"Wie schmeckt sie denn?", fragte Sabine.
"Hmmm!", antwortete Charlotte und rieb sich dabei den flachen Bauch. "Lecker nach Kalb und Huhn und feinsten Gewürzen."
"Und die Nester?"
"Eigentlich haben die keinen Eigengeschmack."
"Warum sind sie dann in der Suppe, wenn sie keinen Eigengeschmack haben?"
"Du bist halt kein Gourmet. Schwalbennestersuppe ist die exklusivste Vorspeise, die man sich gönnen kann."
"Mami", sagte Sabines kleine Tochter, "können wir jetzt endlich wieder nach hause?"
"Tut mir leid, Schatz, aber wir können uns die Wohnung nicht mehr leisten", sagte Sabine, die Weißnestsalangane, schiss in Charlottes Suppe, und beide flogen obdachlos von dannen.
Mittwoch, 30. Juli 2008
Dienstag, 29. Juli 2008
Dialoge I - Über den Robbenfang
"Oh, mein Gott. Ich bin verantwortlich für den Tod von Robbenbabies", sagte Andy.
"Na, und?", sagte Lennart. "Wen kümmern Robben?"
"Ihre großen schwarzen Kulleraugen verfolgen mich im Schlaf."
"Hör zu, Andy!", sagte Lennart kopfschüttelnd. "Du bist gesund, hast immer zu essen, trägst diesen wundervollen Pelz. Sei doch zufrieden mit dir. Wären Robben erfolgreicher, müssten sie nicht gekeult werden."
"Aber ich keule sie doch gar nicht", sagte Andy.
"Nein, Du nicht. Aber andere keulen sie, damit Menschen Pelze tragen können."
"Übersiehst Du da nicht, dass wir alle die Wahl haben?"
"Haben wir nicht, Andy", sagte Lennart, der Lude. "Was wäre ich ohne meine Statussymbole, ohne meinen Pelzmantel?"
"Hmmm? Weiß nicht", erwiderte Andy, der Eisbär, fraß ihn und zog, etwas besser gelaunt, weiter, zurück in das endlose Weiß Grönlands.
"Ob das Gewissensbisse waren?", fragte sich Paulchen, der Heuler, und sandte ihm große schwarze Kulleraugen glücklich hinterher.
"Na, und?", sagte Lennart. "Wen kümmern Robben?"
"Ihre großen schwarzen Kulleraugen verfolgen mich im Schlaf."
"Hör zu, Andy!", sagte Lennart kopfschüttelnd. "Du bist gesund, hast immer zu essen, trägst diesen wundervollen Pelz. Sei doch zufrieden mit dir. Wären Robben erfolgreicher, müssten sie nicht gekeult werden."
"Aber ich keule sie doch gar nicht", sagte Andy.
"Nein, Du nicht. Aber andere keulen sie, damit Menschen Pelze tragen können."
"Übersiehst Du da nicht, dass wir alle die Wahl haben?"
"Haben wir nicht, Andy", sagte Lennart, der Lude. "Was wäre ich ohne meine Statussymbole, ohne meinen Pelzmantel?"
"Hmmm? Weiß nicht", erwiderte Andy, der Eisbär, fraß ihn und zog, etwas besser gelaunt, weiter, zurück in das endlose Weiß Grönlands.
"Ob das Gewissensbisse waren?", fragte sich Paulchen, der Heuler, und sandte ihm große schwarze Kulleraugen glücklich hinterher.
Sonntag, 27. Juli 2008
Als Poseidons Traum der Alb befiel
Sterne, trauernd hilflos über ihm,
Geben ratlos alter Zeiten kund,
Stolzer Zeiten, die verloren sind,
Garn aus alter, ferner Seemannszeit,
Als gereckte Flossen ihn gegrüßt,
Fischer schenkten täglich ihr Gebet,
Nasse Wälder luden ein zum Gang,
Wogend Vielfalt eines großen Reichs.
Nunmehr gehen wütend Riesen um,
Darben sein Geleit durchs kalte Meer,
Fisch und Wal sind lange totgefischt,
Salzgeschmack, verdrängt von Öl und Gift.
Leer von Flora, trister Meeresgrund,
Nur Ruinen aus der Menschenhand.
Wandelt einsam noch, in endlos Frist,
- wo niemand mehr sein Segel hisst.
