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Dienstag, 9. Juni 2020

Grüner durch Teamwork

Grüner durch Teamwork
Grüner durch Teamwork

Nach Daten des statistischen Bundesamtes sind fast 40 Prozent der Haushalte von nur einer Person bewohnt, und jede dieser Singles verfügt über durchschnittlich 68 Quadratmeter Wohnfläche. Ich war einer von ihnen. Die Hälfte meiner Wände war frei, denn ich hatte nicht genug in meinem Besitz, um sie mit Schränken verstellen zu müssen. Ich besaß nicht einmal eine Waschmaschine. Stattdessen ging ich alle drei Wochen in den Waschsalon. Meinen Kühlschrank hatte ich seit drei Jahren nicht mehr einschalten müssen, da ich mehr oder minder von der Hand in den Mund gelebt hatte. Wie ich bereits schrieb: Ich war einer von ihnen. Seit letzter Woche bin ich Teil eines Zwei-Personen-Haushalts. Natürlich überwiegt die Freude darüber – mit großem Gewicht –, dennoch kamen im Vorfeld Gedanken auf, die sich mit meinem individuellen ökologischen Fußabdruck befassten. Wie werde ich darauf reagieren, wenn die Klarheit meines reduzierten Besitzes nicht mehr auf mich wirken kann? Komme ich damit zurecht, dass sich die Anzahl der Elektrogeräte im Haushalt plötzlich um solche wie Mikrowellenherd und Wäschetrockner erweitern wird? Was wird es mit mir machen, wenn ich meinen Kühlschrank vielleicht dauerhaft eingeschaltet lasse? 

Die Antworten vorweggenommen: Gut, ja und nichts, denn erstaunlicherweise wird all das regelrecht aufgezehrt von einem sehr hungrigen Energiezehrerpärchen in meiner Ökobilanz: Dem Flächenverbrauch und den Heizkosten. 49 Quadratmeter Fläche bewohnen Menschen aus Zwei-Personen-Haushalten im Durchschnitt, die im Mittel immerhin bis zu 149 kw/h Heizenergie verbrauchen. Bei mir sind Flächen- und Heizenergieverbauch nun halbiert, und das wirkt sich auf den ökologischen Fußabdruck merklich aus. Es reduziert meinen globalen Flächenbedarf von 3,8 auf 3,4 globale Hektar (gha) – der bundesdeutsche Durchschnitt liegt bei 4,9 gha. Der globale Hektar beinhaltet alles, was unsere Art zu leben an Fläche nötig macht. Vom Bedarf an Anbauflächen für Lebensmittel, über den Flächenanteil an der Infrastruktur und den für die Produktion von Konsumgütern bis hin zum Wohnraum. Das Wohnen wird dabei mit einem Anteil von 25 Prozent im Durchschnitt nur von den Ernährungsgewohnheiten, die durch unsere tierproduktreichen Essgewohnheiten 35 Prozent betragen, überboten. Wenn diese zwei Punkte bereits 60 Prozent ausmachen, wundert nicht, dass der diesjährige Earth-Overshot-Day, der Erdüberlastungstag, vermutlich am 3. Mai gewesen wäre. Ab diesem Tag nutzten wir Ressourcen, die uns rechnerisch nicht mehr zustünden und wir zu Lasten anderer – unserer Mitmenschen in anderen Ländern und unserer Folgegenerationen – verbrauchten. Der Corona-Shot-Down, der nicht eingerechnet ist, wird den deutschen Erdüberlastungstag faktisch verschoben haben. Vielleicht ist er am heutigen Tage. Wer weiß? 

Fakt ist, wir müssen noch viel tun. Meinen Wohnraum zu teilen, hat mich – ganz gleich, ob ich nun den Kühlschrank dauerhaft eingeschaltet lasse oder nicht – merklich nach vorne gebracht. Und nicht nur mich. Auch meine Lebensgefährtin halbiert ihren Flächen- und Heizenergieverbrauch. Zusammen bringen wir es auf eine Ersparnis von 0,8 gha – das entspricht dem ökologischen Fußabdruck einer Bengalin oder eines Bengalen. Abgesehen davon und vom zwischenmenschlich Offensichtlichen gibt es aber noch einen weiteren gravierenden Vorteil: Ich spare mir alle drei Wochen 1,3 Kilometer Fußweg zum Waschsalon, und, wer weiß, vielleicht bekomme ich sogar mit der Zeit heraus, wozu man einen Mikrowellenherd braucht!

Dienstag, 21. Januar 2020

Das hat sich gewaschen!

Das hat sich gewaschen!
Was hat sich gewaschen und ist grün? Vielleicht ein Frosch? Möglicherweise aber auch ein Unternehmen, dass den Anschein erwecken will, sich um die ökologischen Auswirkungen seines Handelns zu scheren. Beispiele gibt es so viele. Jüngst traf sich Siemens-Chef Kaeser mit der Friday-for-Future-Aktivistin Luisa Neubauer. Eine augenscheinliche PR-Kampagne eines Unternehmens, das nur wenige Tage später mitteilte, trotz der deutlich in Australien feststellbaren Auswirkungen des Klimawandels an seiner Beteiligung am Bau des größten Kohlekraftwerks der Welt ebenda festzuhalten.

Schauen wir auf die zahlreichen Supermärkte, die Plastiktüten aus dem Sortiment nehmen und dafür Papiertüten ins Programm, von denen bekannt ist, dass sie durch den höheren Energieverbrauch bei der Produktion sogar mehr CO2 freisetzen als ihre erdölbasierten Geschwister. Um das auszugleichen, steht auf der Tüte „goes green“. Habe ich meinen Stoffbeutel vergessen mitzubringen, kann ich dadurch dennoch nach außen zeigen, wie ernst ich es mit der Natur nehme. 

