Dienstag, 9. Oktober 2018

Hundemastautos - Wir sind 24 h und eine Mahlzeit von der Barbarei entfernt



Der leider viel zu früh verstorbene Terry Pratchett hat geschrieben, die Menschheit sei nur 24 Stunden und eine Mahlzeit von der Barbarei entfernt. Stimmt das? Jüngst wies das Oberlandesgericht Stuttgart die Revision eines Tierschützers zurück, der sich zur Videodokumentation unhaltbarer Zustände unberechtigt Zutritt zu einer Mastanlage verschaffen hatte. Er muss sich nun wegen Hausfriedensbruch verantworten. Dass die Nothilfe, auf die er sich stützte, nicht auf Tiere in Massentierhaltung anzuwenden sei, ist bereits eine fragwürdige Entscheidung, da sie nicht zeitgemäßt ist. Wer die Scheibe eines Autos im Sommer einschlägt, um einen Hund vor dem Hitzetot zu retten, wird nicht wegen Sachbeschädigung belangt. Regelmäßig urteilen die Gerichte auf rechtfertigenden Notstand, um eine fahrlässige Tierquälerei zu unterbrechen, wie es bereits 1995 vom Bayerischen Oberlandesgericht festgestellt wurde. Eine Massentierhaltung, bei der der später Verurteilte qualvoll verendete Tiere dokumentierte, begründet offenbar keine fahrlässige Tierquälerei. 

Wem das nicht schon barbarisch genug ist, der sollte sich die Argumentation gegen den rechtfertigenden Notstand auf den Geschmacksknospen der Zunge zergehen lassen. Nach Ansicht des Heilbronner Landgerichts, gegen dessen Urteil der Tierrechtsaktivist Revision eingelegt hatte, liege schon deshalb kein rechtswidriger Angriff auf die Tiere vor, da es „allgemein anerkannt [sei], dass die Mast in Massentierhaltungen nicht artgerecht erfolgen kann“ und dass Tieren dabei „auch Schmerzen und Unwohlsein zugefügt“ werde. Massentierhaltung sei „sozial adäquat“, denn es sei „von der Mehrheit gesellschaftlich erwünscht, dass große Mengen an Fleisch günstig angeboten werden“. Das Tierschutzgesetz erlaubt unter anderem, Tieren Schmerzen, Leiden oder Schäden zuzufügen, wenn ein „vernünftiger Grund“ vorliegt. Der Wunsch nach günstigem Fleisch sei ein solcher. Für mich schmeckt das bereits stark nach Barbarei. Wir sind keine 24 Stunden mehr entfernt. 

Wenn wir es als vernünftig ansehen, dass Geld Schmerzen, Leiden und Schäden verursacht, dann sind wir mitten drinnen. Und jene Malzeit, von der Pratchett spricht, besteht offenbar aus günstigstem Fleisch, dessen ehemalige Eigner wir bereitwillig opfern. Die tatsächlichen Kosten tragen die Tiere, nicht wir. Knapp 60 Kilo Fleisch essen wir im Durchschnitt jährlich. Das sind eine Menge Tiere, die da in einem Menschenleben leiden dürfen, damit nur nicht der Geldbeutel leidet. In einer im Juni veröffentlichten repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Emnid begrüßten 82,5 Prozent der Befragten solche Geheimaufnahmen. Muss das nicht auch berücksichtigt werden, wenn der vermeintliche Volkswille, günstiges Fleisch kaufen zu wollen, in das Urteil einbezogen wird? Immerhin 27 Prozent der Deutschen würde mehr Fleisch und Wurst essen, die aus artgerechter Haltung stammen, lautet das Ergebnis einer Umfrage des Marktforschungsunternehmen You-Gov aus dem letzten Jahr. Dennoch liegt der Anteil an Bio-Fleisch, das immerhin im Vergleich zur billigen Massentierhaltung ein Schritt nach vorne wäre, bei unter zwei Prozent Marktanteil. Finde den Fehler! 

Möglicherweise müssen wir beginnen, Hundefleisch zu verzehren, damit sich etwas ändert, oder einfach nur riesige Autos bauen, in denen zehntausend Tiere Platz haben, damit wir straffrei Autoscheiben einschlagen und Tiere retten dürfen. Aber immer schön im Geheimen dokumentieren – nicht, dass wir Wunsch und Willen der Mehrheit widersprechen.

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