Der Ball war prächtig. Die erlesenen Gäste, allesamt Mitglieder des Pariser Hochadels, umschwärmten einander wie balzende Pfauen. Ein Kostüm auffälliger, aber vor allem kostspieliger als das andere. Das hohe Gewölbe des Ballsaales war ausgefüllt von unzähligen Kerzen, die den Anschein erweckten, man sei unter freiem Sternenhimmel. Und frei zu sein war genau das, was die Maskerade bezweckten sollte. Frei zu sein und alle Hemmungen fallen zu lassen. Jedenfalls für einen.
Mit gierigen Blicken streiften die Augen des Marquis von Dekolletee zu Dekolletee. Durch quälende Korsagen an Üppigkeit kaum zu übertreffende Berge an Weiblichkeit ließen den Gedanken des Marquis keine Rast. Sie drehten sich immerzu um das eine. Dann erblickten sie endlich das ersehnte Ziel. Keine Üppigkeit lud ihn ein, sich an ihr zu laben. Kein pompöses Kostüm zur Zurschaustellung des Standes lenkte seine Aufmerksamkeit auf sich. Ein Lächeln kam über seine Lippen. Kein keusches Lächeln. Ein wissendes, ein erfahrenes Lächeln. Das Lächeln eines Connaisseurs. Mit festem Ziel vor Augen schritt er voran und wurde bereits nach wenigen Schritten von seiner Auserkorenen bemerkt, die nun ebenfalls zu schmunzeln begann.
„Bonsoir, Madame! Ein bezaubernder Abend, finden Sie nicht?“ grüßte der Marquis mit einem gehauchten Kuss auf die schwarz behandschuhte Hand seiner Gesprächspartnerin.
„Bonsoir, Monsieur! Ja, das ist er. Noch nie gab sich De la Croix so viel Mühe mit der Ausrichtung seines Maskenballs, heißt es.“
„Noch nie hatte er so bezaubernde Gäste, Comtesse!“
„Ihr habt mich erkannt? Oh, Marquis. Ihr seid ein Spielverderber!“, sagte die Comtesse nonchalant und schlug spielerisch mit ihrem Fächer aus.
„Wie könnte ich Euch je nicht erkennen, Comtesse? Nie raubte mir jemand so sehr Herz und Atem wie Ihr!“
„Marquis!“, flüsterte sie mit gesenktem Kopf, ohne ihn jedoch aus den Augen zu verlieren. „Schweigt stille! Wenn mein Gatte Eure Worte vernimmt, wird er Euch auf der Stelle töten.“
„Diese Gefahr wäre ich bereit einzugehen. Wer wäre das nicht? Ihr seid atemberaubend. Euer Kostüm lässt keinen Mann mehr seinen Blick von Euch abwenden. Ist Euch das etwa entgangen?“
„Meint Ihr wirklich?“, gab die Comtesse mit gespieltem Erstaunen zurück.
Natürlich wusste sie um die Wirkung Ihren Feenkostüms, das sich mit schwarzem Samt eng um ihren schlanken Körper schlang. Auch ohne dieses Kostüm wäre ihr die Aufmerksamkeit aller männlichen Maskierten gewiss gewesen. Ihre wie Seide auf ihre bleichen, zarten Schultern fallenden dunklen Haare, ihre leuchtenden Augen, aber vor allem ihr schlanker Körper mit seinen kleinen, aber so erregenden Brüsten, ließen sie wie einen Magneten wirken, der jeden Mann, sei es Jüngling oder Greis, erbarmungslos anzog. Wie eine Zauberin zog sie selbst die gottesfürchtigsten Ehegatten in Ihren Bann. Doch musste sie keinen Zauber sprechen. Sie war der Zauber.
Musik spielte auf. Mit einer höflichen Verbeugung hielt der Marquis seine Hand zur Aufforderung und zum Geleit gestreckt und spitzte seine Lippen zu einem verfänglichen Lächeln. Gemeinsam schritten sie an den Rand der Tanzgesellschaft, nahe hohen Glastüren zum Garten, und ließen sich zu den Klängen des Hausorchesters fallen.
Näher als es sich geziemt kamen sich die Wangen der beiden Tanzenden. Sie kamen sich so nahe, dass ein Beobachter das Flimmern der Luft dazwischen hätte sehen können. Doch schenkte niemand beiden Aufmerksamkeit. Der Marquis hatte den Platz mit Bedacht gewählt.
„Ihr seid betörend, Comtesse. Ich schmecke noch das Salz Eurer zarten Haut auf meiner Zunge“, hauchte der Marquis ihr mit heißem Atem ins Ohr „und keine Stimme hallte mir je länger im Ohr als Euer süßes Stöhnen.“
„Ihr lasst mich schwindeln, Marquis. Auch ich habe Euch nicht vergessen können. Euer Körper ging mir nie aus dem Kopf. Selbst als ich mit dem Comte auf Reisen war, blieben meine Träume stets mit Euch verbracht.“
„Was gäbe ich darum, nur einen Tag der Comte zu sein. Euch nur einen Tag wie er nicht teilen zu müssen.“
Der Marquis schob seine Lippen näher zum Ohr der betörenden Fee und ergänzte: „Oder nur eine Nacht, Comtesse?“
Die Musiker spielten den letzten Ton ihres Stückes und verhaltenes Klatschen setzte ein bis das nächste Stück begann.
