Dienstag, 5. März 2019

Bio und halal


Letzte Woche hatte der Europäische Gerichtshof entschieden, dass geschächtetes Fleisch kein EU-Bio-Label tragen darf. Das betäubungslose Schlachten garantiere nicht, dass die Tiere so wenig wie möglich leiden, begründeten die Richter ihre Entscheidung. Ich erinnere mich da an eine Antwort der Bundesregierung auf eine kleine Anfrage der Grünen zum Thema „Tierschutz bei der Tötung von Schlachttieren“, in der sie auf Fehlbetäubungen bei Schlachtungen hinwies. Nun könnte man mir sagen: „Du lebst vegan! Sei doch froh, wenn die Fleischwirtschaft sich zerfleischt!“ Ich stelle mir jedoch eine ganz andere Frage, die gar nichts mit Fleischkonsum zu tun hat. 

Dazu folgendes Rechenbeispiel: 740 Millionen Einwohner hat die EU, darunter 26 Millionen Muslime. Der Biofleischanteil liegt bei unter 2 Prozent. Es könnte also 520.000 Muslime in Europa geben, die ausschließlich bio und halal essen. Nehmen wir an, sie äßen die für Europa durchschnittlichen 80 Kilo Fleisch pro Kopf, dann müssten 42 Tausend Tonnen Fleisch, das halal produziert wurde mit einem Biosiegel versehen werden, damit die Verbraucher wissen, dass das Tier entsprechend gefüttert und gehalten wurde. Die EU produziert gut 44 Millionen Tonnen Fleisch pro Jahr, darunter 22 Millionen Tonnen Schweinefleisch, das im Islam tabu ist. Es verbleiben also 22 Millionen Tonnen Fleisch, darunter 13 Millionen Tonnen Geflügel- und sieben Millionen Tonnen Rindfleisch, die „tierschutzrechtskonform“ produziert wurden. Nun muss man wissen, dass die EU-Öko-Verordnung zum Thema Schlachten nur einen einzigen Satz enthält: „Ein Leiden der Tiere ist während der gesamten Lebensdauer der Tiere sowie bei der Schlachtung so gering wie möglich zu halten.“ Das trifft auf das Schächten ohne Betäubung sicher nicht zu. 

Der entscheidende Punkt ist: Auf unsere „tierschutzrechtskonforme“ Schlachtung auch nicht! Um eine Biozertifizierung zu erhalten, muss der Schlachthof lediglich garantieren, dass Biotiere von konventionell aufgezogenen Tieren getrennt geschlachtet werden. Der Tötungsprozess ist ökologisch und konventionell gleich: Betäuben, Stechen, ausbluten lassen, nur funktioniert das mit der Betäubung leider nicht immer. Die Fehlbetäubungsrate – und da komme ich auf die eingangs erwähnte Antwort der Bundesregierung zurück – liegt beispielsweise bei Rindern bei vier bis über neun Prozent. Selbst wenn ich „nur“ die vier Prozent annehme, wären wir bei 280.000 Tonnen Fleisch, die ohne Betäubung gewonnen wurden.  Beim Geflügel liegt die Quote zwischen 0,1 und einem Prozent, was mindestens 13.000 Tonnen Fleisch entspricht, bei dem die Tiere keinen Unterschied zur Halal-Schlachtung „erlebt“ hätten. 

Wenn ich die Schlachtausbeuten in die Rechnung einbeziehe, töten wir also bereits jetzt 560 Tausend Rinder und 34 Millionen Vögel in Europa ohne ausreichende Betäubung – rechnerisch wären das 11.200 Bio-Rinder und 680.000 Stück Bio-Geflügel. Zähle ich da die ökologisch aufgezogenen Tiere hinzu, die potentiell halal, also ebenso unbetäubt geschlachtet werden, aber nun kein Bio-Label mehr bekommen, machen sie in Summe etwas mehr als 42 % aus. Es sind also fast ebenbürtige Zahlen. Die einen bekommen ein Biosiegel, die anderen nicht. Warum? Offenbar darf ein Tier aus Gründen der Gewinnmaximierung unbetäubt getötet werden und sich dennoch Bio nennen, aus religiösen Gründen jedoch nicht. Da frage ich mich ernsthaft, ob wir nicht dem falschen Gott huldigen! Die vegane Bioküche ist, nebenbei bemerkt, fast immer halal. Und koscher übrigens auch!

Bild: Wikimedia, CC BY-SA 3.0

Kommentare:

  1. Ich lebe vegan, komme aber aus einer mittelständischen Metzgereifamilie. Es gibt Vorgaben beim Schlachten, nach wie vielen Sekunden welche Tests am Tier gemacht werden müssen, um zu prüfen, ob das Tier korrekt betäubt wurde, z.B. wird in die Nase des Tieres gepikst, um eine Reaktion zu testen. Gibt es eine, dann wird nachbetäubt und danach erst geschlachtet. Hier sind die deutschen Regeln zumindest sehr konkret. Das heißt also, dass ein nicht korrekt betäubtes Tier nicht zwangsweise bei vollem Bewusstsein geschlachtet wurde, sondern, dass zunächst eine weitere Betäubung statt gefunden hat.
    Ich finde es auf der einen Seite gut, wenn auf eine Ethik beim Schlachten geachtet wird, auf der anderen Seite haben Tiere das Recht nicht nur "ethisch gut" geschlachtet zu werden, sondern vor allem eine gute Aufzucht, ein gutes Tierleben zu haben. Für mich klingt dieses "Tierwohl"-Siegel eher danach, dass sich der Omnivor ein gutes Gewissen beim Fleischkonsum erkaufen kann. Und so geht es wieder nicht ums Tierwohl.

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    1. Hallo,
      Danke für deinen Kommentar. Ich gebe dir in allen Punkten Recht und bin mir fast sicher, dass je kleiner ein Betrieb ist, um so respektvoller der Umgang mit dem Tier sein mag. Es wäre wünschenswert, wenn das überall so wäre. Gerade in den Großschlachtereien, die mit immensem Durchsatz arbeiten, ist das sicher nicht der Fall.
      Wir lesen uns
      Andreas

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