Geben ratlos alter Zeiten kund,
Stolzer Zeiten, die verloren sind,
Garn aus alter, ferner Seemannszeit,
Als gereckte Flossen ihn gegrüßt,
Fischer schenkten täglich ihr Gebet,
Nasse Wälder luden ein zum Gang,
Wogend Vielfalt eines großen Reichs.
Nunmehr gehen wütend Riesen um,
Darben sein Geleit durchs kalte Meer,
Fisch und Wal sind lange totgefischt,
Salzgeschmack, verdrängt von Öl und Gift.
Leer von Flora, trister Meeresgrund,
Nur Ruinen aus der Menschenhand.
Wandelt einsam noch, in endlos Frist,
- wo niemand mehr sein Segel hisst.
Samstag, 26. Juli 2008
Das seltsame Leben des Magnus Vates
Kapitel IV
Es war mitten in der Nacht. Magnus saß im Schneidersitz auf dem Bett. Er genoss die Stille. Doch es war eine trügerische Stille. Die sprichwörtliche Ruhe vor dem Sturm. Doch Magnus war vorbereitet. Gut vorbereitet und definitiv besser als s i e dachten. Doch wie alles so weit kommen konnte, war ihm unerklärlich. Klar, er hasste seinen Job. Er hasste es, sich verstecken zu müssen, doch er hatte doch eigentlich immer getan, was s i e von ihm wollten.
Er saß oft so in seinem Bett. Seit einigen Wochen jeden Tag. Ohne Ausnahme. Veränderungen gingen in ihm vor. Im Alter von fünf Jahren empfand er das letzte Mal so. Damals, als e s aus ihm heraus brach.
Er lebte mit seinen Eltern auf einer Hofreite weit außerhalb der nächsten Dörfer. Tiere waren stets um ihn herum und manchmal seine einzigen Gesprächspartner, wenn seine Eltern wieder einmal unterwegs waren und sich um die Notwendigkeiten, die ihr Hof mit sich brachte, kümmerten. Oft bis spät in die Nacht. Irgendwann hatte Magnus entdeckt, dass er fühlen konnte, was die Tiere wünschten. Er fütterte sie, wenn er spürte, dass sie Hunger haben, gab ihnen zu trinken, wenn er merkte, sie waren durstig. Irgendwann ging es weiter. Er begann ihre Ängste zu spüren. Die Ängste der Schweine vor der Schlachtbank. Die Abneigung, die die Kühe empfanden, wenn sein Vater die Melkmaschine in Gang brachte. Selbst die Furcht, die Mäuse empfanden, wenn sie im Heuschober, stets auf der Hut vor den Katzen des Hofes, nach Nahrung suchten. Es wurde Tag für Tag intensiver. Und schlimmer zu verkraften. Je weiter sich der Tag entfernte, als er den ersten Durst eines Tieres spürte, desto schlimmer wurden die Empfindungen, die seinen Geist und sein Herz füllten. Nicht nur ein Tier, alle Tiere gelangten nach und nach in seine Empfindungen. Alle zur gleichen Zeit. Es fühlte sich an wie tausend Stimmen, die durcheinander in ihm sprachen, ohne dass er die Sprache verstehen konnte. Er wurde jeden Tag panischer, ohne das er seinen Eltern erklären konnte, was mit ihm passierte. Kein Arzt konnte ihm helfen. Letztlich gaben jedoch seine Geschichten von den Stimmen der Tiere den Ausschlag, dass man ihn in ein Sanatorium für Kinder einwies. Doch jedes Mal, wenn Tiere in seine Nähe kamen, kehrte mit den Stimmen auch die Panik in seine Augen zurück. Eine schwere Ochlophobie attestierte man ihm, weil man es nicht besser wusste. Dabei waren Menschen gar nicht sein Problem.
So verbrachte er seine Kindheit, bis s i e auf den Plan traten. S i e holten ihn raus und erklärten ihm, was er war. Ihm, einem inzwischen achtjährigen Jungen, der nichts von dem verstand. Doch im Laufe der Jahre, die er in i h r e r Obhut war, lernte er, sich gegen die Gefühle abzuschotten und sie nur noch bewusst zuzulassen. Und er lerne, dass die Empfindungen nur die Spitze des Eisberges waren. Sie waren nur Sendungen, die er empfing. Doch er konnte auch selbst senden. Senden und das Programm selbst gestalten. Anfangs war es noch schwierig. Doch je einfacher das Lebewesen, desto schneller hatte er es unter Kontrolle. Irgendwann als Teenager hatte er den Dreh dann raus. S i e integrierten ihn wieder in die Gesellschaft. Er ging auf eine normale Schule, lebte wieder bei seinen Eltern, doch während die anderen Kinder Katz und Maus spielten, spielte er wirklich Katz und Maus.