„Ein wundervolles Stück, De la Croix!“, lobte der Comte, „Ihr habt da wahrhaftig ausgezeichnete Künstler engagiert.“
„Merci bien, Monsieur le Comte. Es ist das beste Orchester, das man haben kann und jeden Sou wert. “
„Da sprecht Ihr wohl, De la Croix. Sagt, hab ihr die Comtesse gesehen. Es wird leider bald Zeit für uns aufzubrechen. Ihr wisst ja, die Geschäfte!“
„Natürlich, Monsieur le Comte. Ich glaube Eure bezaubernde Gattin tanzend nahe der Türen zum Wintergarten gesehen zu haben.“, antwortete der Hausherr und blickte zur erwähnten Stelle, die jedoch leer war. „Oh! Vor wenigen Minuten stand Sie noch dort.“
„Lasst sie bitte suchen, De la Croix. Ich breche mit meinem Lakaien zur Kutsche auf.“, forderte der Comte De la Croix im Geschäftston auf und setzte sich, seinem Diener winkend in Bewegung. „Wartet, De la Croix. Da seid ihr ja!“, warf er fröhlich seiner heraneilenden Gattin entgegen.
„Bon soir, mon cher mari“, hauchte sie schweren Atems.
„Ich bin erfreut, dass Euch der Ball so viel Freude bereitet hat, ma belle Comtesse.“, sang er förmlich und küste seine Gattin zart auf die Wange.
„Das Tanzen ist ihre Leidenschaft!“, zwinkerte er De la Croix zu, verneigte sich höflich und schritt mit seiner eingehakten Comtesse zum großen Portal, das zur wartenden Kutsche führte.
„Ihr amüsiert Euch hoffentlich, Monsieur le Marquis?“, wollte De la Croix höflich wissen, als er den Marquis an eine Säule am Rande des Saales lehnen sah.
„Ihr kennt mich, De la Croix. In meinem Alter ist der Tanz nichts mehr für mich. Ich erfreue mich jedoch an den vielen Menschen, die glücklich das Tanzbein schwingen.“
„Eure Freude ist meine Freude, Monsieur le Marquis.“, vernahm er den lächelnden Gastgeber, der seine Maske wieder aufzog und sofort in den Massen unterging.
„Das will ich nicht annehmen!“, flüsterte der Marquis sich selbst zu und blickte, mit der Hand am Degen, in die Runde. Seiner war aus gutem Grund der einzige in der Festgesellschaft, der nicht aus verziertem Holz gefertigt war. „Man wird mit meinem Lebenswandel nicht alt, wenn man fair kämpft.“, kam es ihm zu Gedanken und ließ ihn schmunzeln. Seine Blicke schweiften umher bis sie erneut zur Rast kamen. „Bonsoir, Madame la Baronesse“ sagte er grinsend zu sich selbst und stieß sich von der Säule ab. Sein Lächeln wurde bereits erwidert.
Donnerstag, 20. März 2008
Mittwoch, 19. März 2008
Lyr-Ich
Ich bin ein Wortedreher, Silbenzähler,
Die-Welt-in-Versen-Seher, Bleistiftquäler.
Ich bin ein Strophenschmieder, Reimefinder,
Gewiefter Satzbaubieger, Zeilenbinder,
Zäsurensetzer, Jongleur mit Senk- und Hebung,
Ein ewiger Gesell der Versmaßlegung.
Ich paare, umarme und kreuze Reime
Lasse sie schweifen bis sie passend scheinen.
Ich bin ein Pent- und Hexametbezwinger,
Ein Epigrammentwerfer, Zeilenspringer,
Assonanzensetzer, Terzinenschaffer,
Freund der Stanzen, Schätzer der Metapher.
Ich wirke die feinsten Konnotationen,
Detonationen mit Denotationen.
Ich bin Meister meiner Allegorien,
Müßiger Kreierer von Elegien,
Der Vorhalter von Syn- und Antithesen,
Auch Gestalter leidlich guter Chevy-Chaesen.
Ich bin ein Metrische-Korsette-Schnürer,
Ein Den-verwaisten-Vers-zur-Freiheit-Führer,
Freund spitzer Feder, weiblicher Kadenzen,
Beheber jeder Metrikdifferenzen,
Endloser Verschieber der Satzesglieder,
Ganz schlicht: Der Schöpfer meiner tausend Lieder.
Die-Welt-in-Versen-Seher, Bleistiftquäler.
Ich bin ein Strophenschmieder, Reimefinder,
Gewiefter Satzbaubieger, Zeilenbinder,
Zäsurensetzer, Jongleur mit Senk- und Hebung,
Ein ewiger Gesell der Versmaßlegung.
Ich paare, umarme und kreuze Reime
Lasse sie schweifen bis sie passend scheinen.
