Sonntag, 25. Dezember 2011

Weststadtstory No. 3, Essen (23.12.2011)

Ruby Tuesday und Zerrin Blumenkind
Es war der Tag vor Weihnachten. Es war mild und regnerisch und ich auf dem Weg nach Essen. In die Weststadt. Noch genauer zu JayNightwinds Weststadtstory, die er nun das dritte Mal ausrichtete. Eigentlich wollte ich ja schon bei der Erstausgabe anwesend sein, doch da kam eine Hochzeit dazwischen. Zum Glück nicht meine. Kurz nach Einlass um 18:00 Uhr kam ich an. Jay hatte im Regen auf mich gewartet. Leider ohne Schirm, doch dafür winkte er sehr schön, damit ich auch ja den hell beleuchteten Eingang finden sollte. Bei uns Hessen weiß man ja nie.
Ich freute mich auf den ersten Slam außerhalb Hessens und darauf endlich mal niemanden zu kennen. Gut von Jay mal abgesehen, den ich seit vier Jahren als Blogger-Kollege kenne und schätze. Und natürlich abgesehen von Carsten Nagels, mit dem ich zum vierten Mal gemeinsam auf der Bühne stehen sollte. Und auch von Ruby Tuesday, die ich zwar eigentlich nicht kannte, doch deren Freund Felix Bartsch mich über sie sogleich grüßen ließ. Ach, letztlich kann man doch nicht wirklich einen Slam besuchen, ohne jemanden zu kennen. Die Slamily ist groß.

Jay Nightwind moderiert mit
geschlossenen Augen
Die Weststadthalle ist eine gekonnte Mischung aus schickem Cafe-/Bar-Ambiente und alternativer Lesebühne. Schade, dass Essen zwar eine Reise wert ist, wenn man nicht gerade auf das Rad angewiesen ist, aber auch mit dem Auto so weit weg. Hier würde man mich ansonsten öfter sehen.
Für 19:00 Uhr war der Beginn angesetzt, die Bestuhlung bis zum letzten Platz besetzt und Jay und sein Co-Moderator eröffneten pünktlich. Die Moderation war locker und witzig. Dem Publikum wurde mittels Pferderennen-Spiel und Übersetzte-Song-Text-Ratespiel eingeheizt, der erste Slammer konnte kommen, und das war ich. In diesem Fall war jedoch der erste Startplatz nicht wie so oft der schwerste, denn die Weststadtstory startete mit dem KO-System. Zwei traten gegeneinander an und der vom Publikum Bestimmte zieht ins Halbfinale ein. Ein gutes System, denn im Grunde waren wir dadurch alle Finalisten und irgendwie ein bisschen Gewinner. Allein durch die Teilnahme waren wir alle schon im Viertel-Finale. Wenn das nicht schön ist, so einen Tag vor Heilig Abend.

Carsten Nagels mit den Elinas
Ich startete diesmal wieder mit meiner Sieben-Minuten-Version von „Auf den Spuren Descartes“. Die Lacher kamen, meine Versprecher nicht. Das Head-to-Head bestritt Ingo aus Paderborn mit mir. Er brachte einen Text über die Situation mit der Nachfolgerin seiner vegetarischen Ex-Freundin und alles drehte sich um Mett. Es erinnerte an den Text von Rainer Holl, doch war kein Plagiat. Es war etwas eigenes und barg noch einiges an Potential. Abgestimmt wurde im Publikum mittels Karten, die für den einen Poeten längsseits und für den anderen Poeten querseits hochgehalten wurden. Ja, Jay, querseits! Die Logik zwingt die Semantik regelrecht in diese Wortschöpfung. Ich war jedenfalls den ganzen Abend durch längsseits. Und im ersten Viertelfinal-Duell konnte ich einige Stimmen mehr auf mich verbuchen. Halbfinale! Das zweite Viertel-Finale fand zwischen Ruby Tuesday und Zerrin Blumenkind statt. Ruby eröffnete passend zur Jahreszeit mit einem Wintergedicht. Anschließend brachte sie einen Text darüber, nicht erreichbar zu sein namens „Unerreichbar“. Zerrin hielt ihre Geschichte dagegen, wie ihre Familie sie aus dem Testament strich: „Eine türkische Hochzeit“. Zerrin, ich mochte die verbale Stringenz deines Onkels Turgay. Das Publikum mochte Turgay auch, doch die Vorstellung von Unerreichbarkeit zog etwas mehr und Ruby daher mit mir ins Halbfinale.
Mann mit Hut
Das dritte Viertel-Finale wurde zwischen den beiden Elinas des Abends ausgetragen: Elina Niggemeier und Elina Raddy. Elina I. startete mit einem Rap auf Kosten der Möchtegern-Hip-Hopper, die zum Glück nicht anwesend waren. Das Publikum hatte überwiegend lange Haare und war echt true. „Man kann zwar Hosen anziehen, die zwei Nummern zu groß sind, aber nicht du, du Spast“ karikierte die in einigen Kreisen definitiv missverstandene Hiphop-Kultur aufs Vortrefflichste, und Elina I. würzte ihre schnellen Rap-Rhymes mit einer wohl dosierten Portion Sarkasmus. Habe ich das wirklich gerade geschrieben? Boah. Nice, Diggi! Elina II. konterte mit einem Text darüber, wie sie ihre Identität am 06.12.2011 verlor, als sie mit Elina I. verwechselt wurde. Das muss natürlich ein hartes Brot gewesen sein, doch Elina II. – nicht zu verwechseln mit Elina I.- servierte es mit einer guten Portion Honig, was ihr den dritten Halbfinalplatz bescherte.
Das letzte Viertel-Finale fand zwischen Carsten und Hank Zerbolesch statt. Carsten brachte seine Aphorismen in gleicher Zusammenstellung wie zuvor in Gießen auf die Bühne und war nicht voll zufrieden mit seiner Leistung. Ich fand es wieder sehr schön. Wer weiß, vielleicht lag es an den vielen Freunden und Verwandten aus Essen, die extra wegen ihm gekommen waren. Da darf man ruhig etwas nervöser als sonst sein. Hank las „Das Warten“ vor, und zu warten, was das Einzige ist, in dem er wirklich schlecht ist, hatte er im Anschluss noch länger, nämlich auf das Halbfinale gegen Elina, das erst nach der Pause und ohnehin erst nach Ruby und mir beginnen würde.