Doch das war Jahre her. Seine Eltern sah er nur noch zu Geburtstagen und an Weihnachten. Aber so ist das nun mal, wenn man älter wird, dachte er. S i e hatten ihm jedenfalls einen großen Dienst erwiesen. Ohne s i e wäre er vermutlich wahnsinnig geworden. Doch als er i h n e n die Veränderungen, die in ihm seit wenigen Wochen vorgingen voller Stolz erläutert hatte, spürte er plötzlich Feindseligkeit. Also zog er sich wieder zurück und behielt für sich, was noch in ihm vorging. Er testete dann und wann, wie weit er war. Natürlich gab es Unfälle, doch s i e hätten ihm ja helfen können. Er spürte, dass da noch mehr war. Dass noch mehr seinen Weg ins Freie einforderte. Und s i e spürten das auch, was auch der Grund für den Besuch war, den er gebührend zu empfangen plante.
Magnus wusste nicht, weshalb er es plötzlich spürte, doch er spürte es. Sie kamen. Wie er es erwartet hatte. Wie schon vielen andere vor ihm, sandten s i e auch ihm einen ihrer Meuchelmörder. Magnus hob seine linke Braue. Sie sind zu zweit. Starke Kräfte. Unterschiedliche Kräfte. S i e mussten wirklich Angst vor dem haben, was sich in ihm entwickelte. Dann spürte er einen Stich durch seinen Kopf fahren und verlor sie. Nichts mehr. Er strengte sich an, doch belohnte ihn nicht die geringste Spur für seine Anstrengungen. Keine Wahrnehmung mehr. Was soll's?, dachte er sich. Ich weiß ohnehin, dass ihr da seid.
So viele Veränderungen gingen in ihm in den letzten Wochen vor. Wie damals, als er noch Kind war. Doch seinerzeit wurde er panisch. Er glaubte, den Verstand zu verlieren. Heute war es anders. Er ließ die Veränderungen kommen. Ließ zu, dass sie ein bewusster Teil von ihm wurden. Dennoch kam es überraschend für ihn. Vor wenigen Wochen dachte er noch, ein Tierflüsterer zu sein, wäre seine Bestimmung.
Kaum, dass der letzte Gedanke den bewussten Teil seines Gehirns erreicht hatte, sah er auch schon die Klinke seiner Tür sich nach unten neigen. Magnus setzte sich gerade hin und hielt die Taschenlampe bereit. Die Tür öffnete sich. Magnus knipste sie an und schaute in zwei überraschte Gesichter. Fast zur selben Sekunde hob der blonde Hühne, der im Türrahmen erschienen war, seine Arme und ein helles Blitzen wuchs zwischen seinen Fingern. Magische Energie. Auch das hatte er erwartet. Jetzt hieß es handeln. Im Bruchteil einer Sekunde war er in die Ganglien tausender von Fliegen eingedrungen, die er seit Stunden an seiner Decke zu einem unruhigen schwarzen Teppich angesammelt hatte und ließ sie zeitgleich einen schützenden Vorhang zwischen ihm und seinen gedungenen Mördern aufbauen. Hoffentlich reichte der kurze Lichteinfall der Taschenlampe, um ihre Körper reflektierend werden zu lassen, hoffte er inständig, als er sich ruckartig zur Sicherheit vom Bett fallen ließ. Aus den Augenwinkeln erkannte er noch, dass der kleinere der beiden Assasinen, die Gefahr nahen sah und seinen Partner warnen wollte. Doch es war bereits zu spät. Die Energie entlud sich in dorthin, wo er zuvor saß, wo nun sein Schutzvorhang, ein unruhiger Spiegel aus unzähligen Insekten, bedrohlich summte, und wurde in alle Richtungen gebrochen und zerstreut. Er spürte den Schmerz seiner sechsbeinigen Verbündenden wie Myriaden feiner Nadelstiche in seinem Kopf. Aber er spürte noch etwas anderes. Zwei magische Präsenzen und deren großen Schmerz.
