Samstag, 1. Juli 2017

Einundsiebzigster Schritt: Reüssieren und Weitergehen

Reüssieren ist ein tolles Wort. Ich habe es schon einmal gehört, aber noch nie zuvor benutzt. Möchte ich aber. Es heißt "Erfolg haben", wie ich gerade recherchiert habe, weshalb ein Thema herbei muss, bei dem ich gerade Erfolg habe. Warum nicht das Thema "Angewandter Minimalismus im Rahmen der persönlichen Verantwortung zur Reduzierung des weltweiten Kohlendioxidausstoßes" wählen? Energiesparen mit anderen Worten!

Wurzelgemüse-Humidor
Seit über einem halben Jahr lebe ich nun ohne Kühlschrank. Über die Wintermonate hinweg war das kein Problem, doch ich fürchtete um das Durchhalten während der Sommermonate, insbesondere da ich in einer Dachgeschosswohnung lebe. Aus diesem Grund habe ich mir einen Offline-Kühlschrank gebaut, der mir die Kühlung mittels Verdunstungswärme verschaffen sollte. Die ersten Tests meines kühlenden Tontopfes ergaben eine um zwei Grad Celsius niedrigere Temperatur innen als außen. Ich hatte die Hoffnung, das würde sich verstärken, wenn die Außentemperatur erst anstiege und mit ihr die Verdunstung. Die Außentemperatur stieg, mit ihr die in der Wohnung und leider auch die in meiner vermeintlichen Kühlvorrichtung. In Spitzenzeiten hatte ich 36 Grad in meiner Wohnung und der Beat ging leider nicht weiter (2Raumwohnung ist eben nicht Dachgeschosswohnung). Ist alle Mühe umsonst? Nein, denn ich durfte feststellen, dass sich Wurzelgemüse - Pastinaken, Petersilienwurzeln, Rote Beete, Mohrrüben etc - ganz hervorragend darin halten. Mangels Kühlung hatte ich sie bislang im Obstkorb gelagert und musste täglich zusehen, wie sie schrumpften. In meinem Offline-Kühlschrank Wurzelgemüse-Humidor halten sie teils gut zwei Wochen. Allerdings fangen sie dann an, wieder Blattgrün zu entwickeln. Living Food eben!

Es gibt Eingemachtes!
Ist mir in der Zwischenzeit etwas verdorben? Ja, dreimal. Allerdings unabhängig vom fehlenden Kühlschrank, wie ich denke. Einmal eine Zitrone, die ich jedoch ohnehin nie im Kühler gelagert hatte, einmal eine Mahlzeit vom Vortag, die ich leider in meinem ausgeschalteten Gerät, das die Kinder liebevoll "Wärmeschrank" nennen, vergessen hatte, und einmal eine vegane Käsesoße, von der ich viel zu viel bereitet hatte. Ich hatte sie in zwei großen Gläsern eingekocht und war offenbar nicht ausreichend auf Keimfreiheit bedacht, so dass eins davon verdarb. Davon abgesehen klappt das Einkochen sehr gut und erspart mir tatsächlich vieles an Kühlgut. Ich mache inzwischen alle Brotaufstriche selbst und koche sie ein. Sie sind wochen-, wahrscheinlich sogar monatelang konserviert. Selbst wenn sie geöffnet sind, halten sie tagelang, ohne dass sie schlecht werden. Wichtig ist nur, immer mit einem sauberen Löffel, den man auch für nichts anderes während des Essens nutzt, in das Glas zu gehen. Weiter ist es ratsam, nicht mehr Gläser zu öffnen, als man binnen vier Tagen aufbraucht. Meine Erfahrung, die ich aber zu Kühlschrankzeiten schon gemacht hatte, ist, dass sich Schimmel schneller zu bilden beginnt, wenn man mal zwei Tage nichts davon isst. Ich vermute, dass man durch das tägliche Entnehmen Schimmelsporen verzehrt, bevor sie zu gefährlichem Schimmelbefall werden können. Die Antwort auf die noch nicht gestellte Frage vorweggenommen: Nein, ich war nicht krank, seit ich ohne Kühlschrank lebe.

Panafrikanische Gemüsefarbmischung
Selbst angeschnittenes Gemüse bedarf keiner Kühlung und wird nicht schlecht, wenn ich es binnen zwei oder drei Tagen verzehre. Ich esse jeden Morgen etwas Rohkost auf meinen Frühstücksbroten: Gurke, Tomate, Paprika, was eben gerade da ist. Verständlicherweise verzehre ich keine komplette Gurke oder Paprika und selten auch keine ganze Tomate auf einmal. Anfangs hatte ich sie in einem großen Schraub- oder Bügelverschlussglas aufbewahrt, um sie vor Sporen und Austrocknung zu schützen. Mittlerweile lagern sie auf einem Teller im "Wärmeschrank". Ich lege sie mit der Schnittstelle darauf, so dass sie quasi nahezu wieder versiegelt sind. Im Ergebnis werden sie weder schlecht, noch schimmeln sie, noch werden sie matschig. Auch Essen vom Vortag stelle ich, lediglich mit einem Teller zugedeckt hinein. Selbst bei warmer Wohnung gab es - abgesehen von dem o. g. Fall - nichts, das schlecht geworden wäre. 
Fazit: Wer etwas reduziert lebt, kommt ohne Kühlschrank aus, was jedoch nicht bedeutet, ich äße spartanisch. Ich esse täglich jede Menge Obst und Gemüse, frischen Salat und Sprossen (damit meine ich nicht die erwähnten Schimmelsporen), habe selbst gebackenes Brot und viel Freude beim Essen. 
An dieser Stelle möchte ich nicht unerwähnt lassen, dass der Bekannte, der mich dazu inspiriert hat, Milchprodukte und Käse isst, aber dennoch seit inzwischen drei Jahren ohne Kühlschrank lebt. Die schnell verderblichen Milchwaren kauft er unmittelbar von dem Verzehr erst ein. Insofern kühlt für ihn der Supermarkt, dessen Kühlkosten er ohnehin schon mit dem Kaufpreis der Waren bezahlt. Machten das alle, wäre der Supermarkt so etwas wie ein soziales Mehrgenerationen-Kühlprojekt, und wir sparten Millionen von Kilowattstunden an Energie sowie tonnenweise Kohlendioxid.

Wie geht es weiter? Im Schnitt verbrauchte ich in diesem Jahr bislang 38 kwh an Energie monatlich - der Juni war mein Highlight mit nur 26 kw/h. Da ist aber noch Potential! Energiesparlampen sind bereits überall eingesetzt, viele Elektrogeräte, wie das WLAN-Radio im Badezimmer oder der Fernseher im Wohnzimmer sind abgeschafft, sämtliche verbliebenen Elektrogeräte sind an ausschaltbaren Steckerleisten angeschlossen, die bei Nichtbenutzung konsequent ausgeschaltet sind, was auch für den WLAN-Router gilt, und nun möchte ich mich dem Computer zuwenden, der wohl der Stromfresser Nr. 1 ist. Den Drucker habe ich bereits nur noch angeschaltet, wenn ich tatsächlich drucken möchte, und ab heute werde ich einen Monat lang nur mit dem Netbook arbeiten, das schließlich auf wenig Verbrauch getrimmt ist, und den Desktop-PC mit Monitor auslassen. Ich bin gespannt, wie sie das auswirkt.

Keine Kommentare:

Kommentar posten