Montag, 1. März 2021

Schwer zu verdauen - Die Krux mit der Mehrwertsteuer

Schwer zu verdauen - Die Krux mit der Mehrwertsteuer

Was ist der Unterschied zwischen Kartoffeln und Süßkartoffeln? Klar: Farbe, Größe, Geschmack, und auch botanisch gibt es Unterschiede. Ich präzisiere: Was ist der kulinarische Unterschied? Zumindest bei mir gibt es keine merklichen: Brat- und Backofenkartoffeln, Kartoffelstampf und -püree, Pommes Frites und natürlich gekocht. Beide sind in der Regel Beilagen und tatsächlich gut zu verdauen. Was ich als schlecht zu verdauen empfinde, ist, dass die Kartoffel, einst aus Südamerika zu uns gekommen, mit sieben Prozent besteuert wird und die Süßkartoffel, auch als Batate bekannt und ebenso aus Südamerika zu uns gekommen, mit 19 Prozent besteuert wird.

Dazu ein kleiner Steuerexkurs: Das Mehrwertsteuersystem, wie wir es kennen, gibt es seit 1968. Es löste das seit 1918 geltende Allphasen-Brutto-Umsatzsteuersystem ab. Das war zwar zuletzt mit nur vier Prozent bemessen, doch die galt für alle Phasen des Verkaufsprozesses vom Hersteller, über den Großhändler bis zum Händler, so dass der Endverbraucher alle Versteuerungsphasen indirekt mittrug - letztlich wird sie wohl faktisch eher bei sechs bis acht Prozent des Verbraucherpreises gelegen haben. Mit dem neuen Konzept führte der Gesetzgeber eine zehnprozentige Steuer mit Vorsteuerabzug für alle Ebenen ein. Das hätte jedoch den Endverbraucher und insbesondere finanziell weniger gut Gestellte benachteiligt, da ihnen der Vorsteuerabzug verwehrt ist. Also führte der Gesetzgeber den ermäßigten Steuersatz von damals fünf Prozent ein, der die Grundversorgung privilegierte. Warum wird also die Süßkartoffel mit 19 Prozent besteuert und nicht wie die Kartoffel mit sieben Prozent? Beide können doch unstrittig Teil der Grundversorgung sein. Ist es, weil die Kartoffel seit fast einem halben Jahrtausend hier heimisch ist und die Süßkartoffel ein Exot ist? Kennen Sie die Pitahaya? Weißes Fruchtfleisch, schmeckt etwas bananig und nach Vanille mit leicht nussigem Abgang? Dann vielleicht unter dem Namen Drachenfrucht? Dieser offensichtliche Exot wird mit dem ermäßigten Satz besteuert. Mit Exotentum hat es offenkundig nichts zu tun. 

Vielleicht, weil die Kartoffel hier mit einem Volumen von über zehn Millionen Tonnen geerntet wird und die deutsche Süßkartoffel mit nicht einmal einem halben Promille dessen ein Schattendasein fristet? Wohl kaum, denn Früchte wie Ananas und Papaya wachsen hier nicht einmal und werden dennoch ermäßigt besteuert. Dann vielleicht, weil die Süßkartoffel ein Luxusgut ist? Immerhin ist sie gut dreimal teurer als eine Kartoffel. Ich schätze, Sie kommen zum selben Schluss, wenn Sie jetzt lesen, dass der hundertmal teurere schwarze Trüffel mit sieben Prozent besteuert ist. Warum also? Ich ergänze ein paar weitere Fragen: Warum wird Kuhmilch mit sieben und Mandelmilch mit dem Regelsteuersatz belegt? Warum ist Ziegenkäse umsatzsteuerermäßigt und ein ebenso produzierter veganer Käse nicht? 

Die Antwort ist: Der Gesetzgeber braucht sehr lange, bis er erkennt, dass die Grundversorgung sich wandelt. Erst im letzten Jahr bemerkte er, dass es auch Frauen in Deutschland gibt und reduzierte die offensichtliche Grundversorgung mit Binden und Tampons auf sieben Prozent. Vielleicht erkennt er auch bald, dass es nicht wenige Menschen gibt, die sich gerne von mit veganem Käse überbackenen Süßkartoffeln grundversorgen, die ihren Kaffee mit Sojamilch trinken oder die ihre Trüffel über Süßkartoffelstampf geben wollen und es sich durch die überzogene Besteuerung der Letztgenannten kaum leisten können. Wird schon.

Bildrechte: CC BY-SA 4.0miya

Sonntag, 28. Februar 2021

Erde kauen - Paradigmenwechsel in der Landwirtschaft?