Als er aufstand, lagen vor der Tür zwei qualmende menschliche Körper, um sie herum ein stinkender Teppich verglühter Schmeißfliegen. Einige wenige krabbelten auf dem Parkett des Schlafzimmerbodens herum, ziellos im Kreis, und würden auf kurz oder lang ebenso verenden. Die zwei Begabten lagen gekrümmt bewegungslos vor ihm. Die Präsenz des Großen war gerade verblasst, als der Kleine zitternde Augenlider öffnete.
Wohl eher Klasse sechs, dachte er und hauchte mit dem letzten Gedanken sein Leben aus.
„Das scheint mir auch so, oder?“, fragte Magnus die letzten überlebenden Fliegen und öffnete ein Fenster für sie. Dann machte er sich daran, die richtigen Tiere für die Leichenbeseitigung zu orten. Nicht, dass er noch Ärger mit Frau Hansen bekäme. Er mochte seine Vermieterin sehr.
Kapitel III | Kapitel V
Er saß oft so in seinem Bett. Seit einigen Wochen jeden Tag. Ohne Ausnahme. Veränderungen gingen in ihm vor. Im Alter von fünf Jahren empfand er das letzte Mal so. Damals, als e s aus ihm heraus brach.
Er lebte mit seinen Eltern auf einer Hofreite weit außerhalb der nächsten Dörfer. Tiere waren stets um ihn herum und manchmal seine einzigen Gesprächspartner, wenn seine Eltern wieder einmal unterwegs waren und sich um die Notwendigkeiten, die ihr Hof mit sich brachte, kümmerten. Oft bis spät in die Nacht. Irgendwann hatte Magnus entdeckt, dass er fühlen konnte, was die Tiere wünschten. Er fütterte sie, wenn er spürte, dass sie Hunger haben, gab ihnen zu trinken, wenn er merkte, sie waren durstig. Irgendwann ging es weiter. Er begann ihre Ängste zu spüren. Die Ängste der Schweine vor der Schlachtbank. Die Abneigung, die die Kühe empfanden, wenn sein Vater die Melkmaschine in Gang brachte. Selbst die Furcht, die Mäuse empfanden, wenn sie im Heuschober, stets auf der Hut vor den Katzen des Hofes, nach Nahrung suchten. Es wurde Tag für Tag intensiver. Und schlimmer zu verkraften. Je weiter sich der Tag entfernte, als er den ersten Durst eines Tieres spürte, desto schlimmer wurden die Empfindungen, die seinen Geist und sein Herz füllten. Nicht nur ein Tier, alle Tiere gelangten nach und nach in seine Empfindungen. Alle zur gleichen Zeit. Es fühlte sich an wie tausend Stimmen, die durcheinander in ihm sprachen, ohne dass er die Sprache verstehen konnte. Er wurde jeden Tag panischer, ohne das er seinen Eltern erklären konnte, was mit ihm passierte. Kein Arzt konnte ihm helfen. Letztlich gaben jedoch seine Geschichten von den Stimmen der Tiere den Ausschlag, dass man ihn in ein Sanatorium für Kinder einwies. Doch jedes Mal, wenn Tiere in seine Nähe kamen, kehrte mit den Stimmen auch die Panik in seine Augen zurück. Eine schwere Ochlophobie attestierte man ihm, weil man es nicht besser wusste. Dabei waren Menschen gar nicht sein Problem.
So verbrachte er seine Kindheit, bis s i e auf den Plan traten. S i e holten ihn raus und erklärten ihm, was er war. Ihm, einem inzwischen achtjährigen Jungen, der nichts von dem verstand. Doch im Laufe der Jahre, die er in i h r e r Obhut war, lernte er, sich gegen die Gefühle abzuschotten und sie nur noch bewusst zuzulassen. Und er lerne, dass die Empfindungen nur die Spitze des Eisberges waren. Sie waren nur Sendungen, die er empfing. Doch er konnte auch selbst senden. Senden und das Programm selbst gestalten. Anfangs war es noch schwierig. Doch je einfacher das Lebewesen, desto schneller hatte er es unter Kontrolle. Irgendwann als Teenager hatte er den Dreh dann raus. S i e integrierten ihn wieder in die Gesellschaft. Er ging auf eine normale Schule, lebte wieder bei seinen Eltern, doch während die anderen Kinder Katz und Maus spielten, spielte er wirklich Katz und Maus.