Ich bin ein Pent- und Hexametbezwinger,
Ein Epigrammentwerfer, Zeilenspringer,
Assonanzensetzer, Terzinenschaffer,
Freund der Stanzen, Schätzer der Metapher.
Ich wirke die feinsten Konnotationen,
Detonationen mit Denotationen.
Ich bin Meister meiner Allegorien,
Müßiger Kreierer von Elegien,
Der Vorhalter von Syn- und Antithesen,
Auch Gestalter leidlich guter Chevy-Chaesen.
Ich bin ein Metrische-Korsette-Schnürer,
Ein Den-verwaisten-Vers-zur-Freiheit-Führer,
Freund spitzer Feder, weiblicher Kadenzen,
Beheber jeder Metrikdifferenzen,
Endloser Verschieber der Satzesglieder,
Ganz schlicht: Der Schöpfer meiner tausend Lieder.
Dienstag, 18. März 2008
Traumesmaid
Ich weiß nicht, wie sie wahrhaft aussieht,
Doch schon hundertmal im Traum gesehn,
Hab ich, wie sie keusch an mir vorbeizieht.
Sie zu küssen, war mir noch nie geschehn,
Doch wurde ich schon oft vom Schlaf geweckt,
Wenn ihre Lippen Liebe mir gestehn.
Wie mag es sein, wenn wahren Leibs sich reckt,
meine Maid, könnt ich denn wohl verführen
Sie zur Lust? Oder hielt sie sich bedeckt?
Gerne würd ich ihren Liebreiz spüren,
Ließe lustvoll meine Träume enden,
und mich diesseits ihrer Liebe küren.
So entflieh doch, Maid, aus Morpheus Händen!
Doch schon hundertmal im Traum gesehn,
Hab ich, wie sie keusch an mir vorbeizieht.
Sie zu küssen, war mir noch nie geschehn,
Doch wurde ich schon oft vom Schlaf geweckt,
Wenn ihre Lippen Liebe mir gestehn.
Wie mag es sein, wenn wahren Leibs sich reckt,
meine Maid, könnt ich denn wohl verführen
Sie zur Lust? Oder hielt sie sich bedeckt?
Gerne würd ich ihren Liebreiz spüren,
Ließe lustvoll meine Träume enden,
und mich diesseits ihrer Liebe küren.
So entflieh doch, Maid, aus Morpheus Händen!
Montag, 17. März 2008
Wehklage der Verlassenen
Du erwiderst nichts? Stille schweigst?
Belüg mich doch! Hauch mir ins Ohr,
Dass Du mich liebst! Mach mir was vor,
Bevor Du Deinen Kopf wegneigst,
Wenn ich Dir sag, dass ich Dich liebe,
Denn selbst wenn dieses nur mir bliebe,
Wär ich voll Glück und frei von Klage.
Belüg mich doch! Hauch mir ins Ohr,
Dass Du mich liebst! Mach mir was vor,
Bevor Du Deinen Kopf wegneigst,
Wenn ich Dir sag, dass ich Dich liebe,
Denn selbst wenn dieses nur mir bliebe,
Wär ich voll Glück und frei von Klage.
Wie ein Vogel beim Drahtseilakt
Wie ein Vogel beim Drahtseilakt,
Ein Trunkner im Mitternachtstakt,
Wollt ich frei sein auf meine Art.
Gleich einem Köder beim Jagen,
Einem Ritter aus alten Tagen,
Blieb auch Dir nur wenig erspart.
War ich zu Dir je unhöflich,
So hoff ich, Du bliebst unberührt.
Falls ich Dir jemals treulos wich,
Wisse, nie hatt es Dir gebührt.
Gleich einem Kinde, totgeborn,
Gleich dem Bieste mit seinem Horn
Hielt ich fern, die mich erreichen.
Doch ich schwöre bei diesem Lied,
Auf alles, dass mir schief geriet,
Ich will es Dir ausgleichen.
Ich sah die Bettler auf Krücken,
Die rieten: „Verlang nicht zuviel!“
Die Damen voller Entzücken,
klagend, es gäb niemals zuviel.
Doch wie der Vögel Drahtseilakt,
Trunkene im Mitternachtstakt,
Wollt ich frei sein auf meine Art.
Ein Trunkner im Mitternachtstakt,
Wollt ich frei sein auf meine Art.
Gleich einem Köder beim Jagen,
Einem Ritter aus alten Tagen,
Blieb auch Dir nur wenig erspart.
War ich zu Dir je unhöflich,
So hoff ich, Du bliebst unberührt.
Falls ich Dir jemals treulos wich,
Wisse, nie hatt es Dir gebührt.
Gleich einem Kinde, totgeborn,
Gleich dem Bieste mit seinem Horn
Hielt ich fern, die mich erreichen.
Doch ich schwöre bei diesem Lied,
Auf alles, dass mir schief geriet,
Ich will es Dir ausgleichen.
Ich sah die Bettler auf Krücken,
Die rieten: „Verlang nicht zuviel!“
Die Damen voller Entzücken,
klagend, es gäb niemals zuviel.
Doch wie der Vögel Drahtseilakt,
Trunkene im Mitternachtstakt,
Wollt ich frei sein auf meine Art.
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