistische Sicht auf unsere Zukunft hat.

Panorama Wölfersheimer See, Common Licence, Nils E.

Ich sehe die Headline in der Zeitung bereits vor mir: „92 % des Klimaziels sind nicht erreicht. Es wird Zeit, dass die Politik sich bewegt.“ Wie schön, wenn man da in einem der Acht-Prozent-Gebiete der Bundesrepublik lebt, in denen es nicht in den Sommern zu heiß, in den Wintern zu mild oder, wenn es stürmt, zu stürmisch und, wenn es regnet, überschwemmt ist – von den ganzen verheerenden Konsequenzen für die Artenvielfalt, die Besiedlung, den Landbau und so weiter abgesehen. Ich hoffe, die Wetterau ist eines dieser Gebiete. Ich möchte ungern neben unseren kritischen Seen – der Wölfersheimer See ist beispielsweise ein solcher – auch noch ein kritisches Klima in der Wetterau haben. Ist natürlich Unsinn! Klima ist kein in diesem Maße lokal abgrenzbares Phänomen, insbesondere da wir in einer Gesellschaft mit globalisiertem Handel unmittelbar von den Klimaauswirkungen überall auf der Welt betroffen sind.

Ist es in Afrika zu heiß und trocken, und es verringert sich die Kakaoernteausbeute, werden hierzulande Chocalatiers bei Lind, Ferrero und Sarotti entlassen, um die Gewinnspannen zu retten. Immerhin 70 % der Rohware stammen von dort. Sie trinken keinen Kakao? Dann gehen wir nach Südamerika und schauen auf die Soja-Produktion. Über 40 Prozent stammen allein aus Brasilien. Sie essen kein Tofu? Unerheblich, denn 75 Prozent der Ernte werden als Tierfutter verwendet. Klimaziel futsch – Ernten Futsch – Metzger, Landwirte futsch, und immer mehr Menschen müssen Veganer werden. Was für eine traurige Zukunft! Da sitzen wir bald in Geisenheim am See, beobachten die Fische beim Rückenschwimmen, kauen traurig auf einem pflanzlichen Schnitzel herum und sagen uns: „Ach ja, EU-Wasserrahmenrichtlinie, EU-Klimaschutzziele. Wie einfach es doch damals gewesen wäre!“

Ja, ich gebe es zu, ich habe heute meinen sarkastischen Tag und der Ironie-Schalter ist auf on, aber mal ganz ehrlich: Es könnte so einfach sein. Wenn schon die Kreuzchen auf den Wahlzetteln aus Gewässer- und Klimasicht offenbar nicht die politischen Weichen stellen, dann wäre es vielleicht eine Idee, sich selbst ein wenig umzustellen. Ein Weg, der beides fördert, ist beispielsweise einfach etwas mehr aus heimischem, ökologischem Landbau zu essen. Zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen! Ökolandbau bedeutet, weniger Dünger, der über das Grundwasser in unsere Seen und Flüsse fließt und dort Todeszonen mitverursacht, und Lokalerwerb, dass kein CO2 für die langen Transportwege in die Atmosphäre geblasen wird. Wasser- und Klimaschutz in einem. Wäre das nicht toll? Natürlich bleibt einem ungenommen, dennoch mit veganem Schnitzelbrötchen am Wölfersheimer See zu sitzen. Noch ist er ja nicht gekippt, bietet eine schöne Aussicht, und auch vegan zu essen, hilft ja bekanntlich, die beiden Ziele zu fördern.

Freitag, 20. April 2018

30-Tage-Challenge: Loslassen-Ausmisten-Reduzieren (#20)

Passend zu den für heute angekündigten 29 Grad Celsius sondere ich etwas Klimatechnik aus.

Vor einigen Jahren wohnte ich in einer Dachgeschosswohnung, die so gut isoliert war, dass im Sommer aber auch wirklich nicht ein Grad Temperatur entweichen konnte - einer großzügigen Fensterfront sei dank. Es war in Juli und August stets so heiß, dass regelmäßig Klimaforscher bei mir zu Gast waren, um Schulklassen den Treibhauseffekt zu erklären. Die Temperaturen waren teilweise so hoch, dass ich fiebersenkende Mittel mittels einer alten Fernsterreinigerflasche versprühen musste, um nicht zu kollabieren. Als mein Vermieter mir zum Jahresende unterstellte, ich würde täglich baden, obwohl ich doch nur die während der nächtlichen Verdunstung verlustig gewordenen 13-20 Liter morgendlich zuführte, wusste ich, es musste sich etwas ändern. Ich investierte - Achtung: Hier kommt ein deutliches Zeichen, was Hitze mit der Denkfähigkeit anstellen kann - über 500 Euro für ein mobiles Klimagerät. Nach dem Kauf hatte eine wunderbare Zeit begonnen. Nicht einmal musste ich nachts mehr schwitzen, und die drei, vier Erkältungen im Sommer waren mir das wirklich wert. Auch die Weihnachtskarten, die ich seitdem regelmäßig von unserem Stromversorger bekommen hatte, waren eine Freude. Ob sie wohl immer vom ganzen Vorstand persönlich unterzeichnet sind?

Seit meinem Umzug vor eineinhalb Jahren steht das ordentliche Gerät nun auf dem Speicher. Ich war so weise umzuziehen und entging so der Klimatisierungsnotwendigkeit. Wer nach dem Lesen der ersten Zeilen jedoch denkt, der Arnold schreibt hier doch offenbar auch im Fieberwahn, dem oder der sei gesagt, dass sie oder er Recht hat. Ich wohne wieder in einer Dachgeschosswohnung, doch im letzten Sommer waren es als Höchstwert gerade einmal 34 Grad Celsius. Ich lache dir ins Gesicht, Sommersonne. Wenn das alles ist, was du drauf hast, brauche ich kein Klimagerät. Jemand Bedarf? Abgabe nur an Bedürftige aus Dachgeschosswohnungen mit Spitzen von mindestens 50 Grad Celsius!


