Donnerstag, 13. Juli 2017

Unser liebstes Kind

Vor kurzem las ich, dass der Verband der Automobilindustrie den Zulassungsstopp für Verbrennungsmotoren ab 2030 ablehne. Natürlich hat der Verbandschef bereits eine Idee: Hocheffiziente Verbrenner könnten künftig auf Basis regenerativ hergestellter und CO2-neutraler Kraftstoffe betrieben werden. Ich bin mir sicher, dass VW und Daimler bereits die passende Software haben, um die Klimaneutralität nachzuweisen, und sich auch schon mit BMW abgesprochen haben. Mal ehrlich, wir wollen doch hintergangen werden! Da betrügen die größten deutschen Automobilhersteller Staat und Kundschaft, indem sie die Schadstoffwerte manipulieren, und wir haben nichts Besseres zu tun, als zu sagen: „Ui, die haben die Diesel-Modelle manipuliert. Ach, dann kaufe ich mir halt einen Benziner!“ VW hat kürzlich seine europäischen Halbjahreszahlen vorgelegt. Ein Einbruch der Zahlen? Denkste! 40.000 Fahrzeuge haben sie in diesem Halbjahr mehr verkauft als im ersten Halbjahr 2016. Das ist wie an der Autobahnraststätte einen Teppich angeboten zu bekommen, ihn als gefälschten Perser zu entlarven, dann aber die «Golduhr» zu kaufen. Es ist doch nicht das Dieselfahrzeug, das uns betrogen hat - es ist der Hersteller. Derselbe, dessen Benziner wir gerade gekauft haben. Derselbe, dessen Verbandsvertreter jetzt Werbung dafür macht, darauf zu vertrauen, dass wir bis 2030 umweltfreundliche Verbrennungsaggregate haben werden. Gas-Verbrenner werden vom Verband exemplarisch aufgeführt. Im Jahr 2016 kam eine Studie der «Bloomberg New Energy Finance» zum Ergebnis, dass Wind- und Solarenergie in den 2030er Jahren deutlich günstiger sein werden als fossil gewonnene. Es wird kein "goldenes Zeitalter" für Erdgas geben. Und jetzt, ein Jahr später, bieten sie uns genau das an. Merkwürdig, wie unterschiedlich die Prognosen doch trotz «Peak Oil» und «Peak Gas» sein können. Morgen findet der «Diesel-Gipfel» statt, zu dem die Bundesregierung mit der Autobranche Maßnahmen für einen geringeren Schadstoffausstoß festlegen will. Von den Herstellern würden Angaben dazu erwartet, welche Modelle mit einer neuen Software optimiert werden könnten. Was genau soll da optimiert werden? Der Schadstoffausstoß oder die Werte? Wie bereits geschrieben: Wir wollen betrogen werden! Da kann man auch einen bekannten Kunstfälscher zum Gutachter über die von ihm zum Verkauf angebotenen Gemälde machen. Das Auto ist des Deutschen liebstes Kind. Da drückt man schon mal ein Auge zu. 3,4 Millionen Neuwagen werden 2017 prognostisch zugelassen werden. 1,3 Millionen Führerscheine werden jährlich in Deutschland ausgestellt. Jeder Führerscheinneuling bekommt also rechnerisch zu seinem 18. Geburtstag 2,6 Autos geschenkt. Stimmt nicht, sagen Sie? Na und! Die Schadstoffwerte der 2,6 Autos stimmen ja auch nicht. Da wollen wir jetzt aber nicht kleinlich werden! Ich war letzte Woche mit der S-Bahn in Frankfurt. Wir nahmen zu zweit eine Tageskarte für fünf Personen, weil sie günstiger war als zwei Einzelfahrkarten hin und zurück. Fast 30 Euro, um in die Metropole zu gelangen. Das treibt einem schon Tränen in die Augen. Vor allem, wenn man bedenkt, dass man für weniger als ein Drittel der Kosten das Auto nehmen kann. Vielleicht wäre es für die Bundesregierung sinnvoller, den ÖPNV so zu subventionieren, so dass sich weder die Fahrt mit einem noch die Anschaffung eines neuen PKW lohnen würde, anstatt mit der Automobilindustrie um Schadstoffwerte zu schachern. Die Bahn betrügt uns zwar auch, aber da geht immerhin nur um die Abfahrtzeiten.

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