Donnerstag, 19. April 2018

30-Tage-Challenge: Loslassen-Ausmisten-Reduzieren (#19)

Heute wird nur eine Kleinigkeit aussortiert: Mein Seesack. 

Als ich vielleicht zwölf Jahre alt war und immer wieder GIs der nahe gelegenen Ray-Barracks aus Friedberg in dem Dorf, in dem ich aufgewachsenen war, mit ihren Panzern zum Biwak Halt machten, war es rasch Mode unter uns Kindern geworden, Militaria zu sammeln. Wir gingen Sonntagmorgens zum Bäcker (oder überredeten unsere Väter dazu) und besuchten anschließend die Soldaten, um sie mit Brötchen anstelle der fürchterlichen, plastikverpackten Feldrationen zu versorgen, und wir wussten genau, wie widerlich sie waren, denn sie waren, aus heute unerklärlichen Gründen, das Ziel unserer Brötchendienste. Wir tauschten gegen die Feldrationen. In olivfarbener, fast schwarzer Plastikschale mit ebenso dunklem Deckel befanden sich darin Dinge, die ca. 100 Jahre haltbar waren und nach allem schmeckten, nur nicht nach dem, was in englisch, das wir freilich zu diesem Zeitpunkt ohnehin nicht zu übersetzen vermochten, darauf geschrieben sein mochte. Mancher bekam zusätzlich ein Ärmelabzeichen geschenkt, ein anderer einen goldfarbenen Anstecker mit dem Dienstgrad des glücklichen Brötchenverzehrers, und ich entsinne mich, tatsächlich eine Mütze aus Dankbarkeit übereignet bekommen zu haben, für die mein german rolls kauender amerikanischer Gönner vermutlich eine Verlustmeldung schreiben und vor seinem Sergeant zehn Liegestütz machen musste, welcher derweil selbst ein dörfliches Brötchen aß.

Das war auch die Zeit, in der clevere Geschäftsleute erkannten, dass dort, wo Geld für Brötchen da war, auch Geld für andere Militaria als Feldrationen da sein musste. Nachdem die sich im Kriegsspiel Übenden abgezogen waren, kam stets alsbald ein umgebauter Reisebus und parkte in der Hauptstraße. Vorher wurde er mit Wurfzetteln in jedem Briefkasten angekündigt. Der angekündigten Zeit fieberten wir entgegen, denn nichts anderes führte der Bus an Waren, als ausgediente Militärkleidung der Bundeswehr. Man musste nicht einmal früh aufstehen, um die noch früher aufstehenden GIs nicht zu verpassen. Man konnte bequem waren, bis er Samstagmittags an der Hauptstraße parkte. Bei einem dieser Besuche war mir der Seesack in die Hände gefallen. Tatsächlich erinnere ich mich nur an eine einzige Gelegenheit, zu der ich ihn genutzt hatte. Das war wohl auf einer Reise, als ich vierzehn Jahre alt war. Ich erinnere mich noch gut an diese Reise, denn ich hatte jeden Tag ein anderes meiner zerknitterten Kleidungsstücke an. Wenn man keine bügelfreie Kleidung hat, erschien mir bereits damals ein solches Gepäckstück recht unpraktisch zu sein. Immerhin hatte ich ihn noch einmal genutzt, als ich bei einem Umzug keine Kiste mehr frei hatte.

Manche Dinge werden von Erinnerungen - beispielsweise an eine Kindheit - aufbewahrt. Doch die Erinnerung stecken nicht im Seesack - ich habe nachgeschaut. Die Erlebnisse und Gefühle, auch die Menschen, die mich dabei begleiteten, wie meine Oma, die oft mit mir im Bundeswehrbus stand (und auch bezahlte) oder mein Vater, der mit mir Tauschbrötchen holte (und bezahlte) und mich zum Biwak-Platz fuhr oder unser Mischlingshund, der mich bedauernd anschaute, während ich die Feldrationen aß (für die ich dann mit Magenproblemen bezahlte), sie sind alle in meinem Kopf. Es reicht ein Foto, um all diese Erinnerungen hochzuholen, so wie es auch das nachfolgende Foto war, das mich diesen Text schreiben ließ. Der Seesack war nicht einmal in meiner Nähe, um mich zu erinnern. 
Gute Reise, unpraktisches Gepäckstück.


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