Erde kauen - Paradigmenwechsel in der Landwirtschaft?

Die Zeit, die ich im Moment zu Hause verbringen muss, führt dazu, dass ich mehr lese. All die Mitgliederzeitschriften von Greenpeace bis Vegetarierbund, die ich immer wieder versuche, auf elektronischen Abruf umstellen zu lassen und mir dann nach wenigen Monaten doch wieder postalisch zugesandt werden, zum Beispiel. Wenn man mich vor Corona gefragt hätte, was in der Natur Deutschlands rückläufig sei, hätte ich vermutlich sofort geantwortet: Die Bienenbestände. Eine von Greenpeace veröffentlichte Studie nennt sieben Insektizide, die neben der Varromilbe und Krankheiten dafür verantwortlich sind, dass inzwischen etwa die Hälfte unserer 560 Wildbienenarten auf der Roten Liste steht. Inzwischen fällt meine Antwort vielschichtiger aus. Auch rund 30 Prozent der Wildpflanzen in Deutschland sind gefährdet und weisen schwindende Bestände aufweisen. Das De
utsche Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung hat mehr als 2.000 Pflanzenarten untersucht und festgestellt, dass über 70 Prozent der Pflanzen seit den 1960er-Jahren um durchschnittlich 15 Prozent rückläufig sind. 

Leider ist auch nicht nur die Bienenzahl zurückgegangen, sondern binnen der letzten 30 Jahre 75 Prozent der gesamten Fluginsektenarten. Im letzten viertel Jahrhundert hat Deutschland 14 Millionen seiner Vögel eingebüßt. Die Bestände von Rebhuhn und Kiebitz sind seit 1992 um fast 90 Prozent gesunken, schreibt das Bundesamt für Naturschutz in seiner Publikation „Vögel in Deutschland - Übersichten zur Bestandssituation“. Immerhin in den Wäldern und in der Stadt hat sich der Bestand in den letzten zehn Jahren etwas erholen können – gut eineinhalb Millionen Waldvögel und eine halbe Million Vögel in Siedlungsbereichen kamen hinzu. Das hält den Rückgang jedoch nicht auf. 50 Prozent der bundesdeutschen Fläche sind Argrarflächen, die auch ein Grund dafür sind, weshalb der Feldhase inzwischen bundesweit als „gefährdet“ eingestuft wird und gleichfalls im Bestand sinkend ist. Das alles zeigt, dass ein Paradigmenwechsel in der Landwirtschaft nötig ist. Der Staat muss ökologische Landwirtschaft viel stärker fördern, aber vor allem gemeinsam mit den Landwirt:innen eine Landwirtschaft entwickeln, die sich als Teil der Natur sieht und in den Erhalt natürlicher Lebensräume investiert. Im neuen Bodenreport hat das Bundesamtes für Naturschutz mitgeteilt, dass zahlreiche Arten von Bodenorganismen wie Würmer und Käfer vom Aussterben bedroht sind. Deren Vorschläge für eine zukünftige Landwirtschaft klingen einleuchtend: Bodenschonende Bearbeitungsmethoden, ganzjähriger Bewuchs mit heimischen Pflanzen, blühende und mehrjährige Pflanzen.

In der chinesischen Region Sichuan sind durch Pestizide keine relevanten Mengen an Insekten mehr gegeben, um Wirtschaftspflanzen zu bestäuben. Die Bestäubung der Obstbäume wird durch Menschen durchgeführt. Wenn auch die Vernichtung von Insekten im Boden so voranschreitet, sehe ich eine Zukunft vor uns, die auch deren Arbeit durch menschliche Arbeitskräfte ersetzt. Um für fruchtbaren humosen Boden zu sorgen, müssen wir dann unter Mindestlohn Erde zerkauen, damit etwas wachsen kann, während unsere Freunde über uns Blüten bepinseln, damit unsere Mühen auch Früchte tragen. Das schmeckt mir nicht. Ich nutze die erzwungene Zeit zu Hause weiter, um zu lesen – vielleicht findet sich ja noch etwas, das besser in die Zukunft blicken ließe. Luchs und Wolf sind zurück in Deutschland lese ich in der aktuellen Ausgabe von „Natur und Landschaft“. Vielleicht ist ja doch noch Hoffnung.