Doch das war Jahre her. Seine Eltern sah er nur noch zu Geburtstagen und an Weihnachten. Aber so ist das nun mal, wenn man älter wird, dachte er. S i e hatten ihm jedenfalls einen großen Dienst erwiesen. Ohne s i e wäre er vermutlich wahnsinnig geworden. Doch als er i h n e n die Veränderungen, die in ihm seit wenigen Wochen vorgingen voller Stolz erläutert hatte, spürte er plötzlich Feindseligkeit. Also zog er sich wieder zurück und behielt für sich, was noch in ihm vorging. Er testete dann und wann, wie weit er war. Natürlich gab es Unfälle, doch s i e hätten ihm ja helfen können. Er spürte, dass da noch mehr war. Dass noch mehr seinen Weg ins Freie einforderte. Und s i e spürten das auch, was auch der Grund für den Besuch war, den er gebührend zu empfangen plante.
Magnus wusste nicht, weshalb er es plötzlich spürte, doch er spürte es. Sie kamen. Wie er es erwartet hatte. Wie schon vielen andere vor ihm, sandten s i e auch ihm einen ihrer Meuchelmörder. Magnus hob seine linke Braue. Sie sind zu zweit. Starke Kräfte. Unterschiedliche Kräfte. S i e mussten wirklich Angst vor dem haben, was sich in ihm entwickelte. Dann spürte er einen Stich durch seinen Kopf fahren und verlor sie. Nichts mehr. Er strengte sich an, doch belohnte ihn nicht die geringste Spur für seine Anstrengungen. Keine Wahrnehmung mehr. Was soll's?, dachte er sich. Ich weiß ohnehin, dass ihr da seid.
So viele Veränderungen gingen in ihm in den letzten Wochen vor. Wie damals, als er noch Kind war. Doch seinerzeit wurde er panisch. Er glaubte, den Verstand zu verlieren. Heute war es anders. Er ließ die Veränderungen kommen. Ließ zu, dass sie ein bewusster Teil von ihm wurden. Dennoch kam es überraschend für ihn. Vor wenigen Wochen dachte er noch, ein Tierflüsterer zu sein, wäre seine Bestimmung.
Kaum, dass der letzte Gedanke den bewussten Teil seines Gehirns erreicht hatte, sah er auch schon die Klinke seiner Tür sich nach unten neigen. Magnus setzte sich gerade hin und hielt die Taschenlampe bereit. Die Tür öffnete sich. Magnus knipste sie an und schaute in zwei überraschte Gesichter. Fast zur selben Sekunde hob der blonde Hühne, der im Türrahmen erschienen war, seine Arme und ein helles Blitzen wuchs zwischen seinen Fingern. Magische Energie. Auch das hatte er erwartet. Jetzt hieß es handeln. Im Bruchteil einer Sekunde war er in die Ganglien tausender von Fliegen eingedrungen, die er seit Stunden an seiner Decke zu einem unruhigen schwarzen Teppich angesammelt hatte und ließ sie zeitgleich einen schützenden Vorhang zwischen ihm und seinen gedungenen Mördern aufbauen. Hoffentlich reichte der kurze Lichteinfall der Taschenlampe, um ihre Körper reflektierend werden zu lassen, hoffte er inständig, als er sich ruckartig zur Sicherheit vom Bett fallen ließ. Aus den Augenwinkeln erkannte er noch, dass der kleinere der beiden Assasinen, die Gefahr nahen sah und seinen Partner warnen wollte. Doch es war bereits zu spät. Die Energie entlud sich in dorthin, wo er zuvor saß, wo nun sein Schutzvorhang, ein unruhiger Spiegel aus unzähligen Insekten, bedrohlich summte, und wurde in alle Richtungen gebrochen und zerstreut. Er spürte den Schmerz seiner sechsbeinigen Verbündenden wie Myriaden feiner Nadelstiche in seinem Kopf. Aber er spürte noch etwas anderes. Zwei magische Präsenzen und deren großen Schmerz.
Als er aufstand, lagen vor der Tür zwei qualmende menschliche Körper, um sie herum ein stinkender Teppich verglühter Schmeißfliegen. Einige wenige krabbelten auf dem Parkett des Schlafzimmerbodens herum, ziellos im Kreis, und würden auf kurz oder lang ebenso verenden. Die zwei Begabten lagen gekrümmt bewegungslos vor ihm. Die Präsenz des Großen war gerade verblasst, als der Kleine zitternde Augenlider öffnete.
Wohl eher Klasse sechs, dachte er und hauchte mit dem letzten Gedanken sein Leben aus.