Oder McDonalds. Seit einem dreiviertel Jahr hat die Fast-Food-Kette einen veganen Burger im Programm. Ist Ronald McDonald nun ein Öko? Oder könnte es nicht vielmehr damit zu tun haben, dass der Konzern seit Jahren Umsatzrückgänge erleidet und sich einen Zugang zur durchaus potenten Käuferschicht der Veganer und Vegetarier verschaffen will? Im Jahr 2019 verdienten rund 15,7 Prozent derer zwischen 1.000 und 1.500 Euro im Monat; in der deutschen Bevölkerung insgesamt waren es 18,3 Prozent. Das erklärt, weshalb vegane Produkte deutlich teurer verkauft werden können. Beispielsweise kostet die Geflügelfleischwurst von Wiesenhof 6,20 Euro je Kilo, die vegetarische Alternative schlägt mit 14,20 Euro zu Buche. Und das obwohl zu erwarten ist, dass die pflanzlichen Zutaten zur Herstellung günstiger sind als die tierischen. Auch Rügenwalder-Chef Röben hat das erkannt und baut sein Sortiment merklich um. Doch ist das schlecht? Zum Stichtag 3. November 2019 wurden in Deutschland 25,9 Millionen Schweine gehalten. Das sind zwei Prozent weniger als im Vorjahr. 11,6 Millionen Rinder gab es und damit sogar 2,5 Prozent weniger. Auch die Mengen an Geflügel haben sich um ein Prozent reduziert, lässt sich auf der Homepage des Statistischen Bundesamtes recherchieren. Ist das noch Greenwashing? Millionen Tiere, die weniger leiden müssen und dafür müssen wir nur ein paar Euro mehr ausgeben, um uns mit einer Veggi-Wurst ebenfalls moralisch grün zu waschen. Oder nehmen wir Ökostrom. Meinen letzten Anbieter habe ich gewechselt, nachdem ich mir die Beteiligungen angeschaut hatte und feststellen musste, welche Muttergesellschaft die Gewinne einstreicht, nämlich jene, die an anderer Stelle viel Energie darauf verwandte, den Hambacher Forst abzuholzen.

Und damit schließt sich der Kreis. Ich habe mit dem weltgrößten Kohlekraftwerk gestartet und bin nun bei Deutschlands größtem Energieversorger gelandet. Mit dem möchte ich jedoch nicht enden, sondern mit meiner Antwort auf die Frage der Einordnung von Greenwashing. Nicht alles, was grün aussieht, ist auch grün. Man muss hinterfragen und darf nie müde werden, sich zu informieren. Ein Konzern, der seine Angebot zu Gunsten ökologischer Alternativen umbaut, betreibt das Waschen vermutlich mehr mit dem Ziel, sauberer zu werden. Einer, der sein Angebot nur ergänzt, hat wohl eher das Ziel, Image und Gewinn zu steigern. Wie überall im Leben also: Es ist nicht alles Gold, was glänzt, und grün schon gar nicht.

Dienstag, 7. Januar 2020

Neue gute Vorsätze!

Neue gute Vorsätze! 
Bevor die Gäste abends am Jahresletzten kamen, schmökerte ich im „Bank Spiegel“. Auf Seite zehn stolperte ich über ein Interview mit Thomas Friemel, dem Gründer des Wirtschaftsmagazins enorm, und blieb bei folgendem Zitat hängen: „Ob wir unverpackt einkaufen, auf Plastik und Fleisch verzichten, Mitglied einer solidarischen Landwirtschaft werden, aufs Fliegen und sogar aufs Auto verzichten – allein hat das natürlich so gut wie keine Auswirkung auf das Weltklima.“ Das stimmte mich nachdenklich! Als wir dann am Silvesterabend zusammensaßen, tauschten wir uns natürlich auch darüber und unsere guten Vorsätze für das neue Jahr aus. Eine Freundin sagte, sie habe sich am Nachmittag ihre letztjährige Liste an Neujahrsvorsätzen angeschaut und feststellen müssen, dass sie nicht einen ihrer Punkte erfüllt hatte. Ist das bedeutungslos für die Umwelt? Ich dachte über meine eigenen Vorsätze für 2019 nach und konnte mich nicht erinnern. Wollte ich meine Ginkgo biloba regelmäßiger nehmen? Hatte ich wohl vergessen! Ha, Ha! (Mein Vorsatz sollte sein, weniger schlechte Witze zu machen!) Ich war mir allerdings sicher, ich hatte keine.

Zum Glück schreibe ich diese Kolumne und kann einfach in meinem Beitrag von letztem Neujahr nachlesen: Tatsächlich hatte ich mir vorgenommen, nicht ganz so verbissen an meine Umweltthemen heranzugehen. Ich muss nun zugeben, auch ich habe meine guten Vorsätze für das letzte Jahr nicht erfüllt. Es fiel mir tatsächlich schwer, es locker zu sehen. In 2019 war der drittheißeste Sommer, erstmals wurde die 42 Grad-Marke in Deutschland überschritten. Dazu kam extreme Trockenheit. Und für das neue Jahr sieht es nicht besser aus. Große Hitze mit Temperaturen jenseits der 40 Grad sollen den Sommer erneut im Griff haben. Ja, ich bin ein Gegner der Klimakrise! In der Strahlungswärme dieser Fakten und Prognosen sagte ich zu mehr Vorträgen und Workshops zu als je zuvor. Auch mein eigenes Leben hatte ich ökologisch weiter optimiert – weniger Müll, weniger Konsum, mehr Fahrten mit dem ÖPNV.

Zurück zu Herrn Friemel! Natürlich ging das Zitat weiter, und zwar dahingehend, dass es wichtig sei, dass „jede*r Einzelne von uns entsprechende Schritte unternimmt“, weil eben nur so ein Systemwechsel möglich ist. Drei bis fünf Prozent einer Gesellschaft brauche es, damit „ein System kippt“, sagt der Sozialpsychologe Professor Harald Welzer, und Albert Schweitzer ergänzt: „Das gute Beispiel ist nicht eine Möglichkeit, andere Menschen zu beeinflussen, es ist die einzige." Mein guter Vorsatz für dieses Jahr kann also nur einer sein: Weiter an mir zu arbeiten und mit Glück, andere zu inspirieren. Die richtigen politischen Entscheidungen zu treffen, benötigt einen entsprechenden Nährboden. Wenn ich nicht weiß, wie die derzeitige Milch- und Fleischwirtschaft, unser Individualverkehr oder unsere Wegwerfgesellschaft auf das Klima wirken, werde ich weder meinem Leben eine zukunftsfähige Richtung geben, noch bei der nächsten Wahl das Kreuz an der richtigen Stelle setzen.

