Donnerstag, 22. Dezember 2011

Wilde Worte, Grand Slam, Schlachthof Wiesbaden (21.12.2011)

Blick in Richtung Bühne
Der vorletzte Slam des Jahres für mich, und ein ganz großer nochzudem: Der Grand Slam 2011 im Wiesbadener Schlachthof. Alle Monatsgewinner und – gewinnerinnen des Jahres auf einem Haufen. Einem Haufen, der keinesfalls riecht. Und wenn, dann nur nach wundervollen Wörtern, rezitablen Worten und überhaupt schon gar nicht schlecht: Der Februar-Gewinner Alex Göbel aus Wiesbaden, der März-Sieger Florian Cieslik aus Köln, Mr. April Hanz aus Stuttgart, Felix „Mai“ Bartsch aus Neuhäusel, ich als Vertreter des ersten Herbstmonats des Kalenders, Indiana Jonas aus Landau, der den Oktober für sich entscheiden konnte, und die November-Triumphatin Alissa Starodub aus Mainz.
Alexander Göbel
Jens Jekewitz moderierte wieder grandios, und daher und des tollen Teilnehmerfeldes wegen ließ ich es mir auch nicht nehmen, im Publikum zu sitzen, während die Vorrunde lief. Zuschauer und Teilnehmer zugleich, das ist toll, insbesondere da man als teilnehmender Zuschauer im Gegensatz zum nicht-teilnehmenden Zuschauern, das liebevoll von Vera und Jens selbst-geschmierte und belegte Halbe-Brötchen-Büffet kostenlos und nicht nur halb, sondern, so man schnell genug ist, sogar ganz plündern kann und selbiges mit nicht minder köstlichen und kostenlosen gekühlten Getränken runterspülen kann. Ich saß und aß und schaute folglich mit einem kühlen Getränk und einer Schrippe in der Hand. 

Florian Cieslik
Den Start machte der Februar und Alex offerierte einen Text über sein siebenjähriges Ich, den er gekonnt mit einem kurzen Kindermärchen einleitete und mit selbigem und alternativem Ende ausleitete. Die vier Stimmtafeln im Publikum ergaben 22 von 30 möglichen Punkten, wobei das Publikum die Punkte eines der Wertungstafeln streichen konnte – entweder die höchste oder die niedrigste. Mit Handzeichen wurde abgestimmt. Alex durfte die niedrigste streichen lassen.
Hanz
Dann kam Florian Cieslik an die Reihe, der selbst ein erfahrener Slammer und Moderator einiger bekannter Slams - wie dem „Reim in Flammen“ in Köln - ist. Er versuchte mit einer fantastischen Performance zu klären, wie schlecht es ihm noch gehen muss, bis sein Freund aufhört zu sagen, alles Schlechte habe auch sein Gutes. Das war ganz groß, so dass ich selbst in der Couch eingeklemmt versuchte, meinen Brustkorb vor lachen zu senken und zu heben. Versuchte. Klappte aber nicht, denn ich saß wirklich sehr eng. Trotz Streichens der höchsten Bewertung nach einem Moderatorenentscheid aufgrund der Unentschiedenheit des Publikums -  ich war entschieden anderer Meinung - erhielt sein Vortrag sehr gute 27 Punkte. Ab Florian wurden alle nur noch eindeutig hochgestuft, weshalb ich es mir fortfolgend erspare, die Streichungen zu erwähnen.
Felix Bartsch
Hanz, der mit gut 400 Auftritten bei Poetry Slams seit dem Jahr 2008 neben Florian wahrscheinlich der erfahrenste Slammer des Abends war, brachte einen Text über seinen Besuch einer Herrensauna in Pforzheim, der, wie er betonte, zu 95% tatsächlich so erlebt wurde. 25 Punkte wurden zu seiner Bewertung, und ich danke ihm für die Erklärung zur „Arthrose-Feige“-Tätowierung.
Felix, der im November Gewinner meines eigenen Slams, dem Cockpit-Slam in Reichelsheim, war, startete mit dem gleichen Text, mit der er auch bei mir schon ins Finale einzog, seinem Text über Trennung. Er erhielt nur 21 Punkte dafür, was ich sehr schade fand, doch nach Florian und Hanz hatten wir Nachfolgenden einen schweren Stand.
Der Dings, na, der Arnold
Das spürte auch ich, der mit einem ganz neuen Text startete, einem Spiel mit den Kindheitserinnerungen, weshalb der Text auch Kindheitserinnerungen heißt. Ich fand ihn sehr gut. Das Publikum bestimmt auch, jedoch die anderen besser: 20 Punkte! Und bei dieser Einschätzung sollte es auch bleiben. Ich war aber nicht lange beleidigt, denn ich hatte ja einen Couchplatz im Publikum und das Publikum nur harte Holzbänke. Außerdem musste ich für Essen und Trinken nichts zahlen und das Publikum wohl. Insofern war es ein fairere Situation: Zwei Brötchen, zwei Bier, eine Kola und keine Schmerzen an den Sitzhöckern gegen zwei Punkte, die ich gerne noch gehabt hätte, doch das Publikum behalten wollte.
Indiana Jonas
Dann kam Indiana Jonas auf die Bühne und referierte darüber, wie er versuchte, cool auszusehen und dabei verkackte, was er keinesfalls verkackte, sondern ganz cool hinbekam. Neben Felix war er der zweite, der seine muskulöse Erscheinung in seinem Bühnenvortrag als Lacher instrumentalisierte. Vielleicht probiere ich das auch mal und karikiere mich als Knirps. Jonas zog mit Hanz gleich und damit gewiss ins Halbfinale, wie spätestens nach meinem Auftritt klar war.
Alissa Starodub
Zuletzt startete Alissa. Sie hatte ein Buch zu schreiben begonnen, wie sie einleitend erklärte, das schon 10 Kapitel schwer war, von denen sie jedoch sieben verlustig geriet, weshalb sie gerne die verbliebenen drei nun vorlesen wolle. Ich fand die Geschichte interessant, doch hatte sie das gleiche Los, das auch ich hatte: Wir erzählten Geschichten, die einfach nicht mit dem Witz der vorangegangenen Vorträge mithalten konnten. Ihrer war noch zudem der einzige Text, der nicht witzig sein wollte, sondern einfach nur eine gute Road-Movie-Thriller-Psychokrimi-Melange mit ein wenig Tiefgang sein und unterhalten wollte. Ich bin davon überzeugt, Alissa hätte mehr Punkte bekommen, wenn sie in der Mitte gestartet wäre. So wurden es 21 Punkte, was ja auch nicht schlecht ist, immerhin entspräche das der Note drei, die auch keiner der Teilnehmer unterschritten und auch nur drei überschritten hatten, doch hatte der Text meiner Meinung nach eine bessere Platzierung verdient. Aber jeder Slam ist anders.