Nach der Pause startete ich mit meinen „Windkrafträdern“ gegen Rubys „Musik im Ohr“ und konnte das Publikum etwas stärker für mich begeistern. Ich zog ins Finale und mit mir Rubys Sound, der nicht nur mir, sondern dem ganzen Publikum zeigte, dass wir noch Herzen haben. An dieser Stelle entschuldige ich mich ausdrücklich für das soeben Geschriebene. Es muss an der Weihnachtsstimmung liegen.
Im zweiten Halb-Finale zeigte Elina II., was sie von Einzelkindern hielt. Ja, sie sind wie die kleinen Alufolien auf den Zahnpasta-Tuben. Du hast Recht. Und ebenso Recht hatte Hank mit seinem lyrisch anspruchsvollen Text „Atmen“, den er frei und sehr emotionsgetragen vortrug. Und auch das Publikum hatte Recht, und zwar selbiges zu entscheiden, wer mit mir im Finale stehen sollte, und es entschied sich für Elina II. Witzige Texte, das ist ein roter Faden meiner bisherigen Erfahrungen, gewinnen zumeist gegen ernsthafte. Das hat nichts mit der Qualität zu tun, denn beide waren sehr schön geschrieben und vorgetragen. Ich glaube, es liegt einfach daran, dass man sich einfach besser fühlt, wenn man zum Lachen gebracht wird. Gleich im Anschluss fochten Ruby und Hank das kleine Finale um die Plätze drei und vier aus. Ruby mit einem Text über Menschen, Abfuhren und Anmachsprüche: „Verschwende deine Zeit, aber bitte nicht mit mir!“ Ein guter Text, der aber sicher noch Entwicklungspotential hatte. Hanks Text hieß: „Ach egal, so’n bischen Zeusch hat noch keinem geschadet“ und war von vorne bis hinten ein Volltreffer. Es war gut pointiert und der Humor traf genau das Zwerchfell des Publikums. Hank errang mit seinem „Zeusch“ den dritten Platz.
Mein neues Golfset .. voll für's Klo
Im Finale trat ich mit „Kindheitserinnerungen“ an und hatte nicht nur jede Menge Lacher während des Vortrags – erstaunlicherweise auch an den gewünschten Stellen –, sondern auch einen frenetischen Applaus am Ende. Elina II. trug zwei Gedichte vor: „Papier“ und „Spiegel“. Da ihr Applaus deutlich verhaltener war, stand ich schon in der Gewissheit auf, gewonnen zu haben, doch als die Kärtchen hochgehalten wurden, stellte ich auf den ersten Blick fest, dass es verdammt knapp würde. Lacher ernten Applaus, sind aber wie bereits geschrieben kein Qualitätsvotum, denn Elinas Gedichte waren wirklich groß. Ich hatte die Flanken vollständig für mich gewonnen, während Elina II. einen merklichen Vorsprung im Mittelbereich der Publikums hatte. Die Auszählung ergab eine Stimmer mehr für mich: Ein knapper Sieg und für Elina II. gewiss keine wirkliche Niederlage. Hätten wir ein Siegertreppchen gehabt, hätte ich gerne und bereitwillig Platz neben mir für sie geschaffen. Später erfuhr ich, dass es ihr erster Slam war. Wow! Klasse. 

Das Siegertreppchen
Der erste Preis war ein Golf-Set für die Toilette, weshalb ich nunmehr neben der Lektüre von Trivialliteratur eine weitere Entschuldigung habe, mich so lange im Bad einzusperren. Und selbstverständlich eine Dose Selbstgebackenes von Tobi "His Dudeness" Lebowskis Oma, unseres eifrigen Bedieners der automatischen Camera obscura. Sehr lecker, die Plätzchen, und ein dritter Grund, weshalb ich mich zumindest am Folgetag ein paar Mal mehr im Bad einsperrte.
Das war wieder ein sehr schöner Slam, der viele erinnernswerte Momente hatte, aber auch grandiose Ergebnisse brachte: Ich werde Michael Meyers CaféSATZ in Gelsenkirchen alsbald in Auge fassen, mich im Februar mit Jay und Hank bei Dropkick Murphies in Düsseldorf treffen und nicht zu vergessen: Weiterhin dafür eintreten, dass der Plural von Barbie Barben heißt, Zerrin. Essen, deine Weststadt ist eine gute. Ich komme wieder: Zum Grandslam im Juni.

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