„Das scheint mir auch so, oder?“, fragte Magnus die letzten überlebenden Fliegen und öffnete ein Fenster für sie. Dann machte er sich daran, die richtigen Tiere für die Leichenbeseitigung zu orten. Nicht, dass er noch Ärger mit Frau Hansen bekäme. Er mochte seine Vermieterin sehr.
Kapitel III | Kapitel V
Freitag, 25. Juli 2008
Fancesco Fontanello
Kapitel II
Als Francesco gerade seine Wohnungstür aufschließen wollte, nahm er den Geruch des Todes wahr. Doch es war nur Mrs. Zuckerman, die hinter ihm, mit dem Fuß auf den Boden tippend und bösem Blick, im Türrahmen zu ihrer Wohnung stand. Sie hatte nur den einen. Bösen Blick natürlich, nicht Türrahmen. Von denen hatte sie mehrere. Im Augenblick sogar mehr als Türen, denn ihre Wohnungstür war in der Mitte zerbrochen und lag im Flur.
„Zwei Herren haben das hier für Sie da gelassen“, spie sie ihm mürrisch entgegen. „Sie baten mich höflich, Ihnen auszurichten, dass es ihnen Leid täte, dass er aus Plüsch wäre.“
Francesco nahm den Plüsch-Pferdekopf Schicksals ergeben entgegen und sah in Gedanken einen traurigen Mafiosi-Sprössling weinend vor sich, der nun mit einem kopflosen Pferd knuddeln musste.
Mit so einem hätte sich Opa wohl auch noch mal zur Seite gedreht und ein paar Stündchen weiter geschlafen, dachte er. Aber es stimmte schon. Bei all den Fleischskandalen. Wer mochte da schon noch mit rohem Fleisch ohne Herkunftsstempel hantieren?
„Danke, Mrs. Zuckermann. Es war sehr nett von Ihnen, das für mich entgegen zu nehmen.“
„Ach, lecken Sie mich doch am Arsch“, sagte sie freundlich, doch mit Nachdruck und drückte einen Teil der Tür in den Rahmen. Da es der untere war, fand sie Gelegenheit Francesco noch den Mittelfinger zu zeigen, bevor sie im Dunkel ihrer Wohnung verschwand.
„Tja, da ist wohl was schief gegangen“, sagte Francesco zu dem Pferdekopf. Doch der starrte ihn nur ratlos an. Was blieb ihm auch anderes übrig?
„Ahhh!“, schrie Marcello Mastinetto, dessen Äußeres an ein Erdbeben auf zwei Beinen denken ließ. „Diese fiese, alte Frau!“, schrie er weiter in hellen Tönen, denen man nie zugetraut hätte, an seinen daumendicken Stimmbändern vorzukommen - ganz wie ein Bergmassiv im Stimmbruch – und rieb sich dabei unaufhörlich sein rotes Ohr.
„Du hättest ja vorher klopfen können“, sagte sein Partner. Mit verschmitzt gewundenen Mundwinkeln.
„Ich konnte doch nicht ahnen, dass es zwei Erdgeschosswohnungen gibt.“
„Die zweite Wohnungstür hinter Dir war ja auch nicht zu sehen. Hast ja keine Augen am Hinterkopf, nicht?“, sagte er und gleich darauf, dass er sich nicht so anstellen soll. Obwohl sein Ohr auch noch ganz schön pochte. Erniedrigend, so behandelt zu werden. Und gefährlich. Schließlich lässt sich ein Ohr nicht endlos drehen.
„Ich denke, wir sind uns einig, dass Don Calabrese davon nichts erfährt, oder?“, vergewisserte er sich bei Marcello.
„Ahhh!“, antwortete dieser, was sein Partner als Zustimmung empfand und es dabei beließ.
„Diese fiese, alte Frau!“
„Was mag ich wohl falsch gemacht haben?“, fragte sich Francesco ein zweites Mal und kuschelte sich mit dem Plüschschädel unter seinem Kopf auf das Sofa. Doch der antwortete wieder nicht.
Mangels Gesprächspartner knipste er seinen 42 Zoll Panasonic an und schaute die Abendnachrichten. Sein Pferdekopf, den er inzwischen Piccolino getauft hatte, schaute während dessen auf Francescos Hinterkopf. Mangels Alternative.
„In den frühen Morgenstunden wurde ein Mordanschlag auf den Chicagoer Baugiganten Alonso Calabrese verübt“, sagte die blonde Nachrichtensprecherin mit dem tiefen Dekolleté.
„Wer wagt sich denn das?“, fragte Francesco das tiefe Dekolleté.