Bildrechte: CC BY-SA 4.0,  Gregor Rom, Extensive Landwirtschaft im Norden Benins bei Djougou, 5. März 2014

Sonntag, 3. Januar 2021

Wenn der Postmann zweimal mailt

Wenn der Postmann zweimal mailt

Das neue Jahr begann mit einem Impuls-Klick im Internet. Mein E-Mail-Provider machte mir ein Angebot der Post schmackhaft und ich konnte nicht widerstehen. Einen Tag später erhielt ich von der Post AG einen Brief zur Verifizierung: „Ihr Bestätigungscode für die Aktivierung der Briefankündigung im GMX Postfach“. In der beigefügten Broschüre las ich, dass mir nach der Freischaltung Briefpost vor Zustellung mit einem Foto per E-Mail angekündigt würde. Und zwar am Tag der Zustellung!

Die ausgeprägte sarkastische Ader in mir malte sich aus, wie dieser Service vor Erfindung der E-Mail im Jahr 1971 ausgesehen hätte. Ein klingelndes Telefon. „Guten Morgen, Herr Arnold! Bundesbeamte Müller hier. Wollte nur mitteilen, dass ich ihnen gerade einen Brief einwerfe. Er ist an sie adressiert.“ „An mich adressiert? In meinem Briefkasten? Vielen Dank!“ „Sehr gerne! Dieser Service ihrer Bundespost ist übrigens kostenlos!“ Nein, ist er leider nicht. Er kostet Energie. Das Internet verursacht bereits eine hohe CO2-Freisetzung. Eine E-Mail kann mit einem Verbrauch von ca. 10 Gramm pro Nachricht eingeschätzt werden. Das entspricht einer Stunde Licht mit einer Energiesparlampe. Ein Brief dahingehend kostet ca. 20 Gramm CO2 für Papier, Tinte, aber vor allem für den Transport. Wird er auch noch per E-Mail angekündigt, belastet er die Umwelt dreimal so stark wie eine E-Mail oder anders: Für dieselbe Belastung kann ich eine E-Mail versenden, die Antwort erhalten und eine Gegenantwort verschicken oder alternativ mir zwei Stunden Zeit für das Schreiben der Nachricht gönnen, während ich mich beleuchten lasse.

Warum finde ich die Briefankündigung so unsinnig? Zum einen, da sie nur maschinenlesbare Briefe und nur solche bis zu einer bestimmten Stärke umfasst. Wenn mir Großtante Gertrud also die Schenkung Ihres Vermögens auf mit Siegelwachs verschlossenem Büttenpapier in Sütterlin mitteilt, erfahre ich traurigerweise nicht schon morgens per E-Mail, dass ich gar nicht ins Büro hätte fahren müssen, weil ich reich bin, sondern erst abends, wenn ich den Briefkasten kontrolliert habe. Und darin liegt schon mein zweiter Kritikpunkt: Es wird zwar mitgeteilt, dass Post eingegangen ist, aber nicht ihr Inhalt. Das ist ein wenig wie morgens im Büro von meiner Partnerin eine Textnachricht zu bekommen, dass es abends eine Überraschung gibt. Bis ich zu Hause bin, weiß ich nicht, ob mich mein Lieblingsessen oder eine leere Wohnung erwartet. Etwas anderes ist da der e-Post-Service der Post AG. Da wird der Inhalt des Briefes elektronisch zur Verfügung gestellt, bevor er mir physisch in den Briefkasten geworfen wird, und zwar zum Zeitpunkt des Versandes. Das macht es energetisch nicht besser, verleiht jedoch immerhin Sinn. 17,4 Milliarden Briefe hat die Post-AG im letzten Jahr befördert. Dem gegenüber stehen gut 850 Milliarden E-Mails pro Jahr. Da brauchen wir nicht noch zusätzliche zum Brief. Aber wir könnten über 15 Tausend Tonnen CO2 einsparen, wenn nur noch E-Mails genutzt würden. Das ist immerhin der Klimagas-Jahresverbrauch eines mittleren Dorfes.

Was also tun? Ich habe inzwischen viele meiner Geschäftspostversender gebeten, ihre Schreiben per E-Mail oder über deren Serviceportale zuzustellen. Keine Briefpost, keine Vorankündigung, weniger Energieverbrauch. Wichtig ist jedoch, nicht benötigte E-Mails zu löschen, denn im Gegensatz zum zu Hause herumliegenden Brief, verbraucht auch deren Aufbewahrung Energie. Ob die Erbtante eine Tastatur auf Sütterlin zu Hause hat? Ich schreibe ihr.

Bildrechte: Unter der Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung 2.0 generisch“ (US-amerikanisch) lizenziert. Chris Wightman - originally posted to Flickr as all's well that inks well