Dienstag, 3. Juli 2018

Das veganistische Manifest

Karl Marx sah die gesellschaftlichen Systeme als einander ablösend an. Dem Kapitalismus, war er sich sicher, müsse der Kommunismus folgen. Er erkannte ihn als ausbeuterische Wurzel vieler negativer gesellschaftlicher Phänomene. Mit dem Veganismus ist das ähnlich. Die weltweite Tierhaltung in Massen trägt zu klimatischen Veränderungen durch Klimagasausstöße bei. Ähnliches bewirkt die Abholzung von Regenwäldern zur Gewinnung von Tierfutteranbauflächen. Gerade die Intensivtierhaltung ist immer wieder Quelle für Schlagzeilen, bei denen Tierfreunde regelmäßig, häufig leider nur bis zum nächsten Sonderangebot, dem Fleisch abschwören. Sie fördert die Entstehung multiresistenter Keime durch präventive und leichtfertige Verwendung von Antibiotika, und von der Nitratbelastung unserer Grundwässer, für die uns die EU erst kürzlich abgestraft hat, will ich gar nicht erst sprechen. Auch der immense Fleischkonsum ist offenbar eine solche Wurzel.

Marx hatte unrecht. Der Kommunismus hat den Kapitalismus nicht abgelöst. Er expandiert weiter. Und wird es vermutlich, bis die Ressourcen, die sein Fundament darstellen, erschöpft sind. Wird sein veganistisches Pendant Recht behalten? Was passiert, wenn jener, nennen wir ihn Karl Varx, dieselbe Ansicht verfolgt? 

Wir haben eine Parallelentwicklung: In den meisten Supermärkten gibt es als vegan ausgezeichnete Produkte, selbst in kleinstädtischen Restaurants wird man nicht mehr fragend angeschaut, bestellt man sich etwas ohne tierische Produkte, und oftmals gibt es sogar extra ausgewiesene Gerichte. Kleine vegane Kommunen, quasi. Der überzeugte Varxist würde jedoch vermutlich gar nicht in einen Supermarkt gehen und ihn schon alleine deshalb boykottieren, weil er sich noch immer am Tierleid bereichert.

Doch ist es angemessen, einen moralischen Strick für neunzig Prozent unserer bundesdeutschen Bevölkerung zu knoten. Darf ich es mir anmaßen, über die Ernährung anderer zu urteilen? Ich selbst habe mich erst vor wenigen Jahren zu dem Schritt entschlossen. Wie kann ich es mir da erlauben, andere dafür zu kritisieren, dass sie den langen Weg, den ich bis dahin ging, noch nicht entdeckt haben oder ihn zumindest noch nicht bis ans Ende gegangen sind? Das ist ein wenig wie seinen Ferrari vortags gegen ein Fahrrad zu tauschen und heute einen Porschefahrer dafür anzupöbeln, eine solche Spritschleuder zu fahren. Ist Veganismus die Ernährungsform der Zukunft, die den Tierkonsum ablöst? Vielleicht! Aber den Massenkonsum abzulösen, wäre ein gutes Zwischenziel, das eine Parallelexistenz nicht einmal ausschlösse. Die Parallele zum expansive Kapitalismus aus Marx‘ Augen wäre dann zumindest genommen.

„Fleisch ist Mord“, ist der falsche Slogan, wenn man Verständnis wecken will, wenn man nicht spalten, sondern vereinen will. „Fleischkonsum hat Konsequenzen“, wäre da ein guter Weg, Aufklärungsarbeit zu leisten.
Kürzlich war der erste weltweite, vierundzwanzig Stunden dauernde „Cube Of Truth“. Über eintausend Aktivisten aus mehr als vierzig Ländern kamen am Berliner Alexanderplatz zusammen, stellten sich im Viereck mit Aufklärungsvideos auf Laptops zusammen – daher der Name Cube – und tauschten sich mit Passanten über die Folgen des Fleischkonsums für Mensch, Tier und Natur aus, ohne anzuklagen und mit dem Ziel, einen positiven Dialog zu realisieren. Über dreieinhalbtausend Gespräche führten sie am Ende. Wer weiß, in was für einer Welt wir heute lebten, wenn es diese Dialogidee im Jahr 1848 schon gegeben hätte? Oder Marx kein Fleisch gegessen hätte?

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