Donnerstag, 11. Januar 2018

Knapp vorneben ist auch dabei

Müll einsparen zu wollen, ist so eine Sache. In manchen Bereichen ist es so alltäglich, welchen zu produzieren, dass man dem nur mit unmenschlicher Schnelligkeit entgehen kann. Wenn ich zum Beispiel im türkischen Imbiss bestelle und denke ich tue etwas Gutes, indem ich mich reinsetze und mir den Döner auf einem Teller servieren lasse, dann bekomme ich ihn dennoch in der Papiertüte. Warum? Ich werde „Bisschen scharf?“ gefragt. Weshalb werde ich nicht auch „Bisschen unverpackt?“ gefragt? Im Übrigen spricht mein Imbissbudenbesitzer akzentfrei Deutsch. Besser als mancher seiner Kunden, die wiederum grundsätzlich mit „Bisschen Scharf!“ bestellen, statt mit „Würden Sie dem Döner bitte etwas Schärfe geben!“ Ich spreche Mehmet darauf an. „Ach, sie wissen`s halt nicht besser!“, antwortet er. „Wir sind halt auf dem Land!“
„Und das Papier um den Döner?“ „Ach!“, sagt er. Eine Schweigesekunde folgt. „Bisschen scharf?“, fragt er dann, würzt mein Falafelsandwich und fährt fort, den Dönerbräter zu reinigen, als hätte ich die Frage nie gestellt.
Dasselbe Phänomen habe ich in der Bäckerei erlebt. Ich gehe mit meinem Thermobecher rein und bestelle einen Kaffee zum Mitnehmen. Die Verkäuferin nickt, macht einen Pappbecher voll, schüttet den Inhalt in meinen mitgebrachten und wirft den Einwegbecher in den Müll. Als sie mir den Thermobecher zurück gibt, schließt sich meine Hand, während sich mein Mund simultan öffnet. Ich schaue sie mit großen Augen an. Meine Kiefer öffnen und schließen sich, aber mein Gehirn schafft es nicht, die passenden Worte zu formen.
„Geht es Ihnen gut?“, fragt sie. Ich ziehe den Becher an meine Brust, und die leichte Wärme, die von ihm ausgeht, beruhigt mich etwas. „Bisschen Süß?“ fragt sie. Mehmet kommt rein, sagt „Siehste!“ und klopft mir aufmunternd auf die Schulter.
Ich setze mich resigniert hin, Mehmet neben mich und wir trinken zusammen Kaffee - ich aus meinem Thermobecher, er aus einem Einwegbecher. Ich schaue auf den vermeidbaren Müll, dann schaue ich auf ihn. „Warum setzt du dich mit einem Pappbecher rein, statt einen der Porzellanbecher zu nehmen, die sie hier auch haben?“, will ich wissen. „Erstens trinke ich nur die Hälfte hier!“, sagt er. „Die zweite Hälfte trinke ich auf dem Weg zurück zum Dönerladen, denn solange ist meine Pause nicht, und zweitens ist das ohnehin Quatsch!“, sagt er. „Quatsch?“, frage ich. „Na ja“, sagt er. „Denk mal daran, dass jeder einzelne Becher gespült werden muss. Dafür wird Energie aufgewandt. Wenn der Becher im Müll landet, kommt er in die Verbrennungsanlage. Aus ihm entsteht Energie. Was ist also ökologischer?“
Erneut passiert mir diese Sache mit dem Unterkiefer. Ich möchte antworten. Irgendwo ist ein logischer Fehler, doch ich bin zu überrascht, um ihn zu finden. Mehmet nimmt seinen halb vollen Becher und verabschiedet sich in Richtung seines Dönerladens. Ich denke noch kurz nach und erinnere mich an eine niederländische Studie. Sie kam zum Ergebnis, dass der Pappbecher dem Keramikbecher tatsächlich ökologisch überlegen sein kann. Jedenfalls dann, wenn man die Produktionskosten beider mit in die Bewertung miteinbezieht. Der Keramikbecher, so die Studie, ist nur dann für die Umwelt von Vorteil, wenn er ein paar Jahre genutzt wird und nur nach jedem fünften Gebrauch in die Spülmaschine kommt. Zum Glück besitze ich meinen Thermobecher schon die erforderliche Zeit. Und die Sache mit dem Umschütten vom Pappbecher hier bekomme ich auch noch hin. „Bisschen Müll!“, lege ich mir schon mal als Antwort zurecht.

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