Dienstag, 22. Mai 2018

Am Wölfersheimer See


Letzten Mittwoch veröffentlichte der BUND seinen Gewässerreport 2018. 92 Prozent aller Flüsse und Seen in Deutschland sind in einem beklagenswerten Zustand, kommen die Autoren zum Ergebnis. Das überrascht, zumal es doch eine EU-Richtlinie gibt, die die Mitgliedsstaaten verpflichtet, bis 2015 alle Gewässer in einen guten Zustand zu bringen. Ach nein, die wurde ja bis 2027 verlängert. Irgendetwas kommt mir da bekannt vor. Was mag es wohl sein? Ach ja, da gibt es ja auch so ein Zwei-Grad-Klima-Ziel und eine Fristverlängerung unserer Bundesregierung. Wer da Parallelen sieht, ist nicht der sprichwörtliche Schelm, der Böses dabei denkt, sondern vermutlich schlichtweg jemand, der eine realistische Sicht auf unsere Zukunft hat.

Panorama Wölfersheimer See, Common Licence, Nils E.

Ich sehe die Headline in der Zeitung bereits vor mir: „92 % des Klimaziels sind nicht erreicht. Es wird Zeit, dass die Politik sich bewegt.“ Wie schön, wenn man da in einem der Acht-Prozent-Gebiete der Bundesrepublik lebt, in denen es nicht in den Sommern zu heiß, in den Wintern zu mild oder, wenn es stürmt, zu stürmisch und, wenn es regnet, überschwemmt ist – von den ganzen verheerenden Konsequenzen für die Artenvielfalt, die Besiedlung, den Landbau und so weiter abgesehen. Ich hoffe, die Wetterau ist eines dieser Gebiete. Ich möchte ungern neben unseren kritischen Seen – der Wölfersheimer See ist beispielsweise ein solcher – auch noch ein kritisches Klima in der Wetterau haben. Ist natürlich Unsinn! Klima ist kein in diesem Maße lokal abgrenzbares Phänomen, insbesondere da wir in einer Gesellschaft mit globalisiertem Handel unmittelbar von den Klimaauswirkungen überall auf der Welt betroffen sind.

Ist es in Afrika zu heiß und trocken, und es verringert sich die Kakaoernteausbeute, werden hierzulande Chocalatiers bei Lind, Ferrero und Sarotti entlassen, um die Gewinnspannen zu retten. Immerhin 70 % der Rohware stammen von dort. Sie trinken keinen Kakao? Dann gehen wir nach Südamerika und schauen auf die Soja-Produktion. Über 40 Prozent stammen allein aus Brasilien. Sie essen kein Tofu? Unerheblich, denn 75 Prozent der Ernte werden als Tierfutter verwendet. Klimaziel futsch – Ernten Futsch – Metzger, Landwirte futsch, und immer mehr Menschen müssen Veganer werden. Was für eine traurige Zukunft! Da sitzen wir bald in Geisenheim am See, beobachten die Fische beim Rückenschwimmen, kauen traurig auf einem pflanzlichen Schnitzel herum und sagen uns: „Ach ja, EU-Wasserrahmenrichtlinie, EU-Klimaschutzziele. Wie einfach es doch damals gewesen wäre!“

Ja, ich gebe es zu, ich habe heute meinen sarkastischen Tag und der Ironie-Schalter ist auf on, aber mal ganz ehrlich: Es könnte so einfach sein. Wenn schon die Kreuzchen auf den Wahlzetteln aus Gewässer- und Klimasicht offenbar nicht die politischen Weichen stellen, dann wäre es vielleicht eine Idee, sich selbst ein wenig umzustellen. Ein Weg, der beides fördert, ist beispielsweise einfach etwas mehr aus heimischem, ökologischem Landbau zu essen. Zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen! Ökolandbau bedeutet, weniger Dünger, der über das Grundwasser in unsere Seen und Flüsse fließt und dort Todeszonen mitverursacht, und Lokalerwerb, dass kein CO2 für die langen Transportwege in die Atmosphäre geblasen wird. Wasser- und Klimaschutz in einem. Wäre das nicht toll? Natürlich bleibt einem ungenommen, dennoch mit veganem Schnitzelbrötchen am Wölfersheimer See zu sitzen. Noch ist er ja nicht gekippt, bietet eine schöne Aussicht, und auch vegan zu essen, hilft ja bekanntlich, die beiden Ziele zu fördern.

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