Wir können nicht mehr so leben wie in meiner Kindheit. Mit nur einer halb so großen Weltbevölkerung war es leicht, verschwenderisch mit unseren Ressourcen umzugehen. Als Kind wurden mir und meinen Freunden immer vorgegeben, wir sollen unsere Teller leer essen, damit die Sonne scheint. Was haben wir heute davon? Übergewicht und die Klimaerwärmung. Zum Glück habe ich mir den Schlechte-Witze-Vorsatz doch nicht geschworen. Ich hätte ihn schon gebrochen. Ha, ha! Ich wünsche ein frohes neues Jahr und ein grüneres 2020! 

Dienstag, 24. Dezember 2019

Veganuary statt Würstchen mit Kartoffelsalat

Veganuary statt Würstchen mit Kartoffelsalat (Abbildung ähnlich ;-))

Heute ist Heiligabend. Was gibt es bei euch? Ich überrasche meine Freundin mit Rotkohl, Klößen und Rouladen. Die Klöße kommen ohne Ei und Butter aus, und meine von Senf und Zwiebeln umgebenen Essiggürkchen sind von Seitan umwickelt. Darauf, ob meine wie original Klöße schmecken oder ob die Fleischbeilage dem Rind möglichst ähnlich ist, kommt es mir nicht an. Es soll munden, und das tut es. Nach einer Umfrage unter 1.284 Personen aus dem Oktober 2014 essen mit 36 Prozent die meisten Deutschen an Heiligabend Würstchen und Kartoffelsalat. Da bin ich als einer unter den sechs Prozent, die an Heiligabend vegetarisch essen, noch recht einsam. Dabei ist es zumindest nicht widerlegbar, dass der Heiland selbst und die Urchristen vermutlich Vegetarier waren, nachzulesen in Carl Anders Skrivers „Die Lebensweise Jesu und der ersten Christen“. Kirchenvater Clemens von Alexandrien (150-215 n. Chr.) schreibt über Matthäus, dass er "von Pflanzenspeisen lebte und kein Fleisch berührte" (Paidagogos, II. 1, 16). Die Ebioniten antworteten Kirchenlehrer Epiphanius von Salamis (315-403 n. Chr.) auf die Frage, warum sie Fleisch strikt ablehnten, Jesus habe es so gesagt (Panarion 30, 18, 9). Seit dessen Tod hat sich diese Maxime etwas verloren, doch auch in der Moderne ist der Ansatz nicht ganz verloren gegangen. Auch für den zeitgenössischen römisch-katholischen Theologen Kurt Remele sollte Vegetarismus Christenpflicht sein, und selbst Papst Franziskus spricht vom Band, das alle Lebewesen verbindet. Warum also nicht zumindest an Heiligabend oder an einem der Weihnachtstage fleischlos bleiben und sich wie Jesus Bruder Jakobus „von Sämereien und Pflanzen“ (Augustinus, Epistulae contra Faustum XXII, 3) ernähren?

Ihr schenkt Mindermeinungen der christlichen Lehre keinen Glauben oder haltet es eher mit heidnischen Bräuchen? Wie wäre es dann mit den guten Vorsätzen zum neuen Jahr. Als der römische Kaiser Theodosius I. im Jahr 380 das Christentum zur Staatsreligion erklärte, verhalf er ihm nicht nur zum Rang einer Weltreligion, auch einer neuen Zeitrechnung wurde des Tor geöffnet. Ursprünglich begann das neue Jahr der Christen am Osterfest. Die Römer feierten ihr Neujahrsfest schon seit der Zeit des 2. römischen Königs Numa Pompilius (750 - 672 v. Chr.) zu Ehren ihres Gottes Janus zu Beginn des Monats Januar. Dieser Tradition entstammen nach dem britischen Klassikforscher Richard Alston auch die Neujahrsvorsätze. Am ersten Januar bekräftigten die höchsten Beamten ihre Loyalität und legten vor dem Kaiser Eide ab. Laut einer Forsa-Studie im Auftrag der DAK-Krankenkasse aus diesem Jahr mit mehr als 3.500 Befragten nehmen sich die meisten Deutschen vor, sich im neuen Jahr gesünder zu ernähren (49 Prozent) oder abzunehmen (34 Prozent). Beides Ziele, die sich mit einer pflanzlichen Ernährung erreichen lassen. Prominente Deutsche machen es vor. Der Comedian Kaya Yanar ernnährt sich seit 2014 vegan, der YouTouber Rezo seit seinem 15. Lebensjahr und der Schauspieler Ralf Moeller seit mehr als drei Jahren.  Warum diese Beispiele? Sie sind drei von vielen Unterstützern der Kampagne „Veganuary“, die 2020 erstmalig in Deutschland stattfindet. Als guten Vorsatz den Januar gemeinsam vegan zu leben, ist das Ziel. Mehr dazu gibt es auf der gleichnamigen Homepage zu erfahren. Was, frage ich euch, haben die Römer je für uns getan? Vielleicht den einen oder anderen Christen zu den Ursprüngen zurückgeführt. Wer weiß?

Ich wünsche frohe Weihnachtstage und einen guten Start ins neue Jahr.

Dienstag, 17. September 2019

Das vegane Steak

Das vegane Steak
Es ist das Jahr 2013. Ich sitze mit Freunden in einem Landgasthof nahe Fulda. Ich hatte mich entschlossen, ein 600 Gramm schweres Schnitzel zu bestellen und bekomme Angst, als der riesige Teller auf den Tisch gestellt wird. Dass ich es nicht packe, freut einen meiner Begleiter. Er hatte nur ein 400 Gramm schweres Rumpsteak und beäugt bereits seit Minuten meine immer mühsamer werdenden Kaubewegungen. Hätte mir an diesem Abend jemand gesagt, dass ich ein halbes Jahr später vegan leben werde, ich hätte vor Lachen Fleischstückchen geprustet.