„Ein unerkannt entkommener Attentäter drang unbemerkt in das Schlafzimmer der Millionärsvilla ein und schoss mehrmals auf das Bett des Baulöwen"
„Lustig! Wie bei mir heute morgen.“
„Wie durch ein Wunder blieb Calabrese unverletzt.“
„Ähhhh!“
„Das CPD sucht in diesem Zusammenhang nach Zeugen, die gegen 06:00 Uhr einen schwarzen Lincoln, Baujahr 2001, vom Tatort flüchten sahen.“
„Argh!“, sagte Francesco und, um sicher zu gehen, gleich im Anschluss noch „Oh, oh!“, während er nach e i n e m Zettel in seiner Hosentasche kramte und z w e i rausholte. „Aouuu! Der falsche Zettel!“, heulte er und hob dabei die Hände zum Himmel, wie Del Piero, wenn er Gott fragt, warum der Ball bloß nicht rein gegangen war, und ließ sicherheitshalber gleich noch ein zweites „Aouuu!“ folgen. Anschließend versuchte er, sich mit mäßigem Erfolg die Haare zu raufen.
Alonso Calabrese saß, die Wand annickend, hinter seinem riesigen Tropenholzschreibtisch.
„Wäre er doch nur nicht der Sohn der Großtante meiner Haushälterin, ich würde ihn eigenhändig meucheln.“, sprach er zur Wand, an der ein Bild seines Großvaters, dem Begründer des Syndikats, hing. Doch das war Zufall. Er sprach zufällig zur Wand und ganz bestimmt nicht zum Bild seines Großvaters.
Als es klopfte, wandte er sich von der Wand zur doppelflügeligen Holztür, die zu seinem Vorzimmer führte. Tolle Schnitzereien, musste er jedes Mal denken, wenn er sie anschaute. Also dachte er es auch diesesmal.
„Capo, ein Laufbursche von Don Sebastiano gab das hier für Sie ab. Es ist ihr Mantel aus der Reinigung“, sagte sein Sekretär mit dem ausgebeulten Jackett.
Calabrese winkte ab, woraufhin sich sein Sekretär, rückwärts verneigend, wieder aus dem Büro entfernte.
„Er ist ein guter Junge und kann gut mit Waffen umgehen“, äffte er seine Haushälterin nach und wackelte dabei mit seinem Kopf, als wäre er ein Plastikhündchen auf der Hutablage eines Autos.
„Aber gleichzeitig meine Sachen von der Reinigung holen, ist wohl zu viel.“, sagte er weiter und beschloss, den Rest des Tages die Wand anzunicken, bis er alles verdaut hatte.
Kapitel I | Kapitel III
„Zwei Herren haben das hier für Sie da gelassen“, spie sie ihm mürrisch entgegen. „Sie baten mich höflich, Ihnen auszurichten, dass es ihnen Leid täte, dass er aus Plüsch wäre.“
Francesco nahm den Plüsch-Pferdekopf Schicksals ergeben entgegen und sah in Gedanken einen traurigen Mafiosi-Sprössling weinend vor sich, der nun mit einem kopflosen Pferd knuddeln musste.
Mit so einem hätte sich Opa wohl auch noch mal zur Seite gedreht und ein paar Stündchen weiter geschlafen, dachte er. Aber es stimmte schon. Bei all den Fleischskandalen. Wer mochte da schon noch mit rohem Fleisch ohne Herkunftsstempel hantieren?
„Danke, Mrs. Zuckermann. Es war sehr nett von Ihnen, das für mich entgegen zu nehmen.“
„Ach, lecken Sie mich doch am Arsch“, sagte sie freundlich, doch mit Nachdruck und drückte einen Teil der Tür in den Rahmen. Da es der untere war, fand sie Gelegenheit Francesco noch den Mittelfinger zu zeigen, bevor sie im Dunkel ihrer Wohnung verschwand.
„Tja, da ist wohl was schief gegangen“, sagte Francesco zu dem Pferdekopf. Doch der starrte ihn nur ratlos an. Was blieb ihm auch anderes übrig?
„Ahhh!“, schrie Marcello Mastinetto, dessen Äußeres an ein Erdbeben auf zwei Beinen denken ließ. „Diese fiese, alte Frau!“, schrie er weiter in hellen Tönen, denen man nie zugetraut hätte, an seinen daumendicken Stimmbändern vorzukommen - ganz wie ein Bergmassiv im Stimmbruch – und rieb sich dabei unaufhörlich sein rotes Ohr.