Dienstag, 20. März 2018

Science Slam "Wissenschaftsgeschichten im Anthropozän" am 15.11.2017 im Museum Angewandte Kunst in Frankfurt am Main

Letztes Jahr durfte ich als einziger Poetry Slammer unter lauter Wissenschaftlern mit meinem Lieblingsthema an einem Science Slam teilnehmen. Es war eine spannende Erfahrung, auch wenn ich im Nachhinein sagen muss, dass ich mich als Nichtforschender unter all den Praktikern, die mein Wissen an diesem Abend in so vielen Bereichen erweiterten, etwas verloren gefühlt habe. Ich konnte es durch Bühnenerfahrung etwas ausgleichen :-)
Hier ist jedenfalls das Video, und ich freue mich auf euer Feedback.

Andreas Arnold: Individuelle Wege in die Postwachstumsökonomie from ISOE on Vimeo.

Dienstag, 27. Februar 2018

Katzenkratzer


Letztens wurde ich während einer Diskussion in einer Facebook-Gruppe zum Thema Minimalismus sinngemäß gefragt, weshalb wir alle bloß so zahlenverliebt seien. Wenn man der Umwelt etwas Gutes tun wolle, könne man das doch einfach tun. 

Ja, das ist natürlich prinzipiell richtig. Man kann immer alles tun! Erinnern wir uns jedoch an unsere Grundschullehrerin, dann fällt uns schnell ein, dass sie immer sagte: „Tun tut man nicht!“ Was soll man da tun? Der Nachteil vom einfachen Tun ist, dass es zumeist auf dem Bauchgefühl basiert. Das Bauchgefühl nährt sich durch Erfahrung. Wenn mich meine Katze das dritte Mal gekratzt hat, weil ich sie gegen den Strich gestreichelt habe, sagt mir mein Bauchgefühl, wenn ich eine fremde Katze mit noch größeren Krallen vor mir habe: „Versuch‘s besser in Wuchsrichtung des Fells!“ Ich tu‘s, sie schnurrt und ich komme ohne Auffrischung meiner Tetanusimpfung durch den Tag. In Fragen einer ökologischen Lebensführung ist das leider nicht so. Ich kann aus eigenen Erfahrungen nicht bemessen, ob sich das Eine ökologischer auswirkt als das Andere. Weder das Eine noch das Andere haben Krallen, die mich Erfahrungen machen lassen. Ich merke auch nicht, dass sich das Klima wandelt, weil ich dieses oder jenes in meinem Leben verändert habe. 

Das ist ein Wenig wie mit dem Rauchen. Wenn unmittelbar nach dem Rauchen Lungenkrebs folgte, würden nur noch Suizidenten rauchen. Etwa jeder zehnte Raucher erkrankt im Laufe seines Lebens, im Durchschnitt 30-40 Jahre nach Beginn des Rauchens, an Krebs. Nur wenn ich das weiß, kann ich entscheiden, ob Rauchen clever ist oder nicht. Wer vor hundert Jahren zu rauchen begann, stellte vierzig Jahren später fest, dass es 90% seiner Rauchkumpane besser geht und wunderte sich vielleicht, warum die Eiserne Lunge so laut pumpt. Das Informationszeitalter bringt mit sich, dass eben solche Zahlen öffentlich zugänglich sind und Entscheidungen beeinflussen können. Ebenso ist es mit den Zahlen zur Umwelt. Ich muss wissen, was in 30 oder 40 Jahren aller Wahrscheinlichkeit eintreten wird, wenn ich dieses oder jenes Verhalten an den Tag lege. 

Wenn ich an der Supermarktkasse stehe und die Wahl zwischen Papier- und Plastiktüte habe, sagt mir mein Bauch vielleicht: „Nimm Papier! Bäume sind ein Teil der Natur!“ Habe ich die nötigen Zahlen recherchiert, weiß ich, dass zur Herstellung fast doppelt so viel Energie benötigt wird und eine deutlich höhere Belastung von Luft und Wasser durch Stickoxide, Schwefeldioxide und andere Chemikalien, mit denen die Zellstofffasern behandelt werden müssen, entsteht. Dann weiß ich, dass wir mit Papiertüten als Ersatz in 40 Jahren höchstwahrscheinlich noch trockenere und heißere Sommer haben werden. Den Teufel mit dem Beelzebub austreiben, nannte das meine Oma. Ich entscheide mich mit diesem Wissen vielleicht, meinen Einkauf lose im Kofferraum nachhause zu fahren. Dort angekommen mehrfach zwischen Küche und Auto pendeln zu müssen, wirkt sich dann auch auf den Bauch aus - sowohl auf den Umfang als auch auf gleichnamiges Gefühl, das mich das nächste Mal meine Stoffbeutel sicher nicht vergessen lässt. 

„Wissen ist Macht“ schrieb der Philosoph Francis Bacon schon 1598. Wir sollten also alle etwas zahlenverliebt sein, wenn wir die Macht haben wollen, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Eine valide Statistik, wie viele Katzen nicht gegen den Strich gestreichelt werden wollen, gibt es übrigens nicht. Zur Umwelt dahingegen findet man im Internet alles, und die hat nicht einmal Krallen.

Quelle: http://www.bilder-katzen.de/portfolio/bild-vom-katzenbaby/