Rund sechzig Kilogramm Fleisch isst der Bundesbürger jährlich. Von daher bin ich mir sicher, dass meine Ernährung von damals mindestens einen Menschen in den Veganismus getrieben hat! Und dieser arme Zwangs-Pflanzenköstler wäre dann genötigt gewesen, Fleischersatzprodukte zu essen. „Warum lebst du vegan und legst dann nachgemachte Wurst auf dein Brötchen?“, würde er von seinen Freunden ertragen müssen. „Weil sie schmeckt!“, hätte ich ihm seiner Zeit gerne als Antwort soufflieren wollen, doch das wäre eine Lüge gewesen. Damals gab es für meinen Gaumen nur einzige Geschmacksrichtung: Bluthochdruck. Der Markt kannte nur traurige, überwürzte Surrogate von etwas, das nicht einmal ein verliebter Metzger in die Auslage gelegt hätte. „Vegan wäre mir zu extrem!“, habe ich tatsächlich vor vielen Jahren mal gesagt. Ich frühstücke morgens Brot mit Aufstrichen, Paprikastreifen und Tomaten darauf, mittags Haferflocken mit Nüssen, Samen und Obst und mache mir abends eine Gemüsepfanne mit Bohnen. Ob ich mir 2013 mein Leben als Extremist so vorgestellt hatte? Wahrscheinlich nicht! Ich dachte vielmehr, ein Veganer könne ja fast gar nichts mehr essen. Aber so denkt man halt, wenn man wie ich mit Fleisch zu allen Hauptmahlzeiten und gerne mal zwischendurch einer Salami auf die Hand großgeworden ist – und es hatte mir gemundet. Wenn mir Menschen erzählen, sie würden ja gerne weniger Fleisch essen – denn letztlich ist jedem klar, dass 60 Kilogramm Fleisch pro Jahr weder für das Klima, noch für die Tiere und am allerwenigsten für die Gesundheit gut sind –, aber es schmecke viel zu gut, dann kann ich das verstehen. Doch es ist nur Gewöhnung. Der Spruch „Du isst nicht, was dir schmeckt, sondern dir schmeckt, was du oft genug gegessen hast!“ greift.  

Heute sieht es anders aus. Beyond Meat, Wiesenhof und seit letzten Monat sogar Aldi und Lidl führen pflanzliche Alternativen, die zumindest meiner vagen Erinnerung daran, wie Fleisch schmeckt, sehr nahe kommen. Doch die Zukunft wird eine andere sein. Das niederländische Startup Mosa Meat hat bereits 2013 den ersten Hamburger aus Stammzellen hergestellt. Drei Jahre später präsentierte das US-Unternehmen Memphis Meats ein Fleischbällchen aus Rinderstammzellen. Das israelische Unternehmen Aleph Farms arbeitet seit Anfang 2017 an einem in vitro produzierten Rindersteak samt Fettzellen, Blutgefäßen, Muskeln und Stützzellen. Potentaten wie Google-Mitbegründer Sergey Brin unterstützen die Projekte. In wenigen Jahren sind die Erzeugnisse marktreif, in Konsistenz, Geschmack und Bratgeruch von gewachsenem Fleisch kaum mehr zu unterschieden, und in zehn bis fünfzehn Jahren wird es nur diesen einen Unterschied mehr geben: Den niedrigeren Preis. Selbst Massentierhalter werden auf lange Sicht nicht konkurrieren können. Wenn Geschmack und Kosten dann keine Argumente mehr sind, wird es schwer, sich noch für „echtes“ Fleisch zu entscheiden. Ich bleibe allerdings bei Gemüse – Gewöhnung, ihr wisst ja!

Bildrechte: The image was originally posted to Flickr by avlxyz It was reviewed on 24 March 2010 by FlickreviewR and was confirmed to be licensed under the terms of the cc-by-sa-2.0.

Dienstag, 5. März 2019

Bio und halal


Letzte Woche hatte der Europäische Gerichtshof entschieden, dass geschächtetes Fleisch kein EU-Bio-Label tragen darf. Das betäubungslose Schlachten garantiere nicht, dass die Tiere so wenig wie möglich leiden, begründeten die Richter ihre Entscheidung. Ich erinnere mich da an eine Antwort der Bundesregierung auf eine kleine Anfrage der Grünen zum Thema „Tierschutz bei der Tötung von Schlachttieren“, in der sie auf Fehlbetäubungen bei Schlachtungen hinwies. Nun könnte man mir sagen: „Du lebst vegan! Sei doch froh, wenn die Fleischwirtschaft sich zerfleischt!“ Ich stelle mir jedoch eine ganz andere Frage, die gar nichts mit Fleischkonsum zu tun hat. 

Dazu folgendes Rechenbeispiel: 740 Millionen Einwohner hat die EU, darunter 26 Millionen Muslime. Der Biofleischanteil liegt bei unter 2 Prozent. Es könnte also 520.000 Muslime in Europa geben, die ausschließlich bio und halal essen. Nehmen wir an, sie äßen die für Europa durchschnittlichen 80 Kilo Fleisch pro Kopf, dann müssten 42 Tausend Tonnen Fleisch, das halal produziert wurde mit einem Biosiegel versehen werden, damit die Verbraucher wissen, dass das Tier entsprechend gefüttert und gehalten wurde. Die EU produziert gut 44 Millionen Tonnen Fleisch pro Jahr, darunter 22 Millionen Tonnen Schweinefleisch, das im Islam tabu ist. Es verbleiben also 22 Millionen Tonnen Fleisch, darunter 13 Millionen Tonnen Geflügel- und sieben Millionen Tonnen Rindfleisch, die „tierschutzrechtskonform“ produziert wurden. Nun muss man wissen, dass die EU-Öko-Verordnung zum Thema Schlachten nur einen einzigen Satz enthält: „Ein Leiden der Tiere ist während der gesamten Lebensdauer der Tiere sowie bei der Schlachtung so gering wie möglich zu halten.“ Das trifft auf das Schächten ohne Betäubung sicher nicht zu. 