„Du hättest ja vorher klopfen können“, sagte sein Partner. Mit verschmitzt gewundenen Mundwinkeln.
„Ich konnte doch nicht ahnen, dass es zwei Erdgeschosswohnungen gibt.“
„Die zweite Wohnungstür hinter Dir war ja auch nicht zu sehen. Hast ja keine Augen am Hinterkopf, nicht?“, sagte er und gleich darauf, dass er sich nicht so anstellen soll. Obwohl sein Ohr auch noch ganz schön pochte. Erniedrigend, so behandelt zu werden. Und gefährlich. Schließlich lässt sich ein Ohr nicht endlos drehen.
„Ich denke, wir sind uns einig, dass Don Calabrese davon nichts erfährt, oder?“, vergewisserte er sich bei Marcello.
„Ahhh!“, antwortete dieser, was sein Partner als Zustimmung empfand und es dabei beließ.
„Diese fiese, alte Frau!“
„Was mag ich wohl falsch gemacht haben?“, fragte sich Francesco ein zweites Mal und kuschelte sich mit dem Plüschschädel unter seinem Kopf auf das Sofa. Doch der antwortete wieder nicht.
Mangels Gesprächspartner knipste er seinen 42 Zoll Panasonic an und schaute die Abendnachrichten. Sein Pferdekopf, den er inzwischen Piccolino getauft hatte, schaute während dessen auf Francescos Hinterkopf. Mangels Alternative.
„In den frühen Morgenstunden wurde ein Mordanschlag auf den Chicagoer Baugiganten Alonso Calabrese verübt“, sagte die blonde Nachrichtensprecherin mit dem tiefen Dekolleté.
„Wer wagt sich denn das?“, fragte Francesco das tiefe Dekolleté.
„Ein unerkannt entkommener Attentäter drang unbemerkt in das Schlafzimmer der Millionärsvilla ein und schoss mehrmals auf das Bett des Baulöwen"
„Lustig! Wie bei mir heute morgen.“
„Wie durch ein Wunder blieb Calabrese unverletzt.“
„Ähhhh!“
„Das CPD sucht in diesem Zusammenhang nach Zeugen, die gegen 06:00 Uhr einen schwarzen Lincoln, Baujahr 2001, vom Tatort flüchten sahen.“
„Argh!“, sagte Francesco und, um sicher zu gehen, gleich im Anschluss noch „Oh, oh!“, während er nach e i n e m Zettel in seiner Hosentasche kramte und z w e i rausholte. „Aouuu! Der falsche Zettel!“, heulte er und hob dabei die Hände zum Himmel, wie Del Piero, wenn er Gott fragt, warum der Ball bloß nicht rein gegangen war, und ließ sicherheitshalber gleich noch ein zweites „Aouuu!“ folgen. Anschließend versuchte er, sich mit mäßigem Erfolg die Haare zu raufen.
Alonso Calabrese saß, die Wand annickend, hinter seinem riesigen Tropenholzschreibtisch.
„Wäre er doch nur nicht der Sohn der Großtante meiner Haushälterin, ich würde ihn eigenhändig meucheln.“, sprach er zur Wand, an der ein Bild seines Großvaters, dem Begründer des Syndikats, hing. Doch das war Zufall. Er sprach zufällig zur Wand und ganz bestimmt nicht zum Bild seines Großvaters.
Als es klopfte, wandte er sich von der Wand zur doppelflügeligen Holztür, die zu seinem Vorzimmer führte. Tolle Schnitzereien, musste er jedes Mal denken, wenn er sie anschaute. Also dachte er es auch diesesmal.
„Capo, ein Laufbursche von Don Sebastiano gab das hier für Sie ab. Es ist ihr Mantel aus der Reinigung“, sagte sein Sekretär mit dem ausgebeulten Jackett.
Calabrese winkte ab, woraufhin sich sein Sekretär, rückwärts verneigend, wieder aus dem Büro entfernte.
„Er ist ein guter Junge und kann gut mit Waffen umgehen“, äffte er seine Haushälterin nach und wackelte dabei mit seinem Kopf, als wäre er ein Plastikhündchen auf der Hutablage eines Autos.
„Aber gleichzeitig meine Sachen von der Reinigung holen, ist wohl zu viel.“, sagte er weiter und beschloss, den Rest des Tages die Wand anzunicken, bis er alles verdaut hatte.
Kapitel I | Kapitel III
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