Beherzte Letztplatzierte
Im Halbfinale trugen das erste Head-to-Head Alex und Florian aus. Alex brachte einen Text über Entropie – ja, ich musste nachschlagen – und Florian versuchte der Sprache die letzten Worte zu entlocken. Mit seinem Abgesang auf die Sprachkultur und seinem hoffnungsvollen Ausblick auf eine Welt, wie sie sein könnte, begeisterte Florian das Publikum und hatte deutlich mehr Lacher auf seiner Seite. Das Publikum wollte Florian im Finale und bekam ihn.
Das zweite Halbfinale fand zwischen Hanz und Jonas statt. Hanz beschrieb das Weihnachtsfest, wie es bei ihm werden würde, und Jonas trug aus seiner Reihe „Dinge, die man nicht tun sollte“ vor: „Lehrer sein!“ Auch hier wieder zwei Spitzentexte im Halbfinale, doch das Publikum wollte Hanz ein wenig mehr im Finale als Jonas.
Gewinner mit großem Herzen
Im Finale traten dann Florian und Hanz gegeneinander an. Florian nahm seine Liebeslyrikstellung ein und spielte „Ich sehe was, was du nicht siehst“, und plötzlich passierte der Super-Gau für einen Poeten: Florian vergaß den Text. Auch die traditionellen „Heavy-Metal-Rufe“ brachten ihn nicht zurück auf seine Spur. Doch Florian Cieslik wäre nicht Florian Cieslik, wenn er nicht reagieren könnte. Und er reagierte. Er füllte seine Zeit mit kurzen augenzwinkernden Gedichten zum Thema Liebe und seiner routinierten Zwischenmoderation. Ich fühlte mich ein wenig an Bleu Broodes Auftritt in Gießen erinnert. Bis zuletzt war ich mir nicht sicher, ob den Text vermeintlich vergessen zu haben, nicht nur Teil seines Auftritts war. Ich fand es bemerkenswert. Doch es war keine Finte.
Zweiter Platz und doch den Hut auf
Hanz betrat die Bühne und stellte die coolen Typen seines Kühlschrankinneren vor. Die Du-Darfst-Paprika-Lyoner war mein Liebling, und unser aller Liebling waren die „Alte-Männer-Geräusche“, die sich in jedem seiner Vorträge fanden und seine drei Performances so zu einem großen Ganzen verbanden. Das Publikum mochte Hanz und klatschte ihn verdient ins Finale.
Für jeden Teilnehmer gab es ein Lebkuchenherz – ich bekam eins mit dem Zuckerguss-Schriftzug „Knirps“, was mich in Vorangeschriebenem bestätigte –, die Finalisten bekamen ein besonders großes und noch zudem wahlweise eine Flasche Dornfelder oder Riesling – was einem Teilnehmer entlockte, dass das mit dem verpassten Finale nicht schlimm sei, weil er Wein eh nicht von Essig zu unterscheiden vermöge – und alle durften den wärmenden Applaus des Publikums hinaus in das mürrische Winterwetter nehmen. Diese Mal fuhr ich innerhalb des erlaubten Geschwindigkeitsrahmens nachhause, weshalb es im Gegensatz zu meinem ersten Besuch keine amtlichen Fotos des Abends von mir geben wird. Ich traf wieder viele ganz famose Menschen, führte wunderbare Gespräche backstage und keiner hielt mich beim Schnorren zurück. Ihr seid toll. Die Wilden Worte sind toll. Wiesbaden, ich komme wieder. Mit Tempo 50, aber ganz gewiss.

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