Der entscheidende Punkt ist: Auf unsere „tierschutzrechtskonforme“ Schlachtung auch nicht! Um eine Biozertifizierung zu erhalten, muss der Schlachthof lediglich garantieren, dass Biotiere von konventionell aufgezogenen Tieren getrennt geschlachtet werden. Der Tötungsprozess ist ökologisch und konventionell gleich: Betäuben, Stechen, ausbluten lassen, nur funktioniert das mit der Betäubung leider nicht immer. Die Fehlbetäubungsrate – und da komme ich auf die eingangs erwähnte Antwort der Bundesregierung zurück – liegt beispielsweise bei Rindern bei vier bis über neun Prozent. Selbst wenn ich „nur“ die vier Prozent annehme, wären wir bei 280.000 Tonnen Fleisch, die ohne Betäubung gewonnen wurden.  Beim Geflügel liegt die Quote zwischen 0,1 und einem Prozent, was mindestens 13.000 Tonnen Fleisch entspricht, bei dem die Tiere keinen Unterschied zur Halal-Schlachtung „erlebt“ hätten. 

Wenn ich die Schlachtausbeuten in die Rechnung einbeziehe, töten wir also bereits jetzt 560 Tausend Rinder und 34 Millionen Vögel in Europa ohne ausreichende Betäubung – rechnerisch wären das 11.200 Bio-Rinder und 680.000 Stück Bio-Geflügel. Zähle ich da die ökologisch aufgezogenen Tiere hinzu, die potentiell halal, also ebenso unbetäubt geschlachtet werden, aber nun kein Bio-Label mehr bekommen, machen sie in Summe etwas mehr als 42 % aus. Es sind also fast ebenbürtige Zahlen. Die einen bekommen ein Biosiegel, die anderen nicht. Warum? Offenbar darf ein Tier aus Gründen der Gewinnmaximierung unbetäubt getötet werden und sich dennoch Bio nennen, aus religiösen Gründen jedoch nicht. Da frage ich mich ernsthaft, ob wir nicht dem falschen Gott huldigen! Die vegane Bioküche ist, nebenbei bemerkt, fast immer halal. Und koscher übrigens auch!

Bild: Wikimedia, CC BY-SA 3.0

Dienstag, 15. Januar 2019

Ein Vulkan? Wie toll!


Demletzt hatte ich mit einem Bekannten über „2084 - Noras Welt“ von Jostein Gaarder gesprochen. Der Roman erlaubt uns einen Blick in die nahe Zukunft: Der Anstieg des Meeresspiegels durch das Schmelzen der Eisflächen hat viel Land geraubt. Der hohe Kohlendioxydgehalt in der Luft, verursacht durch unseren Energieverbrauch, hat die Meere übersäuert und die Meeresfauna nahezu ausgelöscht. Der Temperaturanstieg durch das Klimagas hat die Dauerfrostböden der Arktis, Antarktis und den Hochgebirgen schmelzen lassen und zusätzlich den Klimakiller Methan aus den Böden gelöst. Das was der menschliche Landraub vom Regenwald übrig gelassen hat, verwandelt sich in gigantische Savannen. Die Folgen sind ein massives Artensterben in Fauna und Flora und eine bis dahin ungekannte Flüchtlingswelle: Klimaflüchtlinge! 
Mein Bekannter schwieg kurz und erwiderte: „Wenn der Vulkan unter dem Yellowstone-Nationalpark in den USA ausbricht, setzt er viel mehr Kohlendioxyd frei, als die Menschheit es tut.“ Das folgende Schweigen war dann auf meiner Seite, und ich musste meine Antwort vertagen. Im Internet las ich dann, dass täglich etwa 45 Kilotonnen Kohlendioxid aus dessen heißen Quellen und Schlammtöpfen entweichen, das sind knapp 16,5 Megatonnen pro Jahr. Das hört sich viel an, aber die Menschheit setzt jährlich ca. 41 Gigatonnen Kohlendioxid frei. Wenn der Supervulkan jedoch ausbräche, setzte
er 100 Gigatonnen frei, also eine menschliche Dreijahresproduktion.

Drei ist übrigens eine gute Zahl, denn 2017 erneuerten 60 renommierte Wissenschaftler im Magazin „Nature“ ihre Prognose, dass wir nur noch bis 2020, also aus heutiger Sicht ein Jahr, Zeit haben, um eine unumkehrbare Zerstörung der Umwelt aufzuhalten. Danach sei die Erderwärmung nicht mehr aufzuhalten, denn das Abschmelzen der Eismassen an den Polen würde dann zu einer geringeren Reflektion des Sonnenlichts und Auslösung einer eigenen Erderwärmung führen, die wir nicht mehr beeinflussen können. Das hatten sie schon vor 15 Jahren vorausgesagt. Seit dem haben wir es immerhin geschafft, den Ausstoß konstant zu halten. Wir müssen ihn jedoch senken, und da kommen nicht nur die Politik und die Industrie ins Spiel, sondern jeder Einzelne. Der CO2-Ausstoß pro Jahr liegt rechnerisch bei 5,5 Tonnen pro Erdenbürger, laut Umweltbundesamt aber bei 11,6 Tonnen pro Bundesbürger. Wie hoch der individuelle ist, kann man über den CO2-Rechner unter uba.co2-rechner.de herausfinden. Wenn man bedenkt, dass der Yellowstone aller Wahrscheinlichkeit nach in 60.000 Jahren ausbricht, bedürfte es lediglich der Bevölkerung des Wetteraukreises, die ihren CO2-Ausstoß auf die weltweite Pro-Kopf-Jahres-Emission senkte, um das bis dahin auszugleichen. Wie? Weniger fliegen, mehr den Zug oder Fernbus nehmen. Weniger das Auto nutzen, mehr Radfahren und Laufen. Weniger Fleisch essen, mehr lokales und saisonales Obst- und Gemüse. Weniger Müll produzieren und mehr unverpackt einkaufen. Ich habe dort begonnen, wo es kaum spürbar war: Suchmaschine auf Ecosia gewechselt, gebrauchten statt neuen Rechner bei Refurbed gekauft, denn beide pflanzen von ihren Einnahmen Bäume, und Bäume binden CO2. Das ist schon einmal ein guter Anfang.

Und die Antwort an meinen Bekannten? „Im Jahr 2084 haben wir noch 59.933 Jahre Zeit, bis der Vulkan eruptiert, aber wir haben es jetzt in der Hand, wie hoch die Chance ist, dass die Menschheit das überhaupt erlebt. Der Plan: Die Wetterau kümmert sich um den Vulkan und ihr anderen bitte um den Rest.“ 
Deal?

Bild: Pixabay, MikeGoad

Montag, 19. Februar 2018

"Wie grün ist die Wetterau" - Interview mit Landratskandidat Thomas Zebunke

Andreas Arnold (li.), Thomas Zebunke (C) Dominik Rinkart
Andreas: Hallo, Thomas. Du kandidierst für die Grünen für das Amt des Landrates hier im Wetteraukreis. Derzeit ist man im Netz und in den Zeitungen von lauter Kandidatinnen und Kandidaten umgeben, die Feierlichkeiten des Kleingärtnervereins, Ehrungen der Metzger-Innung und Schiffstaufen der örtlichen DLRG besuchen. Schön, dass du dir die Zeit für ein Interview mit einem Blogger nimmst.
Thomas: Solche Termine mache ich eher selten, und wenn dann rede ich lieber Klartext als hübsche Bilder mit „alles ist gut“ zu posten.

Andreas: Mal ganz ehrlich! Willst du wirklich Landrat im Wetteraukreis werden?
Thomas: Ja, weil das eine Position ist, in der man viel gestalten kann – und weil hier in der Wetterau noch Gestaltungsmöglichkeiten bestehen. Und weil ich nicht will, dass es politisch so weitergeht wie in den letzten zwei Jahren Großer Koalition. In der Kreisverwaltung gibt es sehr gute Leute, aber in die politische Führung muss neue Dynamik reinkommen. Mir ist es wichtig, Themen nach vorne zu bringen, die die anderen KandidatInnen nicht besetzen können. Ich denke da vor allem an Umwelt und Natur, an soziale Gerechtigkeit und an eine andere Wirtschaftspolitik. Es gibt zunehmend Menschen in der Wetterau, die das mehr interessiert als der reine Konsum.

Andreas: Du bist seit über 30 Jahren bei den Grünen und wohnst über die Hälfte der Zeit schon in Friedberg, konnte man in der Wetterauer Zeitung lesen. Die Wetterau ist die Herz- und Kornkammer Hessens, hast Du mal gesagt. Sieht man davon ab, dass die REWE-Versiegelung von 40 ha guten Ackerlands in Berstadt wohl nahen wird, wie grün ist die Wetterau in 20 Jahren noch?
Thomas: Es geht nicht nur um die 40 ha des REWE-Projektes bei Berstadt, sondern um eine ganze Reihe von solchen Projekten, die nichts mit Nachhaltigkeit zu tun haben. Darauf haben die Gegner immer hingewiesen, und ich selbst habe auch immer gesagt, dass ich ein anderes, eher gemeinwohlorientiertes Wirtschaften in der Wetterau fördern will. Die Wetterau ist eine der wenigen Regionen in Europa, die sich selbst ernähren könnte. Durch den extremen Flächenverbrauch der letzten Jahre wird es damit schon vorbei sein - mit der Folge von noch mehr Lebensmittelimporten.
Der Wetteraukreis braucht ein Leitbild und eine eigenständige Entwicklung, die sich nicht den Einzelinteressen von Investoren unterwirft. Ich glaube nicht, dass die Leute hier nur Schlafstadt und Lagerplatz von Frankfurt sein wollen. Und ich glaube, dass wir auch Vorbild für andere Regionen in Ballungsraumnähe sein können. Die Aktionen der Ökolandbaumodellregion zeigt uns ja, dass es geht.

Andreas Arnold (li.), Thomas Zebunke (C) Dominik Rinkart
Andreas: Und ganz privat? Das Äußere ist grün – wie sieht die Innenwelt aus? Wie ökologisch ist dein Leben. Müll trennen wir per leges alle, doch wieviel Müll produziert dein Haushalt?
Thomas: Grün vor allem von innen heraus und das schon seit der Schulzeit. Nach außen pragmatisch und sorry – [lacht] nobody is perfect - durchaus auch mit Schwächen in der persönlichen Performance. Unsere kleine Restmülltonne war noch nie voll und der gelbe Sack genauso. Verpackungen sind mir ein Graus, ich kaufe nur langlebige Produkte und ich muss auch nicht alles haben. Den Anteil an Ökoprodukten in meiner Küche schätze ich auf 60%, Kräuter haben wir im Hausgarten, und seit drei Jahren haben wir einen Saisongarten.

Andreas: Über 600 Kilo Siedlungsabfälle fallen pro Kopf in Deutschland an. Damit sind wir im europäischen Spitzenbereich. Das passt dazu, dass wir auch eine der führenden plastikproduzierenden Nationen der Welt sind. Unverpacktläden sind ein erster Schritt, die unglaublichen Müllmengen, die in Privathaushalten anfallen, zu reduzieren. Angenommen, es würde ein solcher Laden im Kreis eröffnen wollen, wie könnte die Politik unterstützen – speziell der Kreis?
Thomas: Das würde ich sehr begrüßen, am besten ein ganzes Kaufhaus. „JOH 2.0 – unverpackt“ in Friedberg wäre schon ein starkes Signal. An den Standort Elvis-Platz gehören sowieso mehr öffentliche, kulturelle und beispielhafte Angebote. Eine Mehrheit ist für die Förderung eines solchen Projektes derzeit im Kreistag nicht zu gewinnen.
Aber so ein Landrat könnte hier wie auch bei anderen zukunftsweisenden Projekten schon durch die persönliche Unterstützung und die der Verwaltung helfen und Räumlichkeiten für Initiativen anbieten.

Andreas: In Anbetracht der Empfehlungen der Böll-Stiftung im Fleisch-Atlas 2018 stellt sich natürlich die Frage, wie der Haushalt Zebunke lebt.
Thomas: Fleischarm, aber nicht fleischlos, und wenn Fleisch, dann eher von Wiederkäuern, also Rind und Schaf, weil die wenigstens Gras fressen, damit die Landschaft pflegen und nicht mit dem Menschen konkurrieren. Natürlich auch viel Käse, Obst, Gemüse. Da ich beruflich bedingt viel außer Haus esse, habe ich nicht immer die Wahl.

Andreas Arnold (li.), Thomas Zebunke (C) Dominik Rinkart
Andreas: Die Grünen verloren vermutlich Stimmen bei der im Vorfeld der Bundestagswahl 2013 geführten Veggie-Tag-Diskussion. Gleichwohl haben zahlreiche Stadträte, gerade in studentischen Großstädten, fleischfreie Tage in kommunalen Kantinen und Mensen erfolgreich eingeführt. Wenn jede Wetterauerin und jeder Wetterauer nur einen Tag pro Woche auf Fleisch verzichtete, könnte das CO2-Äquivalent von 22.500 Autos pro Jahr eingespart werden. Wie würde ein Landrat an die Sache herangehen?
Thomas: Im Konrad-Adenauer-Haus, also der Parteizentrale der CDU gibt es freitags kein Fleisch, und da macht niemand so einen Hype draus wie aus dem „Veggieday“! Eines meiner Hauptziele ist es, Projekte wie sie in den Großstädten in den letzten Jahren gewachsen sind, in die Wetterau zu holen. Es kommen ja auch viele Menschen, gerade jüngere und Familien aus den Städten, zu uns, und die vermissen sowas.
Auch hier gilt: Die Person des Landrates kann auch Vorbild sein und die Aufmerksamkeit auf dies Themen lenken, und das tue ich auch bei jeder Gelegenheit. So etwas würde mehr Raum in der Öffentlichkeitsarbeit der Kreisverwaltung bekommen.

Andreas: Auto ist ein gutes Stichwort. Die Straßen sind voll damit. Einige Städte der Wetterau bieten immerhin Car-Sharing an. Das öffentliche Nahverkehrsnetz ist in einigen Gegenden gut ausgebaut. Folgendes Szenario: Sagen wir mal, der künftige Landrat heißt Thomas Zebunke, und Wiesbaden ruft zur Besprechung. Welche Fortbewegungsmittel ist das deiner Wahl?
Thomas: Zunächst mal was Überregionales: Was sich die Autoindustrie und die bundesweite Verkehrspolitik in den letzten Jahren geleistet haben, finde ich kaum noch erträglich. Wir brauchen gerade im Ballungsraum und in der Wetterau einen anderen Umgang mit der Automobilität.
Fahrten nach Wiesbaden, Gießen, Fulda, Kassel usw. kommen heute bei mir schon oft vor. Zuerst wähle ich immer die Bahn oder Fahrgemeinschaft. In Sachen Auto fahre ich schon lange keinen Diesel mehr, sondern Hybrid und demnächst vielleicht elektrisch. Das ÖPNV-Netz in der Wetterau muss besser werden, gerade auch im Ostkreis. Dazu mehr Car-Sharing und Ladestationen.

Andreas: Was für einen Dienstwagen hätte ein grüner Landrat?
Thomas: Vielleicht gar keinen, sondern Teilnahme an einem Car-Sharing-Pool zusammen mit den MitarbeiterInnen und Anwohnern der Kreisverwaltung in Friedberg. Ansonsten kleiner und elektrischer.

Andreas: Und was, wenn Berlin zur Besprechung ruft?
Thomas: Ich bin jetzt schon ein- bis zweimal im Monat in Berlin, Brüssel oder ähnlich weit weg und fahre weiter Bahn. Bei noch größeren Distanzen bin ich auch schon geflogen.

Andreas: Die Bahn hat inzwischen auch ein veganes Speisenangebot. Kennst du es?
Thomas: Natürlich, letzte Woche noch den Gerstensalat im ICE nach Berlin gegessen und genossen.

Andreas Arnold (li.), Thomas Zebunke (C) Dominik Rinkart
AndreasBerlin ruft, wenn es dringend ist, sicher auf dem Handy an. Gut 80 Millionen Althandys liegen in den Haushalten im Land, und 24,1 Millionen Smartphones wurden 2017 in Deutschland verkauft. In der Politik wird immer wieder mal diskutiert, ein Pfand auf Mobiltelefone einzuführen, um die riesigen Mengen an Coltan und Seltenen Erden, die unter fragwürdigen Bedingungen speziell im Kongo abgebaut werden, wieder der Kreislaufwirtschaft zuzuführen. Wie stehst du dazu, und wie viele Handys liegen in deinen Schubladen?

Thomas: Wir haben zuhause drei Geräte, ein iPhone, ein Samsung und ein Fairphone. Dienstlich muss ich ein Blackberry nutzen. In den Schubladen liegt sonst nichts. Ist ja auch kein Problem, die Altgeräte in eine ordentliche Sammlung zu geben. Ich habe nicht vor, in näherer Zeit ein neues Gerät zu kaufen und auch keinen Vertrag mit regelmäßiger Nachlieferung.

Andreas: Ich bin natürlich nicht nur an ökologischen Dingen interessiert. Mein zweites Standbein ist die Kultur. Welche Kulturveranstaltungen besucht Thomas Zebunke?
Thomas: Regelmäßig das Theater Altes Hallenbad in Friedberg, gerne auch mal Theater und Konzerte in Frankfurt. Im Sommer bin ich gerne open-air und ich liebe das CopaKabaNoga in Friedberg, weniger die großen Stadionevents. Musikalisch war ich selbst lange Jahre als Saxofonist aktiv und habe nach einigen bewusstseinserweiternden Experimenten im Free Jazz in einer Street Band gespielt. Dafür ist heute kaum noch Zeit, aber ich mache zusammen mit Kollegen von früher, denen es ähnlich geht, immer noch gerne Garagen- und Gartenkonzerte für meine Nachbarn und Freunde. Meistens geht es dabei um Soul und Funk, Elektronisches und Deine Poetry-Slam-Kollegen haben auch schon mitgemacht.

Andreas: Die Kreisstadt und weitere zwölf Kommunen der Wetterau gehören zur Tourismusregion Wetterau. Zum Tourismus gehört nicht nur, schöne Landschaften vorweisen zu können, um attraktiv für Natur-Urlauber zu sein, auch ein potentes Vereinsleben gehört dazu. Immerhin wird ein Großteil des Kulturangebotes nicht kommerziell oder von den Kulturämtern präsentiert, sondern von Ehrenamtlichen.
Gibt es bei Dir Ideen, deren Bedeutung der ehrenamtlichen Kulturarbeit in der Wahrnehmung zu steigern? 
Thomas: Die Menschen in der Wetterau und gerade die, die aus der Großstadt zu uns kommen, brauchen ein hochwertiges kulturelles Angebot. Da fehlt es der Wetterau an Vielfalt. Es ist ein Skandal, dass eine Spielstätte wie der Brettl-Palast in Ortenberg aufgeben musste. Im Westkreis gibt es immerhin große Spielstätten z. B. in Bad Nauheim und Bad Vilbel. Das ist aber nicht für alle Angebote die richtige Umgebung. Eine Neugründung wie das Theater Altes Hallenbad mit dem „Kulturtaucher“-Programm in Friedberg - eine großartige bürgerschaftliche Leistung –, zeigt, wie es auch woanders gehen könnte.
Der Wetteraukreis muss nicht nur seinen eigenen Kulturetat deutlich vergrößern, sondern braucht ein kulturpolitisches Leitbild und eine Kulturförderrichtlinie! Damit können dann die Kommunen in Ihrer Kulturarbeit unterstützt werden, und vor allem müssen die Kulturschaffenden eingebunden werden und eine gemeinsame Informationsplattform bekommen.

Andreas Arnold (li.), Thomas Zebunke (C) Dominik Rinkart
AndreasWas bewegt den Privatmenschen Thomas Zebunke noch?

Thomas: Schon als Student habe ich mich für Ökologie und Bürgerrechte engagiert, soziale Ungerechtigkeit und Rechtsradikalismus machen mich auch schon mal wütend. Ich leide, wenn ich Naturzerstörung oder Tierquälerei erleben muss. Ich genieße es, in schönen Landschaften unterwegs zu sein, manchmal auch in Großstadtschluchten, mache viel Sport und esse gerne gut.
Ich liebe Kommunikation, habe viel Spaß in meiner Community, bei der Musik oder beim Sport, und im Straßenwahlkampf funktioniert das auch ganz gut. 

Andreas: Lieber Tomas, danke für deine Zeit. Am 27. Februar, 19:00 Uhr, wird im Theater Altes Hallenbad eine Podiumsdiskussion mit den Kandidaten der SPD und der CDU und dir stattfinden. Dazu wünsche ich dir, deiner Mitbewerberin und deinen Mitbewerbern viel Erfolg.

Freitag, 10. November 2017

Tausche Fernseher gegen Ackerland

„Guten Abend!“, wünsche ich, als ich mit einem Verlängerungskabel durch das Wohnzimmer meines Nachbarn gehe, seinen alten Röhrenfernseher vom Netz trenne und es an seiner Steckdose anschließe - meine sind leider alle belegt. Natürlich zahle ich gerne für den Strom – er ist nämlich bei keinem lokalen Anbieter, sondern bei einem dieser günstigen aus dem Internet. Währenddessen sitzt er mit kritischem Blick auf seiner Couch und schweigt. Klingt komisch? Würde ich auch sagen. Etwas Ähnliches passiert im Agrarsektor. Im Jahr 2010 lag die Menge an Land, die wir allein für unseren Konsum von landwirtschaftlichen Produkten und Dienstleistungen in Anspruch nahmen, laut einer Veröffentlichung der Friends of the Earth Europe vom Juli 2016 bei 269 Millionen Hektar – das sind 43 Prozent mehr landwirtschaftliche Flächen, als in der EU selbst zur Verfügung stehen. Der Pro-Kopf Fußabdruck der EU für Ackerland liegt im globalen Mittelfeld bei 0,31 Hektar, was bedeutend mehr ist als der globale Durchschnitt pro Kopf von 0,22 Hektar, der jedoch durch den unverhältnismäßig großen Verbrauch der meisten Industrieländer stark nach oben beeinflusst ist. Die Folgen sind Entwaldung, Bodendegenerierung, Artensterben, Wasserknappheit, Klimawandel und von sozialer Natur. Gerade in Afrika sind die Auswirkungen immens. Immerhin bauen wir dafür dort Brunnen. Das ist ein wenig wie meinem Nachbarn zwar die Steckdose für seinen Fernseher wegzunehmen, ihm aber dafür einen neuen hinzustellen. „Was will ich damit ohne Strom?“, fragt er dann, und meine Antwort ist: „Sei dankbar! Der ist nagelneu. Aber gut, hier hast du noch eine Fernsehzeitung.“ Die eine oder der andere mag jetzt sagen, dass er froh sein solle, immerhin habe er was lesen, und er könne den neuen Fernseher ja auch an einer anderen Steckdose betreiben. Leider ist der Fernseher ein ausländisches Fabrikat mit einem nicht kompatiblen Stecker. Bleibt ihm also die Fernsehzeitung, in der all die Sendungen verzeichnet sind, die er verpasst. Wäre es nicht besser, ein paar weniger Geräte zu nutzen? Immerhin stehen in den deutschen Haushalten nach einer Studie des GfK-Consumerpanels aus dem Jahr 2012 2,2 Fernseher. Ähnlich ist das mit unseren Agrarflächen. Dreiviertel unserer EU-eigenen Agrarflächen nutzen wir für die Produktion tierischer Erzeugnisse. Das spiegelt sich auch in unserem Flächenverbrauch außerhalb der EU wider: Fast drei Viertel des agrarischen Land-Fußabdrucks der EU werden durch den Konsum von tierischen Produkten verursacht. Wenn wir es etwas vereinfachen, könnte eine naheliegende Lösung sein, die ärztlich empfohlene Höchstmenge von 15 Kilogramm pro Jahr an Fleisch zu konsumieren statt des derzeit knapp vierfachen dessen. Die EU könnte ihre Landwirtschaft dann unabhängig von externen Landflächen betreiben, diese Landflächen stünden wieder für die Ernährung der dortigen Bevölkerung zur Verfügung und unsere Bauern hätten wieder mehr Absatz, wären unabhängiger von Subventionen. Natürlich wären die inländischen Erzeugnisse etwas teurer, aber dafür konsumierten wir einen höheren Anteil Nahrungsmittel, die grundsätzlich günstiger sind als Fleisch. Und letztlich sparten wir ja auch Geld, da wir nur noch einen Fernseher hätten. Gut, ich vermische die Aussage mit meinem Gleichnis, und vielleicht mag die Rechnung so vereinfacht sein, dass man „Milchmädchenrechnung“ rufen mag, doch denkt daran: Wenn wir unseren tierischen Konsum erst reduziert haben, geht auch die Milchmädchenrechnung zu Dreiviertel auf.